Die Suche nach wirksamen Behandlungsmethoden für Alzheimer ist ein zentrales Anliegen der medizinischen Forschung. Angesichts der steigenden Zahl von Demenzerkrankungen weltweit rücken alternative und natürliche Therapieansätze zunehmend in den Fokus. Ginseng, eine in der traditionellen chinesischen Medizin seit Jahrtausenden verwendete Heilpflanze, wird dabei aufgrund ihrer potenziellen neuroprotektiven Eigenschaften intensiv untersucht. Dieser Artikel beleuchtet die aktuelle Forschungslage zur Wirkung von Ginseng bei Alzheimer und gibt einen Überblick über die potenziellen Vorteile und Einschränkungen dieser Therapieform.
Was ist Ginseng?
Ginseng (Panax Ginseng C. A. Meyer) ist eine Araliengewächs, das traditionell zur Steigerung der Vitalität, Stärkung des Nervensystems und Förderung der Hormonproduktion eingesetzt wird. Ihm werden auch blutzucker- und cholesterinsenkende sowie krankheitsresistenzsteigernde Eigenschaften zugeschrieben. Die Ginsengpflanze stammt aus den Bergwäldern Chinas und Koreas. Von der Heilpflanze ist einzig die Wurzel arzneilich verwendbar. Ginsengwurzeln sind ein wichtiger Bestandteil der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM). Chinesische Heilkundige nutzten Ginseng, um die Lebensenergie „Qi“’ zu aktivieren und ihre Patienten zu stärken.
Die Inhaltsstoffe und ihre potenzielle Wirkung
Die pharmakologisch relevanten Inhaltsstoffe der Ginsengwurzel sind die Ginsenoside, spezielle Triterpensaponine. Der Gehalt an Ginsenosiden ist ausschlaggebend für die pharmakologische Wirksamkeit.
Die Carstens-Stiftung Natur und Medizin e.V. bezieht sich auf eine Bewertung der WHO, welche dem Ginseng einen positiven Einfluss in Krankheitsphasen und während der Rekonvaleszenz zuschreibt. Ginseng sei in der Lage, Begleitsymptome wie Müdigkeit, Erschöpfung und physische Schwächezustände zu lindern. Die Fachleute der Carstens-Stiftung konstatieren darüber hinaus eine Beeinflussung des Immunsystems durch Ginsengextrakte.
Ginseng in der Alzheimer-Forschung
Der Rote Ginseng, der einen besonders hohen Anteil an wertvollen Ginsenosiden aufweist, steht wegen seiner potenziellen neuroprotektiven Eigenschaften ebenfalls im Fokus der Alzheimer-Forschung. Bei längerer Einnahme (3 Monate und länger) der zermahlenen Wurzeln des Weißen oder Roten Ginseng zeigte sich bei Patienten mit einer Alzheimer-Erkrankung eine signifikante Verbesserung ihrer kognitiven Leistungen.
Lesen Sie auch: Ginseng und kognitive Funktion
Aktuelle Forschungsergebnisse
Ein koreanisches Forschungsteam entdeckte im vergangenen Jahr, dass Rhizolutin im Tierversuch die für die Alzheimer-Krankheit charakteristischen Proteinzusammenlagerungen um Nervenzellen auflösen kann.
Wissenschaftler der Nationaluniversität Seoul um Yun Kwon kultivierten Bakterien auf einem Nährboden, der mit Ginseng-Pulver angereichert wurde, um den Naturstoff Rhizolutin detailliert untersuchen zu können. Die Wurzelmikroben erzeugten so zehnmal mehr Rhizolutin als in der Natur. Es war so möglich, die chemische Struktur von Rhizolutin zu analysieren. Der dabei beobachtete Aufbau des Rhizolutin-Moleküles aus drei verknüpften Ringen, die von einem sieben- und einem sechsgliedrigen Ring umgeben sind, war zuvor in der Wissenschaft unbekannt.
Um ihre These zu überprüfen, führten die Wissenschaftler Experimente mit Zellkulturen aus menschlichen Neuronen und Gliazellen und mit unter Alzheimer leidenden Mäusen durch. Laut Kwon „führte die Behandlung der Mäuse mit Rhizolutin zu einer signifikanten Auflösung von Proteinplaques im Hippocampus der Tiere.“ Dabei löste der Naturstoff sowohl die Tauproteine als auch die Amyloid-Plaques. Die Wissenschaftler konstatieren daher, dass „ihre Ergebnisse belegen, dass diese einzigartige chemische Verbindung sowohl die Amyloid-Plaques als auch die Tau-Proteine angreift.“ Eine Computersimulation zeigt, dass Rhizolutin sehr wahrscheinlich in das fehlgefalteten Proteine über dessen wasserabweisende Bereiche eindringt und die Klumpen von innen auflöst. Der Wirkung ist damit vergleichbar mit einer Immuntherapie, die bereits in einigen klinischen Studien mit Menschen Erfolge zeigte.
