Ein gereizter Hirnnerv kann eine Vielzahl von Beschwerden verursachen, die von leichten Missempfindungen bis hin zu starken Schmerzen und Funktionsausfällen reichen. Die 12 Hirnnerven entspringen direkt dem Gehirn und versorgen die Muskulatur des Kopf-, Gesichts-, Hals- und Rachenbereichs. Sie empfangen auch die Signale unserer wichtigsten Sinnesorgane: Augen, Nase, Ohren und Mund. Da die Symptome von Hirnnerven-Erkrankungen leicht mit Symptomen verwechselt werden können, die aufgrund von Gehirnerkrankungen bzw. von Erkrankungen der Sinnesorgane auftreten, ist eine gründliche Untersuchung sehr wichtig.
Ursachen eines gereizten Hirnnervs
Die Ursachen für Störungen der Hirnnerven können vielfältig sein:
- Neurovaskuläre Kompressionssyndrome (NVC): Hierbei werden die Hirnnerven durch pathologische Gefäß-Nerven-Kontakte nahe am Hirnstamm im Bereich der Wurzelaustrittszone des betroffenen Hirnnerven gereizt. An dieser Stelle geht die zentrale in die periphere Myelinumhüllung der Nervenfasern über, so dass hier durch die Gefäßpulsationen Schäden in der Hülle und damit Kurzschlußreaktionen im Nerv entstehen können.
- Durchblutungsstörungen: Eine unzureichende Blutversorgung kann die Funktion der Hirnnerven beeinträchtigen.
- Infektionen: Viren (z.B. Gürtelrose, Masern, Mumps, Herpes-simplex-Virus) oder Bakterien (z.B. Borreliose) können Entzündungen der Hirnnerven verursachen. Bei einer Gehirnentzündung (Enzephalitis) erfolgt die Behandlung mit der entsprechenden Medikation. Gegen bakterielle Infektionen verschreiben Mediziner oftmals Antibiotika. Bei einem Virenbefall ist dieses Medikament jedoch wirkungslos, hier kommen antivirale Arzneien (Virostatika) zum Einsatz.
- Verletzungen: Schädel-Hirnverletzungen, Unfälle oder Operationen können die Hirnnerven schädigen.
- Autoimmun-Erkrankungen: Multiple Sklerose (MS) kann die Myelinscheiden der Nerven angreifen und zu Entzündungen führen.
- Metabolische Störungen: Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes können Nervenschäden verursachen.
- Tumore: Tumore im Bereich des Kleinhirnbrückenwinkels oder entlang der Hirnnerven können diese komprimieren und ihre Funktion beeinträchtigen.
- Mechanischer Druck: Mechanischer Druck auf den Nerv, wodurch sich dieser entzündet. Dies geschieht vor allem bei einem Bandscheibenvorfall, Tumoren oder dem Karpaltunnelsyndrom.
- Alkohol: Alkohol und dessen Abbauprodukte sind Gift für die Nervenzellen. Sie stören die Neurotransmitter. Dabei handelt es sich um Substanzen, die Reize von einer Nervenzelle zur nächsten weitergeben. Unter Alkohol kommt es zu einer falschen oder verfälschten Informationsübertragung. Wenn zudem ein chronischer Alkoholeinfluss auf die Schleimhaut des Magen-Darm-Traktes besteht, wird diese geschädigt und der Körper kann etwa Vitamine nur eingeschränkt aufnehmen.
- Idiopathisch: Oft wird keine Ursache für die Nervenreizung gefunden.
Symptome eines gereizten Hirnnervs
Die Symptome hängen davon ab, welcher Hirnnerv betroffen ist:
- Nervus olfactorius (I): Störungen des Riechsinnes (Anosmie, Hyposmie). Schädel-Hirnverletzungen, Viren und neurodegenerative Erkrankungen sind die Hauptursachen für Störungen des Riechsinnes.
- Nervus opticus (II): Störungen der Sehschärfe, der Farbwahrnehmung oder Ausfälle im Gesichtsfeld. Störungen der Sehschärfe, der Farbwahrnehmung oder auch Ausfälle in der visuellen Wahrnehmung (Gesichtsfeld) müssen nicht am Auge selbst liegen sondern können neurologische Ursachen haben.
- Nervus oculomotorius (III), Nervus trochlearis (IV), Nervus abducens (VI): Diese drei Hirnnerven steuern die Augenmuskeln. Störungen im Bereich dieser Hirnnerven führen zu Fehstellungen der Augen mit Schielen und Doppelbildern.
