Das menschliche Streben nach Glück ist so alt wie die Menschheit selbst. Philosophen, Schriftsteller und Wissenschaftler haben sich seit jeher mit der Frage auseinandergesetzt, was Glück eigentlich ist und wie es entsteht. Während Sigmund Freud das Glück nüchtern als "episodisches Phänomen, das der plötzlichen Befriedigung aufgestauter Bedürfnisse entspringt" definierte, suchte die moderne Wissenschaft in den kleinsten Nervenspalten nach den Molekülen, die uns Glück empfinden lassen.
Die Biochemie des Glücks: Ein Zusammenspiel von Gehirn und Hormonen
Um Glücksgefühle zu erzeugen, müssen Gehirn und Hormone zusammenspielen. Psychophysiologen ordnen das Gefühl den primären oder unwillkürlichen Emotionen des Menschen zu, wie Freude, Trauer, Furcht, Wut, Überraschung und Ekel. Diese angeborenen Reaktionsmuster laufen in allen Kulturen gleich ab. Eine Emotion unterscheidet sich jedoch von einer Stimmung: Während eine Stimmung stunden- oder tagelang anhalten kann, dauern primäre Emotionen nur wenige Sekunden.
Ein wichtiges Merkmal einer "echten" Emotion ist ein veränderter Gesichtsausdruck. Ob feines Lächeln oder lauthalses Lachen - beide Muskelbewegungen sind den Menschen weltweit als Ausdruck von Freude und Glücklichsein angeboren. Ein "gezwungenes" Lachen unterscheidet sich jedoch grundlegend von einem Lachen, das von Herzen kommt. Denn das herzliche Lachen benutzt andere Nerven und andere Muskelgruppen: Beim gekünstelten Lachen lacht nicht das ganze Gesicht - es ist auf die linke Gesichtsseite konzentriert. Außerdem lachen die Augen nicht mit, und Neurologen können beim echten Lachen eine verstärkte elektrische Aktivität in einer bestimmten Gehirnregion messen, die beim gestellten Lachen fehlt.
Das limbische System: Das Zentrum der Gefühle im Gehirn
Das echte Lachen wies den Wissenschaftlern den ersten Pfad durch das Dickicht der etwa 20 Milliarden Nervenzellen des Gehirns zum mutmaßlichen Sitz der Gefühle, dem limbischen System. Dieses ringförmige Gebiet am Boden der Großhirnrinde entwickelte sich schon bei den frühen Säugetieren vor etwa 150 Millionen Jahren. Alle Hirnregionen sind direkt oder indirekt mit dem limbischen System verschaltet.
Das eigentliche Zentrum der Emotionen im limbischen System scheint eine Gruppe von Nervenzellen zu sein, die sich zu einem mandelförmigen Gebilde zusammengeschlossen haben, dem Mandelkern (Amygdala). Wenn man den Mandelkern beim Menschen elektrisch stimuliert, erzeugt das starke Emotionen wie Lust und Euphorie, aber auch Furcht und Angst. Mit der Positronenemissionstomographie (PET) konnte man feststellen, dass noch ein weiterer Bestandteil des limbischen Systems für unsere Emotionen verantwortlich ist: der Hippocampus.
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Gemütsmoleküle: Die Rolle von Neurotransmittern
Welche nervösen, biochemischen und genetischen Abläufe dazu führen, dass ein Mensch Glück empfindet, haben die Wissenschaftler in den letzten zwei Jahrzehnten gleichsam durch die Hintertür erforscht, indem sie die Depression studierten. Beim Empfinden spielen Gemütsmoleküle eine bedeutende Rolle, Signalstoffe, die zu den Neurotransmittern gehören. Neurotransmitter sind Substanzen, die chemische Brücken zwischen den Nervenzellen schlagen.
