Unsere psychische und körperliche Gesundheit sind untrennbar miteinander verbunden. Ein Ungleichgewicht in diesem komplexen System kann sich in vielfältigen Formen manifestieren, von leichten Erschöpfungsgefühlen bis hin zu schweren psychischen Erkrankungen. Die Ursachen hierfür sind oft vielschichtig und reichen von stressigen Alltagsbedingungen über soziale Isolation bis hin zu organischen Faktoren. Dieser Artikel beleuchtet die Zusammenhänge zwischen Gehirn, Schmerz, Trauer und psychischem Wohlbefinden und zeigt Wege zur Bewältigung auf.
Die vielschichtige Psyche: Ursachen psychischer Belastungen
In der heutigen Gesellschaft nehmen psychische Erkrankungen stetig zu. Laut der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde erfüllen mehr als jeder vierte Erwachsene in Deutschland die Kriterien einer psychischen Erkrankung - das sind rund 18 Millionen Menschen. Stressiger Alltag, zunehmende Single-Haushalte, der Verlust von Großfamilienstrukturen und die Verlagerung von sozialen Kontakten in die virtuelle Welt sind nur einige Faktoren, die zu dieser Entwicklung beitragen.
Neben diesen psychosozialen Belastungen können auch organische Ursachen unsere Psyche beeinflussen. Schilddrüsenerkrankungen, chronische Schmerzen, Vitaminmangel oder hormonelle Ungleichgewichte können das seelische Befinden beeinträchtigen. Umgekehrt beeinflusst unser seelisches Befinden auch körperliche Erkrankungen: Chronischer Stress kann den Blutzuckerspiegel erhöhen und den Blutdruck ansteigen lassen, was Folgeerkrankungen begünstigt.
Das Gehirn: Zentrum unserer Existenz
Das Gehirn, das geheimnisvolle Zentrum unserer Existenz, steuert unsere Bewegungen, ermöglicht uns die Wahrnehmung der Welt, bewahrt unsere Erinnerungen und reguliert unsere Emotionen. Es gliedert sich in drei Hauptbereiche: das Großhirn, das Kleinhirn und den Hirnstamm.
Das Großhirn (Cerebrum)
Das Großhirn ist das Machtzentrum für kognitive Funktionen wie Denken, Lernen und das Gedächtnis. Es teilt sich in zwei Hemisphären (Gehirnhälften), die jeweils vier Hauptlappen umfassen:
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- Frontallappen (Stirnlappen): Steuert Entscheidungen, Problemlösungen und Bewegungen. Er reguliert auch komplexe kognitive Prozesse und Verhaltensweisen.
- Parietallappen (Scheitellappen): Verarbeitet sensorische Informationen wie Berührung, Temperatur und Schmerz und hilft bei der räumlichen Orientierung.
- Temporallappen (Schläfenlappen): Ist für Hören und Sprachverständnis zuständig und speichert Erinnerungen.
- Okzipitallappen (Hinterhauptlappen): Interpretiert visuelle Informationen und ermöglicht das Sehen.
Kleinhirn (Cerebellum) und Hirnstamm
Das Kleinhirn liegt unter dem Großhirn und koordiniert Feinmotorik und Gleichgewicht. Der Hirnstamm verbindet das Gehirn mit dem Rückenmark und steuert grundlegende Lebensfunktionen wie Atmung und Herzschlag.
Nervenzellen (Neuronen) und Synapsen
Nervenzellen sind miteinander durch Synapsen verbunden, an denen Signale in Form von Neurotransmittern oder elektrischen Impulsen übertragen werden. Dies stellt die Basis der Informationsübertragung (Kommunikation) dar.
Die Amygdala: Zentrum der Emotionen
Tief in den medialen Temporallappen unseres Gehirns sitzt die Amygdala, eine mandelförmige paarige Struktur, die als Mittelpunkt unserer emotionalen Welt gilt. Sie ist der Dreh- und Angelpunkt für die Entstehung und Verarbeitung von Gefühlen wie Angst, Wut und Freude. Diese kleine, aber mächtige Region ist untrennbar mit unserem Gedächtnis verknüpft, insbesondere mit emotionalen Erinnerungen. Die Amygdala beeinflusst maßgeblich unser Verhalten und unsere Reaktionen auf bedrohliche Situationen. Anhaltender Stress kann diese empfindliche Struktur überaktivieren, was zu chronischen Angstzuständen und emotionaler Instabilität führen kann.
