Das Nervensystem der Fliege: Aufbau, Funktion und Bedeutung für die Forschung

Das Nervensystem der Fliege, insbesondere der Fruchtfliege Drosophila melanogaster, ist ein faszinierendes und intensiv erforschtes Gebiet der Neurobiologie. Trotz seiner geringen Größe und relativen Einfachheit im Vergleich zu komplexeren Organismen wie Säugetieren, ermöglicht es den Fliegen eine Vielzahl von Verhaltensweisen und dient als wichtiges Modellsystem, um grundlegende Prinzipien der neuronalen Informationsverarbeitung zu verstehen.

Aufbau des Nervensystems der Fliege

Das Nervensystem der Fruchtfliege ist, verglichen mit dem Denkorgan von Säugetieren, zwar nur sehr klein und einfach, erlaubt es ihnen dennoch komplexe Verhaltensweisen. Das Gehirn der erwachsenen Fruchtfliege ist mit einer Länge von etwa 250 Mikrometern äußerst kompakt. Es enthält schätzungsweise 100.000 bis 200.000 Neuronen, im Vergleich zu den etwa 86 Milliarden Neuronen im menschlichen Gehirn. Das Nervensystem der Fliege lässt sich in folgende Hauptkomponenten unterteilen:

  • Zentralnervensystem (ZNS): Das ZNS besteht aus dem Gehirn (Oberschlundganglion und Unterschlundganglion) und dem ventralen Nervenstrang.
    • Oberschlundganglion: Dies ist der größte Nervenknoten und entspricht in seiner Funktion dem Gehirn von Wirbeltieren. Es ist das Verarbeitungszentrum für höhere Sinnesfunktionen und das Steuerzentrum für komplexere Verhaltensweisen. Das Oberschlundganglion umfasst das Protocerebrum, die optischen Loben und den Pilzkörper.
    • Unterschlundganglion: Dieser Bereich ist an der Steuerung von Mundwerkzeugen und Speicheldrüsen beteiligt.
    • Ventraler Nervenstrang: Er entspricht funktionell dem Rückenmark der Wirbeltiere und ist für die Steuerung von Reflexen und motorischen Programmen zuständig.
  • Stomatogastrisches Nervensystem (SNS): Dieses System steuert die Futteraufnahme und Verdauung. Es besteht aus Ganglien und Nerven, die mit dem Gehirn und untereinander verbunden sind und versorgt Mundhöhle, Vorderdarm und bestimmte Hormondrüsen.
  • Peripheres Nervensystem (PNS): Im Vergleich zum ZNS ist unser Wissen über das PNS in adulten Fliegen noch begrenzt. Dabei werden essentielle Regulationsprozesse insbesondere bei der Nahrungsaufnahme und -Verwertung hier geregelt.

Funktion des Nervensystems der Fliege

Das Nervensystem der Fliege ermöglicht eine Vielzahl von Verhaltensweisen, die für das Überleben und die Fortpflanzung unerlässlich sind. Dazu gehören:

