Ginkgo Biloba und Demenz: Dosierung, Studien und Evidenz

Demenz ist ein Oberbegriff für verschiedene Erkrankungen, die mit einem Nachlassen der geistigen Leistungsfähigkeit einhergehen. Sie betrifft vor allem ältere Menschen und äußert sich durch Gedächtnisprobleme, Orientierungsschwierigkeiten und Denkstörungen. Die Veränderungen im Gehirn beginnen oft Jahre bevor die ersten Symptome auftreten. Neben verschiedenen Medikamenten wird auch Ginkgo biloba zur Behandlung von Demenz eingesetzt. Zudem wird untersucht, ob Ginkgo biloba auch zur Vorbeugung von Demenz eingesetzt werden kann. Dieser Artikel beleuchtet die aktuelle Studienlage zur Wirksamkeit und Dosierung von Ginkgo biloba bei Demenz.

Ginkgo Biloba: Ein Überblick

Ginkgo biloba ist eine Heilpflanze aus der Familie der Ginkgogewächse und wird unter anderem als Antidementivum eingesetzt. Der Extrakt aus den Blättern des Ginkgobaumes enthält ein komplexes Gemisch von Flavonolen, Flavonglykosiden und Flavonen, dessen Heilkräfte seit Jahrtausenden geschätzt werden. Ginkgo-Präparate gehören heute zu den am häufigsten verwendeten Phytopharmaka zur Vorbeugung von altersassoziierten Störungen der Gedächtnisleistung. Zu den vermuteten Wirkungsmechanismen zählen eine zerebrale Gefäßerweiterung, eine Minderung der Blutviskosität, antioxidative Effekte auf freie Sauerstoffradikale und eine Beeinflussung des Neurotransmittersystems. Darüber hinaus konnte G. biloba in einigen In-vitro-Studien die an der Entstehung von Alzheimer-Demenz beteiligte Ablagerung von Amyloid beta verhindern.

Ginkgo Biloba Extrakt EGb 761

Ginkgo biloba-Extrakt EGb 761 ist ein geschützter Extrakt der Dr. Willmar Schwabe GmbH & Co. Genau diese Standardisierung wurde in den wirksamkeitsprüfenden Studien eingesetzt. Studien mit Ginkgo biloba schlossen meist gemischte Gruppen aus Menschen mit Alzheimer-Demenz, gemischter Demenz und vaskulärer Demenz im leichten bis mittleren Schweregrad ein.

Studien zur Demenzprävention mit Ginkgo Biloba

Die Forschung zur präventiven Wirkung von Ginkgo biloba bei Demenz ist von gemischten Ergebnissen geprägt.

Die GEM-Studie

Eine der bisher größten klinischen Studien zur Wirksamkeit von Ginkgo biloba-Extrakten ist die Ginkgo-Evaluation-of-Memory-(GEM-)Studie, eine randomisierte doppelblinde Studie, die zwischen 2000 und 2008 an mehreren akademischen Zentren in den USA durchgeführt wurde. Ursprünglich war die Studie geplant für eine Dauer von 5 Jahren, sie wurde aber verlängert, da die Entwicklung der Demenz zu Studienbeginn geringer war als angenommen. Primärer Endpunkt der Studie war die Inzidenz von Demenz (alle Arten von Demenz und Alzheimer-Demenz), sekundärer Endpunkt war unter anderem geistiger Abbau und das Risiko kardiovaskulärer Ereignisse; die Ergebnisse zur Demenz-Prävention wurden 2008 veröffentlicht, und vor kurzem wurden auch die Auswertungen der sekundären Endpunkte publiziert.

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An der Studie nahmen insgesamt 3069 Senioren zwischen 72 und 96 Jahren (im Mittel 79,1 Jahre) mit normalen kognitiven Fähigkeiten oder leichten Beeinträchtigungen (Mild cognitive impairment, MCI) teil. Sie erhielten zweimal täglich eine Tablette mit entweder 120 mg des Ginkgo-Spezialextraktes EGb761 (n=1545) oder Plazebo (n=1524). Gemessen wurden die Veränderungen der Hirnleistung mit der modifizierten Mini-Mental-Status-Examination (3MSE), der Fremdbeurteilungsskala CDR (Clinical dementia rating), der kognitiven Subskala der Alzheimer’s Disease Assessment Scale (ADAS-Cog) und mit verschiedenen neuropsychologischen Tests. Letztere umfassten Gedächtnisleistungen, räumliche Orientierung, Sprachvermögen, Konzentrationsfähigkeit und „exekutive Funktionen“ (höhere geistige Leistungen).