Schmerz: Eine komplexe Erfahrung
Schmerz ist eine komplexe Sinneswahrnehmung, die sowohl physische als auch psychische Komponenten umfasst. Er entsteht durch die Aktivierung von Schmerzrezeptoren (Nozizeptoren), die Signale über Nervenbahnen an das Gehirn senden. Dort wird der Schmerz interpretiert und bewertet.
Die Geschichte der Schmerzmedizin
Die Behandlung von Schmerzen hat eine lange Geschichte. In der Frühgeschichte wurde Schmerz oft als dämonisches Übel oder Strafe der Götter angesehen. Medizinmänner oder Priester versuchten, mit Ritualen, Tätowierungen, Amuletten und Götzenbildern vor dem Schmerz zu schützen oder ihn „auszutreiben“. Zu den ersten Schmerzmitteln gehörten mineralische, pflanzliche und tierische Tinkturen, Salben und Heiltrunke.
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Im Laufe der Zeit entwickelten sich rationalere Ansätze zur Schmerzbehandlung. In der Antike galten neben Opium das Schwarze Bilsenkraut und die Gemeine Alraune sowie der Saft der Weidenrinde als bekannte Rezepturen. Hippokrates war der Überzeugung, dass der Schmerz im Gehirn entsteht und Krankheiten eine natürliche Ursache hätten, die auch ohne rituelle Zeremonien und Zaubereien geheilt werden könnten.
Im Mittelalter und der Neuzeit spielten Kräuterfrauen, Mönche und Nonnen eine wichtige Rolle bei der Schmerzbehandlung. Sie sammelten, dokumentierten und gaben ihr Wissen über Pflanzen und deren medizinischen Nutzen über Jahrhunderte weiter. Paracelsus betonte, dass jede Substanz der Gesundheit schaden kann und alles nur eine Frage der Dosierung sei.
Im 19. und 20. Jahrhundert wurden bedeutende Fortschritte in der Schmerzmedizin erzielt. Friedrich Wilhelm Sertürner isolierte den Wirkstoff Morphin aus Opium. Die Firma Bayer patentierte das Aspirin. William Morton und Horace Wells führten die Betäubung mit Äther ein. Carl Koller leistete Pionierarbeit auf dem Gebiet der Lokalanästhesie. Maximilian von Frey entdeckte die Nozizeptoren.
René Leriche prägte den Begriff „Schmerzkrankheit“. Ulrich Ebbecke erklärte den Schmerz nach heutigem Verständnis. Henry Beechers Beobachtungen im Zweiten Weltkrieg zeigten, dass die Schwere der Verletzung nicht mit der Stärke der empfundenen Schmerzen in Zusammenhang stehen muss. John Bonica eröffnete die erste interdisziplinäre Schmerzklinik. Ronald Melzack und Patrick Wall veröffentlichten die „gate control theory“. George L. Engel prägte den Begriff vom „bio-psycho-sozialen Krankheitsmodell“.
Psychische Faktoren bei chronischen Schmerzen
Chronische Schmerzen werden immer von somatischen und psychischen Faktoren beeinflusst. Neben körperlichen Prozessen spielen auch psychologische Einflüsse eine Rolle, wie z.B. Bewertungen, Aufmerksamkeitsprozesse, Gefühlslage, Erfahrungen, Lernprozesse, eine individuelle Schmerzschwelle und kulturelle Faktoren. In diesem Zusammenhang wirken auch vegetative Regulationsvorgänge (»körperliche Stressreaktionen«) auf das Schmerzgeschehen.
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Die Schmerzpsychotherapie setzt an diesen psychologischen Komponenten des Schmerzkreislaufes an, um zur Schmerzreduktion beizutragen. Es geht um die Veränderung der gedanklichen Bewertungen und des Verhaltens. Viele Schmerzpatienten erleben, dass Stress am Arbeitsplatz und/oder Privatleben ein solcher Faktor ist.
Emotionen und Gefühle im Gehirn
Emotionen werden im limbischen System generiert, das nicht dem Bewusstsein untersteht. Erst das Hinzuschalten der Hirnrinde macht Gefühle bewusst. Neurowissenschaftler unterscheiden oft zwischen Emotionen, also der körperlichen Reaktion auf einen äußeren Reiz hin, und Gefühlen, bei denen das Gehirn die Reaktionen des Körpers verarbeitet. Nur Emotionen, die in die Hirnrinde gelangen, werden als bewusste Gefühle wahrgenommen. Angst, Ärger, Glück und Trauer aktivieren unterschiedliche Hirnareale.