Als Glücksboten gelten vor allem die Neurotransmitter Serotonin und Dopamin. Sie bilden zusammen mit Adrenalin und Noradrenalin die Substanzklasse der Monoamine, die alle daran beteiligt sind, für eine gute Stimmung zu sorgen. Der Freudenbringer Serotonin etwa wird von Nervenzellen aus dem Eiweißbaustein Tryptophan hergestellt, das natürlicher Bestandteil vieler Nahrungsmittel ist. Das blutzuckerregulierende Hormon Insulin veranlasst dann, dass Tryptophan von der Nervenzelle aufgenommen wird. Dies könnte erklären, warum es manchen Menschen in düsterer Stimmung nach Süßem gelüstet: Dem Körper wird Zucker zugeführt, die Bauchspeicheldrüse stellt Insulin bereit. Der Zuckerregulator fördert quasi nebenbei die Aufnahme von Tryptophan durch die Nervenzelle. Die Folge: Der Serotoninspiegel steigt, die Stimmung hellt sich auf.
Im Gehirn von krankhaft Depressiven dagegen wird chronisch zu wenig Serotonin produziert. Dagegen helfen Medikamente, die den Mangel von Serotonin und anderer Monoamine mildern, die sogenannten Monoamin-Oxidase-Hemmer: Sie sorgen dafür, dass die im Gehirn vorhandenen Monoamine verzögert abgebaut werden und so ihre Wirkung länger entfalten können. Manche Forscher nehmen deshalb an, dass der Mangel an Noradrenalin im Gehirn die wichtigste biochemische Ursache für die Depression ist.
Auf eine stimmungsdämpfende Veränderung der Serotonin-Balance durch Lichtmangel führen Wissenschaftler auch die saisonabhängige Depression "SAD" zurück, die in dunklen Wintermonaten rund sechs Prozent der Bundesbürger die Fähigkeit raubt, Glück zu empfinden. Geborene Frohnaturen dagegen bringen weder Lichtmangel noch schicksalschwer sich ansammelnde Jahre aus dem seelischen Gleichgewicht: Wissenschaftler haben in deren Gehirn eine große Zahl von Aufnahmestellen für den Neurotransmitter Dopamin gefunden. Ein erhöhter Dopamin-Spiegel ist verbunden mit einem glücklichen Leben.
Neben den Monoaminen wird auch den Endorphinen - ebenfalls chemische Stimulanzien des Gehirns - eine maßgebliche Rolle für das Empfinden von Freude und Glück zugeschrieben. Ihr Name leitet sich von der Bezeichnung "endogenes morphiumähnliches Molekül" ab. Besonders viele Rezeptoren für die stimmungsfördernden Endorphine hat das limbische System und dort vor allem das mutmaßliche Glückszentrum, die Amygdala. Im limbischen System findet sich auch besonders häufig der Botenstoff Oxytozin, ein Nerveneiweiß, das in der Evolution erst mit der Entwicklung der Säugetiere auftritt. Aber auch beim Sex bildet die Hypophyse verstärkt Oxytozin, das für das intensive Glücksempfinden im Orgasmus verantwortlich gemacht wird.
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Die genetische Veranlagung zum Glücklichsein
All diese Forschungsergebnisse belegen, dass die Fähigkeit eines Menschen, Glück zu empfinden, weitgehend ein Fall von Chemie ist, die Folge von Interaktionen zwischen Hormonen und Nerven im Gehirn - und damit eine Folge der Erbanlagen, die verantwortlich sind dafür, wie viele Hormone ein Organismus produzieren und verarbeiten kann.
Es begann eine angestrengte Suche nach dem Gen fürs Glücklichsein, bislang allerdings ergebnislos.
Künstliche Glücklichmacher: Psychostimulanzien und ihre Risiken
Kokain gehört mit den erstmals 1887 synthetisierten Amphetaminen zu den stärksten Psychostimulanzien - Substanzen also, die anregen. Kokain und die Amphetamine haben bemerkenswert ähnliche Effekte. Beide wirken stimmungsaufhellend, vermitteln ein Gefühl von Freude, Glück und großer Energie, steigern Aufmerksamkeit und Leistungsfähigkeit. Diese Effekte entstehen, weil Kokain und Amphetamine die Wirkung der neuronalen Glücksboten Dopamin, Noradrenalin und Serotonin im Gehirn verstärken.
