Gleichgewichtsnerv-Erkrankungen: Häufigkeit, Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten

Schwindel ist ein weit verbreitetes Symptom, das viele Menschen betrifft. Jährlich erkrankt rund einer von zehn Menschen neu an Schwindel, was ihn zu einem der häufigsten Krankheitssymptome macht. Die Bandbreite an Schwindelformen und ihren Auslösern ist groß. Obwohl nicht jeder Schwindel gefährlich ist, sollten die Ursachen immer abgeklärt werden, da manchmal auch schwerwiegende oder sogar lebensbedrohliche Krankheiten dahinterstecken können. Oft suchen Betroffene den Grund für ihren Schwindel in der Halswirbelsäule (HWS), aber die meisten Schwindelerkrankungen haben ihre Ursache nicht hier. Richtig behandelt, verbessern sich viele Schwindelerkrankungen deutlich oder werden komplett geheilt. Wichtig ist, dass zunächst eine korrekte Diagnose mittels einer fachgerechten klinischen Untersuchung gestellt wird.

Arten von Schwindel

Die erste Frage lautet dabei: Handelt es sich um Dreh- oder Schwankschwindel? Mit Drehschwindel ist das Gefühl gemeint, wenn man sich schnell dreht und danach versucht, geradeaus zu laufen. Ein ähnliches Gefühl stellt sich auf einem schnell drehenden Karussell ein. Anders ist der Schwankschwindel. Er bezeichnet ein Gefühl wie auf einem schwankenden Schiff. Man hat Schwierigkeiten, auf den Beinen sicher zu laufen, aber die Unsicherheit geht nicht in eine bestimmte Richtung. Tritt der Schwindel akut auf, sind die Ursachen oft eher neurologischer Art, also im Gehirn zu finden.

Viele Betroffene finden es schwierig, zwischen Dreh- und Schwankschwindel zu unterscheiden. Zielführender für die Diagnose ist der zeitliche Verlauf der Schwindelsymptome.

  • Akut auftretender, anhaltender Dreh- oder Schwankschwindel: Das spricht für einen Ausfall oder eine Entzündung eines Gleichgewichtsnerven. Auch infrage kommt eine Durchblutungsstörung in den Gleichgewichtszentren des Hirnstammes oder Kleinhirns. Das kann zum Beispiel der Fall nach einem Schlaganfall sein.
  • Wiederholte Schwindelanfälle mit Auslöser: Sie sprechen zum Beispiel für einen gutartigen Lagerungsschwindel, wenn sie durch Lagewechsel ausgelöst werden.
  • Wiederholte Schwindelanfälle ohne Auslöser: Dabei kann es sich um eine vorübergehende Durchblutungsstörung nach einem „Mini-Schlaganfall“ (TIA) in den Gleichgewichtszentren des Gehirns handeln.

Funktioneller Schwindel

Am häufigsten leiden Betroffene unter einem sogenannten funktionellen Schwindel. Auslöser ist oft eine organische Erkrankung im Gleichgewichtssystem, die ursprünglich Schwindel auslöste. Das kann zum Beispiel ein Lagerungsschwindel oder eine Entzündung des Gleichgewichtsnerven sein. Mitunter bleiben Schwindelbeschwerden dann bestehen, auch wenn die Krankheit ausgeheilt ist. Der Grund für den funktionellen Schwindel ist im Gehirn zu suchen: Macht der Schwindel Betroffenen sehr zu schaffen, kann schon die Angst vor einer nächsten Attacke erneuten Schwindel auslösen. „Dieser Teufelskreis verfestigt sich dann unabhängig von körperlichen Ursachen“, sagt Prof. Dr. Wolfgang Heide, Chefarzt der Neurologie am Allgemeinen Krankenhaus Celle. Besonders hoch ist die Gefahr für die Entwicklung eines funktionellen Schwindels, wenn der Schwindel plötzlich auftritt oder seine Ursachen den Betroffenen nicht klar sind. Das verunsichert und fördert, dass der Schwindel immer wiederkommt und bestehen bleibt. Der Grund: Betroffene vermeiden oft alles, was Schwindel auslöst. Ist der Gleichgewichtssinn aus dem Lot, werden aktive Kopf- oder Körperbewegungen vom Gehirn falsch vorausberechnet. Es gibt zudem weitere psychische Risikofaktoren, die zu einem funktionellen Schwindel beitragen können.