Die Macht der Gefühle
Gefühle sind oft schön, manchmal quälend, hin und wieder lästig - aus Sicht der Evolution sind sie jedoch nichts anderes als ein Weg des Körpers, äußere Reize zu beurteilen und entsprechend darauf zu reagieren. Umgekehrt können wir uns einem Menschen, den wir lieben, unbesorgt anvertrauen und mit ihm Nachkommen zeugen. Dann sagen zu können, „ich habe Angst“ oder „ich liebe dich“, setzt voraus, dass diese Gefühle ins Bewusstsein dringen.
Trauer: Ein natürlicher Prozess
Trauer ist eine natürliche Reaktion auf Verlust, insbesondere auf den Tod eines geliebten Menschen. Sie ist ein komplexer Prozess, der sich in verschiedenen Phasen und mit unterschiedlicher Intensität äußern kann.
Die Bewältigung von Trauer
Wer einen geliebten Menschen verliert, durchlebt eine schwere Zeit. Den Abschied zu verarbeiten, kostet Kraft. Die Zeit der Trauer ist schmerzhaft und kann - je nach Persönlichkeit - sehr lang sein. Unter Umständen beginnen sich die Gedanken im Kreis zu drehen, und es scheint fast unmöglich, selbstständig zurück ins Leben zu finden.
Es ist wichtig, sich in dieser Zeit Unterstützung zu suchen. Freunde, Familie oder professionelle Trauerbegleiter können helfen, den Weg der Trauer zu gehen. Viele Menschen haben Hemmungen im Umgang mit Trauernden. Es ist wichtig, „uneitel“ zu sein und vorbehaltlos zu unterstützen.
Die Bedeutung von Ritualen und Gedenken
Traditionen wie die Bestattungskultur haben nicht nur eine lange Geschichte, sondern auch ganz handfeste und gute Gründe. Denn die Trauer um einen Anderen ist ein Gefühl, das nicht leichter wird, wenn dieser Mensch ohne jegliche Spur aus unserem Leben verschwindet. Zu gedenken und sich zu erinnern, kann ein ausgesprochen tröstliches Gefühl sein, das wichtig ist, um einen Verlust zu verarbeiten. Eine Grabstätte gibt diesem Gedenken einen wichtigen Halt. Die Grabpflege kann vielen Menschen bei der Trauerbewältigung helfen.
Alternative Bestattungsformen
Naturbestattungen unter den Wipfeln der Bäume sind eine Alternative zum Friedhof, die von immer mehr Menschen bevorzugt wird. Die Gründe sind vielgestaltig. Denn neben der Ruhe stiftenden Natur des Waldes sind es auch ganz pragmatische Überlegungen, die eine Baumbestattung attraktiv machen. Wenn eine Urne im Wurzelwerk bestattet ist, wird sie - je nach örtlichen Voraussetzungen - mit einer Plakette am Baumstamm oder auf dem Boden kenntlich gemacht. So haben Angehörige immer einen Anlaufpunkt bei ihren Waldspaziergängen, um an einem Grab Andacht zu halten. Die oft mühsame Grabpflege entfällt für die Hinterbliebenen, weil sie von der Natur übernommen wird.
Psychische Erkrankungen: Wenn die Seele leidet
Psychische Erkrankungen sind weit verbreitet und können sich in vielfältigen Formen äußern. Zu den häufigsten Erkrankungen gehören Angststörungen, Depressionen und Suchterkrankungen.
Angststörungen
Angststörungen können Panikattacken oder Angst vor bestimmten Orten oder Dingen beinhalten. Die Ursachen sind vielfältig und reichen von genetischen über biologische bis hin zu Umweltfaktoren. Das Gehirn, insbesondere die Amygdala, arbeitet bei einer Angststörung auf Hochtouren und reagiert übermäßig auf Stress und mögliche Bedrohungen. Auch das Gleichgewicht der Neurotransmitter wie Serotonin und Noradrenalin ist gestört, wodurch die Emotionen aus dem Gleichgewicht geraten.
Depressionen und Burnout
Betroffene von Depressionen sind oft dauerhaft niedergeschlagen und antriebslos und haben kein Interesse mehr an Aktivitäten. Burnout, oft eine Folge von chronischem Stress, zeigt ähnliche Symptome, konzentriert sich aber auf die Erschöpfung im Alltag - und braucht einen langen Vorlauf bis zum vollständigen Ausgebranntsein. Die Ursachen für Depressionen sind komplex: Sie reichen von genetischen Veranlagungen über biochemische Ungleichgewichte im Gehirn bis hin zu Stress und traumatischen Erlebnissen.
