Die Diagnose Hirntumor wirft viele Fragen auf, insbesondere wenn sie mit epileptischen Anfällen einhergeht. Dieser Artikel beleuchtet den Zusammenhang zwischen gutartigen Hirntumoren und Epilepsie, untersucht die verschiedenen Aspekte dieser komplexen Beziehung und gibt Einblicke in Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten.
Einführung
Epilepsie, oft als "Gewitter im Gehirn" bezeichnet, ist eine neurologische Erkrankung, die durch wiederholte unprovozierte Anfälle gekennzeichnet ist. Diese Anfälle entstehen durch übermäßige elektrische Entladungen von Nervenzellen im Gehirn. Hirntumore hingegen sind Wucherungen von Zellen im Gehirn, die gutartig (nicht-kanzerös) oder bösartig (kanzerös) sein können. Obwohl Epilepsie und Hirntumore unterschiedliche Erkrankungen sind, können sie in bestimmten Fällen miteinander in Verbindung stehen.
Der Fall Petra H.: Eine lange Odyssee bis zur Diagnose
Petra H. wurde 15 Jahre lang mit starken Psychopharmaka behandelt, obwohl ihre Symptome in Wirklichkeit von einem Hirntumor verursacht wurden, der Epilepsie auslöste. Erst nach einer Schädel-OP wurde sie beschwerdefrei, jedoch mit einer bleibenden Gedächtnislücke. Ihre Geschichte verdeutlicht, wie schwierig die Diagnose sein kann und wie wichtig es ist, körperliche Ursachen für psychiatrische Symptome auszuschließen.
In den Jahren vor ihrer Diagnose litt Petra H. unter schweren Depressionen, Panikattacken, dissoziativen Störungen, Halluzinationen und Psychosen. Ärzte diagnostizierten eine schwere Depression, da ihre Familie zu dieser Zeit unter schwierigen Lebensbedingungen lebte. Sie wurde stationär in eine psychiatrische Klinik eingewiesen und mit Psychopharmaka behandelt, die ihren Zustand jedoch nicht verbesserten.
Im Jahr 2017 vermutete eine Sozialarbeiterin, dass Petra H.s psychiatrische Symptome körperliche Ursachen haben könnten. Sie forderte den behandelnden Arzt auf, dies abzuklären. Daraufhin wurde ein EEG durchgeführt, das Auffälligkeiten zeigte und auf Epilepsie hindeutete. Ein MRT des Gehirns bestätigte schließlich die Diagnose: ein Hirntumor.
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Die Spezialisten in einem Epilepsiezentrum erkannten, dass Petra H.s Symptome fehlinterpretierte epileptische Anfälle waren, die durch den Tumor verursacht wurden. Nach einer aufwändigen Kopfoperation, bei der der Tumor entfernt wurde, konnte Petra H. alle Psychopharmaka absetzen und nimmt nur noch ein Mittel gegen die Epilepsie. Allerdings leidet sie unter einer Gedächtnislücke, die die Erinnerungen an 15 Jahre ihres Lebens auslöscht.
Wie Hirntumore Epilepsie auslösen können
Hirntumore können auf verschiedene Weise epileptische Anfälle verursachen. Sie können das umliegende Hirngewebe reizen und dadurch die elektrische Aktivität im Gehirn stören. Dies kann zu fokalen Anfällen führen, die von einer bestimmten Hirnregion ausgehen, oder zu generalisierten Anfällen, die das gesamte Gehirn betreffen.
Die Lage des Tumors spielt ebenfalls eine wichtige Rolle. Tumore, die sich in bestimmten Hirnregionen befinden, wie beispielsweise dem Schläfenlappen, sind eher mit epileptischen Anfällen verbunden. Der Schläfenlappen ist unter anderem für das Gedächtnis und die Verarbeitung von Emotionen zuständig.
Epilepsie als Erstsymptom eines Hirntumors
In manchen Fällen können epileptische Anfälle das erste Symptom eines Hirntumors sein. Dies ist besonders häufig bei langsam wachsenden, gutartigen Tumoren. Die Anfälle können sich durch unwillkürliche Zuckungen von Armen, Beinen oder einer ganzen Körperhälfte äußern. In schweren Fällen können sie sich auf den gesamten Körper ausbreiten und zur Bewusstlosigkeit führen (Grand Mal-Anfall).
Zusammenhang zwischen Epilepsie und Hirntumoren: Forschungsergebnisse
Studien haben gezeigt, dass Patienten mit Epilepsie ein höheres Risiko haben, an einem Hirntumor zu erkranken. Eine Studie, die die Daten von mehr als 11.000 Epilepsie-Patienten über einen Zeitraum von 35 Jahren analysierte, ergab, dass das Risiko, an einem Hirntumor zu erkranken, bei Epilepsie-Patienten rund 20 Mal so hoch war wie bei Nicht-Epilepsie-Patienten.
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Dieses erhöhte Risiko bleibt über mehrere Jahre bestehen. Daher wird Epilepsie-Patienten eine MRT-Untersuchung empfohlen, um den Verdacht auf einen Tumor im Gehirn auszuschließen.
Gutartige Hirntumore: Meningeome
Meningeome sind gutartige Hirntumore, die sich aus den Hirnhäuten entwickeln. Sie machen etwa 20 Prozent aller Hirntumoren aus und treten überwiegend bei Menschen im mittleren und höheren Lebensalter auf, vor allem bei Frauen.