Behandlung des funktionellen Schwindels

Zur Behandlung des funktionellen Schwindels sollte eine spezielle Physiotherapie, eine sogenannte vestibuläre Rehabilitation, einzeln oder zusammen mit einer Verhaltens-Psychotherapie erfolgen. Bei der Psychotherapie steht zunächst im Vordergrund, über das Krankheitsbild aufzuklären. Dann geht es darum, Ursachen wie zum Beispiel Ängste mit verhaltenstherapeutischer Hilfe zu überwinden. Diese Art der Physiotherapie umfasst ein systematisches Training, in dem man das Gleichgewicht durch ständige Bewegungsreize schult. „Es wird quasi neu kalibriert“, erklärt der Celler Schwindel-Experte Heide. Das geschieht zunächst nur mittels Augenbewegungen, dann mit Kopfbewegungen und danach mit Balance-Übungen. Möglich ist das Training alleine oder mit therapeutischer Begleitung. Ein wichtiger Baustein der vestibulären Rehabilitation ist ein Desensibilisierungs-Training. Hier konfrontieren Betroffene sich gezielt und angeleitet mit Schwindel auslösenden Bedingungen und Bewegungen. Dabei konzentrieren sie sich mit dem Blick auf räumlich stabile Bezugspunkte (etwa Türrahmen, Wände, Bäume, Fensterrahmen) und halten sich quasi optisch daran fest.

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Gutartiger Lagerungsschwindel

Andere Schwindelleiden sind vorrangig körperlicher Natur. Bei fast jedem fünften Fall handelt es sich um einen gutartigen Lagerungsschwindel, der komplett heilbar ist. Hier tritt plötzlich starker Drehschwindel auf, ausgelöst durch Kopf- und Körperbewegungen. Bei Ruhe klingt der Schwindel nach 10 bis 20 Sekunden wieder ab. Der Lagerungsschwindel ist auf Probleme mit dem Gleichgewichtsorgan im Innenohr zurückzuführen. Dort befinden sich Sinneszellen, die mit winzigen, leicht beweglichen Kalksteinchen verbunden sind. Zusammen erfassen sie, ob und wie der Kopf gedreht wird. Die Ohrsteinchen können sich jedoch lösen und die Sinneszellen bei gewissen Körperbewegungen oder ‑positionen zusätzlich reizen. „Die Behandlung liegt dann auf der Hand“, sagt Schwindel-Fachmann Heide. Das losgelöste Steinchen muss aus dem sogenannten Bogengang des Gleichgewichtsorgans entfernt werden. In der Praxis geschieht das durch ein sogenanntes Befreiungsmanöver.

Die Symptome des Lagerungsschwindels sind charakteristisch und treten häufig plötzlich auf, vor allem nach Lageänderungen des Kopfes. Zu den häufigsten Symptomen gehören:

  • Plötzlicher Drehschwindel, oft ausgelöst durch Lageänderungen wie Hinlegen oder Aufstehen
  • Gefühl, dass sich die Umgebung dreht oder kippt
  • Übelkeit, manchmal begleitet von Erbrechen
  • Unsicherheit beim Gehen und Stehen
  • Anhaltender Schwankschwindel nach der akuten Schwindelepisode
  • Kurze Dauer der Schwindelattacken, meist nur einige Sekunden bis maximal eine Minute

Lagerungsschwindel, auch bekannt als Benigner paroxysmaler Lagerungsschwindel (BPLS), ist die häufigste Form von Schwindel, die durch bestimmte Kopfbewegungen ausgelöst wird. Etwa 20 % der Schwindelpatienten in HNO-Praxen leiden unter dieser Schwindelart. Studien zeigen, dass etwa 2,4 % der Bevölkerung mindestens einmal im Leben vom Lagerungsschwindel betroffen sind, wobei die Häufigkeit im Alter steigt. Besonders Menschen über 40 Jahre sind häufig betroffen.