Suchterkrankungen
Übermäßiger Konsum von Alkohol, Drogen oder anderen Substanzen findet sich in allen Gesellschaftsschichten. Die Ursachen für Abhängigkeit und Sucht sind auch hier vielfältig: genetische Veranlagung, psychische Erkrankungen wie Depressionen und Angststörungen, Stress, Traumata und der Einfluss der Peergroup. Es gibt die substanzbezogene Sucht (wie Alkohol- oder Nikotinsucht) oder verhaltensbezogene Sucht (wie Spieloder Internetsucht). Anzeichen einer Sucht sind starkes Verlangen, Kontrollverlust, Entzugserscheinungen und Vernachlässigung sozialer und beruflicher Pflichten.
Der erste Schritt zur Überwindung der Sucht ist die Selbsterkenntnis, das eigene Eingeständnis einer Abhängigkeit, und daraus folgend der Wunsch nach Hilfe. Eine Suchttherapie umfasst fünf Phasen: Information und Motivation, Entgiftung, Entwöhnung, Nachsorge und Selbsthilfe. Suchtberatungsstellen bieten erste Hilfe und Orientierung. Bei substanzbezogenen Süchten ist eine Entgiftung in der Klinik notwendig, gefolgt von einer Entwöhnungstherapie. Nach der Entwöhnung folgt dann in der Regel eine ambulante Nachsorge, unterstützt von Selbsthilfegruppen.
Die Darm-Hirn-Achse: Eine wichtige Verbindung
Es gibt kaum zwei Organe, die so viel miteinander kommunizieren wie Gehirn und Darm. Man trifft die erste Liebe und schon fliegen die Schmetterlinge im Bauch. Eine große Prüfung steht bevor und der Stress schlägt auf den Magen. Und manchmal muss man wichtige Entscheidungen intuitiv aus dem Bauch heraus treffen. Warum spüren wir Gefühle intensiv in der Bauchregion, wenn doch alles im Kopf passiert?
Es ist längst kein Geheimnis mehr, dass Gehirn und Darm eng miteinander verknüpft sind, obwohl beide unabhängig voneinander funktionieren. Ein Beispiel: Bereits beim Anblick von Essen signalisiert das Gehirn dem Darm, dass er sich langsam auf die Verdauung vorbereiten soll.
Das Schädelhirn übernimmt das Denken, während das Bauchhirn eigenständig und effektiv der Verdauung nachgeht. Frisch verliebt und Schmetterlinge schwirren im Bauch? Das Gefühl des Verliebtseins ähnelt einer Stresssituation. Das Gehirn steht mit keinem Organ in so engem Kontakt wie mit dem Darm. Der Darm ist dabei gesprächiger als das Gehirn. So kommen 90 Prozent der Informationen vom Darm. Die Kommunikation zwischen Gehirn und Darm läuft über den Vagusnerv.
Stress und Gefühle wie Angst schmecken Darmbakterien nicht. Angst kann zu Darmbeschwerden führen, die wiederum die Angst verstärken. Auch eine ungesunde Ernährung, die der Darmgesundheit schadet, oder eine Therapie mit Antibiotika können die Darmflora verrücktspielen lassen. Beispielsweise kann eine fettreiche Ernährung das Gefühl der Angst verstärken oder sogar zu depressiven Verstimmungen führen. Sogenannte Probiotika, gesunde Darmbakterien aus Lebensmitteln, können dem entgegenwirken.
Die aktuelle Studienlage legt nahe, dass eine ungünstige Zusammensetzung der Darmflora zu psychischen Erkrankungen führen kann, und bestimmte Gefühle wiederum Darmerkrankungen auslösen können. Ärzte beobachten immer häufiger, dass Menschen, die an Autismus oder Depressionen erkrankt sind, auch an Darmproblemen leiden.
Das Reizdarm-Syndrom
Ein Reizdarm beschreibt Beschwerden im Magen-Darm-Bereich, die keine ersichtliche Ursache haben. Zehn Prozent der Weltbevölkerung, vor allem Frauen, quälen sich mit den unerklärlichen Darmproblemen. Forscher der McMaster University in Kanada gehen davon aus, dass psychische Ereignisse wie Depressionen, Angst und Dauerstress einen Reizdarm begünstigen. Ärzte empfehlen Menschen mit einem Reizdarm-Syndrom, Entspannungstechniken durchzuführen, um Stress abzubauen und so ihre Beschwerden zu lindern.
Wer an dem Reizdarm-Syndrom leidet, soll nach aktuellen Erkenntnissen emotional empfindlicher sein. Zudem tritt das Reizdarm-Syndrom zeitgleich mit Depressionen oder Angststörungen auf. Ebenso können Menschen mit Depressionen oder Angststörungen auch ein Reizdarm-Syndrom entwickeln.