Gott im Gehirn: Eine neurowissenschaftliche Perspektive auf Spiritualität und Religiosität

Die Frage nach Gott und seiner Beziehung zum menschlichen Gehirn ist ein faszinierendes und komplexes Thema, das seit Jahrhunderten Philosophen, Theologen und Wissenschaftler beschäftigt. Die moderne Neurotheologie, ein interdisziplinäres Feld, versucht, religiöse und spirituelle Erfahrungen mithilfe neurowissenschaftlicher Methoden zu untersuchen. Dieser Artikel beleuchtet die Forschungsergebnisse, die Kontroversen und die Implikationen dieser aufstrebenden Disziplin.

Einführung: Die Suche nach den neuronalen Grundlagen des Glaubens

In Jens Johlers und Olaf-Axel Burows Science-Fiction-Thriller „Gottes Gehirn“ wird die Vorstellung eines Superhirns mit göttlichen Qualitäten auf bizarre Weise thematisiert. Doch auch jenseits der Fiktion stellt sich die Frage, ob es spezifische neuronale Grundlagen für Glauben und Spiritualität gibt. Da alles, was wir wahrnehmen, fühlen, denken und uns vorstellen können, von unserem Gehirn abhängt, suchen Neurowissenschaftler nach den Gehirnaktivitäten, die mit religiösen Erlebnissen und Überzeugungen einhergehen.

Neurotheologie: Ein interdisziplinärer Ansatz

Der Begriff Neurotheologie wurde 1984 von dem amerikanischen Theologen James B. Ashbrook geprägt. Sie untersucht, wie Gehirnaktivitäten und deren evolutionäre Grundlagen mit Religiosität und Spiritualität zusammenhängen. Es ist wichtig zu betonen, dass Neurotheologie nicht mit Theologie im klassischen Sinne verwechselt werden sollte.

Schon Hippokrates erkannte vor 2500 Jahren die Bedeutung des Gehirns für spirituelle Erfahrungen, als er Epilepsie als „heilige Krankheit“ bezeichnete. Psychiater haben seit Jahrzehnten beobachtet, dass eine bestimmte Form der Epilepsie, die Schläfenlappenepilepsie, häufig mit extremen religiösen Ausrichtungen korreliert ist.

Die Schläfenlappen-Persönlichkeit und religiöse Erfahrungen

Die Schläfenlappenepilepsie, bei der die Anfälle auf relativ kleine Hirnregionen im Schläfenlappen beschränkt bleiben, geht oft mit Erlebnissen göttlicher Gegenwart, dem Eindruck, „in Flammen zu stehen“ oder in direkter Kommunikation mit Gott zu sein, einher. Ein gesteigertes Gefühlsleben ist ein charakteristisches Merkmal der Schläfenlappen-Persönlichkeit. Es kann zu dauerhaften Charakterveränderungen kommen, die oft mit Humorlosigkeit, extremer Selbsterhöhung, Hypergraphie und Hypersexualität einhergehen. Betroffene erblicken überall kosmische Bedeutungshaftigkeiten und beschäftigen sich intensiv mit religiösen und moralischen Themen.

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Vilaynur S. Ramachandran von der University of California in San Diego hat sogar die provozierende Frage aufgeworfen, ob Menschen ein „Gott-Modul“ im Kopf hätten - eine spezielle Gehirnregion für die Gottes-Erfahrung. Es gibt Hinweise darauf, dass viele historische Persönlichkeiten, die als Religionsstifter wirkten oder sich intensiv mit Glaubensfragen beschäftigt hatten, Epileptiker waren oder unter Schizophrenie litten.

Ramachandrans Experimente mit Schläfenlappen-Epileptikern

Ramachandran maß bei Schläfenlappen-Epileptikern die galvanischen Hautreaktionen auf verschiedene visuelle Reize, um Gefühlsintensitäten zu bestimmen. Er fand heraus, dass Emotionen durch die Schläfenlappen-Epilepsie generell intensiviert werden, ein Phänomen, das als „Kindling“ bezeichnet wird. Dies führt dazu, dass jedes Objekt und Ereignis mit tiefer Bedeutung erfüllt wird, sodass der Patient „das Universum in einem Sandkorn“ erblickt und „die Unendlichkeit in der Handfläche“ hält.