- Nervus trigeminus (V): Schmerzen oder Missempfindungen im Gesicht, Trigeminusneuralgie (heftige, blitzartige Schmerzen im Gesicht). Die Symptome der klassischen Trigeminusneuralgie entstehen wahrscheinlich durch elektrische Ladungsübersprünge zwischen dem Blutgefäß, welches eng am Nervus trigeminus (fünfte Hirnnerv) anliegt, und dem Nerv selbst. Nicht immer sind es ausschließlich blitzartig einschießende, sekundenlang anhaltende Schmerzen, die dadurch ausgelöst werden.
- Nervus facialis (VII): Erschlaffung der Gesichtsmuskulatur einer Seite, Geschmacksstörungen. Störungen des Nervus facialis führen meist zu einer Erschlaffung der Gesichtsmuskulatur einer Seite. Neben dem kosmetischen Aspekt ist es besonders problematisch, wenn das Auge nicht komplett geschlossen werden kann. Es muss dann vor Austrocknung geschützt werden.
- Nervus vestibulocochlearis (VIII): Hör- und Gleichgewichtsstörungen, Schwindel. Störungen in diesem Bereich führen zu Hör- und Gleichgewichtsstörungen. Das Gefühl eines stabilen Gleichgewichts wiederum hängt entscheidend - aber nicht nur - von der Bewegungswahrnehmung im Innenohr ab. Auch ein Abgleich mit dem Sehsinn, der Augenstellung, der Körperwahrnehmung (wo befinden sich gerade unsere Gliedmaßen?) und der Wahrnehmung für den Untergrund, auf dem wir uns gerade befinden, ist hierfür wichtig.
- Nervus glossopharyngeus (IX): Schluckstörungen, Schmerzen im Gaumen- und oberen Nackenbereich. Hiermit zusammenhängende Erkrankungen führen zu Schluckstörungen und teils auch zu heftigen Schmerzen im genannten Gebiet.
- Nervus vagus (X): Heiserkeit, Schluckstörungen, Störungen der Herz-Lungen-Funktion oder der Verdauung. Er hat allerdings noch zahlreiche andere Aufgaben in der Feinsteuerung von Herz, Lunge, Magen und Darm.
- Nervus accessorius (XI): Schwäche der Schulter- und Nackenmuskulatur.
- Nervus hypoglossus (XII): Zungenlähmung, Sprachstörungen. Klinisch zeigt sich bei einer Hypoglossusparese frühzeitig die resultierende Atrophie mit vermehrter Gyrierung der Oberfläche; durch Überwiegen des M. genioglossus der gesunden Seite kommt es beim Herausstrecken zu einer Abweichung zur gelähmten Seite.
Diagnose eines gereizten Hirnnervs
Die Diagnose umfasst in der Regel:
- Anamnese: Ausführliche Befragung des Patienten zu seinen Beschwerden, Vorerkrankungen und möglichen Auslösern. Zunächst beginnt der behandelnde Arzt mit einer ausführlichen Befragung (Anamnese) des Patienten. Der Mediziner möchte hier vor allem wissen, wann und wo genau die Beschwerden auftreten, wie lange diese schon bestehen (hier ist zum Beispiel ein zuvor erstelltes „Schmerztagebuch“ hilfreich) und ob es Vorerkrankung bei dem Betroffenen selbst oder in der Familie gab.
- Neurologische Untersuchung: Überprüfung der Hirnnervenfunktionen, der Motorik, Sensibilität, Koordination und Reflexe. Dabei werden verschiedene Überprüfungstests durchgeführt.
- Sinneswahrnehmungen: Dazu zählen beispielsweise Tast-, Hör-, Seh-, Riech- und Geschmackstests.
- Mimik und Augenbewegung: Der Patient soll bestimmte Bewegungen ausführen.
- Motorische Fähigkeiten: Der Mediziner prüft die Motorik, Koordination und Reflexe. Beispiel: Er schlägt mit einem kleinen Reflexhammer vorsichtig auf eine Sehne, woraufhin eine Reaktion in Form einer Muskelkontraktion folgen sollte.
- Sonstige Körperfunktionen: Hier untersucht der Arzt den Herzschlag, die Atmung, Schweißproduktion und Verdauung.
- Bildgebende Verfahren: Magnetresonanztomographie (MRT) zur Darstellung der Hirnnerven, des Gehirns und zum Ausschluss anderer Ursachen wie Tumoren oder MS. Bildgebende Verfahren wie eine Magnetresonanztomographie (MRT) können Entzündungsherde im zentralen Nervensystem zeigen. Auch ein spezielles hochauflösendes MRT, das anschließend einer umfangreichen Bildverarbeitung mit 3D-Visualisierung unterzogen wird, um den möglichen pathologischen Gefäß-Nerven-Kontakt genau darstellen zu können.