Der Lagerungsschwindel entsteht, wenn sich kleine Kalziumkristalle (die sog. Otolithen) in das Gleichgewichtsorgan im Innenohr verschieben. Diese Kristalle gelangen in die Bogengänge des Innenohrs und reagieren dort auf bestimmte Bewegungen des Kopfes. Dadurch wird ein unangemessener Reiz an das Gleichgewichtssystem gesendet, der den Schwindel auslöst. Ursachen für die Verschiebung der Kristalle können unter anderem Kopfverletzungen, Entzündungen des Innenohrs oder altersbedingte Veränderungen sein. In vielen Fällen tritt der Lagerungsschwindel aber auch spontan ohne erkennbare Ursache auf.

Verschiedene Übungen können helfen, die Otolithen zurück in ihre ursprüngliche Position zu bewegen und den Schwindel zu lindern. Wirksame Lagerungsschwindel-Übungen sind:

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  • Epley-Manöver: Der Patient sitzt auf einer Liege und dreht den Kopf um 45 Grad zur betroffenen Seite. Anschließend legt er sich schnell auf den Rücken und bleibt etwa 30 Sekunden in dieser Position. Danach dreht er den Kopf um 90 Grad zur anderen Seite und bleibt erneut 30 Sekunden liegen, bevor er sich auf die Seite dreht. Schließlich setzt er sich auf.
  • Brandt-Daroff-Übungen: Diese Übungen können bequem zu Hause durchgeführt werden. Der Patient setzt sich auf die Bettkante und legt sich dann seitlich hin, wobei der Kopf leicht nach oben gerichtet ist. Nach 30 Sekunden richtet er sich auf und wiederholt die Übung auf der anderen Seite.
  • Semont-Manöver: Bei dieser Übung setzt sich der Patient auf eine Liege, dreht den Kopf um 45 Grad und legt sich schnell zur Seite, bleibt etwa 30 Sekunden in dieser Position und wechselt dann zügig zur anderen Seite.

Die Dauer einer Lagerungsschwindel-Episode variiert. Einzelne Schwindelattacken dauern meist nur wenige Sekunden bis maximal eine Minute. In der Regel verschwinden die Beschwerden innerhalb von wenigen Tagen bis Wochen, insbesondere wenn die oben genannten Übungen regelmäßig durchgeführt werden.

Lagerungsschwindel kann in zwei Formen auftreten: gutartig (benigne) und bösartig (maligne). Der häufigste ist der gutartige Lagerungsschwindel (BPLS), der in der Regel durch die Verschiebung von Kalziumkristallen im Innenohr verursacht wird. Bei BPLS treten die Schwindelanfälle kurz und heftig auf, sind aber harmlos und verschwinden oft nach einigen Tagen. Bösartiger Lagerungsschwindel, auch als zentraler Lagerungsschwindel bezeichnet, ist hingegen seltener und hat schwerwiegendere Ursachen. Er kann durch neurologische Erkrankungen wie Schlaganfälle, Multiple Sklerose oder Tumoren im Bereich des Hirnstamms verursacht werden. Hierbei treten die Schwindelattacken oft länger und intensiver auf, und sie gehen häufig mit weiteren Symptomen wie Doppelbildern, Taubheitsgefühlen oder Koordinationsstörungen einher. Die Unterscheidung zwischen bösartigem und gutartigem Lagerungsschwindel ist wichtig, da eine ernsthafte neurologische Erkrankung sofortige ärztliche Hilfe erfordert.

