Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die mit vielfältigen körperlichen und psychischen Symptomen einhergehen kann. Diese Symptome können nicht nur das Leben der Betroffenen selbst beeinträchtigen, sondern auch das ihrer Partner, Familien und Freunde. In manchen Fällen kann die Belastung, die mit MS einhergeht, zu Spannungen und Konflikten führen, die sich in Form von Gewalt äußern. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Formen von Gewalt, denen Menschen mit MS ausgesetzt sein können, die Ursachen und Folgen dieser Gewalt und mögliche Lösungsansätze.
Einführung
Die Diagnose MS stellt für Betroffene und ihr Umfeld oft eine einschneidende Veränderung dar. Die Krankheit kann zu körperlichen Einschränkungen, chronischen Schmerzen, Fatigue, kognitiven Beeinträchtigungen und psychischen Problemen wie Depressionen und Angstzuständen führen. Diese Symptome können den Alltag erheblich erschweren und die Lebensqualität mindern.
Zusätzlich zu den direkten Auswirkungen der MS können auch soziale und partnerschaftliche Beziehungen belastet werden. Angehörige übernehmen oft eine pflegende Rolle und sind mit den emotionalen und finanziellen Herausforderungen der Krankheit konfrontiert. Diese Belastung kann zu Stress, Überforderung und Konflikten führen, die sich in Form von verbaler, emotionaler oder sogar körperlicher Gewalt äußern können.
Formen von Gewalt gegen Menschen mit MS
Gewalt gegen Menschen mit MS kann verschiedene Formen annehmen:
- Verbale Gewalt: Hierzu zählen Beleidigungen, Beschimpfungen, Drohungen und abwertende Bemerkungen, die darauf abzielen, die Würde und das Selbstwertgefühl des Betroffenen zu verletzen.
- Emotionale Gewalt: Diese Form der Gewalt umfasst Verhaltensweisen wie Manipulation, Isolation, Kontrolle, Demütigung und Schuldzuweisungen. Sie zielt darauf ab, das Opfer psychisch zu destabilisieren und abhängig zu machen.
- Körperliche Gewalt: Hierzu zählen Schläge, Tritte, Schubsen, Festhalten und andere körperliche Angriffe, die dem Opfer Schmerzen oder Verletzungen zufügen.
- Finanzielle Gewalt: Diese Form der Gewalt beinhaltet die Kontrolle über das Geld des Betroffenen, das Verweigern finanzieller Unterstützung oder die Ausnutzung der finanziellen Ressourcen des Opfers.
- Vernachlässigung: Hierzu zählt das Unterlassen notwendiger Pflege, medizinischer Versorgung oder Unterstützung im Alltag, was zu gesundheitlichen Schäden oder einer Verschlechterung des Zustands des Betroffenen führen kann.
- Institutionelle Gewalt: Diese Form der Gewalt kann in Einrichtungen wie Pflegeheimen oder Krankenhäusern auftreten und umfasst beispielsweise Zwangseinweisungen, Zwangsmedikation, Fixierungen oder andere Maßnahmen, die die Selbstbestimmung und Würde des Betroffenen verletzen. Ein Mann mit Multipler Sklerose wurde beispielsweise dazu gezwungen, zwischen 2013 und 2018 in einer Einrichtung zu leben, obwohl er dies nicht wollte, weil seine Selbstbestimmung dort eingeschränkt war und er sich nicht wohl fühlte. Er verklagte seinen örtlichen Sozialhilfeträger, der anhand der Kosten argumentierte, dass die Pflege in der stationären Einrichtung adäquat seien, und gewann das Verfahren.
Ursachen von Gewalt in Verbindung mit MS
Die Ursachen von Gewalt gegen Menschen mit MS sind vielfältig und komplex. Sie können sowohl auf individueller, beziehungsmäßiger als auch gesellschaftlicher Ebene liegen:
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- Individuelle Faktoren:
- Stress und Überforderung: Die Pflege eines Menschen mit MS kann sehr anstrengend und zeitaufwendig sein. Angehörige sind oft mit den körperlichen, emotionalen und finanziellen Belastungen überfordert, was zu Frustration und Aggression führen kann.
- Psychische Probleme: Aggressoren können selbst psychische Probleme wie Depressionen, Angstzustände, Persönlichkeitsstörungen oder Suchterkrankungen haben, die ihr Verhalten beeinflussen.