Doch keine Wirkung ohne Nebenwirkungen: Das anfängliche Glücksgefühl wird später mit Angst, Schlafstörungen und Reizbarkeit bezahlt. Bei höheren Dosen können psychotische Verhaltensmuster auftreten, bei häufigem Gebrauch entsteht eine körperliche und geistige Abhängigkeit.
Auch "Ecstasy", ein Abkömmling der Amphetamine (MDMA - Methylendioxymethylamphetamin), erzeugt eine intensive Hochstimmung und steigert vorübergehend das körperliche Leistungsvermögen. MDMA bewirkt, dass Nervenzellen verstärkt Serotonin ausschütten. Langfristig aber führt es zur unwiderruflichen Zerstörung von serotoninproduzierenden Nervenzellen im Gehirn.
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Die Rolle der Liebe in der Neurochemie
Verliebtsein entfacht im Gehirn ein chemisches Feuerwerk. Im Gehirn regt sich beim Anblick des Geliebten vor allem das Belohnungssystem. Areale, die für rationales Denken und dem Einschätzen anderer Menschen zuständig sind, fahren ihre Aktivität nach unten. In der frühen Phase der Liebe spielt vor allem der Botenstoff Dopamin eine große Rolle und sorgt für den Rausch der Gefühle. In späteren Phasen von Beziehungen bestärkt möglicherweise das Hormon Oxytocin die Bindung zwischen den Partnern.
Die Konzentration des Nervenwachstumsfaktors im Blutplasma der frisch Verliebten war höher als die der Kontrollgruppen. Verliebt man sich, fällt beim Mann der Testosteronspiegel zunächst, und bei der Frau geht er nach oben.
Leidenschaftliche Liebe entfacht Hirnareale, die mit Euphorie, Belohnung und Motivation in Verbindung gebracht werden. Da sich diese Regionen auch unter dem Einfluss von Opiaten oder Kokain regen, ist für viele Forscher klar, dass sich Liebe und Sucht wohl gar nicht so unähnlich sind. Während der Dopaminspiegel im Rausch der Gefühle zunimmt, nimmt ein anderer Botenstoff ab: Serotonin. Der Serotoninpegel von Verliebten ähnelt denen von Menschen mit einer Zwangsstörung.
Nach den stürmischen Monaten einer neuen Liebe gelangen Paare allmählich in ruhigere Gefilde. Hier kommt das Hormon Oxytocin zum Zuge. Produziert im Hypothalamus, wird es verstärkt in Phasen romantischer Bindung ausgeschüttet. Oxytocin sorgt für Vertrauen gegenüber anderen Menschen, bestimmt, welchen Menschen wir besonders attraktiv finden, und fördert die langfristige Paarbindung und die Treue.
Wie man die Glückshormonproduktion ankurbeln kann
Unsere Lebensgewohnheiten haben einen direkten Einfluss auf die Produktion und Regulation der Glückshormone.
- Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung kann die Produktion von Glückshormonen erheblich beeinflussen. Bestimmte Nährstoffe wie Tryptophan, das in Lebensmitteln wie Nüssen, Samen und Bananen enthalten ist, sind Vorläufer von Serotonin und können dessen Produktion unterstützen.
- Bewegung: Regelmäßige körperliche Aktivität ist einer der effektivsten Wege, um die Produktion von Endorphinen und Dopamin zu steigern.
- Schlaf: Ausreichender und qualitativ hochwertiger Schlaf ist für die Regulation der Glückshormone unerlässlich.
- Achtsamkeit und Meditation: Praktiken wie Meditation und Achtsamkeitstraining haben nachweislich positive Effekte auf die Hormonproduktion, insbesondere auf Serotonin und Endorphine.
- Soziale Interaktionen: Der Kontakt zu anderen Menschen, insbesondere zu engen Freund*innen und Familienmitgliedern, fördert die Freisetzung von Oxytocin, was das Gefühl von Verbundenheit und Sicherheit stärkt.