Grüner Tee, ein Getränk mit einer jahrtausendealten Geschichte, wird seit langem für seine potenziellen gesundheitlichen Vorteile geschätzt. Insbesondere der Extrakt aus grünem Tee, der reich an Polyphenolen wie Epigallocatechingallat (EGCG) ist, hat in den letzten Jahren aufgrund seiner antioxidativen und neuroprotektiven Eigenschaften die Aufmerksamkeit von Forschern auf sich gezogen. Dieser Artikel untersucht die aktuelle Forschungslage bezüglich der Wirkung von Grüntee-Extrakt auf neurodegenerative Erkrankungen, insbesondere Parkinson, und beleuchtet sowohl vielversprechende Ergebnisse als auch Einschränkungen.
Die Rolle von Alpha-Synuclein bei Parkinson und MSA
Sowohl die Parkinson-Krankheit (PK) als auch die Multisystematrophie (MSA) sind durch Ablagerungen von Aggregaten aus dem Eiweiß Alpha-Synuclein im Hirngewebe gekennzeichnet. Diese Krankheiten werden daher auch als Synucleinopathien bezeichnet. Umfangreiche Daten legen nahe, dass eine toxische Wirkung dieser Aggregate eine wesentliche Rolle in der Krankheitsentstehung spielt. Insbesondere kleine Proteinaggregate, sogenannte Oligomere, haben eine toxische Wirkung auf Nervenzellen.
Epigallocatechingallat (EGCG): Ein potenzieller Oligomer-Modulator
Epidemiologische Beobachtungen deuten auf eine mögliche präventive Wirkung von Teekonsum bezüglich des Risikos, an MSA zu erkranken. Die im grünen Tee enthaltene Substanz EGCG hemmt die Oligomerbildung von Alpha-Synuclein im Reagenzglas. Andere Wissenschaftler konnten zeigen, dass EGCG in verschiedenen Tiermodellen der PK wirksam ist.
PROMESA-Studie: Eine translationale Untersuchung zur Wirksamkeit von EGCG bei MSA
Um die Wirksamkeit von EGCG im Menschen zu prüfen, wurde in Kollaboration der Neurologischen Kliniken der beiden Münchener Universitätsklinika (Ludwig-Maximilians-Universität und Technische Universität) das Protokoll der PROMESA-Studie entwickelt. Damit ist diese Studie prototypisch für eine translationale „bench to bedside“-Studie. Da die MSA eine sehr seltene Erkrankung ist, war die Studie nur mit einem Rekrutierungsnetzwerk aus 12 Zentren in ganz Deutschland durchführbar.
Die Analyse der Studiendaten hat unter anderem gezeigt, dass die Qualität der erhobenen Daten sehr gut ist und daher valide Schlussfolgerungen erlaubt. Weiter kann dies als Indikator der gleichmäßig hohen Versorgungsqualität an den Zentren der Deutschen Parkinson Gesellschaft e.V. angesehen werden.
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Ergebnisse der PROMESA-Studie
Eine signifikante Wirksamkeit von EGCG als verlaufsmodifizierendes Medikament bei MSA konnte die Studie nicht belegen. Daher kann auch die Einnahme der Wirksubstanz nicht pauschal empfohlen werden. Dies gilt insbesondere, da EGCG in den eingesetzten (hohen) Dosen bei manchen Patienten zu einer deutlichen Leberschädigung geführt hat. Trotz des negativen klinischen Endpunktes zeigte sich in einer kleinen Teilmenge der Patienten, die systematisch mittels Bildgebung untersucht wurde, eine signifikante Reduktion der Atrophie beteiligten Hirnregionen im MRT.
Schlussfolgerungen aus der PROMESA-Studie
Wie Studienautor, Professor Dr. Günter Höglinger, zusammenfasst, erlauben die Daten der PROMESA-Studie trotz des formal negativen Studienergebnisses interessante Beobachtungen aus Subgruppen- und Biomarker-Analysen. „Diese Daten deuten darauf hin, dass der Wirkmechanismus von EGCG prinzipiell erfolgsversprechend ist, wenn Oligomer-Modulatoren eingesetzt werden, die ein günstigeres Verhältnis von Wirkung zu Nebenwirkung haben und höhere Wirkspiegel im Gehirn erreichen. Solche Substanzen gibt es bereits.“ MSA eignet sich gut, um möglicherweise verlaufsmodifizierende Medikamente auf ihre Wirksamkeit beim Menschen zu untersuchen. Daher kann die MSA als Modellerkrankung angesehen werden.