- Elektrophysiologische Untersuchungen: Messung der Nervenleitgeschwindigkeit (Elektroneurographie) zur Beurteilung der Nervenfunktion. Die Messung der Nervenleitgeschwindigkeit via Elektroneurographie gehört ebenfalls zu den Untersuchungsmöglichkeiten eines Neurologen.
- Weitere Untersuchungen: Je nach Verdacht auf bestimmte Ursachen können weitere Untersuchungen wie Blutuntersuchungen, Liquordiagnostik, HNO-ärztliche oder zahnärztliche Untersuchungen erforderlich sein. Bei Verdacht auf eine Nervenentzündung mit Nervenschmerzen besteht des Weiteren die Option, das Blut auf Erreger einer Infektion zu untersuchen. In eher seltenen Fällen wird Liquor (Gehirn- beziehungsweise Rückenmarksflüssigkeit) über eine Lumbalpunktion im Lendenbereich entnommen und im Labor überprüft.
Behandlung eines gereizten Hirnnervs
Die Behandlung richtet sich nach der Ursache der Nervenreizung:
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- Medikamentöse Therapie:
- Schmerzmittel: Bei Nervenschmerzen können verschiedene Schmerzmittel eingesetzt werden, darunter nicht-opioide Analgetika (z.B. Paracetamol, Ibuprofen), Opioide (bei starken Schmerzen) und spezielle Medikamente gegen Nervenschmerzen wie Antidepressiva (z.B. Amitriptylin) oder Antikonvulsiva (z.B. Carbamazepin, Gabapentin, Oxcarbazepin). Opioid-Analgetika. Unter Ersteren versteht man „einfache“ Schmerzmittel mit Wirkstoffen wie Acetylsalicylsäure (ASS), Paracetamol oder Ibuprofen. Durch das Blockieren des sogenannten COX-Enzyms reduzieren sie die Produktion der Prostaglandine, also bestimmter chemischer Verbindungen, die an der Schmerzentstehung beteiligt sind.1 Ihre Wirkung bei Nervenschmerzen wird von Experten aber eher als gering eingestuft. Bei schweren und akuten Schmerzen kommen rezeptpflichtige Opioide zum Einsatz, die im zentralen Nervensystem wirken. Sie docken an sogenannte Opioid-Rezeptoren an und hindern so die Nervenzellen an der Schmerzweiterleitung. Bei der Behandlung von Nervenschmerzen mit Opioiden wird ein körpereigener Prozess genutzt: Der Körper bildet bei unerträglichem Schmerz kurzfristig selbst Opioide - diese sind besser unter der Bezeichnung Endorphine bekannt.
- Antiepileptika: Bei Trigeminusneuralgie werden häufig Antiepileptika eingesetzt, um die Erregbarkeit der Nervenleitbahnen zu reduzieren.
- Virostatika/Antibiotika: Bei Infektionen werden entsprechende Medikamente zur Bekämpfung der Erreger eingesetzt.
- Kortikosteroide: Bei Entzündungen können Kortikosteroide zur Reduktion der Entzündung und Schwellung eingesetzt werden.
- Botulinumtoxin: Beim Spasmus hemifacialis können Botulinumtoxin-Injektionen in die sich verkrampfende Gesichtsmuskulatur verabreicht werden.
- Physiotherapie: Bei Gleichgewichtsstörungen oder Muskelschwäche kann Physiotherapie helfen, die Funktion wiederherzustellen. Anschließend ist es wichtig, frühzeitig ein Rehabilitationsprogramm zu beginnen: Mobilisierung mit Schulung der Gleichgewichtsfunktion im Stehen und Gehen auf ebenen und unebenen FlächenTraining der Fähigkeiten zur BlickfixierungDiese Aktivitäten verursachen zu Beginn erhöhtes Unwohlsein und Müdigkeit, werden aber auf längere Sicht die Symptome reduzieren, die Funktionsfähigkeit verbessern und zu einer schnelleren Heilung beitragen.
- Operation:
- Mikrovaskuläre Dekompression nach Jannetta: Bei NVC kann eine Operation durchgeführt werden, bei der ein Teflonpolster zwischen Gefäß und Nerv eingelegt wird, um den Druck zu entlasten. Als Behandlungsmethode kommt bei nachgewiesenem typischem Gefäß-Nerven-Kontakt die sog. mikrovaskuläre Dekompression nach Jannetta in Betracht, bei der über eine suboccipito-laterale Trepanation ein Teflonpolster zwischen Gefäß und Nerv eingelegt wird (Abb.2). Diese Operationen werden standardmäßig unter elektrophysiologischem Monitoring durchgeführt.
