Die Klimakrise mit ihren zunehmenden Hitzewellen stellt eine wachsende Bedrohung für die menschliche Gesundheit dar. Neben den bekannten Folgen wie Hitzschlag und Dehydration rücken die Auswirkungen auf das Nervensystem und die Zunahme neurologischer Erkrankungen immer stärker in den Fokus. Eine Vielzahl von Studien belegt den Zusammenhang zwischen extremen Wetterereignissen und einem erhöhten Risiko für Schlaganfälle, Migräne, Multiple Sklerose und andere neurologische Leiden. Die Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit (KLUG) hat einen Leitfaden für Betroffene und Behandelnde zum Hitzeaktionstag am 5. Juni 2024 veröffentlicht.
Zunehmende Hitzeereignisse und neurologische Risiken
Der Sommer 2022 war der heißeste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen in Europa und forderte zehntausende hitzebedingte Todesfälle. Durch den Klimawandel treten heißere Sommer und starke Hitzephasen immer häufiger auf. Eine aktuell im „European Heart Journal“ publizierte Studie deutscher Neurologinnen und Neurologen kommt zu dem Schluss, dass aufgrund der zunehmenden nächtlichen Hitzeereignisse in unserem Breitengrad das Schlaganfallrisiko signifikant gestiegen ist.
Eine retrospektive Datenanalyse über 15 Jahre aus der Region Augsburg zeigt einen deutlichen Anstieg der Schlaganfallzahlen in Korrelation zum kontinuierlichen Temperaturanstieg. Gab es im Großraum Augsburg zwischen 2006 und 2012 jährlich zwei zusätzliche Schlaganfälle in Folge nächtlicher Hitzeereignisse, so waren es von 2013 bis 2020 jährlich bereits 33 zusätzliche Fälle. Die Hitzerekordjahre 2022 und 2023 waren in dieser Analyse noch nicht berücksichtigt.
Ursachen für das erhöhte Schlaganfallrisiko
Als Gründe für das höhere Schlaganfallrisiko bei hohen Nachttemperaturen führt ein Experte die nächtliche Dehydrierung der Patientinnen und Patienten und die Unterbrechung der normalen Schlafphysiologie und der zirkadianen Thermoregulation an. „Die Körpertemperatur hat einen tageszeitlichen Rhythmus mit Tiefstwerten gegen 4 Uhr morgens, der in tropischen Nächten durcheinandergeraten kann, - und jeder kennt es, dass man in Hitzenächten schlecht schläft, oft aufwacht und die erholsamen Tiefschlafphasen nicht erreicht.
Die Studie aus Augsburg verwendete den „hot night excess“ (HNE)-Index, um den nächtlichen „Hitzestress“ besser quantifizieren zu können. Der HNE-Index war zwischen 2006-2012 und 2013-2020 signifikant angestiegen, was vor allem an einem Anstieg von Hitzenächten lag (von 79 auf 82 Tage), während sich die mittleren Tagestemperaturen kaum unterschieden (14,5 vs. 14,8 Grad Celsius). Das kumulative Odds-Verhältnis, also die Differenz im Hinblick auf das Schlaganfall-Risiko, war in Hitzenächten signifikant erhöht. Das galt sowohl für ischämische Schlaganfälle als auch für transitorische ischämischen Attacken (sog. „Mini-Schlaganfälle“), nicht aber für Hirnblutungen (sog. hämorrhagische Schlaganfälle).
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Besonders aufschlussreich waren Subgruppenanalysen der Studie: Besonders gefährdet waren Frauen und Menschen über 65 Jahren.
Globale Perspektive
Eine chinesische Studie zeigt, dass der Klimawandel beziehungsweise suboptimale Temperaturen signifikant zu Todesfällen und Disability-Adjusted-Life-Years (DALY) aufgrund von Schlaganfällen beitragen könnten.
Weitere neurologische Erkrankungen im Fokus
Neben dem erhöhten Schlaganfallrisiko können Hitzewellen auch andere neurologische Erkrankungen verschlimmern oder deren Auftreten begünstigen.
Delir
Eine weitere hitzebedingte neurologische Komplikation ist das sogenannte Delir, ein vor allem im Alter häufig vorkommender Verwirrtheitszustand. Da im Alter das Durstgefühl oft nachlässt, kann dies an heißen Tagen aufgrund von Flüssigkeitsmangel zum Delir führen.
Migräne
Hitzewellen können die Häufigkeit von Migräneattacken erhöhen bzw. auslösen.