Weitere Forschungsergebnisse zu Grüntee-Extrakt und neurodegenerativen Erkrankungen
Tierversuche und Laborstudien
Zahlreiche Studien haben die potenziellen neuroprotektiven Wirkungen von Grüntee-Extrakt und EGCG in Zellkulturen und Tiermodellen untersucht. Diese Studien deuten darauf hin, dass EGCG:
- Die Oligomerbildung von α-Synuclein in der Zellkultur blockiert und die damit verbundene Toxizität reduziert.
- In verschiedenen Tiermodellen der PK wirksam ist.
- Fehlgefaltete Proteine in einer Weise verändert, die der Körper besser abbauen kann.
Klinische Studien am Menschen
Obwohl die PROMESA-Studie keine signifikante Wirksamkeit von EGCG bei MSA nachweisen konnte, gibt es andere klinische Studien, die die potenziellen Vorteile von Grüntee-Extrakt bei neurodegenerativen Erkrankungen untersuchen. Einige Studien deuten darauf hin, dass regelmäßiger Teekonsum das Risiko für neurodegenerative Leiden wie Parkinson, Alzheimer oder Multiple Sklerose verringern kann. Allerdings ist es wichtig zu beachten, dass diese Studien oft auf epidemiologischen Daten basieren und keine direkten Kausalzusammenhänge beweisen können.
Herausforderungen und Einschränkungen der Forschung
Die Forschung zu Grüntee-Extrakt und neurodegenerativen Erkrankungen steht vor mehreren Herausforderungen:
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- Bioverfügbarkeit: EGCG wird vom Körper nicht so leicht aufgenommen und gelangt somit möglicherweise nicht in ausreichender Konzentration an die Stellen, wo es wirken könnte.
- Dosierung und Nebenwirkungen: Hohe Dosen von EGCG können Nebenwirkungen wie Leberschäden verursachen.
- Studiendesign: Viele Studien sind schwer miteinander zu vergleichen, da die verwendeten Präparate nicht standardisiert sind und unterschiedliche Konzentrationen von EGCG enthalten.
- Kausale Zusammenhänge: Epidemiologische Studien können keine direkten Kausalzusammenhänge zwischen Teekonsum und dem Risiko für neurodegenerative Erkrankungen beweisen.
Grüntee-Extrakt in der traditionellen Medizin und modernen Anwendung
Grüner Tee nimmt in der Naturheilkunde und Gesundheitsprävention seit Jahrhunderten einen festen Platz ein. Seine Wurzeln reichen tief in die chinesische und japanische Teekultur, wo er nicht nur als Genussmittel, sondern auch als Heilpflanze geschätzt wird.
Einsatzmöglichkeiten
Grüner Tee wird in verschiedenen Produkten eingesetzt, von Heißgetränken über Matcha Latte, in Hautcremes und Seifen bis hin zu DETOX Kuren. Er findet auch Anwendung bei Frauenleiden, wobei Produkte mit Grünteeextrakt postmenopausale Beschwerden (Hitzewallungen, Schlafstörungen) und hormonelle Dysbalancen in allen Zyklusphasen bis hin zur Menopause behandeln.
Warnhinweise
Hochkonzentrierte Grüntee-Extrakte können in sehr hoher Dosierung leberschädigend sein.
Die Bedeutung von Grüntee-Extrakt für die allgemeine Gesundheit
Neben den potenziellen Auswirkungen auf neurodegenerative Erkrankungen wird Grüntee-Extrakt auch mit einer Reihe anderer gesundheitlicher Vorteile in Verbindung gebracht:
- Kardiovaskuläre Gesundheit: Grüner Tee kann dazu beitragen, den LDL-Cholesterinspiegel zu senken und die Gefäßfunktion zu verbessern.
- Krebsprävention: Studien deuten darauf hin, dass Grüntee-Extrakt das Wachstum von Krebszellen hemmen kann.
- Entzündungshemmende Wirkung: Grüntee-Extrakt kann dazu beitragen, chronische Entzündungen im Körper zu reduzieren.
- Antimikrobielle Wirkung: Grüntee-Extrakt kann das Wachstum von Bakterien und Viren hemmen.
- Positive Wirkung auf das Darmmikrobiom: Grüner Tee kann das Wachstum bestimmter Arten stimulieren oder die Entwicklung schädlicher Arten verhindern.
Inhaltsstoffe und ihre Wirkungen
Grüner Tee ist reich an medizinischen und pharmakologisch wirksamen Inhaltsstoffen. Bis heute wurden über 450 chemische Bestandteile aus Tee isoliert, darunter mehr als 400 organische und mehr als 50 anorganische Verbindungen. Die Zusammensetzung der Inhaltsstoffe hängt maßgeblich von der Herkunft, der Sorte, des Alters, dem Boden, Zeitpunkt der Ernte, dem Klima, den Anbaupraktiken, der Behandlung und der Zubereitung ab.
