Grünes Licht bei Migräne: Neue Hoffnung für Betroffene?

Migräne ist eine neurologische Erkrankung, von der schätzungsweise 10-15 Prozent der Bevölkerung in Deutschland betroffen sind, wobei Frauen deutlich häufiger betroffen sind als Männer. Charakteristisch für Migräne sind periodisch wiederkehrende, starke, meist einseitige, pulsierende Kopfschmerzen, die von einer Vielzahl weiterer Symptome begleitet werden können. Viele Migränepatienten reagieren empfindlich auf Licht, was ihre Lebensqualität erheblich einschränkt. Neue Forschungsdaten deuten darauf hin, dass grünes Licht eine vielversprechende, nicht-pharmakologische Therapieoption zur Linderung von Migränesymptomen darstellen könnte.

Die Lichtempfindlichkeit bei Migräne

Etwa 80 % aller Migränepatienten reagieren empfindlich auf Licht (Photophobie). Viele Betroffene ziehen sich während einer Migräneattacke in dunkle Räume zurück, da Tageslicht die Beschwerden oft verschlimmert. Die Lichtempfindlichkeit ist zwar oft nicht so schlimm wie der Kopfschmerz selbst, aber die Unfähigkeit, Licht zu ertragen, ist sehr einschränkend.

Die überraschende Wirkung von grünem Licht

Forscher um Rami Burstein vom Beth Israel Deaconess Medical Center (BIDMC) und der Harvard Medical School haben herausgefunden, dass grünes Licht eines sehr schmalen Wellenlängenbereichs von 530 +/- 10 nm die Kopfschmerzen bei Migräne sogar reduzieren kann. In einer Studie wurden 41 Patienten mit akuter Migräne und Photophobie verschiedenen Farben und Lichtintensitäten für bis zu 3 Minuten ausgesetzt. Zuvor konnten sie sich 20 Minuten in einem schwach beleuchteten Raum aufhalten, gefolgt von 3-minütiger Dunkelheit. Anschließend notierten die Forscher ihre geschätzte Kopfschmerzintensität auf einer Skala von 1 bis 10.

Im Vergleich zwischen weißem, blauem, grünem, gelbem und rotem Licht gaben 80 % der Probanden an, dass sich ihre Schmerzen bei starkem Licht, vergleichbar mit einem gewöhnlichen Büro (100 cd/m2), um maximal 20 % verschlimmert hätten. Nur nicht bei grünem Licht. Diese verspürten bei niedrigen Intensitäten von 1 bzw. 5 cd/m2 sogar eine Verbesserung um 20 %.

Warum grünes Licht anders wirkt

Die Forscher fanden heraus, dass das grüne Licht die geringsten elektrischen Signale sowohl in der Retina als auch im Cortex verursacht. Das zeigten die Messungen mit dem Elektroretinographen (ERG). Diese deuten darauf hin, dass die Lichtempfindlichkeit in der Retina entsteht, das Finetuning dann aber im Thalamus und nicht wie vermutet im Cortex stattfindet.

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Dass Migränepatienten grünes Licht besser vertragen, könnte damit zusammenhängen, dass die Zapfen auf der Netzhaut und nachgeschaltete Neurone in bestimmten Hirnarealen offenbar schwächer darauf reagieren, wie weitere Versuche von Burstein und Kollegen bei Menschen sowie Ratten nahelegen.

Weitere Forschungsergebnisse und Studien

Eine weitere Studie, die auf Daten von Nutzern von NbGL-Lampen (schmalbandiges grünes Licht) basiert, untersuchte die Wirkung von grünem Licht während akuter Migräneattacken. Von 3 875 Nutzern der Migräne-Lampe stimmten 698 Personen (18 %) der Teilnahme an der Studie zu. Vollständige Daten wurden von insgesamt 181 Teilnehmern (26 %) erhoben. Die Teilnehmer wurden anhand des Ausmaßes der Verbesserungen in Responder (≥ 50 %), Non-Responder (< 50 %), Super-Responder (≥ 75 %) und Super-Non-Responder (< 30 %) eingeteilt.

Die Ergebnisse zeigten, dass 61 % der Teilnehmer als Responder eingestuft wurden, 39 % als Non-Responder. Der Kopfschmerz besserte sich bei 55 % aller 3 232 Migräneattacken. Bei Respondern besserten sich 82 % von 1 803 Attacken, bei Non-Respondern dagegen 21 % von 1 429 Attacken. Die Lichtempfindlichkeit verbesserte sich bei 53 % aller Migräneattacken mit Nutzung der Lampe (68 % der Attacken bei Respondern, 35 % der Attacken bei Non-Respondern). Angstzustände verbesserten sich bei 34 % aller Migräneattacken, bei 46 % der Attacken bei den Respondern und bei 18 % der Attacken bei den Non-Respondern.

Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass diese Studie einige Einschränkungen aufweist. Die Migränediagnose wurde nicht nach einheitlichen Kriterien gestellt, zudem fehlte eine Kontrollgruppe in der Studie, die auch nicht verblindet erfolgte.

Grünlichttherapie: Ein vielversprechender Ansatz

Die Grünlichttherapie ist eine spezielle Form der Lichtanwendung, bei der gezielt grünes Licht im Wellenlängenbereich von ca. 525 Nanometern eingesetzt wird.

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Wie funktioniert die Grünlichttherapie?