- Mangelnde Bewältigungsstrategien: Einige Menschen haben Schwierigkeiten, mit Stress und Konflikten konstruktiv umzugehen. Sie greifen möglicherweise auf Gewalt zurück, um ihre Gefühle auszudrücken oder Kontrolle auszuüben.
- Traumatische Erfahrungen: Traumata in der Kindheit oder im Erwachsenenalter können das Risiko erhöhen, dass eine Person gewalttätig wird. Studien deuten darauf hin, dass Menschen, die in ihrer Kindheit Traumata erlebt haben, ein höheres Risiko für Autoimmunerkrankungen wie MS haben.
- Eigene Krankheitsbewältigung: Auch die Art und Weise, wie der MS-Patient selbst mit seiner Erkrankung umgeht, kann Einfluss auf das Konfliktpotential haben. Verdrängung, Aggression oder übermäßige Anspruchshaltung können das Umfeld zusätzlich belasten.
- Beziehungsmäßige Faktoren:
- Ungleichgewicht in der Beziehung: Wenn ein Partner die Rolle des Pflegenden übernimmt und der andere die des Pflegebedürftigen, kann dies zu einem Ungleichgewicht in der Beziehung führen. Der Pflegende fühlt sich möglicherweise überlastet und der Pflegebedürftige abhängig und hilflos.
- Kommunikationsprobleme: Mangelnde Kommunikation, Missverständnisse und ungelöste Konflikte können zu Spannungen und Aggressionen führen. Es ist wichtig, dass beide Seiten offen über ihre Bedürfnisse und Gefühle sprechen.
- Isolation: Soziale Isolation kann sowohl für den MS-Patienten als auch für den Pflegenden ein Risikofaktor sein. Wenn Menschen sich isoliert fühlen, haben sie weniger Unterstützung und sind anfälliger für Stress und psychische Probleme.
- Gesellschaftliche Faktoren:
- Stigmatisierung von MS: Die Stigmatisierung von MS kann dazu führen, dass Betroffene diskriminiert und ausgegrenzt werden. Dies kann ihr Selbstwertgefühl beeinträchtigen und sie anfälliger für Gewalt machen. Fast jeder Dritte der Befragten einer europäischen Studie lehnte eine enge Beziehung oder Heirat mit einem MS-Patienten ab.
- Mangelnde Unterstützungssysteme: Fehlende oder unzureichende Unterstützungssysteme für Menschen mit MS und ihre Angehörigen können die Belastung erhöhen und das Risiko von Gewalt begünstigen.
- Gesellschaftliche Normen: Gesellschaftliche Normen, die Gewalt tolerieren oder verherrlichen, können dazu beitragen, dass Menschen gewalttätig werden.
Auswirkungen von Gewalt auf Menschen mit MS
Gewalt hat schwerwiegende Auswirkungen auf die körperliche und psychische Gesundheit von Menschen mit MS:
- Körperliche Verletzungen: Körperliche Gewalt kann zu Verletzungen, Schmerzen und Behinderungen führen.
- Psychische Probleme: Gewalt kann zu Depressionen, Angstzuständen, posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS), Schlafstörungen und anderen psychischen Problemen führen. Eine Person beschreibt, wie sie bei Anzeichen eines Wutausbruchs ihres Partners Herzrasen, Schwitzen und einen trockenen Mund bekommt.
- Verschlechterung der MS-Symptome: Stress und Trauma können die MS-Symptome verschlimmern und zu einer schnelleren Progression der Krankheit führen.
- Soziale Isolation: Gewalt kann dazu führen, dass sich Betroffene von Freunden und Familie zurückziehen und sozial isoliert werden.
- Vermindertes Selbstwertgefühl: Gewalt untergräbt das Selbstwertgefühl und das Vertrauen in andere Menschen.
- Erhöhtes Suizidrisiko: Menschen, die Gewalt erlebt haben, haben ein erhöhtes Risiko für Suizidgedanken und -versuche.
Lösungsansätze und Präventionsmaßnahmen
Um Gewalt gegen Menschen mit MS zu verhindern und Betroffenen zu helfen, sind verschiedene Maßnahmen erforderlich:
- Aufklärung und Sensibilisierung: Es ist wichtig, die Öffentlichkeit über MS und die damit verbundenen Herausforderungen aufzuklären. Dies kann dazu beitragen, Vorurteile abzubauen und das Verständnis für die Bedürfnisse von Menschen mit MS und ihren Angehörigen zu fördern.
