Die Rolle des Vagusnervs bei der Geschmackswahrnehmung und verwandten Sinnesstörungen

Der Vagusnerv, auch bekannt als der zehnte Hirnnerv, spielt eine entscheidende Rolle bei der Vermittlung von Geschmacksempfindungen aus dem Kehlkopf- und Rachenbereich. Er ist Teil eines komplexen Netzwerks, das aus verschiedenen Hirnnerven besteht, die zusammenarbeiten, um uns die vielfältigen Aspekte des Geschmacks zu ermöglichen. Dieser Artikel beleuchtet die Funktionen des Vagusnervs im Zusammenhang mit dem Geschmackssinn, die Ursachen und Auswirkungen von Geschmacksstörungen sowie die enge Verbindung zwischen Geschmacks- und Geruchssinn.

Geschmacks- und Geruchssinn: Eine untrennbare Verbindung

Störungen des Geruchs- und Geschmackssinnes werden oft gemeinsam betrachtet, da beide Sinnesmodalitäten über Chemorezeptoren vermittelt werden. Eine Beeinträchtigung des einen Sinnes kann subjektiv zu einer Störung des anderen führen. Differenzierte Leistungen wie das Abschmecken von Speisen beim Kochen sind auf die Integrität beider Sinne angewiesen. Obwohl der Verlust des Geruchs- (Anosmie) oder Geschmackssinnes (Ageusie) für sich genommen kein schwerwiegendes Handicap darstellt, mindern sie die Lebensqualität erheblich und beeinträchtigen die Schutzfunktion vor schädlichen Dämpfen oder verdorbenen Speisen.

Anatomie und Funktion des Geruchssinns

Das Riechepithel befindet sich in der oberen Nasenmuschel und ist mit einem Flüssigkeitsfilm bedeckt, in den feine Sinneshärchen ragen. Diese Härchen sind für die Reizperzeption zuständig. Duftmoleküle werden spezifisch gebunden und führen über ein Rezeptorpotenzial zu Nervenimpulsen, die über die Fila olfactoria zum Bulbus olfactorius geleitet werden. Die Fila olfactoria bilden den ersten Hirnnerven, den Nervus olfactorius, und durchstoßen die Lamina cribrosa, um zum Bulbus olfactorius zu gelangen. Der Bulbus ist ein peripherer Teil des Telenzephalons und über den Tractus olfactorius mit diesem verbunden.

Es werden sieben Duftklassen unterschieden: kampferartig, moschusartig, blumig, minzig, ätherisch, stechend und faulig. Physiologischerweise kommen partielle Anosmien vor, bei denen bestimmte Gerüche nicht wahrgenommen werden können. Die Adaptationsmechanismen des olfaktorischen Systems sind ausgeprägt, wodurch bestimmte Gerüche ausgeblendet werden können. Die Geruchsschwelle variiert je nach Duftstoff und wird durch physiologische Faktoren wie Hunger, Alter und Hormonspiegel beeinflusst. Der genetisch determinierte Eigengeruch des Menschen ist an den Haupthistokompatibilitätskomplex gekoppelt und beeinflusst Partnerwahl und Inzestschranke. Pheromone spielen eine Rolle in der Sexualität.

Die Nasenschleimhaut wird sensibel vom Nervus trigeminus versorgt, dessen freie Nervenendigungen auch in der Riechschleimhaut liegen. Empfindungen wie stechend, beißend, brennend und scharf werden über die Erregung von Trigeminusfasern vermittelt und sind unabhängig von der Intaktheit des Nervus olfactorius. Daher bleibt die Wahrnehmung für Trigeminusreizstoffe auch nach dessen Durchtrennung erhalten. Bei der Untersuchung sollten aromatische Geruchsstoffe und Trigeminusreizstoffe getestet werden. Standardisierte Testsets stehen zur Verfügung.

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Störungen des Geruchssinns: Ursachen und Auswirkungen

Störungen des Riechsinns werden in quantitative Ausfälle (Hyposmie, Anosmie, Hyperosmie) und qualitative Störungen (Dysosmie, Parosmie) unterteilt. Olfaktorische Halluzinationen und Verkennungen können auf Läsionen des Temporallappens oder psychiatrische Erkrankungen hinweisen, treten aber auch bei älteren Frauen als Phantosmie ohne Krankheitswert auf.