Über eine mittlere Beobachtungszeit von 6,1 Jahren konnte keine Wirksamkeit von G. biloba in der Prävention oder Verzögerung von Demenz bei alten Menschen festgestellt werden. Auch die Auswertung des sekundären Endpunkts Prävention geistigen Abbaus lieferte ähnliche Ergebnisse: Weder die Veränderung der Gehirnfunktion insgesamt noch einzelne Teilbereiche wurden durch die Einnahme des Ginkgo-Extrakts beeinflusst. Die Auswertung des anderen sekundären Endpunkts (Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse) ergab keine Veränderung in der Mortalität aufgrund kardiovaskulärer Ereignisse. Die Inzidenz von Herzinfarkt, Angina pectoris und Insult war in beiden Gruppen gleich. In der Ginkgo-biloba-Gruppe waren mehr hämorrhagische Insulte als unter Plazebo, jedoch weniger Zwischenfälle durch periphere Gefäßerkrankungen.

Die Ergebnisse zur Hirnleistung stimmen überein mit einer Metaanalyse der Cochrane Collaboration von 2009 zur Wirksamkeit von Ginkgo-Extrakt bei Demenz und nachlassender geistiger Leistungsfähigkeit, bei der in 35 klinischen Studien keine oder unzureichende Effekte von Ginkgo-Präparaten festgestellt wurden.

Es sollte allerdings nicht unerwähnt bleiben, dass die Therapietreue über die Studiendauer stark nachließ. So nahmen zum Studienende nur noch 60,3% der Teilnehmer die Studienmedikation ein, wobei sich Verum- und Plazebo-Gruppe kaum unterschieden. Die statistische Auswertung erfolgte in der Intention-to-treat-Population, das heißt, die Ergebnisse aller Teilnehmer, die mindestens eine Dosis erhalten hatten, wurden ausgewertet.

Weitere Studien zur Prävention

Eine weitere, ähnlich große 5-Jahres-Studie (GuidAge-Studie) läuft zurzeit in Frankreich, diese untersucht ebenfalls die Wirkung von Ginkgo in der Prävention der Alzheimer-Demenz.

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Eine randomisiert-kontrollierte Studie (RCT) untersuchte ebenfalls, ob Ginkgo biloba das Auftreten von Demenz verhindern kann. An der Studie nahmen Personen ab 75 Jahren teil. Die Ergebnisse zeigen, dass Ginkgo biloba bei Menschen ab 75 Jahren keinen Einfluss auf das spätere Auftreten von Demenz hat. Die Einnahme von Ginkgo biloba hatte keine schweren schädlichen Folgen für die Gesundheit.

Einschränkungen der Ergebnisse

Eventuell ist der Zeitraum, in dem die Teilnehmenden beobachtet wurden, zu kurz, um mögliche Auswirkungen von Ginkgo biloba festzustellen. In der Studie wurden Personen untersucht, die keine geistigen Einschränkungen hatten. Am Ende der Studie nahmen nur noch 60 Prozent der Teilnehmenden Ginkgo biloba oder das Scheinmedikament ein. Dadurch wird die Wirkung von Ginkgo biloba sowohl hinsichtlich Nutzen als auch Schaden möglicherweise geringfügig unterschätzt.

Zusammenfassend zur Prävention

Große, langfristige RCTs (GEM; GuidAge) mit 240 mg/Tag fanden keine Senkung der Demenzinzidenz. Zur Vorbeugung von Demenz bringt Ginkgo keinen belegten Nutzen. Ginkgo ist keine Vorbeugung.

Studien zur Behandlung von Demenz mit Ginkgo Biloba

Im Gegensatz zur Prävention zeigen einige Studien positive Effekte von Ginkgo biloba bei der Behandlung von Demenzsymptomen.

Meta-Analysen und RCTs

Eine Metaanalyse (9 Studien, 2.561 Personen) zeigte signifikante Effekte auf Kognition und Alltagsfunktionen für Ginkgo biloba EGb 761 im Vergleich zu Placebo. Die Effekte waren in der Subgruppe der Menschen mit Alzheimer-Demenz ähnlich stark wie in den Subgruppen mit gemischter und vaskulärer Demenz. Eine vor kurzem publizierte Meta-Analyse bestätigte einen günstigen Effekt von Ginkgo biloba EGb 761 auf kognitive Funktionen und Alltagskompetenz bei einer leichten kognitiven Störung (MCI). In dieser Analyse (9 Studien, 946 Patienten) wurden die heute angewendeten formelleren Kriterien zur Diagnostik einer leichten kognitiven Störung (MCI) retrospektiv angewendet. Mehrere 22-26‑Wochen‑RCTs und Meta‑Analysen mit dem standardisierten Extrakt EGb 761 (meist 240 mg/Tag) zeigen moderate symptomatische Verbesserungen (Kognition, ADL, globaler Eindruck, BPSD) vs. Placebo bei leichter bis mittelgradiger Demenz.