  • Sensorische Wahrnehmung: Fliegen verfügen über hochentwickelte Sinnesorgane, die es ihnen ermöglichen, ihre Umgebung wahrzunehmen.
    • Geruchssinn: Fliegen nutzen ihren Geruchssinn, um Futter, Feinde oder Paarungspartner zu finden. Sie riechen mit ihren Antennen und der Maxille. Riechzellen produzieren Duftrezeptoren, die Duftstoffe binden und Signale ins Gehirn weiterleiten. Kohlendioxid (CO2) ist ein wichtiger Botenstoff, der bei Fliegen Fluchtverhalten auslösen kann, während er bei Mücken zur Ortung von Wirten dient.
    • Sehsinn: Die Netzhaut von Fruchtfliegen kann den e-Vektor von polarisiertem Licht ausmachen, was ihnen hilft, sich an der Sonne zu orientieren. Sie können auch Luftströmungen wahrnehmen, die ihre Geruchswahrnehmung beeinflussen.
  • Lernen und Gedächtnis: Fliegen können lernen, bestimmte Gerüche oder Orte mit Gefahr oder Sicherheit in Verbindung zu bringen. Der Pilzkörper im Gehirn spielt eine zentrale Rolle beim Duft-Lernen und der Übersetzung von Sensorik in Motorik.
  • Räumliche Orientierung: Untersuchungen am Nervensystem der Fruchtfliege zeigen, dass neuronale Netzwerkstrukturen eine wichtige Rolle bei der räumlichen Orientierung spielen. Ringförmig angeordnete Zellgruppen im Gehirn verfolgen die Bewegungsrichtung der Fliege relativ zu Objekten der Umgebung.
  • Motorische Kontrolle: Das Nervensystem steuert die Bewegung der Fliege, einschließlich Laufen, Fliegen und Putzen. Enthauptete Fruchtfliegen können immer noch laufen und sich putzen, da die Schaltkreise des ventralen Nervenstrangs komplexe motorische Programme ohne Gehirnsteuerung ausführen können.
  • Regulation der Nahrungsaufnahme und Verdauung: Das stomatogastrische Nervensystem ist wichtig für die Futteraufnahme und Verdauung.

Bedeutung für die Forschung

Das Nervensystem der Fruchtfliege ist ein wichtiges Forschungsobjekt, um mehr über die Grundlagen der neuronalen Informationsverarbeitung in Erfahrung zu bringen. Es ist das bisher komplexeste Lebewesen, dessen Gehirn samt Neuronen und neuronalen Verbindungen vermessen wurde. Die Fruchtfliege bietet mehrere Vorteile für die neurowissenschaftliche Forschung:

  • Geringe Größe und relative Einfachheit: Das kleine Gehirn der Fliege erleichtert die Beobachtung und Manipulation einzelner Zellen und Schaltkreise.
  • Genetische Werkzeuge: Es stehen hochentwickelte genetische Methoden zur Verfügung, um die Funktion von Genen gezielt zu verändern und die Aktivität von Neuronen zu manipulieren.
  • Verhaltensstudien: Fliegen zeigen ein breites Spektrum an Verhaltensweisen, die sich im Labor untersuchen lassen.
  • Homologie zu anderen Organismen: Viele Gene und neuronale Mechanismen, die im Fliegengehirn gefunden wurden, sind auch in anderen Organismen, einschließlich des Menschen, konserviert.

Aktuelle Forschungsansätze:

  • Konnektomforschung: Die Erstellung vollständiger Karten aller neuronalen Verbindungen (Konnektome) im Fliegengehirn ermöglicht es, die Struktur und Funktion neuronaler Schaltkreise zu verstehen. Eine extrem hochauflösende 3-D-Aufnahme gibt bislang unerreichte Einblicke in das zentrale Nervensystem einer Taufliege. Dazu hat ein Team das komplette mohnkorngroße Gehirn des Insekts in Gewebeschnitte zerlegt und diese einzeln mit dem Elektronenmikroskop gescannt. Aus Einzelaufnahmen entstand schließlich die 3-D-Rekonstruktion des gesamten Nervensystems.
  • Untersuchung der CO2-Detektion: Die Erforschung der neuronalen Mechanismen, die der CO2-Detektion bei Fliegen und Mücken zugrunde liegen, könnte zur Entwicklung neuer Strategien zur Bekämpfung von Krankheitsüberträgern beitragen.
  • Analyse der räumlichen Orientierung: Wissenschaftler untersuchen die neuronalen Netzwerke, die der räumlichen Orientierung von Fliegen zugrunde liegen, um die Grundlagen der Navigation im Gehirn zu verstehen.
  • Erforschung des stomatogastrischen Nervensystems: Dieses Projekt untersucht die Anatomie und Funktion der Zellen des stomatogastrischen Ganglions in der adulten Fruchtfliege, um zu analysieren, welche Zelltypen wie an der prandialen Regulation beteiligt sind und wie konserviert dieser Prozess zwischen Fliege und Wirbeltier ist.

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