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Tee-Polyphenole
Tee-Polyphenole sind eine allgemeine Bezeichnung für alle Polyphenole im Tee. Sie sind einer der Hauptbestandteile, welche die Farbe und den Geschmack ergeben. Es gibt etwa 30 verschiedene Arten, welche hauptsächlich aus Flavonoiden bestehen. Der Anteil an Tee-Polyphenolen ist im grünen Tee am höchsten und wird als ausgezeichnetes natürliches Antioxidans eingestuft.
Catechine
Die Catechine sind die wichtigsten polyphenolischen Verbindungen aus der Gruppe der Flavonoide, da man ihnen die größte gesundheitliche Wirkung zuspricht. Der Hauptvertreter ist das Epigallocatechin-3-Gallat (EGCG). Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass Catechine in grünem Tee, insbesondere EGCG, krebshemmende, entzündungshemmende, antibakterielle, antivirale und antioxidative Wirkungen haben.
Phenolsäuren
Der Gehalt an Phenolsäuren in grünem Tee ist relativ gering. Die Inhaltsstoffe sind vor allem Gallussäure, Kaffeesäure, Chlorogensäure, Chinasäure, Ellagsäure, p‑Cumarsäure und Teegallat.
Alkaloide
Bei den Alkaloiden im grünen Tee handelt es sich hauptsächlich um Purinalkaloide. Unter ihnen ist der Koffeingehalt mit 2-5 % am höchsten. Des Weiteren sind Theophyllin und Theobromin in geringen Mengen vorhanden.
Aminosäuren
Sie sind einer der wichtigsten Inhaltsstoffe, welche die Qualität des Tees beeinflussen. Dies hängt vor allem von der Art und dem Gehalt an Aminosäuren ab, wobei grüner Tee etwa 1-4 % Aminosäuren enthält. Den höchsten Gehalt besitzen Theanin (mit 50 %), Arginin, Glutaminsäure, Serin und Asparaginsäure. Besonders Theanin und γ‑Aminobuttersäure zeichnet eine schützende Wirkung auf das Nervensystem aus.
Weitere Inhaltsstoffe
Grüner Tee enthält auch Monosaccharide und Disaccharide wie Glucose, Fructose, Galactose, Saccharose u. a., die dem Tee seinen leicht süßen Geschmack geben. Bei den Aromastoffen von grünem Tee handelt es sich überwiegend um flüchtige Aromastoffe. Organische Säuren sind wasserlösliche Substanzen und einer der Hauptbestandteile, welche das Aroma und den Geschmack im Wesentlichen beeinflussen. Die anorganischen Verbindungen im Tee bestehen hauptsächlich aus mineralischen Elementen und deren Oxiden und werden als Asche bezeichnet. Zusätzlich enthält der grüne Tee auch eine gewisse Menge an Vitaminen, Enzymen und Chlorophyll.
Immunmodulatorische und antiallergische Wirkung
Mehrere Arbeitsgruppen konnten belegen, dass EGCG durch einen epigenetischen Mechanismus regulatorische T‑Zellen induzieren kann, welche entscheidend für die Aufrechterhaltung der Immuntoleranz und die Unterdrückung der Autoimmunität sind. Des Weiteren zeigten sich gute Ergebnisse bei der Behandlung von Asthma und allergischer Rhinitis. Daten aus der koreanischen National Health and Nutritional Examination Survey konnten belegen, dass es einen entgegengesetzten Zusammenhang zwischen der Aufnahme von grünem Tee und der Entwicklung einer chronisch obstruktiven Lungenerkrankung (COPD) gab.
Antibakterielle und antivirale Wirkung
Es ist seit vielen Jahren bekannt, dass grüner Tee eine antibakterielle Wirkung gegen eine Vielzahl von Bakterien hat. Bereits 1995 haben einige Wissenschaftler herausgefunden, dass Grüntee-Extrakt das Wachstum der wichtigsten durch Lebensmittel übertragenen Krankheitserreger wirksam hemmen kann. Es ist bemerkenswert, dass viele Studien die Standard-Tuberkulose-Therapien mit Catechinen kombinierten.
Einfluss auf das Darmmikrobiom
Grüner Tee kann nachweislich das Darmmikrobiom beeinflussen, indem er das Wachstum bestimmter Arten stimuliert oder die Entwicklung schädlicher Arten verhindert. Dadurch wird die Dysbiose korrigiert, die bei verschiedenen chronischen Erkrankungen, Stoffwechselstörungen, Adipositas oder Krebs auftritt.