Eingriffe in das Gehirn sind ethisch sensibel. Die Neuroethik, eine Subdisziplin der Bioethik, befasst sich mit den Entwicklungen in Medizin und Neurowissenschaften. Neurotechnologien, die eine direkte Verbindung zwischen technischen Komponenten und dem Gehirn herstellen, rücken immer mehr in den klinischen Alltag vor. Diese Technologien werfen ethische Fragen auf, die eng mit Konzepten wie Bewusstsein, Persönlichkeit, Identität und Verantwortung verbunden sind.
Neurotechnologien: Eine Übersicht
Neurotechnologien umfassen die direkte Verbindung und "Verschaltung" technischer Komponenten mit dem Gehirn. Diese Komponenten können Elektroden, Kabel, Computer oder Prothesen sein. Sie dienen dazu, Informationen aus dem Gehirn zu verarbeiten oder auf das Gehirn einzuwirken, beispielsweise durch elektrische Stimulation bestimmter Areale.
Es gibt zwei Haupttypen von Elektroden:
- Auslesende Elektroden: Diese Elektroden erfassen Signale aus dem Gehirn und übersetzen sie in Maschinensprache. Sie können auf der Kopfoberfläche platziert werden oder direkt im Gehirn implantiert werden. Ein Beispiel für die Anwendung von auslesenden Elektroden ist die Unterstützung von Patienten mit Amyotropher Lateralsklerose (ALS), die aufgrund der fortschreitenden Lähmung nicht mehr in der Lage sind, auf herkömmliche Weise zu kommunizieren. Mithilfe von Elektroden können sie ihre Gehirnaktivität nutzen, um binäre Entscheidungsbäume am Computer zu bedienen und so Sätze zu bilden.
- Stimulierende Elektroden: Diese Elektroden werden in das Gehirn implantiert, um bestimmte Areale mit Stromstößen anzuregen. Ein Beispiel hierfür ist die Tiefe Hirnstimulation (THS).
Tiefe Hirnstimulation (THS): Eine detaillierte Betrachtung
Bei der THS werden Elektroden in einer neurochirurgischen Operation in tiefe Hirnregionen implantiert. Durch gezielte Stimulation dieser Areale können Krankheitssymptome unterdrückt und die Lebensqualität von Patienten verbessert werden. Die THS wird häufig bei Patienten mit Parkinson-Krankheit eingesetzt, um Symptome wie Zittern und Versteifung zu reduzieren.
Die THS kann die Parkinson-Krankheit zwar nicht heilen, aber sie kann die Symptome deutlich lindern und die praktischen Fähigkeiten der Patienten verbessern.
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Ethische Herausforderungen der THS
Die THS wirft eine Reihe ethischer Fragen auf, die sich insbesondere auf die Bereiche Persönlichkeit und Identität beziehen.
- Persönlichkeitsveränderungen: Die THS kann zu Persönlichkeitsveränderungen führen, die von subtil bis gravierend reichen können. Einige Patienten berichten von Depressionen, während andere Euphoriezustände erleben. Die Persönlichkeitsveränderungen können auch die Angehörigen der Patienten betreffen. In einer Studie gaben 50 % der Angehörigen an, dass sich die Persönlichkeit des Patienten nach dem Eingriff verändert habe. Ärzte müssen Patienten und Angehörige vor der Operation besser über mögliche Persönlichkeitsveränderungen aufklären und ihnen nach der Operation Unterstützung anbieten.
- Personale Identität: Unter dem Begriff "personale Identität" wird diskutiert, unter welchen Umständen eine Person über die Zeit des Lebens hinweg dieselbe ist. Auch recht starke Persönlichkeitsveränderungen verletzen die personale Identität nicht. Menschen erfahren sich über die Erzählung ihrer Lebensgeschichte als dieselben und können auch große Brüche, die eine Krankheit oder eine Therapie wie die THS hervorrufen kann, als Teil der eigenen Geschichte begreifen.