Es gibt verschiedene Mechanismen, die für die positive Wirkung von grünem Licht verantwortlich sein könnten:

  1. Direkte Wirkung auf das visuelle System: Grünes Licht erzeugt geringere elektrische Signale in Retina und Cortex als andere Farben, was zu einer geringeren Stimulation des Gehirns führen kann.
  2. Förderung körpereigener Opioide und Endorphine: Studien konnten zeigen, dass Grünlicht die Ausschüttung körpereigener Opioide wie Endorphine steigert. Diese Stoffe sind natürliche Stimmungsaufheller, fördern das emotionale Gleichgewicht und helfen dem Körper, auf Stress zu reagieren - auf ganz natürliche Weise.
  3. Beruhigung über das GABA-System: Grünlicht kann die Aktivität des beruhigenden Neurotransmitters GABA erhöhen.

Studienlage:

  • Eine Pilotstudie mit Fibromyalgie-Patient:innen zeigte: Nach regelmäßiger Exposition gegenüber Grünlicht sank die Schmerzintensität um rund 40 %. Gleichzeitig verbesserten sich Schlaf, Stimmung und allgemeines Wohlbefinden - auch wenn dies nicht primär untersucht wurde.
  • Im Gegensatz zu weißem oder blauem Licht, das bei Migräne und Reizüberflutung oft belastend wirkt, wird grünes Licht von vielen Betroffenen als angenehm, beruhigend und sogar heilend empfunden.

Tierversuche liefern weitere Erkenntnisse

Eine tierexperimentelle Studie der University of Arizona berichtet im Fachmagazin „Pain“ von erfolgreichen Versuchen an Ratten. Professor Dr. Mohab M. Ibrahim und sein Team setzten Ratten einer grünen LED-Lichtquelle mit einer Wellenlänge von 525 nm aus. Die Dauer der Anwendung betrug 8 Stunden. Anschließend wurde bei den Tieren erstaunlicherweise eine signifikant erhöhte Schmerzschwelle nachgewiesen. Dieser Effekt war bei allen Versuchsratten zu beobachten, sowohl bei naiven als auch bei Ratten mit chronischen neuropathischen Schmerzen.

Die Wissenschaftler testeten die Scherzempfindlichkeit mittels thermischer Reize. Dafür wurde die plantare Oberfläche der Hinterpfoten der Ratten einer Hitzequelle (hochintensive Projektorlampe) ausgesetzt. Die Tester ermittelten dann, bei welcher Temperatur die Pfoten zurückgezogen wurden.

Der analgetische Effekt und die veränderte Rückzugsreaktion verblüffte die Wissenschaftler. Zudem hielt die antinozizeptive Wirkung sogar noch 4 Tage nach Beendigung der Licht-Stimuli an. Auch zeigten die Versuchstiere keine Gewöhnungseffekte beziehungsweise keine Toleranzentwicklung. Ebenso blieben Nebenwirkungen aus.

Ibrahim und seine Mitarbeiter versuchten noch eine weitere Möglichkeit. Dafür setzen sie den Versuchstieren grüne Kontaktlinsen ein. Auch hier konnte eine Antinozizeption festgestellt werden. Bei Ratten mit Kontaktlinsen, die grünes Licht herausfilterten, blieb die analgetische Wirkung hingegen aus. Aus den Versuchen schließen die Wissenschaftler, dass eine verminderte Schmerzwahrnehmung stark vom visuellen System vermittelt wird.

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Das Forscherteam vermutet, dass die schmerzlindernde Wirkung von grünem Licht auf eine erhöhte Ausschüttung von Enkephalinen im zentralen Nervensystem beruht. Dafür spricht auch die Beobachtung, dass Naloxon die analgetische Wirkung des Lichts umkehrte. Das deutet stark auf eine Beteiligung der zentralen Opioid-Schaltstellen in Gehirn und Rückenmark hin. Des Weiteren beobachteten die Wissenschaftler, dass grünes LED-Licht die thermische und mechanische Hyperalgesie bei Ratten mit einer Verletzung der Spinalnerven (Spinalnerven-Ligatur, SNL) aufhob.

Ferner entdeckten die Forscher, dass grünes Licht bei LED-exponierten Ratten die Calciumkanalaktivität verändert, inklusive einer Abnahme der N-Typ-Aktivität. Calciumkanäle vom N-Typ bewirken an den präsynaptisch nozizeptiven Nervenendigungen die Expression von Substanz P und Glutamat. Eine verminderte Aktivierung hat also eine veränderte Schmerzwahrnehmung zur Folge.

Wer könnte von der Grünlichttherapie profitieren?

Die Grünlichttherapie könnte vor allem Menschen helfen, die unter Schmerzen, Stress, Erschöpfung oder innerer Unruhe leiden. Insbesondere bei chronischen Schmerzen (z. B. Fibromyalgie, Migräne) scheinen positive Effekte zu beobachten zu sein.

Grünlichttherapie öffnet neue Perspektiven im Umgang mit emotionalem Ungleichgewicht. Die bisherigen Erkenntnisse zeigen: Grünes Licht kann nicht nur körperliche Beschwerden lindern, sondern auch die Stimmung verbessern, innere Unruhe reduzieren und das emotionale Gleichgewicht fördern.

Praktische Anwendung

Eine Sonnenbrille, die alle Wellenlänge bis auf grünes Licht filtert oder aber eine Glühbirne, die genau diese Wellenlänge von 530 +/-10 nm in einer niedrigen Intensität ausstrahlt, wären geeignete therapeutische Hilfsmittel für Migräne-Patienten, die unter Photophobie leiden.

Noch seien die speziellen Glühbirnen, die man bräuchte, um das Versuchssetting auch im heimischen Wohnzimmer nachzuahmen, für den Hausgebrauch allerdings zu teuer, so Burstein.

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