- Frühe Erkennung von Risikofaktoren: Ärzte, Therapeuten und andere Fachkräfte sollten aufmerksam auf Risikofaktoren für Gewalt achten, wie z.B. Stress, Überforderung, psychische Probleme oder Kommunikationsschwierigkeiten.
- Unterstützungsangebote für Menschen mit MS und ihre Angehörigen: Es ist wichtig, dass Menschen mit MS und ihre Angehörigen Zugang zu umfassenden Unterstützungsangeboten haben, wie z.B. Beratungsstellen, Selbsthilfegruppen, psychotherapeutische Behandlung und Pflegeentlastungsdienste.
- Gewaltpräventionsprogramme: Gewaltpräventionsprogramme können dazu beitragen, gewalttätiges Verhalten zu verhindern und konstruktive Konfliktlösungsstrategien zu fördern.
- Schutzmaßnahmen für Betroffene: Es ist wichtig, dass Betroffene wissen, wie sie sich vor Gewalt schützen können. Dazu gehört, sich Hilfe zu suchen, sich von gewalttätigen Personen zu distanzieren und gegebenenfalls das Haus zu verlassen. Eine Person riet einer Betroffenen, eine gepackte Notfalltasche bereitzuhalten und im Notfall Hilfe zu rufen.
- Therapeutische Interventionen: Für Menschen, die Gewalt erlebt haben, ist eine therapeutische Behandlung wichtig, um die Traumata zu verarbeiten und neue Bewältigungsstrategien zu entwickeln. Traumatherapien können helfen, die Folgen von Traumatisierungen zu mildern und neue Lebensperspektiven aufzubauen.
- Gesetzliche Maßnahmen: Gewalt gegen Menschen mit Behinderungen sollte konsequent verfolgt und bestraft werden. Es ist wichtig, dass es klare Gesetze und Schutzmechanismen gibt, um Betroffene zu schützen.
- Förderung von Selbstbestimmung und Inklusion: Die Förderung von Selbstbestimmung und Inklusion von Menschen mit MS kann dazu beitragen, ihre Würde und ihr Selbstwertgefühl zu stärken und sie weniger anfällig für Gewalt zu machen.
Die Rolle von Trauma bei Multipler Sklerose
Forschungen deuten darauf hin, dass traumatische Erlebnisse in der Kindheit das Risiko erhöhen können, später im Leben an Multipler Sklerose zu erkranken. Traumata können zu chronischem Stress führen, der das Immunsystem beeinträchtigen und Entzündungen im Körper fördern kann. Diese Entzündungen können möglicherweise zur Entwicklung von MS beitragen.
Es ist wichtig zu beachten, dass nicht jeder Mensch, der ein Trauma erlebt hat, an MS erkrankt. Trauma ist nur einer von vielen Faktoren, die zur Entwicklung der Krankheit beitragen können. Dennoch ist es wichtig, die Rolle von Trauma bei MS zu erkennen und Betroffenen Zugang zu geeigneten therapeutischen Interventionen zu ermöglichen.
MS in Beziehungen und Familien
MS kann Beziehungen und Familien auf vielfältige Weise beeinflussen. Die Krankheit kann zu Veränderungen in der Rollenverteilung, zu finanziellen Belastungen und zu emotionalen Herausforderungen führen. Es ist wichtig, dass Paare und Familien offen über ihre Bedürfnisse und Gefühle sprechen und gemeinsam nach Lösungen suchen.
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Angehörige sind nicht automatisch die Pfleger:innen, Betroffene nicht automatisch hilfsbedürftig. Darüber müssen wir reden. Auch für Sie als Menschen mit MS ist der Umgang mit Ihren Angehörigen vermutlich nicht immer einfach. Als erkrankte Person haben Sie aber nicht unbedingt eine schwierigere Position.
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, wie Angehörige Menschen mit MS unterstützen können:
- Praktische Hilfe: Unterstützung im Haushalt, bei der Körperpflege oder bei der Mobilität.
- Emotionale Unterstützung: Zuhören, Verständnis zeigen und Ermutigung geben.
- Informationen: Sich über MS informieren und die Bedürfnisse des Betroffenen verstehen.
- Gemeinsame Aktivitäten: Zeit miteinander verbringen, Hobbys teilen und soziale Kontakte pflegen.
- Unterstützung suchen: Selbst Hilfe suchen, wenn die Belastung zu groß wird.
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