Collinolacton: Eine verwandte Substanz
Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung von Professorin Stephanie Grond vom Institut für Organische Chemie der Universität Tübingen fand heraus, dass der aus Bodenbakterien isolierte Naturstoff Collinolacton im Laborversuch künstlich verursachten Stress auf Nervenzellen reduziert und sie dadurch vor Schäden schützt, wie sie bei neurodegenerativen Erkrankungen auftreten. Das Team wies zudem nach, dass das Molekül Collinolacton in seiner chemischen Struktur identisch ist mit dem Stoff Rhizolutin, der aus Bakterien an den Wurzeln der asiatischen Heilpflanze Ginseng isoliert wurde.
Die Forscherinnen und Forscher der Chemie stellten von Collinolacton chemische Abkömmlinge her und veränderten verschiedene Seitengruppen an der Grundstruktur. All diese Stoffe wurden im Labor auf ihren Einfluss auf künstlich in Stress versetzte Nervenzellen getestet. „Nur der unveränderte Naturstoff Collinolacton hatte die schützende Wirkung auf Nervenzellen“, berichtet Grond. Diese sei ganz unabhängig zu sehen von der zuvor belegten Wirkung des Rhizolutins, welches in Labor- und Tierversuchen die bei der Alzheimer-Krankheit typischen Plaques auflösen konnte. Nach Einschätzung des Forschungsteams lassen sich diese Ergebnisse gleichsetzen für Collinolacton. „Beide Eigenschaften zusammen machen Collinolacton interessant als Stoffkandidaten für die Entwicklung von Alzheimer-Medikamenten“, sagt die Forscherin. Denn die Tierversuche mit Rhizolutin hätten bereits ergeben, dass der Stoff ins Säugerhirn gelangen und dort seine Wirkung bei den Nervenzellen entfalten kann.
Lesen Sie auch: Die Vorteile von Ginseng für das Gehirn
Einschränkungen und Kritik
Es ist wichtig zu beachten, dass viele in Mäuseversuchen erfolgreiche Mittel sich dann doch als beim Menschen unwirksam erweisen. Ob Rhizolutin sich tatsächlich für die Behandlung von Alzheimer beim Menschen eignet, wurde durch die Studie allerdings noch nicht geklärt.
Das HMPC (Committee on Herbal Medicinal Products) der Europäischen Arzneimittelbehörde EMA (European Medicines Agency) kommt zum Schluss, dass Ginsengwurzel aufgrund der über viele Jahre hinweg erprobten Anwendung zur Behandlung von Müdigkeit und Schwäche eingesetzt werden kann. Zubereitungen aus Ginsengwurzel sollten gemäß EMA-Empfehlung ausschließlich von Erwachsenen und maximal drei Monate unterbrechungsfrei eingenommen werden. Obgleich mögliche günstige Auswirkungen beobachtet wurden, verhinderten Mängel im Studienablauf und widersprüchliche Resultate das Ziehen solider Schlussfolgerungen hinsichtlich des Nutzens für die Behandlung von Müdigkeit und Schwächezuständen.
Dr. rer. medic. Berling-Aumann empfiehlt, Extrakte aus Ginseng nicht länger als drei Monate unterbrechungsfrei sowie maximal 10 mg pro Tag einzunehmen. Sie begründet ihre Empfehlung mit fehlenden Langzeitstudien.
Weitere pflanzliche Mittel mit Potenzial
Neben Ginseng gibt es auch andere pflanzliche Mittel, die in der Alzheimer-Forschung untersucht werden:
- Ginkgo Biloba: Insbesondere der standardisierte Extrakt EGb 761 zeigt in einer Hochdosis von 240 mg einen Nutzen hinsichtlich der Aktivitäten des täglichen Lebens und eine Tendenz einer Wirkung auf die kognitive Leistung und begleitende Psychopathologien der Demenz.
- Salbei: Salvia officinalis (Echter Salbei) und Salvia lavendulaefolia (Spanischer Salbei) könnten sich als unterstützend bei leichter bis moderater Alzheimer-Erkrankung erweisen.
- Curcuma: In Laborversuchen hemmte Curcuma die Anhäufung von Beta-Amyloid- und Tau-Proteinen in Neuronen.
- Safran: Zeigte in einer Doppelblindstudie eine ähnliche Wirksamkeit wie Memantin, ein bei Alzheimer-Erkrankungen häufig eingesetzter Standardwirkstoff.
- Huperzin A: Ein Alkaloid der Pflanze Huperzia serrata, das in China schon lang als Arzneimittel im Rahmen der Traditionellen Chinesischen Medizin erhältlich ist und die kognitive Leistung von Alzheimer-Demenz und vaskulärer Demenz verbessern kann.
- Grüner Tee: Eine japanische Studie zeigte, dass das Risiko für Teilnehmer, die regelmäßig grünen Tee tranken, geringer war als für die Kaffee- und Schwarzteetrinker.
Lesen Sie auch: Ginseng: Hoffnung bei Parkinson-Erkrankung