Meningeome wachsen langsam und bleiben daher oft über längere Zeiträume unentdeckt oder werden nur zufällig entdeckt. Krankheitserscheinungen treten vor allem dadurch auf, dass der wachsende Tumor angrenzende Gehirnstrukturen verdrängt und in ihrer Funktion beeinträchtigt oder epileptische Anfälle auslöst. Welche Hirntumor-Symptome im Einzelnen auftreten, hängt wesentlich von der genauen Lage des Meningeoms ab.
In 85 Prozent der Fälle werden Meningeome als gutartige Hirntumoren in den WHO-Grad 1 eingestuft und können durch operative Entfernung geheilt werden. Etwa zehn Prozent der Meningeome sind jedoch sogenannte atypische Meningeome (WHO-Grad 2). Sie wachsen verstärkt und neigen dazu, nach der Behandlung wiederaufzutreten (Rezidiv). Allerdings haben auch diese Meningeome in der Regel eine günstige Prognose. Bösartige Meningeome (WHO-Grad 3) werden nur bei etwa fünf Prozent der Betroffenen beobachtet. Sie müssen gewöhnlich zusätzlich zur Operation mit einer Strahlentherapie behandelt werden.
Diagnose von Hirntumoren bei Epilepsie-Patienten
Die Diagnose von Hirntumoren bei Epilepsie-Patienten umfasst in der Regel eine neurologische Untersuchung, bildgebende Verfahren wie CT und MRT sowie gegebenenfalls eine Liquoruntersuchung.
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Neurologische Untersuchung
Bei einer neurologischen Untersuchung wird der Arzt die Reflexe, die Muskelkraft, die Koordination, das Sehvermögen, das Sprachvermögen und die geistigen Fähigkeiten des Patienten überprüfen.
Bildgebende Verfahren
Die Computertomographie (CT) ist eine spezielle Röntgenuntersuchung, die den Körper im Querschnitt zeigt und darüber informiert, wo der Tumor sich befindet und wie groß er ist. Die Magnetresonanztomographie (MRT) ist ein weiteres bildgebendes Verfahren, das detailliertere Bilder des Gehirns liefert und es ermöglicht, auch kleinere Tumoren zu erkennen.
Liquoruntersuchung
In manchen Fällen ist bei Verdacht auf einen Gehirntumor eine Untersuchung des Nervenwassers (Liquor) erforderlich. Bei einigen Hirntumoren können sich Tumorzellen ablösen und über den Liquorraum im Rückenmarkkanal verteilen. Bei der Liquorpunktion wird im Bereich der Lendenwirbelsäule der Rückenmarkkanal mit einer feinen Nadel punktiert. Der Neuropathologe untersucht dann das entnommene Nervenwasser unter dem Mikroskop auf Tumorzellen.
Behandlung von Epilepsie bei Hirntumoren
Die Behandlung von Epilepsie bei Hirntumoren zielt darauf ab, die Anfälle zu kontrollieren und den Tumor zu behandeln.
Medikamentöse Therapie
Epileptische Anfälle werden in der Regel mit Antiepileptika behandelt. Diese Medikamente können die Häufigkeit und Schwere der Anfälle reduzieren. Es kann jedoch ein langer Weg sein, bis der Betroffene das für ihn richtige Medikament in der optimalen Dosierung gefunden hat. Dieser Weg sollte gemeinsam mit einem erfahrenen Neurologen oder Epileptologen gegangen werden.
Operation
In vielen Fällen ist eine Operation erforderlich, um den Tumor zu entfernen. Ziel der Operation ist es, die Tumormasse zu entfernen und gleichzeitig die Freiheit von Anfällen zu erreichen. Die nachfolgende Gewebeuntersuchung des Tumors ist dann ein wesentlicher Baustein für die Planung der postoperativen Therapiephase.
Strahlentherapie und Chemotherapie
In einigen Fällen kann eine Strahlentherapie oder Chemotherapie erforderlich sein, um den Tumor zu behandeln. Dies ist besonders häufig bei bösartigen Tumoren.
Innovative Behandlungsmethoden: Lasertherapie
Ein Team des Universitätsklinikums Heidelberg befreite einen zweijährigen Jungen mit einem seltenen gutartigen Hirntumor mithilfe eines minimalinvasiven Laserverfahrens von seiner Epilepsie. Bei diesem Eingriff wird eine Lasersonde über eine nur wenige Millimeter große Öffnung der Schädeldecke in den erkrankten, zentralen Hirnbereich eingeführt, der Tumor überhitzt und so verödet. Jeder Schritt wird mittels Magnetresonanztomographie (MRT) kontrolliert.
Farbtest zur Erkennung von aggressivem Wachstum bei Meningeomen
Ein Team aus den Disziplinen Medizin, Biophysik und Chemie hat einen Farbtest entwickelt, der binnen weniger Minuten das Risiko einer Verschlechterung bei Meningeomen anzeigt. Eine zentrale Rolle dabei spielt die alkalische Phosphatase. Der Test namens „AlkaPhos“ verfärbt sich binnen weniger Minuten von Türkis zu Gelb, wenn das Enzym noch aktiv ist. Verfärbt es sich nicht mehr, ist die alkalische Phosphatase inaktiv. Das wäre dann das Signal dafür, dass der Tumor Gefahr liefe, zu einem aggressiv wachsenden und damit lebensgefährlich zu werden.
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