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Ergebnisse des IQWiG

Patientinnen und Patienten mit Alzheimer Demenz können von ginkgohaltigen Präparaten profitieren, sofern sie diese in einer hohen Dosierung einnehmen. Für das Therapieziel "Aktivitäten des täglichen Lebens" ist das durch Studien belegt. Was kognitive Fähigkeiten, allgemeine psychopathologische Begleitsymptome sowie die Lebensqualität der betreuenden Angehörigen betrifft, gibt es zumindest Hinweise auf einen Nutzen. Allerdings gibt es auch Studien, in denen kein Nutzen durch Ginkgo nachweisbar war, so dass letztlich unklar bleibt, wie groß der Effekt ist. Zu diesem Ergebnis kommt der am 21. November veröffentlichte Abschlussbericht des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG).

Insbesondere in zwei Studien aus der Ukraine fand das IQWiG Belege, dass Alzheimer-Patienten alltägliche Verrichtungen leichter fallen, wenn sie Ginkgo biloba in einer hohen Dosis von 240 mg pro Tag einnehmen. Auch auf ihr Erinnerungsvermögen und auf ihre psychische Verfassung könnten sich die Medikamente positiv auswirken. Zudem scheinen Angehörige weniger emotionalen Stress aushalten zu müssen. Allerdings gibt es hierfür keine Belege, sondern lediglich Hinweise. Wie groß all diese möglichen Effekte sind, bleibt offen. Das liegt vor allem daran, dass die Ergebnisse in einzelnen Studien sehr uneinheitlich ausfielen.

Dosierung und Therapieempfehlungen

Die deutsche S3‑Leitlinie „Demenzen“ ist seit 2023 als Living Guideline verfügbar und wurde 2025 aktualisiert; deutsche medizinische Sekundärquellen berichten EGb 761 (240 mg/Tag) als Therapieoption bei leichter bis mittelgradiger Demenz. Die EMA stuft Ginkgo‑Blätter‑Extrakte für „age‑related cognitive impairment“ und Lebensqualität bei milder Demenz als „well‑established use“ ein. Als Therapie sind die Effekte moderat, teils alltagsrelevant.

Die S3-Leitlinie Demenzen empfiehlt Ginkgo biloba EGb 761 in einer Dosis von 240 mg täglich zur Behandlung der Kognition und Alltagsfunktionen bei Patienten mit leichter bis mittelgradiger Alzheimer-Demenz oder vaskulärer Demenz mit nicht psychotischen Verhaltenssymptomen.

Zusammenfassend zur Behandlung

Ja - symptomatisch, in moderater Stärke, wenn ein standardisierter Extrakt (EGb 761) in ausreichender Dosis (meist 240 mg/Tag) über 22-26 Wochen eingesetzt wird. Die Evidenz umfasst Alzheimer‑, vaskuläre und gemischte Demenz; Subgruppen zeigen konsistent gleiche Wirkungsrichtung.

Sicherheit und Nebenwirkungen

Ginkgo‑Arzneiextrakte gelten insgesamt als gut verträglich. Häufig berichtete Nebenwirkungen sind Kopfschmerzen oder milde gastrointestinale Beschwerden. Labels warnen vor möglicher Blutungsneigung: Vorsicht bei gleichzeitiger Einnahme von Antikoagulanzien/Thrombozytenaggregationshemmern; vor Operationen absetzen; in der Schwangerschaft meiden. Die EMA nennt Blutungen (z. B. Auge, Nase, Gehirn, GI‑Trakt) als potenzielles Risiko; deutsche Produktinfos listen Interaktionen (z. B. mit Phenprocoumon/Warfarin, Clopidogrel, ASS; mögliche CYP‑Interaktionen) und Schwangerschaft als Gegenanzeige. Meist gut verträglich, aber Blutungsrisiko prüfen - besonders bei Blutverdünnern und vor Eingriffen. Vor dem Start: Medikamentenliste mit Arzt/Apotheker durchgehen (Antikoagulanzien/Thrombozytenhemmer, NSAR, geplante Eingriffe); Schwangerschaft vermeiden; ungewöhnliche Blutergüsse/Blutungen direkt melden.

In einer Studie wurde ebenfalls untersucht, ob die vorbeugende Einnahme von Ginkgo biloba der Gesundheit schaden kann. Man prüfte dabei vor allem, ob die tägliche Einnahme Gingko biloba zu schweren Blutungen führen kann. Allerdings kam es in beiden Gruppen gleich häufig zu Blutungen. In einem Zeitraum von sechs Jahren traten bei 9 von 100 Männern und Frauen schwere Blutungen auf - egal, ob sie Gingko biloba eingenommen hatten oder nicht.

Qualität und Auswahl von Ginkgo-Präparaten

Nur pharmazeutische, standardisierte Extrakte (z. B. EGb 761) entsprechen der Studienlage; Nahrungsergänzungen schwanken stark in Gehalt/Reinheit. Achten Sie auf die Nennung eines standardisierten Extrakts wie EGb 761 und bevorzugen Sie zugelassene Arzneimittel aus der Apotheke. Arzneimittel mit Zulassung erfüllen die Vorgaben konsistent, Nahrungsergänzungen häufig nicht.

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