Akute unilaterale Vestibulopathie (AUVP)

Bei anhaltendem Drehschwindel können auch Durchblutungsstörungen oder eine virale Entzündung des Gleichgewichtsnerven vorliegen (akute unilaterale Vestibulopathie - AUVP). Weitere Symptome sind dabei starke Übelkeit, Erbrechen, Augenzittern und Fallneigung zur betroffenen Seite. Für diese Fälle gibt es in der Akutphase wirksame Medikamente. Bei der AUVP kommt es innerhalb von ein bis zwei Wochen zum Stillstand der Beschwerden.

Schlaganfall

Schwere Schwindelattacken können auch auf einen Schlaganfall im Hirnstamm oder Kleinhirn hinweisen. Daher sollte man sich bei akut auftretendem Dreh- oder Schwankschwindel unmittelbar ärztlich untersuchen lassen. Schlaganfälle hinterlassen oft Restfolgen für den Gleichgewichtssinn, die sich aber durch konsequentes Training minimieren lassen.

Vestibuläre Migräne

Ein Teil der Menschen mit Migräne erlebt Schwindelanfälle als Symptom, auch Schwindelmigräne (vestibuläre Migräne) genannt. Sie führt zu immer wieder auftretenden Schwindelanfällen und Hörstörungen über einige Stunden hinweg. Schwindelmigräne ist meist heilbar. Ihre Frequenz und Schwere können durch Medikamente positiv beeinflusst werden.

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Allgemeine Empfehlungen

Viele Menschen mit Schwindelerkrankungen haben einen hohen Leidensdruck und sind im Alltag deutlich beeinträchtigt. Doch meist lässt sich zeitnah eine gute Lebensqualität wiederherstellen. Ein übergreifendes Therapieziel ist, dass Betroffene nicht anfangen, die Auslöser des Schwindels zu vermeiden, sondern ihn wie beschrieben behandeln lassen. Sogenannte Schwindel-Medikamente können diesem Prozess und somit der Symptomlinderung sogar im Wege stehen.

Wichtig ist zunächst, die Beschwerden genau zu beobachten. Wie äußern sich die Schwindelgefühle konkret? Wie lange dauert die Attacke? Treten leichtere Schwindelanfälle gehäuft auf, ist es „oftmals sinnvoll, ein Schwindeltagebuch zu führen,“ sagt der Celler Schwindel-Experte Heide. Gut sind auch körperliche Aktivitäten und Sportarten mit schnellen Bewegungen, wie Turnen, Ballspiele oder Tanzen. Zwar führen die Bewegungsreize vorübergehend zu vermehrtem Schwindel. Das Führen eines Kfz ist beim akuten Schwindel nicht gestattet, die Dauer des Fahrverbots hängt von der jeweiligen Erkrankung ab. Spezialisierte Zentren für seltene oder komplizierte Schwindeldiagnosen gibt es an einigen Universitätskliniken.

Wann sollte man einen Arzt aufsuchen?

Hat der Schwindel akut begonnen oder ist er sehr einschränkend? Dann kann es sinnvoll sein, sich rasch in eine Notaufnahme zu begeben.

Neuritis Vestibularis

Die Neuritis vestibularis ist eine Entzündung des Nervs, der vom Gleichgewichtsorgan im Innenohr zum Gehirn verläuft. Bei einer Entzündung des Nervs werden die Impulse (Signale) gestört, die durch den Nerv geleitet werden. Diese gestörten Signale kann das Gehirn nicht wie üblich verarbeiten. Dadurch hat die betroffene Person das Gefühl eines Drehschwindels, der Gang wird unsicher.