Die häufigsten Ursachen für Hyposmie oder Anosmie sind Virusgrippe mit Entzündung der oberen Luftwege und starkes Rauchen. Auch Schädel-Hirn-Traumata können zu Anosmie führen. Raumforderungen im Bereich der vorderen Schädelgrube, neurodegenerative Erkrankungen, Multiple Sklerose, Systemischer Lupus Erythematodes und das Sjögren-Syndrom können ebenfalls Riechstörungen verursachen. Im Rahmen des Diabetes mellitus treten Hyposmien vor allem unter Insulintherapie auf. Par- und Dysosmien äußern sich meist in der Wahrnehmung unangenehmer Gerüche und können bei eitrigen Entzündungen der Nasennebenhöhlen, Depressionen oder als Unzinatusanfälle auftreten. Eine Störung der Geruchsdifferenzierung trotz intakter Wahrnehmung kann auf Schädigungen des dorsomedialen Thalamus hinweisen.

Die Behandlung von Riechstörungen ist oft problematisch. Abschwellende Maßnahmen, intranasales Insulin-Gel oder topisches Vitamin A können versucht werden. Bei posttraumatischer Anosmie muss der natürliche Verlauf abgewartet werden. Ein Therapieversuch mit Kortikoiden oder Theophyllin kann unternommen werden.

Die Anatomie des Geschmackssinns

Geschmacksknospen befinden sich nicht nur auf der Zunge, sondern auch auf dem Gaumen, den Lippen, dem Pharynx, Larynx und dem Ösophagus. Die nervale Versorgung erfolgt für das hintere Zungendrittel durch den Nervus glossopharyngeus, für die vorderen zwei Zungendrittel durch die Chorda tympani, welche mit dem Nervus lingualis und dem Intermediusanteil des Nervus facialis verläuft. Geschmacksempfindungen aus dem Larynx- und Pharynxbereich werden über sensorische Fasern des Nervus vagus geleitet.

Die Gesamtheit aller Geschmacksfasern aus den Hirnnerven VII, IX und X gelangt zum Nucleus solitarius des Hirnstammes. Die zentrale Geschmacksbahn erfolgt mit Kreuzung zur Gegenseite zum Nucleus ventralis posteromedialis des Thalamus und von hier zur Repräsentation der Zunge am Gyrus postcentralis und der Inselrinde. Verschaltungen zu den Nuclei salivatorii und dem Nucleus dorsalis nervi vagi initiieren reflektorisch Speichel- und Magensaftsekretion. Verschaltungen mit dem Rhombenzephalon, dem Hypothalamus und dem limbischen System sind für die affektiven Auswirkungen der Geschmacksinformation verantwortlich.

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An der eigentlichen Geschmackswahrnehmung sind neben dem Geschmackssinn andere Sinnesorgane beteiligt, insbesondere das trigeminale und das olfaktorische System sowie thermo- und nozizeptive Afferenzen. Die Geschmackszellen sind sekundäre Sinneszellen, die von einer afferenten Nervenfaser innerviert werden. Die Sinneszellen der Geschmacksknospen werden wöchentlich ersetzt, wobei sich die Anzahl der Geschmacksknospen mit zunehmendem Alter reduziert. Ähnlich dem Geruchssinn konvergieren die gustatorischen Informationen bei Umschaltung auf das zweite Neuron der Geschmacksbahn im Nucleus tractus solitarii. Die Wechselwirkung zwischen chemischem Geschmacksstoff und Rezeptorprotein führt zu einer Permeabilitätsänderung der Membran, zur Zelldepolarisation mit Transmitterfreisetzung und Entstehung eines Aktionspotenzials.

Untersuchung und Störungen des Geschmackssinns

Die Untersuchung erfolgt, indem Geschmacksstoffe auf die herausgestreckte Zunge aufgebracht werden, wobei die wahrgenommene Geschmacksrichtung angezeigt wird. Ein Ausfall des Schmeckens wird als Ageusie, eine Minderung als Hypogeusie bezeichnet, Fehlwahrnehmungen als Dysgeusie bzw. Pargeusie.

