Ginkgo Biloba und Demenzprävention: Eine umfassende Analyse der Wirksamkeit

Demenz ist ein Sammelbegriff für verschiedene Erkrankungen, die mit einem Nachlassen der geistigen Leistungsfähigkeit einhergehen und vor allem ältere Menschen betreffen. Die Alzheimer-Demenz ist nicht heilbar, aber es gibt Medikamente und andere Maßnahmen, die die Symptome lindern und das Fortschreiten der Erkrankung verlangsamen können. Zu den eingesetzten Medikamenten gehören Cholinesterasehemmer, Memantin und das pflanzliche Arzneimittel Ginkgo biloba. Ginkgo biloba wird aus den Blättern des Ginkgo-Baumes gewonnen und ist rezeptfrei erhältlich. Ob Ginkgo biloba zur Vorbeugung von Demenz eingesetzt werden kann, ist Gegenstand aktueller Forschung.

Was ist Ginkgo Biloba?

Ginkgo (Ginkgo biloba) ist eine Baumart, die ursprünglich aus China stammt und heute weltweit angebaut wird. In Ostasien wird der Baum wegen seiner essbaren Samen und als Tempelbaum kultiviert. Ginkgo biloba gehört zu den am intensivsten untersuchten Heilpflanzen. Seit etwa 50 Jahren gibt es verschiedene zugelassene pflanzliche Arzneimittel, die gegen Demenz, Schwindel, Gedächtnisstörungen und Ohrengeräusche (Tinnitus) angewendet werden.

Inhaltsstoffe von Ginkgo

Die Angabe "Ginkgo-Extrakt" bei einem Nahrungsergänzungsmittel ist nicht definiert und gibt keine Auskunft darüber, welcher Teil der Pflanze genutzt und wie dieser gewonnen wird. Die wichtigsten Wirkstoffe in den Blattextrakten sind sekundäre Pflanzenstoffe wie Flavonoide, Terpenoide, Sitosterine und Anthocyane. Für die Herstellung eines Arznei-Extraktes aus Ginkgo-Blättern (Ginkgo-biloba-Trockenextrakt) gibt es im Europäischen Arzneibuch genaue Vorschriften, die den Anteil der wirksamen Inhaltsstoffe (Flavonglykoside, Quercetin, Kämpferol sowie Terpenlaktone) und eine Obergrenze für die unerwünschte Ginkgolsäure (5 ppm) festlegen. Für Lebensmittel und Nahrungsergänzungsmittel mit Ginkgo gibt es keine standardisierte Zusammensetzung.

Studien zur Wirksamkeit von Ginkgo bei Demenz

Ginkgo-Evaluation-of-Memory-(GEM-)Studie

Eine der bisher größten klinischen Studien zur Wirksamkeit von Ginkgo biloba-Extrakten ist die Ginkgo-Evaluation-of-Memory-(GEM-)Studie, eine randomisierte doppelblinde Studie, die zwischen 2000 und 2008 an mehreren akademischen Zentren in den USA durchgeführt wurde. Studienteilnehmer waren 3069 Senioren zwischen 72 und 96 Jahren (im Mittel 79,1 Jahre) mit normalen kognitiven Fähigkeiten oder leichten Beeinträchtigungen (Mild cognitive impairment, MCI). Sie erhielten zweimal täglich eine Tablette mit entweder 120 mg des Ginkgo-Spezialextraktes EGb761 (n=1545) oder Plazebo (n=1524).

Gemessen wurden die Veränderungen der Hirnleistung mit der modifizierten Mini-Mental-Status-Examination (3MSE), der Fremdbeurteilungsskala CDR (Clinical dementia rating), der kognitiven Subskala der Alzheimer’s Disease Assessment Scale (ADAS-Cog) und mit verschiedenen neuropsychologischen Tests. Über eine mittlere Beobachtungszeit von 6,1 Jahren konnte keine Wirksamkeit von G. biloba in der Prävention oder Verzögerung von Demenz bei alten Menschen festgestellt werden. Auch die Auswertung des sekundären Endpunkts Prävention geistigen Abbaus lieferte ähnliche Ergebnisse: Weder die Veränderung der Gehirnfunktion insgesamt noch einzelne Teilbereiche wurden durch die Einnahme des Ginkgo-Extrakts beeinflusst.

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Die Auswertung des anderen sekundären Endpunkts (Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse) ergab keine Veränderung in der Mortalität aufgrund kardiovaskulärer Ereignisse. Die Inzidenz von Herzinfarkt, Angina pectoris und Insult war in beiden Gruppen gleich. In der Ginkgo-biloba-Gruppe waren mehr hämorrhagische Insulte als unter Plazebo, jedoch weniger Zwischenfälle durch periphere Gefäßerkrankungen.

Weitere Studien und Metaanalysen

Die Ergebnisse zur Hirnleistung stimmen überein mit einer Metaanalyse der Cochrane Collaboration von 2009 zur Wirksamkeit von Ginkgo-Extrakt bei Demenz und nachlassender geistiger Leistungsfähigkeit, bei der in 35 klinischen Studien keine oder unzureichende Effekte von Ginkgo-Präparaten festgestellt wurden.

Allerdings sollte nicht unerwähnt bleiben, dass die Therapietreue über die Studiendauer stark nachließ. So nahmen zum Studienende nur noch 60,3% der Teilnehmer die Studienmedikation ein, wobei sich Verum- und Plazebo-Gruppe kaum unterschieden.

Eine weitere, ähnlich große 5-Jahres-Studie (GuidAge-Studie) läuft zurzeit in Frankreich, diese untersucht ebenfalls die Wirkung von Ginkgo in der Prävention der Alzheimer-Demenz.

