Gesichtsmimik in der Alzheimer-Forschung: Schmerz, Emotionen und Kommunikation verstehen

Die Alzheimer-Krankheit und andere Demenzerkrankungen stellen eine wachsende Herausforderung für die Gesellschaft dar. Neben dem Verlust von Gedächtnis und kognitiven Fähigkeiten beeinträchtigen sie auch die Fähigkeit zur Kommunikation, was insbesondere die Schmerzerkennung erschwert. Dieser Artikel beleuchtet die Bedeutung der Gesichtsmimik in der Alzheimer-Forschung, um Schmerzen und Emotionen bei Menschen mit Demenz besser zu verstehen und ihre Lebensqualität zu verbessern.

Die Herausforderung der Schmerzerkennung bei Demenz

Ein Kind zeigt nach einem Sturz weinend auf das schmerzende Knie. Bei Senioren mit Demenz ist diese direkte Kommunikation oft nicht mehr möglich. Sie können Schmerzen nicht mehr ausreichend verbalisieren, was zu einem Teufelskreis führt, wie Prof. Dr. Stefan Lautenbacher erklärt. Ein demenzkranker Senior wandert unruhig umher oder wehrt Berührungen ab. Eine Alzheimerpatientin stößt die Betreuerin beim Zähneputzen weg. Solche Situationen sind Alltag in Pflegeheimen, da Gedächtnisleistung, Denkvermögen oder Kommunikationsfähigkeit im Verlauf der Krankheit immer weiter abnehmen. Daher müssen andere Wege gefunden werden, um Schmerz zu erkennen und zu lindern.

Nonverbale Kommunikation als Schlüssel zum Verständnis

Da die verbale Kommunikation bei Demenzpatienten eingeschränkt ist, rückt die nonverbale Kommunikation in den Fokus. Lautenbacher hat in Zusammenarbeit mit einem europäischen Forschungsverbund untersucht, welche nonverbalen Kommunikationswege Demenzkranke nutzen, um Schmerz auszudrücken und wie diese erkannt werden können. Das Projekt wurde durch die European Cooperation in Science and Technology (COST) gefördert.

Decodierung von Schmerz: Mimik, Körperhaltung und Vokalisation

Lautenbacher untersuchte, wie kognitiv beeinträchtigte Menschen Schmerz ausdrücken und was davon Pflegekräfte und Angehörige erkennen können. Die Forschung ergab, dass drei Kategorien die besten Anzeichen für Schmerz liefern:

  • Körperhaltung: Veränderungen in der Körperhaltung können auf Schmerzen hinweisen.
  • Mimik: Gesichtsausdrücke wie zusammengebissene Zähne oder zusammengezogene Augenbrauen können Schmerz signalisieren.
  • Vokalisation: Lautäußerungen wie Stöhnen, Schreien oder Klagen können ebenfalls auf Schmerzen hindeuten.

Die Mimik von demenzkranken Seniorinnen und Senioren bleibt lebendig, aber es gibt Unterschiede. Wer schon als Gesunder eher mimisch still war, wird im Alter keine höhere Ausdrucksfähigkeit aufweisen.

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Entwicklung eines Schmerzmessinstruments (Toolkits)

Auf Basis der Forschungsergebnisse wurde ein Schmerzmessinstrument oder „Toolkit“ für Patientinnen und Patienten mit kognitiven Störungen entwickelt. Dieses Toolkit enthält Testfragen (sogenannte Items) zu den genannten Kategorien und sollte idealerweise während oder spätestens 24 Stunden nach der Beobachtung ausgefüllt werden. Es fragt alle drei Kategorien, Körperhaltung, Mimik und Vokalisation, ab. Ein Beispiel für einen Gesichtsausdruck ist das „Hochziehen der Oberlippe“, bei dem die Oberlippe angehoben wird, bis hin zum Nase rümpfen. Die Pflegekräfte können zudem festhalten, ob dieser Gesichtsausdruck „überhaupt nicht“, „geringfügig“, „mäßig“ oder „stark“ auftritt. Die Auswertung aller Fragen lässt erkennen, ob Schmerzen vorliegen und wenn ja, in welchem Maße. Inzwischen ist das Messinstrument in sechs Sprachen übersetzt und wird kontinuierlich weiterentwickelt.

Schulungen für Pflegekräfte und die Bedeutung der Schmerzversorgung

Um das Erkennen von Schmerzen bei Demenzpatienten zu verbessern, sind Schulungen für Pflegekräfte unerlässlich. Diese Schulungen vermitteln das Wissen, um nonverbale Schmerzsignale zu deuten und das Schmerzmessinstrument korrekt anzuwenden. Studien zeigen, dass Demenzkranke im Vergleich zu kognitiv gesunden Personen gleichen Alters deutlich weniger Schmerzmittel bekommen, obwohl sie diese nach Operationen genauso nötig hätten. Lautenbacher betont, dass demenzkranke Menschen oft unter großem Schmerzunglück leiden.