Michael Persingers transzerebrale Magnetstimulation

Michael Persinger von der Laurentian University in Sudbury, Ontario, konnte mittels transzerebraler Magnetstimulation Gottes-Erlebnisse induzieren. In einer reizabgeschirmten Kammer setzten er mehr als 1000 Versuchspersonen schwachen, aber komplexen Magnetfeldern aus, die um die Schläfen- und Scheitellappen gruppiert waren. Rund 80 Prozent berichteten anschließend von spirituellen Empfindungen, die oft als „gefühlte Präsenz“ interpretiert wurden. Als Ursache gelten Überaktivitäten im Schläfenlappen.

Persingers Studien legen nahe, dass auch UFO-, Geister- und Psi-Erscheinungen durch ähnliche Mechanismen erklärt werden könnten, einschließlich religiös gedeuteter Phänomene wie die Erscheinung eines Kreuzes bei der Milvischen Brücke oder Leuchterscheinungen über einer Kirche im ägyptischen Zeitoun.

Kritik an Persingers Experimenten

Die Experimente von Persinger wurden jedoch auch kritisiert. Pehr Granqvist und seine Kollegen von der Universität Uppsala konnten Persingers Ergebnisse in einer Doppelblindstudie nicht bestätigen. Sie schlossen daraus, dass die spirituellen Erfahrungen nicht vom Magnetfeld, sondern von der Aufgeschlossenheit fürs Experiment hervorgerufen wurden. Persinger bemängelte, dass Granqvists Team seine Versuchsbedingungen nicht repliziert habe.

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Weitere Argumente für die Rolle der Schläfenlappen

Neben den neuropsychologischen Befunden zur Epilepsie und den transzerebralen Magnetstimulationen gibt es weitere Argumente für die zentrale Stellung der Schläfenlappen und des damit assoziierten limbischen Systems bei spirituellen oder religiösen Erlebnissen. Elektrische Stimulationen der Schläfenlappen und limbischen Strukturen können außerkörperliche Empfindungen, Halluzinationen, Déjà-vu-Erlebnisse und diverse Seh- und Hör-Illusionen erzeugen. Auch bei Träumen sind die limbischen Strukturen besonders aktiv.

Musik hat ebenfalls einen starken Einfluss auf das limbische System, was in religiösen Zusammenhängen von großer Bedeutung ist, besonders bei rituellen Tänzen und Zeremonien. Alzheimer-Patienten hingegen verlieren schon früh religiöse Interessen, was dazu passt, dass das limbische System durch die Erkrankung häufig zuerst massiv geschädigt wird.

Emotionen, Sexualität und Religion

Die Schläfenlappen und limbischen Strukturen spielen eine wichtige Rolle bei der sexuellen Erregung, aber auch bei rasender Furcht und Wut. Alle Religionen setzen sich mit diesen starken Emotionen auseinander - indem sie sich diese nutzbar machen oder sie zu dämpfen oder gar zu unterdrücken versuchen. Evolutionsbiologisch sind Spiritualität und Religiosität Rhawn Joseph zufolge auf diese Strukturen wohl gleichsam aufgepfropft worden. Die sozialen und kulturellen Kontexte sind jedoch ebenfalls von entscheidender Bedeutung.

Die Newberg-Studie: Meditation und die Auflösung des Ich

Andrew Newberg und Eugene d’Aquili von der University of Pennsylvania in Philadelphia haben mithilfe der Single Photon Emission Computed Tomography (SPECT) Momentaufnahmen der Hirnaktivitäten von meditierenden tibetanischen Buddhisten und franziskanischen Nonnen gemacht. Die SPECT-Daten zeigten zuerst eine Aktivierung des präfrontalen Cortex und dann eine Deaktivierung des Orientierungs-Assoziations-Areals (OAA) im posterioren superioren Parietallappen (PSPL).

Mit der vorübergehenden OAA-Inaktivierung durch Meditation scheint eine Auflösung der Ich-Welt-Grenze und ein Verschwinden des Raum-Zeit-Bezugs einher zu gehen. Daher rührt wohl das Gefühl der Ewigkeit und Endlosigkeit und der Auflösung des Selbst in etwas Größeres, Umfassenderes - ein Einheitsgefühl mit dem Universum, wovon Mystiker aller Kulturen berichtet haben.

