Haben Schwarze kleinere Gehirne? Eine Untersuchung wissenschaftlicher Rassentheorien

In der Debatte um Rasse und Intelligenz tauchen immer wiederkehrende Behauptungen auf, die wissenschaftliche Argumente nutzen, um vermeintliche Unterschiede zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen zu untermauern. Eine dieser Behauptungen ist, dass Schwarze kleinere Gehirne hätten und dies ihre angeblich geringere Intelligenz erklären würde. Dieser Artikel untersucht diese These kritisch, beleuchtet ihre historischen Wurzeln, widerlegt ihre wissenschaftliche Grundlage und zeigt die gesellschaftspolitischen Implikationen solcher Argumente auf.

Die Wiederkehr des wissenschaftlichen Rassismus

Der Politologe Edward Burmila argumentiert, dass wissenschaftlicher Rassismus nie wirklich verschwunden war. Obwohl die meisten Menschen hofften, dass das Humangenomprojekt im Jahr 2000 das Ende des wissenschaftlichen Rassismus bedeuten würde, das zeigte, dass die Menschen 99,9 Prozent ihrer Gene teilen, tauchen solche Ideen regelmäßig in neuen Varianten auf.

Historische Wurzeln rassistischer Theorien

Die Idee, die Wissenschaft zur Rechtfertigung rassischer Überlegenheit zu nutzen, hat eine lange Geschichte. Bereits im 18. Jahrhundert wurden Versuche unternommen, "Rassenungleichheit" wissenschaftlich zu belegen. Thomas Jefferson, der in der Unabhängigkeitserklärung schrieb, dass „alle Menschen gleich“ seien, argumentierte in seinen Notes on the State of Virginia, dass Schwarze einen unangenehmen Geruch hätten, weniger Schlaf benötigten, ihre Trauer vorübergehend sei und dass sie „Denkvermögen in viel geringerem Maße“ besäßen.

Im 19. Jahrhundert betrieb Samuel George Morton, ein Mediziner und Anatomieprofessor, die Sammlung und Vermessung von Schädeln. Er behauptete, dass Weiße deutlich größere Gehirne hätten als Schwarze und somit intelligenter seien. Nach Mortons Tod wurden seine Arbeiten von Josiah Nott und George Glidden fortgesetzt, die argumentierten, dass die Unterschiede zeigten, dass jede Rasse eine eigene Spezies sei.

Mit der Erfindung von IQ-Tests um die Jahrhundertwende wurde das Argument umformuliert: Die Tests seien ein ausreichendes Messinstrument für die angeborene allgemeine Intelligenz, und einige Rassengruppen schneiden bei den Tests besser ab als andere, weil die besser abschneidenden Gruppen genetisch überlegen seien.

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Die Problematik von IQ-Tests

Die Verwendung von IQ-Tests als Beweis für rassische Unterschiede in der Intelligenz ist höchst problematisch. Erstens ist Intelligenz selbst ein nicht klar definierter Begriff. Viele der ursprünglichen Tests waren kulturell verzerrt. Selbst wenn die offensichtlichsten Verzerrungen entfernt wurden, messen die Tests bestenfalls einen Aspekt dessen, was einigermaßen als intellektuelle Fähigkeit bezeichnet werden könnte. Der Psychologe Howard Gardner argumentiert, dass Intelligenz mehrere Dimensionen hat.

Zweitens ist der IQ keine unveränderliche Eigenschaft. Der sogenannte Flynn-Effekt zeigt, dass die IQ-Werte in fast allen Ländern seit Anfang des 20. Jahrhunderts stetig gestiegen sind. Dies deutet darauf hin, dass die gemessenen intellektuellen Fähigkeiten mit Veränderungen in der pädagogischen Unterstützung und anderen Aspekten des sozialen Umfeldes verbessert werden können.

Erblichkeit vs. genetische Unterschiede zwischen Gruppen

Wissenschaftliche Rassisten argumentieren oft, dass Unterschiede in den durchschnittlichen IQ-Werten zwischen verschiedenen „Rassengruppen“ weitgehend auf genetische Unterschiede zurückzuführen seien. Sie berufen sich auf Studien an eineiigen Zwillingen, die getrennt aufgezogen wurden, um zu zeigen, dass es eine höhere Korrelation zwischen den IQ-Werten der Zwillinge gebe als zwischen Kindern, die nicht verwandt seien.

