Seelenarbeit im Sozialismus: Die Rolle von Psychiatrie, Psychologie und Psychotherapie in der DDR

Einführung

Das Gesundheitssystem der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) wurde oft als eine Vorzeige-Errungenschaft des Sozialismus dargestellt. Gleichzeitig betrachtete die Staatsführung bestimmte Disziplinen innerhalb dieses Systems argwöhnisch, da sie als potenzielle Orte kritischen Denkens und Widerstands galten. Insbesondere Psychiatrie, Psychotherapie und Psychologie (PPP) nahmen eine ambivalente Position zwischen staatlicher Kontrolle und dem Streben nach Autonomie ein. Welche Rolle spielten diese Disziplinen in der DDR wirklich, und warum scheiterte das staatliche Fürsorgeversprechen insbesondere im Hinblick auf die psychiatrische und psychotherapeutische Versorgung?

Forschungsprojekt "Seelenarbeit im Sozialismus" (SiSaP)

Um diese Fragen zu beantworten, wurde das interdisziplinäre Forschungsprojekt „Seelenarbeit im Sozialismus“ (SiSaP) ins Leben gerufen. Seit 2019 wird dieses Projekt vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert und an verschiedenen Standorten in Deutschland durchgeführt. Ziel ist es, die Rolle der PPP-Disziplinen in der DDR rückblickend aufzuklären und zu verstehen.

Teilprojekte und Forschungsansätze

Der Forschungsverbund besteht aus mehreren Teilprojekten, die sich unterschiedlichen Aspekten der Thematik widmen:

  • Teilprojekt Rostock/Greifswald: Unter der Leitung von Prof. Dr. Ekkehardt Kumbier und Prof. Dr. Hans J. Grabe untersucht dieses Teilprojekt die Psychiatrie in der DDR zwischen Hilfe, Verwahrung und Missbrauch. Es analysiert die strukturelle Verankerung und den gesellschaftlichen Stellenwert psychiatrischer Versorgung.
  • Teilprojekt Jena: Unter der Leitung von Prof. Dr. Bernhard Strauß widmet sich dieses Teilprojekt der ambivalenten Rolle der Psychotherapie in der DDR.
  • Teilprojekt Dortmund: Unter der Leitung von Prof. a. D. Dr. Susanne Guski-Leinwand untersucht dieses Teilprojekt die Psychologie unter politischem Diktat und ihre Rolle in der Justiz.
  • Teilprojekt Erlangen-Nürnberg: Unter der Leitung von PD Dr. Rainer Erices werden die für die drei Bereiche Psychologie, Psychiatrie und Psychotherapie (PPP) relevanten Strukturen des DDR-Gesundheits- und Forschungswesens aufgearbeitet. In einer Gesamtdarstellung werden die übergeordneten Strukturen der drei Fächer im staatlichen Kontext für den Zeitraum 1945 bis 1990 unter Berücksichtigung sowohl klinischer als auch wissenschaftlich-universitärer Instanzen beschrieben.

Die Forschungsteams nutzen verschiedene Methoden, darunter Archivrecherchen, Literaturanalysen, qualitative Interviews mit Zeitzeugen (ehemaligen Akteuren und Patienten) und Repräsentativbefragungen. Durch Netzwerkanalysen werden Beziehungsstrukturen analysiert und der Einfluss von Einzelpersonen und Gruppen innerhalb und außerhalb der Psychiatrie auf politisch-administrativer Ebene untersucht.

Ziele des Forschungsprojekts

Das SiSaP-Projekt verfolgt mehrere Ziele:

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  • Aufarbeitung der Strukturen und Akteure im Bereich der PPP-Disziplinen in der DDR.
  • Analyse der Rolle von Psychiatrie, Psychotherapie und Psychologie im Spannungsfeld zwischen Hilfe, Kontrolle und politischem Missbrauch.
  • Untersuchung der Auswirkungen der DDR-Gesundheits- und Wissenschaftspolitik auf die therapeutische Praxis.
  • Identifizierung von Freiräumen, Nischen und möglichen Widerstandsformen innerhalb des Systems.
  • Schaffung einer dauerhaft verfügbaren analogen und digitalen Ausstellung, die die Forschungsergebnisse der Wissenschaft und der Öffentlichkeit zugänglich macht.
  • Vermittlung der Forschungsergebnisse in Bildungseinrichtungen und an interessierte Personen.