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Schwierigkeiten und Einschränkungen der Forschung

Die SPECT-Messungen der meditierenden Mönche und Nonnen haben eine relativ schlechte räumliche Auflösung und ermöglichen nur wenige „Schnappschüsse“. Auch die grobe anatomische Zuordnung ist nicht eindeutig. Zwar spricht einiges für eine prominente Rolle der Schläfenlappen, doch es sind auch andere Areale von Bedeutung.

Neuropsychologen um Nina Azari und Petra Stoerig von der Universität Düsseldorf fanden heraus, dass bei religiösen Menschen, die immer wieder den biblischen Psalm 23 rezitierten, die vorderen und oberen Bereiche der Großhirnrinde viel stärker aktiv waren als beim Lesen von Kinderreimen oder Telefonbuch. Das limbische System war dagegen weniger aktiv - im Gegensatz zu Atheisten beim Lesen der Kinderreime.

Die Deutung der Daten: Gott schuf das Gehirn oder umgekehrt?

Der eigentliche Streit geht freilich um die Deutung der Daten. Eine zentrale Frage dabei ist, ob Gott unsere Gehirne geschaffen hat - oder aber sie ihn. Ist Gott ein Hirngespinst? Michael Schröder-Kunhardt zufolge können Gehirnvorgänge religiöses Erleben weder angemessen beschreiben noch einfach (weg)erklären.

Religiosität, Spiritualität und das Gehirn

Religiosität bezeichnet den Glauben an höhere Wesen, während Spiritualität eine Art Entgrenzungserfahrung meint, bei der Menschen sich als Einheit mit dem Universum oder der Natur erleben. In den Religionen treten diese Kategorien jeweils in Mischformen auf.

Studien zeigen, dass Religiosität und Spiritualität mit unterschiedlichen Gehirnarealen korrelieren. Bei der Religiosität wird die soziale Kognition betätigt, also die gleichen Areale, die auch betätigt werden, wenn man an einen geliebten Menschen denkt. Bei spirituellen Erlebnissen wird dagegen in einem anderen Bereich des Gehirns eine erhöhte Aktivität gemessen.

Die Evolution von Glauben und Gehirn

Der Glaube ist bei uns Menschen parallel zu unserem Gehirn gewachsen. Innerhalb von fünf Millionen Jahren hat sich das Gehirnvolumen mehr als verdreifacht, und so muss im Gehirn auch Platz für Glauben entstanden sein. Vor rund 100.000 Jahren, in der mittleren Altsteinzeit, zeigen die Skelette der Neandertaler erste Hinweise auf besondere Behandlung Verstorbener.

Welcher Religion wir angehören und wie intensiv wir sie in unseren Alltag integrieren, wird zunächst kulturell beeinflusst, hängt aber später auch von der individuellen Persönlichkeit und Lebensführung ab. Eine Grundlage hierfür liegt wiederum in unseren Genen. Der Genetiker Dean Hamer will zu Anfang der 2000er Jahre das Gen VMAT2 auf Chromosom 10 entdeckt haben, das eine wichtige Grundlage für religiöse oder spirituelle Erfahrungen legt.

Die Neurobiologie des Gebets und der Meditation

In den 1990er Jahren untersuchte Andrew Newberg die Gehirnareale tibetischer Mönche beim Meditieren. Er fand heraus, dass während der Meditation die Aktivität des Gehirns im Parietallappen stark gemindert ist. Ähnliche Experimente wurden mit Mormonen und christlichen Klosterfrauen durchgeführt, jeweils versunken im Gebet. Hier sind ähnliche Prozesse nachzuweisen. Aber auch der Temporallappen, zuständig für Erlebnisse und Erinnerungen, spielt beim religiösen Erleben eine Rolle.

Kritik an der Idee des „Gotteshelms“

Das Experiment mit dem „Gotteshelm“ des Kanadiers Michael Persinger aus den 1980er Jahren ist umstritten, weil es nicht den üblichen methodischen Standards entsprach. Andere Forscher rekonstruierten den Gotteshelm, doch ihre Ergebnisse blieben ohne Aussage.

Glaube als selbstproduzierte Medizin

Die Untersuchungen mit den Mönchen, Nonnen und Mormonen haben auch gezeigt, dass Religion biochemisch wie Doping funktioniert. Menschen, die regelmäßig religiöse Rituale vollziehen, regen ihren Körper dazu an, im Hirn mehr Serotonin zu produzieren. So können Menschen durch Gebet oder Meditation einen „An- und Ausknopf“ aktivieren, um sich gut zu fühlen. Glaube wirkt wie selbstproduzierte Medizin.