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Multiple Sklerose (MS)
Mehr als die Hälfte der Menschen mit MS erlebt eine Symptomverschlechterung bei Hitze, das sogenannte Uthoff-Phänomen. Ursache sind unvollständig abgeheilte Entzündungsherde im zentralen Nervensystem, die vor allem bei Hitze die Weiterleitung von Nervensignalen behindern.
Querschnittslähmung
Menschen mit Rückenmarksverletzungen und Querschnittslähmung sind nicht nur in ihrer Mobilität eingeschränkt, sondern leiden häufig auch unter einer eingeschränkten Temperaturregulation des Körpers. Zudem sind sie teilweise auf externe Geräte angewiesen.
Handlungsempfehlungen und Präventionsmaßnahmen
Angesichts der zunehmenden gesundheitlichen Risiken durch Hitze ist es wichtig, präventive Maßnahmen zu ergreifen und vulnerable Gruppen besonders zu schützen. Die Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit (KLUG) veröffentlicht zum Hitzeaktionstag am 5. Juni 2024 einen Leitfaden für Betroffene und Behandelnde, ein Vorhaben, das die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) unter anderem als Partnerin des Hitzeaktionstages ausdrücklich unterstützt. Darin enthaltende Maßnahmen sind u. a. die Vermeidung direkter Sonneneinstrahlung.
Prof. Dr. Peter Berlit, Pressesprecher und Generalsekretär der DGN, erklärt: „Wir freuen uns über diese öffentlich wirksame Aktion der Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit. Es ist wichtig, dass diese Maßnahmen in der Bevölkerung bekannt sind und insbesondere von vulnerablen Gruppe, z. B. ältere Menschen oder Menschen mit bestehenden neurologischen Erkrankungen, ernstgenommen werden. Die gesundheitliche Gefahr von Hitze wird heute immer noch unterschätzt.“
Die Rolle der Politik
Nach Ansicht von DGN-Generalsekretär Prof. Peter Berlit ist nun die Politik am Zug. „Die vorliegende internationale Datenlage ist sehr eindrücklich, nun auch ergänzt um Daten aus Deutschland. Und wir müssen uns nach zwei Extrem-Sommern auf weitere Hitzejahre und tropische Nächte einstellen.
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Klimawandel als Ursache bekämpfen
Es ist wichtig, nicht nur die Symptome zu behandeln, sondern auch die Ursache - den Klimawandel - zu bekämpfen.
Dr. Ameli Breuer, Vorstandsmitglied und Sprecherin der AG Neurologie von KLUG, erklärt: „Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, über die erheblichen gesundheitlichen Auswirkungen der Klimakrise aufzuklären und die Gesundheitsberufe zu befähigen, Akteurinnen und Akteure der notwendigen Transformation hin zu einer klimaneutralen Gesellschaft zu werden, in der wir gesund leben können. Denn die Gesundheit der Menschen hängt von der Gesundheit der Ökosysteme ab. Wir freuen uns, mit der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) eine der größten Fachgesellschaften als Partnerin gewonnen zu haben.“
Neurowissenschaftliche Perspektive
Die Neurowissenschaftlerin Maren Urner, Autorin des Bestsellers "Radikal emotional - wie Gefühle Politik machen", erklärt, warum es uns schwerfällt, langfristig zu denken und zu handeln, wenn es um den Klimawandel geht: "Unser Gehirn ist nicht besonders gut darin, langfristig zu denken und zu planen". Es fällt uns "unheimlich schwer, komplexe Zusammenhänge, die sich über einen langen Zeitraum entwickeln, zu verstehen beziehungsweise dafür zu sorgen, dass wir unser Verhalten ändern".
Die Vielzahl an Krisen, die Hinwendung zu vermeintlich einfachen Antworten und Beharrungskräfte tragen dazu bei, dass der Klimaschutz in den Hintergrund tritt. Falsche Belohnungsmechanismen im Politik-Betrieb unterstützen zudem die Kurzfristigkeit im Denken und Handeln.
Optimismus und Handlungsbereitschaft
Gleichwohl bleibt Urner optimistisch, was die Chancen angeht, von dieser "kollektiven Selbstzerstörung" wegzukommen. "Wenn ich davon nicht überzeugt wäre, dann könnte ich mich nicht motivieren, morgens aufzustehen", sagt sie. Zentral sei, "sich aktiv hoffend dafür einzusetzen, dass es besser wird".