Selbst wenn die Vererblichkeit einer Eigenschaft hoch ist und es einen messbaren Unterschied in dieser Eigenschaft zwischen den Gruppen gibt, ist es falsch zu schlussfolgern, dass der Unterschied auf genetische Unterschiede zwischen den Gruppen zurückzuführen sei. Die Körpergröße hat ein hohes Maß an Vererblichkeit. Wenn eine Gruppe von Individuen im Durchschnitt größer ist als eine andere, ist es dennoch möglich, dass der Unterschied ausschließlich auf Umweltfaktoren zurückzuführen ist.

Rasse als gesellschaftspolitische Kategorie

Ein wesentlicher Grund, genetische Erklärungen von Leistungsunterschieden zwischen „Rassengruppen“ abzulehnen, ist, dass Rasse selbst keine biologische Kategorie ist. Der Begriff der Rasse ist relativ neu und entstand im Zusammenhang mit dem Kolonialismus und dem transatlantischen Sklavenhandel. Rasse ist eine gesellschaftspolitische Kategorie, die Menschen in soziale Gruppen einteilt, die auf erfundenen biologischen Abgrenzungen basieren.

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Sozioökonomische Faktoren und Hirnentwicklung

Eine Studie in Nature Neuroscience aus dem Jahr 2015 zeigte, dass ein geringes Familieneinkommen und ein niedriges Bildungsniveau der Eltern mit einer verminderten Entwicklung der Großhirnrinde einhergehen. Betroffen waren insbesondere Regionen, die für Sprechen, Lesen, räumliches Vorstellungsvermögen und Verstand zuständig sind. Die Studie ergab, dass die ethnische Herkunft sich nicht auf die Entwicklung der Hirnoberfläche auswirkt. Die Gehirne von schwarzen und weißen Amerikanern, Latinos und Asiaten entwickeln sich gleich, wenn sie aus der gleichen sozioökonomischen Schicht kommen.

Stereotypen und Schubladendenken im Gehirn

Um Phänomene wie Polarisierung oder Rassismus zu erklären, nehmen manche Philosophinnen und Wissenschaftler unser Gehirn in den Blick. Menschen neigen zu Stereotypen und Schubladendenken. Unser Gehirn sortiert in sogenannte Ingroups und Outgroups, also in die eigene Gruppe und die fremde Gruppe. Das zeigen beispielsweise Experimente mit Babys. Schon diese können Angehörige der eigenen Hautfarbe besser erkennen als die einer anderen Hautfarbe.

Die Rolle von Genen und Umwelt

Die Frage, welche Rolle Gene beim IQ spielen, kann man untersuchen, indem man identische Zwillinge findet, die bei ihrer Geburt getrennt wurden und getrennt voneinander groß wurden. Es gibt nur wenige untersuchte Fälle, in denen Zwillinge in unterschiedlichen Familien aufgewachsen sind, die gleichzeitig zu verschiedenen sozialen Schichten mit abweichendem Bildungsniveau zählten. Die Erforschung von Adoptionen bestätigt diesen Eindruck. Beispielsweise zeigte eine französische Studie, die Aufzeichnungen von Adoptionsvermittlungsstellen auswertete, dass Kinder aus armen Familien, die an arme Familien vermittelt wurden, einen durchschnittlichen IQ von 92,4 hatten. Dagegen zeigte sich bei armen Kindern, die an wohlhabende Familien vermittelt wurden, ein Schnitt von 103,6.

Der Flynn-Effekt und die Bedeutung des sozialen Umfelds

Der bedeutendste IQ-Theoretiker der vergangenen 50 Jahre ist der Neuseeländer James Flynn. Er fand heraus, dass die IQ-Tests mit jeder Generation anspruchsvoller werden müssen, wenn ein Schnitt von 100 erhalten bleiben soll. Was sich geändert hat, hat nichts mit Genetik zu tun. Stattdessen sind Menschen heute häufiger mit abstrakter Logik konfrontiert, die in den IQ-Tests gemessen wird. Manche Bevölkerungsgruppen begegnen ihr häufiger als andere, was auch erklärt, warum ihre IQ-Werte sich voneinander unterscheiden.

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