Die evolutionären Vorteile des Glaubens

Diese Gehirnregionen haben sich im Laufe der Evolution gebildet, weil es psychologisch sinnvoll für den Mensch ist, zu glauben. Hirnforscher Robert Illing sieht es so: Als sich der Mensch seiner selbst bewusst wurde und ein Verhältnis zur Zeit entwickelte, merkte er, dass er sterblich ist. Diese Entdeckung erzeugte Angst, und zwar eine Angst, vor der man nicht weglaufen konnte, wie vor wilden Tieren etwa oder anderen Bedrohungen. Dieser Angst konnten die Menschen mit ihrem üblichen Instrumentarium nicht begegnen.

Die Menschen schaffen sich Bilder, die dann in verschiedenen Religionen ausgeformt werden in beliebigem Detail, aber ganz ursprünglich schaffen sie sich Bilder und Hoffnungen darüber, dass das Ende, der Tod, nicht endgültig ist. Für den Neurobiologen steht fest: Religion ist das Ergebnis menschlicher Kreativität zur Selbsttröstung, eine wunderbare Methode des Angstmanagements. Und dadurch ist es ein Überlebensvorteil, der sich evolutionär durchgesetzt hat.

Die Rolle von Religion in der Gesellschaft

Alle Religionen bedienen die gleichen konkreten Bedürfnisse menschlicher Psychologie. Doch in Gesellschaften, denen es über längere Zeit gut geht, sinkt die Religiosität. Unsere Gesellschaft befindet sich wohl schon wieder an der Schwelle zu etwas Neuem: Religion ist in unserer Gesellschaft vielleicht nicht mehr relevant, aber wir suchen uns mit Yoga und Achtsamkeit eine andere Form von Geborgenheit. Das Bedürfnis, Sorgen abzugeben, sei es zu Gott, in die Yogamatte, ans Universum, oder sonst wohin, scheint stärker denn je.

Die Widerlegung des „Gottesmoduls“

So wurde etwa Newbergs These vom Gottesmodul mittlerweile durch Versuche des kanadischen Psychologen Mario Beauregard gründlich widerlegt. Beauregard hat das mystische Erleben von 15 Karmeliternonnen mit bildgebenden Verfahren untersucht. Allerdings zeigte sich dabei nicht eine bestimmte Hirnregion aktiv, sondern ein rundes Dutzend. Eine Blockierung bestimmter Areale, auf die Newberg seine Theorie zurückführt, konnte Beauregard nicht beobachten.

Auch Michael Persingers Experimente müssen neu interpretiert werden. Der Psychologe Pehr Granqvist hatte Persingers Anordnung in einem entscheidenden Punkt abgeändert: In Uppsala wurde peinlich darauf geachtet, dass das Mystikexperiment doppelblind ablief. Am Ende war die Rate der Mystikerlebnisse sogar in beiden Gruppen gleich groß. Ob jemand bei diesem Versuch bewusstseinserweiternde Erlebnisse habe, hänge vielmehr von seiner „persönlichen Charakteristik“ ab, meint der schwedische Psychologe.

Religiöser Fundamentalismus und das Gehirn

Unser Sinn für Religion und Spiritualität liegt nachweislich in unserem Gehirn verwurzelt und religiöse Praktiken lösen messbare neuronale Reaktionen aus. Gibt es möglicherweise auch biologische Merkmale im Gehirn von Fundamentalisten? Wirken sich Hirnläsionen auf die Einstellung aus?

Ein Team um Michael Ferguson von der Harvard Medical School analysierte die Gehirnstruktur von 190 Patienten, die wegen Hirnschäden in Behandlung waren. Sie fanden ein Netzwerk von Gehirnregionen, die, wenn sie beschädigt werden, mit stärkerem religiösem Fundamentalismus verbunden sind. Zu diesem überwiegend in der rechten Hirnhälfte liegenden neuronalen Netzwerk gehören unter anderem der rechte orbitofrontale Cortex, der dorsolaterale präfrontale Cortex und der untere Parietallappen.

Läsionen in diesen Hirnregionen könnten demnach Mitauslöser von fundamentalistischen Einstellungen sein. Religiöser Fundamentalismus und Hirngespinste könnten demnach dieselbe neurologische Grundlage haben. Die Forscher warnen jedoch davor, ihre Ergebnisse zu überinterpretieren.

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