Ein Hirntumor kann eine Vielzahl von Symptomen verursachen, darunter auch Gewichtszunahme. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Ursachen für Gewichtszunahme im Zusammenhang mit Hirntumoren, die begleitenden Symptome und die verfügbaren Behandlungsoptionen.
Einführung
Hirntumoren sind relativ seltene Erkrankungen, die sowohl Erwachsene als auch Kinder betreffen können. Sie entstehen durch unkontrolliertes Wachstum von Zellen im Gehirn oder Rückenmark. Die Symptome eines Hirntumors können vielfältig sein und hängen von der Größe, Lage und Art des Tumors ab. Gewichtszunahme kann ein unerwartetes, aber dennoch reales Symptom sein, das auf hormonelle Störungen oder andere Auswirkungen des Tumors zurückzuführen ist.
Ursachen für Gewichtszunahme bei Hirntumoren
Gewichtszunahme im Zusammenhang mit Hirntumoren kann verschiedene Ursachen haben:
Hypophysentumoren und hormonelle Störungen
Die Hypophyse, auch Hirnanhangsdrüse genannt, ist eine kleine, aber wichtige Drüse an der Schädelbasis, die Hormone produziert, welche zahlreiche Körperfunktionen steuern. Hypophysentumoren, meist gutartige Adenome, können diese Hormonproduktion stören und zu verschiedenen hormonellen Ungleichgewichten führen.
- Morbus Cushing: Ein hormonaktives Adenom, das vermehrt Corticotropin (ACTH) produziert, kann in den Nebennieren eine vermehrte Produktion von Cortisol auslösen. Dies führt zum Morbus Cushing, der mit Symptomen wie "Vollmondgesicht", "Stiernacken", Akne, ungewollter Gewichtszunahme, Depressionen, Wassereinlagerungen, Muskelschwäche und Knochenabbau einhergeht.
- Prolaktinome: Vermehrt Prolaktin freisetzende Adenome, sogenannte Prolaktinome, können bei Frauen zu einem Ausbleiben der Regelblutung (Amenorrhoe) und Milchfluss aus der Brust (Galaktorrhoe) führen.
- Akromegalie: Eine überschießende Wachstumshormonsekretion führt zur Akromegalie. Im Erwachsenenalter kommt es hierdurch zu einem Wachstum von Händen und Füßen sowie von Kinn, Nase und Kiefer. Problematisch ist eine Vergrößerung der inneren Organe.
- Hormoninaktive Adenome: Diese Tumoren können eine unzureichende Hormonproduktion bewirken und zu einer hormonellen Unterversorgung des Körpers bis hin zu einer kompletten Hypophyseninsuffizienz führen. Die Symptome sind unterschiedlich, je nachdem, wie viele und welche Hormone nicht mehr gebildet werden. Häufige Symptome sind Zyklusunregelmäßigkeiten, Impotenz, Müdigkeit, Abgeschlagenheit und Antriebsschwäche.
Kraniopharyngeome
Kraniopharyngeome sind seltene, gutartige Tumoren, die durch eine Fehlbildung während der Embryonalentwicklung im Bereich der Hirnanhangdrüse entstehen. Sie können auf die Hirnanhangdrüse und den Hypothalamus drücken und so zu Hormonstörungen führen, die Gewichtszunahme, Fresssucht und Fettleibigkeit (Adipositas) verursachen können.
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Schilddrüsenunterfunktion
Ein Mangel an TSH (Thyreoidea-stimulierendes Hormon), das von der Hypophyse produziert wird, kann eine Schilddrüsenunterfunktion auslösen, die mit Gewichtszunahme, Kälteintoleranz und Müdigkeit einhergeht.
Raumforderung im Gehirn
Stark wachsende Tumoren können auf benachbartes Hirngewebe drücken und dadurch zu Kopfschmerzen führen. Verlegt der Tumor dabei die Wege des Hirnwassers (Liquor), steigt der Hirndruck. Auch dadurch entstehen Kopfschmerzen, Übelkeit und Erbrechen.