- Autonomie und Selbstbestimmung: Die THS kann die Autonomie und Selbstbestimmung von Patienten beeinträchtigen. Es stellt sich die Frage, welcher Zustand der Person maßgeblich ist, wenn entschieden werden muss, ob ein Patient psychiatrisiert werden muss. Auch die Rolle der Angehörigen und des Gesundheitssystems spielen hier eine Rolle: Wie viel "Entfremdung" müssen die Angehörigen akzeptieren?
- Verantwortung: Die Entwicklung intelligenter Neuroprothesen, die die Gehirnaktivität immer eigenständiger interpretieren und umsetzen, wirft Fragen nach der Verantwortlichkeit auf. Wenn die Intention von Nutzern auf die Maschine übertragen wird, kann sich unser Begriff von "Verantwortung" ändern.
Ethische Bewertung der THS
Ethisch sind die durch Neurotechnologien möglichen Eingriffe in das Gehirn derzeit gerechtfertigt, weil damit Patientinnen und Patienten mit sehr schweren Krankheiten geholfen werden kann. Berücksichtigt werden müssen in der ethischen Einschätzung aber auch die mit den Neurotechnologien verbundene Technisierung des Selbst und die Auswirkungen auf Alltag und Lebenswelt der Menschen.
Die ethische Bewertung der THS erfordert die Integration verschiedener Perspektiven. Neben der psychologischen Messung und Beschreibung von Persönlichkeitsveränderungen sind auch neue Beschreibungskategorien erforderlich, um die spezifische Technisierung zu erfassen, die den Alltag der Patientinnen und Patienten prägt.
Neuroprothesen und die Zukunft der Mensch-Maschine-Interaktion
Die Entwicklung von Neuroprothesen, die die Bewegungsabsichten von Patienten ergänzen und ausführen können, stellt eine neue Dimension der Technisierung dar. Die Forschung konzentriert sich zunehmend auf die Ermittlung der "Intentionen" von Personen, damit die Neuroprothese "weiß", ob der Patient sich kratzen will oder welchen von zwei Bechern er greifen will.
Diese Entwicklungen können unseren Begriff von "Verantwortung" verändern, wenn die Intention von Nutzern auf die Maschine übertragen wird. Die computergestützte Übersetzung und technische Umsetzung transformieren die Identität des Nutzers, er ist Mensch und Maschine zugleich.
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Die Angst vor dem Cyborg: Eine Dystopie?
Die Neuroprothetik wird in der Presse bereits als der Beginn der "Ära der Maschinenmenschen" bezeichnet. Es stellt sich die Frage, ob wir uns auf dem Weg zu einer gefährlichen Transformation des Menschen in ein entseeltes Mensch-Maschine-Wesen, in einen Cyborg befinden.
Cyborgs sind optimierte Mensch-Maschine-Wesen, die das menschliche Sein überschreiten und Fähigkeiten und Stärken haben, die Menschen normalerweise nicht haben. Eine Dystopie neurotechnologisch gesteuerter Maschinenmenschen mag irgendwann eintreffen. Das kann die Medizinethik nicht verhindern.
Die Bedeutung der Neurophilosophie und Neuroethik
Die enormen Verheißungen der Neurowissenschaften führen nicht immer zu den gewünschten Resultaten. Insbesondere wurden Hoffnungen, das Verständnis der menschlichen Psyche durch Erkenntnisse zur Funktionsweise des Gehirns zu revolutionieren, bislang regelmäßig enttäuscht.
Als kritische Instanz hat sich parallel zum Boom der Neurowissenschaften die Neurophilosophie als eigenständige Subdisziplin der Philosophie etabliert. Eine gängige neurophilosophische Argumentationslinie ist etwa, bestimmte Annahmen zum Zusammenhang von menschlichem Gehirn und menschlicher Psyche als vereinfacht bzw. reduktionistisch zurückzuweisen.
Neben der Neurophilosophie hat sich auch die Neuroethik etabliert. In dieser Sparte der angewandten Ethik werden neben ethisch relevanten neurowissenschaftlichen Konzepten auch durch die Hirnforschung eröffnete Interventionsmöglichkeiten diskutiert.
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