Symptome

Klassischerweise kommt es zu einem Drehschwindel, bei dem sich die Umgebung zu drehen scheint, zu einer Fallneigung in Richtung der betroffenen Seite und Übelkeit, fast immer begleitet von Erbrechen. Unfreiwillige Bewegungen der Augen können sichtbar sein (Nystagmus). Die Augen gleiten dabei zur gesunden Seite hin und springen dann wieder zurück. Das Gehör ist bei der Entzündung des Gleichgewichtsnervs nicht beeinträchtigt. Die akute Symptomatik dauert selten länger als ein paar Tage, manchmal bis zu ein paar Wochen.

Ursachen

Die genaue Ursache ist nicht bekannt. Es wird vermutet, dass die Erkrankung durch die Aktivierung eines Virus ausgelöst wird, den die meisten Menschen im Körper haben (Herpes-simplex-Virus), was zu einer Entzündung des Gleichgewichtsnervs (N. vestibularis) führt. Dies wiederum verursacht eine vorübergehende Störung der Nervensignale zwischen dem Gleichgewichtsorgan im Innenohr und dem Gleichgewichtszentrum im Gehirn.

Häufigkeit

International treten etwa 13,6 Fälle pro 100.000 Einw. auf. Neuritis vestibularis ist die dritthäufigste Ursache für einen zuordenbaren Drehschwindel nach dem gutartigen Lagerungsschwindel und M. Menière.

Diagnose

Die Schilderung der typischen Symptome akuter Schwindel, Übelkeit und Fallneigung zu der betroffenen Seite sind wegweisend für die Diagnose. Es können unwillkürliche Augenbewegungen (Nystagmus) beobachtet werden. Eine körperliche Untersuchung inklusive neurologischer Befunderhebung wird durchgeführt, ebenso eine Untersuchung der Gehörgänge und des Trommelfells. Das Hörvermögen muss bei HNO-Ärzt*innen durch einen Hörtest abgeklärt werden, dort erfolgen auch ggf. weitere Tests. Bei einer Neuritis vestibularis ist das Hörvermögen normal. Andere Ursachen für einen Schwindel müssen ausgeschlossen werden, insbesondere ein Schlaganfall. Dafür sind teilweise zusätzliche Untersuchungen notwendig.

Mögliche weitere Ursachen

  • Gutartiger Lagerungsschwindel
  • Morbus Menière
  • Labyrinthitis
  • Akustikusneurinom
  • Hörsturz
  • Verletzungen
  • Schwindel durch Medikamente
  • Multiple Sklerose
  • Migräne

Eine Krankenhauseinweisung kann notwendig sein bei:

  • akutem Pflegebedarf
  • starker Übelkeit und Erbrechen
  • Sturzneigung und fehlender häuslicher Versorgungsmöglichkeit

Behandlungsziele

  • Symptomlinderung
  • Verkürzung des Krankheitsverlaufs und
  • Verhindern von bleibenden Folgen

Therapie

In den ersten Tagen kann die Gabe von Antiemetika (Medikamente gegen Übelkeit) und Antiverginosa (Medikamente gegen Schwindel) in Kombination mit Kortison sinnvoll sein. Anschließend ist es wichtig, frühzeitig ein Rehabilitationsprogramm zu beginnen:

  • Mobilisierung mit Schulung der Gleichgewichtsfunktion im Stehen und Gehen auf ebenen und unebenen Flächen
  • Training der Fähigkeiten zur Blickfixierung

Diese Aktivitäten verursachen zu Beginn erhöhtes Unwohlsein und Müdigkeit, werden aber auf längere Sicht die Symptome reduzieren, die Funktionsfähigkeit verbessern und zu einer schnelleren Heilung beitragen. Manche Patient*innen benötigen eine besondere physiotherapeutische oder gleichgewichtstherapeutische Verlaufskontrolle.

Prognose

Die Prognose ist im Allgemeinen sehr gut, die meisten Patientinnen erhalten ihren normalen Gleichgewichtssinn zurück. Die Mehrzahl der Patientinnen hat 1-2 Tage starke Beschwerden mit anschließend allmählicher Besserung.