Insbesondere starkes Rauchen, eine Austrocknung der Zunge und eine Hyperviskosität des Speichels können zu Beeinträchtigungen des Geschmackssinnes führen. Im Rahmen von Virusinfektionen resultiert meist sowohl eine Ageusie als auch eine Anosmie. Bei der idiopathischen Hypogeusie kann es sich um eine Folge eines Zinkmangels handeln; daneben ist an psychiatrische Erkrankungen zu denken. Auch beim Morbus Parkinson können Geschmacksstörungen auftreten.

Weitere Ursachen sind Hirnnervenläsionen, Läsionen im Thalamus, frontoparietalen Kortex oder Uncus, idiopathische Fazialisparese, Ramsay-Hunt-Syndrom, Tumoren und entzündliche Prozesse der Schädelbasis, des Felsenbeins und des Kleinhirn-Brücken-Winkels, Mittelohrprozesse, Kiefergelenkfrakturen, Elektrokoagulation des Ganglion Gasseri, Tonsillektomie, Tonsillenabszesse und -tumoren sowie Prozesse im Bereich der Schädelbasis und insbesondere des Foramen jugulare. Halbseitige Geschmacksstörungen der Zunge weisen auf eine Läsion der zentralen Geschmacksbahn hin, wobei es sich in der Regel um unilaterale Thalamus- und Parietallappenläsionen handelt. Elementar partielle Anfälle mit gustatorischer Symptomatik nehmen ihren Ursprung im suprasylvischen, frontoparietalen Kortex.

Therapeutische Ansätze bei Geschmacksstörungen

Therapeutisch entscheidend ist das Ausschalten von Noxen (Rauchen, Medikamente), die Normalisierung der Mund-Rachen-Verhältnisse (Mundhygiene, künstlicher Speichel, abschwellende Maßnahmen) und die Behandlung zugrunde liegender Erkrankungen. Bei der idiopathischen Hypogeusie sollte ein Therapieversuch mit Zink erfolgen.

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Der Vagusnerv: Mehr als nur ein Geschmacksnerv

Der Vagusnerv ist der zehnte Hirnnerv und Teil des parasympathischen Nervensystems. Er ist viszeromotorisch und viszerosensibel, das heißt, er verursacht Bewegungen in den Eingeweiden und fühlt, was in ihnen vor sich geht. Seine Sensibilität geht über die Eingeweide hinaus und er ist auch empfänglich für bewusste Körperempfindungen. Der Vagusnerv teilt sich den Nucleus ambiguus mit dem Nervus glossopharyngeus und versorgt Zunge, Schlund, Gaumenzäpfchen, Kehlkopf und Stimmbänder motorisch.

Der parasympathische Anteil des Vagusnervs motorisiert vom Hals über Brustraum, Herz, Lungen und Verdauungsorgane bis in den Dickdarm hinein. Hier kommen die Empfindungen aus den Atem- und Verdauungsorganen an, ebenso die Geschmacksnerven des Kehldeckels. Der Vagusnerv nimmt den bitteren Geschmack wahr. Somatosensible Nerven, die Informationen aus dem willkürlichen Nervensystem bereitstellen, entspringen dem Nucleus spinalis nervi trigemini.

Neue Forschungsergebnisse zum Vagusnerv

Aktuelle Forschungsergebnisse deuten auf eine Schädigung des Vagusnervs als mögliche Ursache für Long-COVID hin. Eine durch SARS-CoV-2 vermittelte Vagusnerv-Dysfunktion könnte für viele Symptome von Long-COVID verantwortlich sein, darunter Stimmprobleme, Schluckbeschwerden, Schwindel, Tachykardie, niedriger Blutdruck und Verdauungsprobleme.

Eine weitere Studie deutet darauf hin, dass Parkinson im Darm beginnt und über den Vagusnerv ins Gehirn gelangt. Die Kappung eines bestimmten Nerven zwischen Magen und Gehirn könnte das Risiko, an Morbus Parkinson zu erkranken, verringern.