Weitere Faktoren
- Medikamente: Einige Medikamente, die zur Behandlung von Hirntumoren oder deren Begleiterscheinungen eingesetzt werden, können Gewichtszunahme als Nebenwirkung haben. Beispielsweise kann Levetiracetam, ein Antiepileptikum, sowohl zu Gewichtsabnahme als auch zu Gewichtszunahme führen.
- Inaktivität: Hirntumoren und ihre Behandlung können zu Müdigkeit und eingeschränkter körperlicher Aktivität führen, was die Gewichtszunahme begünstigen kann.
- Ernährungsumstellung: Betroffene berichten von Appetitveränderungen und einer eingeschränkten Auswahl an Nahrungsmitteln, was zu einer unausgewogenen Ernährung und Gewichtszunahme führen kann.
Symptome im Zusammenhang mit Gewichtszunahme
Neben der Gewichtszunahme können im Zusammenhang mit Hirntumoren und hormonellen Störungen folgende Symptome auftreten:
- Hormonelle Störungen: Zyklusstörungen, Milchbildung ohne Stillen/Schwangerschaft (Galaktorrhoe), Libido-Verlust, Riesenwuchs (bei Kindern), unverhältnismäßiges Wachstum der Hände, Füße, des Kopfumfangs und einiger Weichteile im Gesicht (beispielsweise der Nase).
- Sehstörungen: Gesichtsfeldausfälle (typisch: bitemporale Hemianopsie), Doppelbilder, unterschiedliche Pupillenweiten.
- Neurologische Symptome: Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Krampfanfälle, Lähmungen der Glieder, Geruchsstörungen, psychische Veränderungen, Wesensveränderungen, Sprachprobleme.
- Allgemeine Symptome: Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Antriebsschwäche, Kälteintoleranz, Wassereinlagerungen, Muskelschwäche, Knochenbrüche.
Diagnose
Bei Verdacht auf einen Hirntumor und hormonelle Störungen werden verschiedene diagnostische Verfahren eingesetzt:
- Anamnese und körperliche Untersuchung: Die Ärztin oder der Arzt erfragt ausführlich die Symptome und erhebt die Krankengeschichte. Bei der körperlichen Untersuchung werden unter anderem die Fettverteilung und der Blutdruck beurteilt.
- Hormonuntersuchungen: Die entsprechenden Hypophysenhormone werden im Blut bestimmt. Da die Höhe dieser Steuerhormone auch von den Blutspiegeln der von ihnen stimulierten Drüsen abhängt, werden deren Werte oft gleich mitgemessen.
- Spezifische Hormontests:
- Glukosebelastungstest: Bei Verdacht auf ein somatotropes Adenom wird nach der Gabe von Glukose der Blutspiegel des Wachstumshormons gemessen. Bleibt der normalerweise messbare Abfall bei einer Überproduktion von Wachstumshormon aus, liegt ein Hinweis auf ein Adenom vor.
- Dexamethasontest: Bei Verdacht auf ein Cushing-Adenom nimmt die Patientin oder der Patient einmalig abends um 23:00 Uhr Dexamethason ein. Am nächsten Morgen um 8:00 Uhr wird Blut entnommen und der Cortisolwert bestimmt.
- Bildgebende Verfahren:
- Magnetresonanztomografie (MRT): Sie eignet sich am besten, um Größe und Lage der Hypophyse zu beurteilen und Mikroadenome detailliert darzustellen.
- Computertomographie (CT): Sie kann ebenfalls zur Beurteilung von Hirntumoren eingesetzt werden, ist aber in der Regel weniger detailliert als die MRT.
- Augenärztliche Untersuchung: Sie ist immer angezeigt, um Sehstörungen und Gesichtsfeldausfälle zu erkennen.
- Liquoruntersuchung: In manchen Fällen dient sie zum Ausschluss einer entzündlichen Erkrankung des Nervensystems.