Diagnostik von Schwindelbeschwerden

Jede Schwindeldiagnostik sollte mit einer ausführlichen Anamnese beginnen. Im Rahmen der Anamnese sollten die vier Hauptkategorien: Art des Schwindels, Zeitdauer des Schwindels, modulierende Faktoren und zusätzliche Faktoren erfasst werden. Nach Abfragen der wichtigsten Schwindelsymptome ist eine Einordnung des Schwindels meist schon gut möglich.

Art des Schwindels

Der Charakter des Schwindels kann drehend oder schwankend sein. Ein drehender Charakter spricht eher für eine peripher vestibuläre Genese des Schwindels. Des Weiteren unterscheidet man eine Gangunsicherheit (mit klarem Kopf) und eine Benommenheit vom Dreh- bzw. Schwankschwindel.

Zeitdauer Schwindel

Ein Schwindel kann je nach Ursache des Schwindels Sekunden, Minuten, Stunden oder Tage bzw. länger als Tage anhalten.

Modulierende Faktoren

Bei einer Schwindelerkrankung können je nach Ursache des Schwindels verschiedene modulierende Faktoren auftreten, wie beispielsweise das Auftreten des Schwindels nur beim Laufen, bei bestimmten Kopfbewegungen (Rotation, Retroflexion), beim Aufrichten des Körpers, körperlicher Anstrengung oder Heben/Arbeiten mit den Armen oberhalb des Kopfes. Zudem kann auch eine neue Brille zum Auftreten von Schwindel führen. Auch Medikamenteneinnahme (v.a. Antihypertensiva, Sedativa, Antiarrhythmika oder NSAR) oder bedeutende Lebensveränderungen können modulierend auf Schwindelbeschwerden wirken. Auch Hungerperioden bei Diabetikern können modulierende Faktoren für Schwindel sein.

Zusätzliche Symptome

Zusätzlich zum Schwindel können je nach Ätiologie des Schwindels weitere Symptome auftreten, die im Rahmen der Anamnese abgefragt werden müssen. Dazu zählen beispielweise Erbrechen, Hörstörungen, Schmerzen (Otalgie) oder Druckgefühl im Ohr, Gefühllosigkeit oder Brennen in den Beinen, Sehstörungen, Tachykardie und ängstliche oder traurige Stimmung.

Klinische Untersuchung bei Schwindel allgemein

Die Leitlinie bezieht sich auf die hausärztliche Untersuchung und empfiehlt die Erhebung eines allgemeinen Status des Patienten, eine Beurteilung der Kreislaufsituation inklusive der Messung des Blutdrucks sowie eine Herzauskultation. Es sollte auf Zeichen der Herzinsuffizienz und Stauung geachtet werden. Der Hausarzt sollte zudem eine Untersuchung der Halswirbelsäule durchführen. Auch eine klinisch-neurologische Untersuchung sollte bei dem Leitsymptom Schwindel erfolgen. Diese sollte mindestens die Erhebung eines Reflexstatus, eine Sensibilitätsprüfung an den Beinen sowie die Durchführung eines Romberg Stehversuchs und Unterberg Tretversuchs enthalten. Auch sollte überprüft werden, ob der Patient in der Lage ist eine Diadochokinese und den Finger-Nase Versuch und Knie-Hacken Versuch durchzuführen. Eine HNO-ärztliche Untersuchung sollte neben der Spiegeluntersuchung gemäß der Leitlinie eine Untersuchung auf einen Nystagmus einschließlich einer Lagerungs-Provokation enthalten. Zudem sollte ein horizontaler Kopfimpulstest durchgeführt werden.