Die Bedeutung des Geschmacks für die Lebensqualität

Lecker essen und trinken ist ein wichtiger Bestandteil der Lebensqualität. Ist der Geschmackssinn gestört, fehlt nicht nur der Genuss, sondern es drohen auch Gewichtsverlust und Mangelerscheinungen. Der Geschmackssinn hat eine wichtige Funktion für den Körper, da er Informationen darüber gibt, ob Nahrung genießbar und bekömmlich ist.

Der Mensch kann fünf verschiedene Geschmacksqualitäten unterscheiden: süß, sauer, salzig, bitter und umami. Jede dieser Geschmäcker hat eine Aufgabe. Süß weckt die Lust auf kalorienreiche Nahrung, sauer warnt vor unreifen oder verdorbenen Speisen, salzig ist wichtig für den Elektrolythaushalt, bitter kann vor Vergiftungen schützen und umami steht für proteinreiche Kost. Die Geschmacksreize werden über Rezeptoren an die Geschmackssinneszellen und von dort über Nervenfasern an das Gehirn geleitet. Die entsprechenden Nerven sind der Nervus facialis, der Nervus vagus und der Nervus glossopharyngeus.

Qualitative und quantitative Geschmacksstörungen

Es gibt zwei Gruppen von Geschmacksstörungen: qualitative und quantitative. Bei einer Parageusie nimmt der Betroffene Geschmack anders wahr, während bei einer Hypogeusie der Geschmack vermindert ist. Der vollständige Verlust der Geschmackswahrnehmung, die Ageusie, ist extrem selten. Die Folgen von Geschmacksstörungen können erheblich sein und zu Depressionen, Untergewicht und Nährstoffmangel führen.

Diagnose und Ursachen von Geschmacksstörungen

Die Diagnose von Geschmacksstörungen erfolgt durch klinische Tests, bei denen die Geschmacksqualitäten erkannt und ihre Intensität eingeschätzt werden sollen. Die Ursachen für Geschmacksstörungen sind vielfältig und reichen von Schädel-Hirn-Verletzungen über Infektionen und Kontakt mit toxischen Substanzen bis hin zu Operationen, Bestrahlungen und dem Burning-Mouth-Syndrom. Auch Medikamente, Diabetes mellitus, neurodegenerative Erkrankungen und Schilddrüsenerkrankungen können das Schmecken beeinflussen.

Behandlung von Geschmacksstörungen

Die Behandlung von Geschmacksstörungen richtet sich nach der Ursache. Bei Systemerkrankungen bessern sich die Geschmacksstörungen häufig, sobald die Grunderkrankung behandelt wird. Bei trockenem Mund helfen Speichelersatzprodukte und viel Trinken. Nikotin und Kaffee sollten gemieden werden. Haben Medikamente die Geschmacksstörung ausgelöst, erholt sich der Geschmackssinn häufig spontan wieder, wenn das entsprechende Präparat abgesetzt wird. Für die idiopathische Schmeckstörung ist Zink eine Option. Bei allgemein verminderter Geschmackswahrnehmung hilft es, den Trigeminusnerv anzuregen. Regelmäßige Mundspülungen, Kaugummikauen und Eiswürfel lutschen können ebenfalls hilfreich sein.

Hirnnerven und ihre Funktionen

Die zwölf Hirnnerven sind für den Informationsaustausch zwischen den Sinnesorganen und dem Gehirn verantwortlich. Sie verbinden das zentrale Nervensystem mit der Peripherie des Körpers und senden Informationen und Eindrücke der Sinnesorgane ans Gehirn. Jeder Hirnnerv hat eine spezielle Aufgabe und besteht aus unterschiedlichen Nervenfaserbündeln. Schädigungen der Hirnnerven können zu Einschränkungen der Sinneswahrnehmung führen.

Hirnhautentzündung (Meningitis)

Eine Hirnhautentzündung ist eine Entzündung der Hirnhäute, die durch Bakterien oder Viren ausgelöst werden kann. Sie geht mit Fieber, Kopfschmerzen und Nackensteife einher und erfordert eine sofortige Behandlung im Krankenhaus. Die Erkrankung ist lebensgefährlich und kann zu Dauerfolgen wie Hörschäden, Hirnnervenlähmungen und epileptischen Anfällen führen. Gegen einige Erreger der Hirnhautentzündung gibt es Impfungen.

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