Die Rolle der Gesichtserkennungstechnologie

Da Demenzkranke in Heimen nicht permanent beobachtet werden können, wird an der Universität Augsburg in Zusammenarbeit mit der Informatik an einer automatischen Schmerzerkennung gearbeitet. Diese basiert vor allem auf der Gesichtserkennung. Eine Kamera registriert sogenannte Gesichtslandmarken, die dann von einem Programm ausgewertet werden. Allerdings liefert die Gesichtserkennung bislang nur gute Werte unter idealen Bedingungen. Zumal sie bisher aus Entwicklungsgründen auf die Gesichter von jungen Menschen zugeschnitten ist. Die Gesichtserkennung braucht einen hellen Raum, eine frontale Sicht auf das Gesicht, das wiederum bisher faltenfrei sein muss. Zukünftig sollen auch die Stimme, die Stimmlage und die Körperhaltung analysiert werden.

Die Bedeutung von Emotionen und Positivitäts-Bias

Eine neue Studie deutet darauf hin, dass die Fähigkeit, Emotionen in Gesichtern zu erkennen, ein Frühmerkmal für Demenz sein könnte. Ältere Erwachsene erkennen negative Gesichtsausdrücke häufig schlechter und deuten neutrale oder gemischte Emotionen oft als positiv. Dieses Phänomen, bekannt als Positivitäts-Bias, wurde lange mit einem schlechteren Sehen oder Altersmilde in Verbindung gebracht. Die Studie zeigt jedoch, dass dahinter eine nachlassende geistige Leistungsfähigkeit stecken könnte.

Der Positivitäts-Bias als Warnsignal

Forscher fanden heraus, dass ältere Erwachsene Schwierigkeiten hatten, negative Emotionen wie Wut oder Traurigkeit zu erkennen, während sie positive Emotionen schneller erkannten, auch wenn die Gesichtsausdrücke eigentlich neutral oder nur leicht verändert waren. Je stärker dieser Positivitäts-Bias ausgeprägt war, desto schlechter war die geistige Leistung der Teilnehmenden. Personen mit starkem Positivitäts-Bias hatten weniger graue Substanz in bestimmten Hirnregionen, vor allem in der Amygdala und im Hippocampus, die wichtig für das Gedächtnis und die Verarbeitung von Gefühlen sind.

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Validation: Eine wertschätzende Kommunikationsmethode

Wenn Erinnerungen verschwimmen, die Umwelt nicht verstanden wird oder man sich in einer anderen Zeit wähnt, kann Validation helfen, mit erkrankten Menschen in Kontakt zu bleiben. Validation bedeutet, den Menschen dort abzuholen, wo er sich in seiner Wahrnehmung befindet - nicht mit Fakten, sondern mit Verständnis. Menschen mit Alzheimer nehmen oft nicht mehr jedes Wort genau wahr - aber sie spüren, wie etwas gesagt wird. Ein ruhiger Tonfall, Blickkontakt und eine offene Haltung können Vertrauen und Sicherheit vermitteln.

Tipps für die Kommunikation mit Menschen mit Demenz

  • Beziehen Sie sich auf Personen, Dinge und Geräusche in der Umgebung.
  • Sprechen Sie langsam und deutlich und wiederholen Sie wichtige Informationen bei Bedarf auch mehrmals.
  • Verwenden Sie dabei immer den gleichen Wortlaut, damit das Gesagte besser verstanden wird und sich möglichst einprägt.
  • Achten Sie darauf, dass Sie zwischendurch Pausen einlegen, um Ihrem Gegenüber die Möglichkeit zu geben, zu antworten.
  • Verwenden Sie eine klare Körpersprache und eine prägnante Mimik und Gestik, um das Gesagte zu unterstützen und das Verständnis zu erleichtern.
  • Wichtig ist auch der Blickkontakt.

Die Bedeutung von Bildern in der Demenzdarstellung

Eine an der Universität Ostfinnland durchgeführte Studie zeigt, dass Bilder, die Demenz in finnischen Zeitungen darstellen, oft ein klischeehaftes und negatives Bild zeichnen. Die Ergebnisse zeigen, dass diese Bilder ein enges, angsteinflößendes und oft negatives Bild von Demenz vermitteln. Die meisten Bilder stellten Menschen mit Demenz als alt, gebrechlich und von anderen abhängig dar. Häufige visuelle Elemente waren graue Haare, faltige Hände, traurige oder leere Gesichtsausdrücke und passives Verhalten. Bilder einsamer Gestalten wurden häufig verwendet.

Die Notwendigkeit einer realistischen Darstellung

Die Studie unterstreicht die Notwendigkeit, die visuelle Darstellung von Demenz in den Medien zu reformieren. Eine vielfältigere und realistischere visuelle Darstellung mit Menschen unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Herkunft, Alltagssituationen und bedeutungsvollen Beziehungen könnte dazu beitragen, das Stigma zu verringern, die Inklusion von Menschen mit Demenz zu unterstützen und ein besseres Verständnis für die Komplexität von Demenz zu fördern.

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