Psychiatrie in der DDR: Zwischen Hilfe, Verwahrung und Missbrauch

Die Psychiatrie in der DDR wird bis heute widersprüchlich wahrgenommen. Einerseits berichten Patientinnen und Patienten von einer wenig individualisierten und oft menschenunwürdigen Behandlung. Andererseits sprechen damals tätige Medizinerinnen und Mediziner sowie Pflegerinnen und Pfleger von Fürsorge und Engagement trotz materieller Not und politischem Druck.

Strukturelle Verankerung und gesellschaftlicher Stellenwert

Das Teilprojekt Rostock/Greifswald untersucht die strukturelle Verankerung und den gesellschaftlichen Stellenwert der psychiatrischen Versorgung in der DDR. Dabei werden Abläufe, gesetzliche Rahmenbedingungen, Akteure und deren Interaktionen vor dem Hintergrund politisch-ideologischer und fachlicher Diskurse und Vorgaben analysiert.

Ein besonderes Augenmerk liegt auf der Patientenperspektive und der Identifizierung von Verflechtungen von Verantwortlichen mit dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS). Die Ergebnisse werden in Form von Bibliographien, Literatursammlungen und einer Online-Datenbank zu Archivalien der Psychiatrie in der DDR für künftige wissenschaftliche Projekte zur Verfügung gestellt.

Der "Operative Vorgang Inspirator"

Im Rahmen des Projekts wurde beispielsweise der "Operative Vorgang Inspirator" untersucht, der sich mit einem "Hobby-Juristen" im MfS-Haftkrankenhaus befasste. Dies verdeutlicht die enge Verknüpfung zwischen Psychiatrie und Staatssicherheit in der DDR.

Psychiatrie im Spannungsfeld von Hilfe und Missbrauch

Die Medizinhistorikerin Dr. Kathleen Haack spürt in ihren Vorträgen dem Spagat zwischen Hilfe und Missbrauch innerhalb der Psychiatrie in der DDR nach. Sie thematisiert am Beispiel der Psychiatrie das Gesundheitswesen der DDR und setzt es in den Zusammenhang der rechtlichen und gesundheitspolitischen Rahmenbedingungen.

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Psychotherapie in der DDR: Eine ambivalente Rolle

Das Teilprojekt Jena widmet sich der ambivalenten Rolle der Psychotherapie in der DDR. Es untersucht, inwieweit die Psychotherapie ideologisch motiviert war oder ob es Freiräume, Nischen und sogar politische Widerstände gab.

Psychologie unter politischem Diktat

Das Teilprojekt Dortmund analysiert die Psychologie unter politischem Diktat und ihre Rolle in der Justiz. Es geht der Frage nach, ob mithilfe der Psychologie Stasi-Mitarbeitende in Verhörmethoden geschult wurden.

"Depressive Menschen" in der DDR: Eine Abweichung vom Idealbild

Ein weiteres Forschungsprojekt, angesiedelt an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU), untersucht den Umgang mit "depressiven Menschen" in der DDR. Da Depressionen nicht mit dem Menschenbild des Staates vereinbar waren, galten depressive Menschen als Abweichung von der propagierten gesellschaftlichen Dynamik.

Forschungsansatz und Quellen

Das Projekt stützt sich auf einen außergewöhnlichen Quellenbestand: die vollständig überlieferten Patientenakten der Universitätsklinik für Psychiatrie und Neurologie Halle (Saale). Für den Zeitraum von 1945 bis Mitte der 1970er Jahre wurde ein Sample von rund 4.000 Patientendossiers der Diagnosefamilie "Depression" eruiert.

Fragestellungen

Das Projekt untersucht Diskurse und Zuschreibungen, die mit depressiven Menschen verknüpft wurden, auf allen relevanten Ebenen: in der Politik und Administration von Partei und Staat, bei den "Sicherheitsorganen", im akademisch-fachwissenschaftlichen Bereich und am Behandlungsort. Ziel ist es, individuelle Vorstellungen und kollektive Normen sichtbar zu machen, die es erlauben, die Grenzfragen nach Anpassung und Devianz, nach Toleranz und Unterstützung, nach Stigmatisierung und Pathologisierung sowie nach medizinischer Behandlung mit und ohne medikamentöse Hilfe zu verstehen.

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Neurologie in der DDR

Auch die Entwicklung der Neurologie in der DDR wird im Rahmen des Forschungsprojekts betrachtet. Während sich das Fachgebiet in der Bundesrepublik Deutschland seit etwa den 70er-Jahren des 20. Jahrhunderts etablierte, musste es sich auch in der DDR etablieren. Es entstanden u. a. eigenständige neurologische Kliniken, beispielsweise in Rostock.

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