Behandlungsmöglichkeiten
Die Behandlung von Hirntumoren und den damit verbundenen hormonellen Störungen ist individuell und hängt von der Art, Größe, Lage und Aggressivität des Tumors ab. Folgende Optionen stehen zur Verfügung:
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- Operation: Bei den meisten Hypophysenadenomen (außer beim Prolaktinom) ist die operative Entfernung des Tumors erforderlich. Das geschieht meist minimalinvasiv durch die Nase (transsphenoidaler Zugang), selten muss der Schädel eröffnet werden.
- Bestrahlung: Ist der Tumor schlecht erreichbar oder nicht vollständig zu entfernen, kommen die Bestrahlung oder radiochirurgische Verfahren zum Einsatz.
- Medikamentöse Therapie:
- Prolaktinome: Sie werden zunächst medikamentös mit Dopamin-D2-Agonisten wie Bromocriptin, Quinagolid oder Cabergolin behandelt. In den meisten Fällen verkleinert sich der Tumor und der Prolaktinspiegel im Blut normalisiert sich.
- Somatotrope Adenome: Medikamente können helfen, wenn sich ein somatotropes Adenom weder durch Operation noch Bestrahlung entfernen lässt. Sie können die Ausschüttung bzw. Wirkung des Wachstumshormons beeinflussen.
- Hormonersatztherapie: Durch die Entfernung oder Schrumpfung des Hypophysenadenoms kann es manchmal zu einer Hypophysenvorderlappen-Unterfunktion kommen. In diesen Fällen ermöglicht der Hormonersatz ein nahezu normales Leben.
- Protonentherapie: Bei Kraniopharyngeomen und anderen Hirntumoren hat sich die Protonentherapie als moderne und besonders schonende Verfahrensalternative etabliert. Sie ermöglicht eine sehr zielgenaue Bestrahlung des Tumors bei gleichzeitiger Schonung des umliegenden Gewebes.
Umgang mit Gewichtszunahme
Zusätzlich zu den medizinischen Behandlungen können folgende Maßnahmen helfen, mit der Gewichtszunahme umzugehen:
- Ernährungsberatung: Eine Ernährungsberatung kann helfen, eine ausgewogene Ernährung zu entwickeln, die den individuellen Bedürfnissen entspricht und einer weiteren Gewichtszunahme entgegenwirkt.
- Körperliche Aktivität: Regelmäßige Bewegung, angepasst an die individuellen Möglichkeiten, kann helfen, Kalorien zu verbrennen und Muskelmasse aufzubauen.
- Psychologische Unterstützung: Eine psychologische Beratung kann helfen, mit den emotionalen Belastungen umzugehen, die mit der Diagnose und Behandlung eines Hirntumors einhergehen.
- Magnesiumöl: Kann bei leichteren Ödemen helfen.
Langzeitprognose
Die Mehrheit der Hypophysenadenome ist heute gut behandelbar und hat eine positive Langzeitprognose. Dies gilt insbesondere, wenn der Tumor klein ist und sich gut abgrenzen und komplett entfernen lässt. Manchmal bleibt jedoch nach der Operation eine dauerhafte Hypophysenvorderlappen-Unterfunktion zurück. In diesen Fällen ermöglicht der Hormonersatz ein nahezu normales Leben. Auch Prolaktinome haben eine gute Prognose.
Wichtige Hinweise für Betroffene
- Notfallausweis mitführen: Patientinnen und Patienten, die an der Hypophyse operiert worden sind oder aufgrund ihres Hypophysenadenoms eine Hypophysenvorderlappen-Unterfunktion haben, sollten immer einen Notfallausweis mit sich führen.
- Ärzte informieren: Alle behandelnden Ärzte müssen darüber informiert werden, wenn die Patientin oder der Patient an einer Hypophysenerkrankung leidet.
- Regelmäßige Kontrolluntersuchungen: Hormoninaktive Tumoren, die kleiner als 1 cm sind, werden meist nur regelmäßig kontrolliert.
- Rehabilitation: Nach einer Operation am Gehirn folgt immer eine Phase der Erholung, in der Betroffene in der Regel als arbeitsunfähig gelten.
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