Der Kopfimpulstest ist ein klinischer Funktionstest, der den vestibulo-okulären Reflex (VOR) überprüft. Ist dieser pathologisch spricht dies mit hoher Wahrscheinlichkeit für eine peripher vestibuläre Ursache des Schwindels. Der Patient kann dann auf Grund des einseitig reduzierten VOR bei Fixation die Blickrichtung während passiver, rascher Kopfbewegung in Richtung der betroffenen Seite nicht halten. Die Augen bewegen sich zusammen mit dem Kopf vom Ziel weg. Durch das retinale Fehlsignal wird dann eine Korrektursakkade, eine sogenannte catch-up Sakkade, ausgelöst.

Das Vestibularorgan

Das Vestibularorgan, ein Bestandteil des Innenohrs, ist wesentlich für die Wahrnehmung von Beschleunigungen und die Bestimmung der Richtung der Erdanziehungskraft. Es besteht aus drei Bogengängen und den beiden Maculaorganen (Sacculus und Utriculus). Maculaorgane: Sacculus und Utriculus sind für die Erfassung der linearen Beschleunigung und der Schwerkraft zuständig. Die gewonnenen Sinnesinformationen werden über den VIII. Hirnnerven (Nervus vestibulocochlearis) zu den Vestibulariskernen im Hirnstamm geleitet, wo sie verarbeitet und integriert werden, um das Gleichgewicht und die räumliche Orientierung zu steuern. Vestibulariskerne: Diese befinden sich im Hirnstamm und sind entscheidend für die Verarbeitung und Integration der Informationen aus dem Vestibularorgan.

Häufigkeit verschiedener Schwindelformen

  • Vestibuläre Migräne / Basilarismigräne (ICD-10-GM G43.1) - Schwindel ist dabei Teilsymptom der Migräne; 11,4 %
  • Benigner (gutartiger) paroxysmaler (anfallsartig auftretend) Schwindel (ICD-10-GM H81.1) bzw. Schwankschwindel
  • Morbus Menière: Männer sind häufiger betroffen als Frauen.
  • Neuritis vestibularis: Tritt vorwiegend zwischen dem 30. und 60. Lebensjahr auf.
  • Morbus Menière: Tritt vorwiegend zwischen dem 40. und 60. Lebensjahr auf.
  • Allgemeiner Schwindel: Betrifft etwa ein Viertel der Bevölkerung in Deutschland.
  • Lebenszeitprävalenz von mittelschwerem und schwerem Schwindel: Liegt bei bis zu 30 %. Über 65-Jährige erleben in ca. 50 % der Fälle Schwindel.
  • Dreh- und Schwankschwindel: Lebenszeitprävalenz liegt bei ca. 7 %.

Weitere Ursachen und Risikofaktoren

Es gibt zahlreiche weitere Faktoren, die Schwindel auslösen oder begünstigen können:

  • Medikamente: Viele Medikamente können als Nebenwirkung Schwindel verursachen. Besonders ältere Menschen, die oft mehrere Medikamente gleichzeitig einnehmen (Multimedikation), sind gefährdet.
  • Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Niedriger Blutdruck oder Herzrhythmusstörungen können zu Schwindel führen.
  • Neurologische Erkrankungen: Neben Schlaganfällen und Multipler Sklerose können auch andere neurologische Erkrankungen Schwindel verursachen.
  • Psychische Faktoren: Angst, Depressionen und Stress können Schwindel verstärken oder sogar auslösen.
  • Alkoholkonsum: Alkohol kann das Gleichgewichtsorgan beeinträchtigen und Schwindel verursachen.
  • Flüssigkeitsmangel: Dehydration kann zu niedrigem Blutdruck und Schwindel führen.
  • Eisenmangel: Eisenmangel kann ebenfalls Schwindel verursachen.
  • Hormonelle Veränderungen: Frauen in den Wechseljahren klagen häufig über Schwindel.
  • Reisekrankheit: Bewegung im Auto, Flugzeug oder Schiff kann bei manchen Menschen Schwindel und Übelkeit auslösen.

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