- Thermokoagulation des Ganglion Gasseri: Bei Trigeminusneuralgie kann eine Thermokoagulation des Ganglion Gasseri des N. trigeminus durchgeführt werden, um die Schmerzleitung zu unterbrechen.
- Stereotaktische Radiochirurgie: Bei Trigeminusneuralgie kann auch eine stereotaktische Radiochirurgie des N. trigeminus in Betracht gezogen werden.
- Chirurgischer Eingriff: Im Falle einer verletzungs- oder druckbedingten Nervenentzündung, beispielsweise nach einem Unfall oder bei einem Karpaltunnelsyndrom, kann der Mediziner einen chirurgischen Eingriff in Betracht ziehen. Bei einer Operation beseitigt der Arzt die Verengung beziehungsweise die reizende Stelle und schafft Platz für den Nerv, damit dieser nicht weiter belastet wird.
- Alternative Heilmethoden: Ergänzend zur schulmedizinischen Behandlung und nach Absprache mit dem Arzt, können auch alternative Heilmethoden wie homöopathische Mittel angewendet werden.
Spezifische Hirnnervenerkrankungen und ihre Behandlung
Trigeminusneuralgie
Die Trigeminusneuralgie ist eine der häufigsten und schmerzhaftesten Hirnnervenerkrankungen. Sie äußert sich durch blitzartig einschießende, sehr heftige Schmerzen im Gesicht.
Ursachen:
- In den meisten Fällen wird die Trigeminusneuralgie durch einen Gefäß-Nerven-Kontakt verursacht, bei dem ein Blutgefäß den Trigeminusnerv komprimiert.
- In selteneren Fällen kann die Trigeminusneuralgie auch durch andere Erkrankungen wie Multiple Sklerose, Tumore oder Gefäßmissbildungen verursacht werden.
Behandlung:
- Medikamentöse Therapie mit Antiepileptika (z.B. Carbamazepin, Oxcarbazepin, Gabapentin).
- Wenn die medikamentöse Therapie nicht ausreichend wirksam ist, kommen verschiedene neurochirurgische Eingriffe in Betracht:
- Mikrovaskuläre Dekompression nach Jannetta
- Thermokoagulation des Ganglion Gasseri
- Stereotaktische Radiochirurgie
Spasmus hemifacialis
Der Spasmus hemifacialis ist eine Erkrankung, die durch unwillkürliche, einseitige Verkrampfungen der Gesichtsmuskulatur gekennzeichnet ist.
Ursachen:
- In den meisten Fällen wird der Spasmus hemifacialis durch einen Gefäß-Nerven-Kontakt verursacht, bei dem ein Blutgefäß den Nervus facialis komprimiert.
Behandlung:
- Botulinumtoxin-Injektionen in die betroffenen Muskeln.
- Mikrovaskuläre Dekompression nach Jannetta, um den Gefäß-Nerven-Kontakt zu beseitigen.
Neuritis vestibularis
Die Neuritis vestibularis ist eine Entzündung des Gleichgewichtsnervs (Nervus vestibularis), die zu akutem Drehschwindel, Übelkeit und Erbrechen führt.
Ursachen:
- Die genaue Ursache ist nicht bekannt, aber es wird vermutet, dass die Neuritis vestibularis durch eine Virusinfektion ausgelöst wird.
Behandlung:
- Medikamente gegen Übelkeit und Schwindel (Antiemetika, Antivertiginosa).
- Kortikosteroide zur Reduktion der Entzündung.
- Physiotherapie zur Verbesserung des Gleichgewichts.
Prävention von Hirnnervenerkrankungen
Nicht alle Hirnnervenerkrankungen lassen sich verhindern, aber einige Maßnahmen können das Risiko reduzieren:
- Gesunde Lebensweise: Achten Sie auf eine ausgewogene Ernährung, ausreichend Bewegung und genügend Schlaf.
- Stress vermeiden: Reduzieren Sie Stress im Alltag und lernen Sie Entspannungstechniken.
- Alkohol in Maßen: Beschränken Sie den Alkoholkonsum.
- Impfungen: Lassen Sie sich gegen Infektionskrankheiten impfen, die Hirnnervenentzündungen verursachen können.
- Schnelle Behandlung von Infektionen: Suchen Sie bei Verdacht auf eine Infektion frühzeitig einen Arzt auf.
- Vermeidung von Risikofaktoren: Vermeiden Sie Risikofaktoren für Durchblutungsstörungen wie Rauchen, Übergewicht und hohen Blutdruck.
- Regelmäßige Kontrolluntersuchungen: Nehmen Sie regelmäßige Kontrolluntersuchungen beim Arzt wahr, um mögliche Erkrankungen frühzeitig zu erkennen und zu behandeln.
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