Aktuelle retrospektive Kohortenstudie

Eine aktuelle retrospektive Kohortenstudie aus dem deutschen Versorgungsalltag zeigt, dass die Verschreibung von Extrakten aus Ginkgo biloba das Fortschreiten einer Demenz verlangsamen kann. In der Erhebung wurden Daten von 4765 Patienten mit leichter oder mittelschwerer Demenz analysiert. Die Studie nutzte Daten aus einer großen, für deutsche Haus- und Fachärzte repräsentativen Gesundheitsdatenbank. Eingeschlossen wurden Patient:innen, die zwischen Januar 2005 und Dezember 2022 erstmals mit milder oder moderater Demenz diagnostiziert wurden. Ziel war es, das Fortschreiten der Demenz bei Patienten mit und ohne Ginkgo-Verschreibung über einen Zeitraum von bis zu zehn Jahren zu vergleichen.

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Die Analyse ergab, dass das Fortschreiten der Demenz in der Ginkgo-Gruppe bei 12,7 Prozent lag, während es in der Vergleichsgruppe ohne Ginkgo bei 22,1 Prozent lag. Damit war das Fortschreiten in der Ginkgo-Gruppe langsamer, und der Unterschied zwischen den Gruppen war statistisch signifikant. Eine Cox-Regression ergab eine Hazard Ratio von 0,50, was bedeutet, dass das Risiko des Fortschreitens der Demenz in der Ginkgo-Verschreibungsgruppe um die Hälfte verringert wurde.

Die Rolle von EGb 761

Die Ergebnisse der Kohortenstudie stützen sich auch auf den spezifischen Ginkgo-Extrakt EGb 761, der in verschiedenen internationalen Leitlinien als empfohlene Therapieoption für Patienten mit leichter bis mittelschwerer Demenz genannt wird. EGb 761 ist ein standardisierter Trockenextrakt aus Ginkgo-Blättern, dessen Wirksamkeit in zahlreichen klinischen Studien belegt wurde. Frühere Studien haben die neuroprotektiven Eigenschaften dieses Extrakts dokumentiert, und es wurde nachgewiesen, dass EGb 761 das Fortschreiten der Demenz in mehreren kognitiven Bereichen verlangsamen kann. Systematische Übersichtsarbeiten bestätigten, dass der spezifische Extrakt in der Behandlung von leichter bis mittelschwerer Demenz hinsichtlich kognitiver Funktionen, Aktivitäten des täglichen Lebens und dem allgemeinen Zustand einem Placebo überlegen ist.

Ginkgo bei Alzheimer-Demenz

Ginkgo biloba könnte einigen Menschen mit Alzheimer-Krankheit helfen, den Alltag besser zu bewältigen. In verschiedenen systematischen Übersichtsarbeiten wurde untersucht, ob ginkgohaltige Präparate die Beschwerden von Menschen mit Alzheimer-Demenz lindern können. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Studien erhielten entweder Ginkgo, ein Scheinpräparat (Placebo) oder ein anderes Medikament. In den Studien wurde in erster Linie ein bestimmtes Ginkgo-Präparat mit dem Extrakt EGb 761 untersucht. Die geprüften Dosierungen lagen zwischen 60 mg und 600 mg pro Tag. Die meisten Teilnehmerinnen und Teilnehmer hatten eine leichte bis mittelschwere Alzheimer-Demenz. Die insgesamt etwa 60 Studien liefen über maximal ein Jahr.

Die Studien zeigten, dass sich bei den Teilnehmenden, die den Ginkgo-Extrakt in höherer Dosierung (240 mg pro Tag) einnahmen, die Gedächtnisleistung verbessern kann. Zudem konnten sie alltägliche Tätigkeiten wie Haushaltsarbeiten oder die eigene Körperpflege zumindest vorübergehend wieder etwas besser bewältigen. Diese Wirkungen zeigten sich jedoch von Studie zu Studie unterschiedlich stark. Daher lässt sich nicht eindeutig sagen, bei wie vielen Menschen Ginkgo tatsächlich wirkt und wie bedeutsam dieser Effekt ist. In der Dosierung von 120 mg pro Tag zeigte der Ginkgo-Extrakt keine eindeutige Wirkung auf die Alzheimer-Symptome. Die Studien geben auch Hinweise, dass sich psychische Symptome lindern könnten. Die Anwendung des Mittels verringerte anscheinend auch die emotionale Belastung der Angehörigen.

Nebenwirkungen und Wechselwirkungen

Nebenwirkungen zeigten sich bei den Teilnehmenden, die Ginkgo-Präparate nahmen, nicht häufiger als bei denen, die ein Scheinmedikament erhielten. Dennoch brachen mehr Personen die Ginkgo-Einnahme wegen Nebenwirkungen ab als in der Vergleichsgruppe. Möglich sind beispielsweise Magenprobleme oder Kopfschmerzen. Es ist nicht auszuschließen, dass Ginkgo-Präparate Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln haben können. So wird vermutet, dass Ginkgo die Wirkung gerinnungshemmender Medikamente verstärken kann - dazu gehören zum Beispiel ASS (Acetylsalicylsäure) und Warfarin.

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Erstattung in Deutschland

In Deutschland sind Medikamente mit Ginkgo biloba-Extrakt rezeptfrei erhältlich. Für die Kostenübernahme durch private und gesetzliche Krankenkassen ist jedoch eine ärztliche Verschreibung erforderlich. Diese Verschreibung ist an die Diagnose einer Demenzerkrankung gebunden, und nach 12 Wochen muss eine erneute Bewertung des Behandlungserfolgs erfolgen, um die weitere Erstattung zu gewährleisten.

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