Migräne, eine neurologische Erkrankung, die sich durch wiederkehrende, anfallsartige Kopfschmerzen auszeichnet, betrifft Millionen Menschen weltweit. Der Begriff "Migräne" stammt aus dem Altgriechischen und bedeutet "halber Schädel", was auf die oft halbseitig auftretenden Schmerzen hinweist. PD Dr. med. Stefanie Förderreuther, 1. Vizepräsidentin der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft e.V., betont, dass Migräne mehr als nur Kopfschmerzen sind; sie können das Leben der Betroffenen entscheidend beeinträchtigen und die Lebensqualität verringern.
Was ist Migräne?
Kopfschmerz ist ein Überbegriff für verschiedene Kopfschmerzerkrankungen, wobei Migräne zu den primären Kopfschmerzerkrankungen zählt. Bei primären Kopfschmerzerkrankungen ist der Schmerz selbst die Krankheit. Migräne und Spannungskopfschmerz sind die häufigsten Vertreter dieser Gruppe. In Deutschland leiden schätzungsweise 8 bis 10 Millionen Menschen an Migräne, wobei die Häufigkeit der Attacken variiert.
Auf die Gesamtbevölkerung gesehen sind etwa 15 Prozent der Frauen und 5 bis 8 Prozent der Männer betroffen. Migräne kann in jedem Lebensalter auftreten, ist aber meist zwischen dem 25. und 45. Lebensjahr am schlimmsten. Am häufigsten ist die episodische Migräne mit gelegentlichen oder mehrfach im Monat auftretenden Attacken.
Ursachen und Auslöser von Migräne
Die genauen Ursachen der Migräne sind noch nicht vollständig geklärt. Es wird jedoch angenommen, dass eine genetische Veranlagung eine Rolle spielt. Bei Migränepatienten mit Aura gibt es oft eine positive Familienanamnese. Allerdings gibt es auch viele Patienten, bei denen niemand sonst in der Familie betroffen ist.
Selbst wenn eine genetische Veranlagung besteht, kommen noch sogenannte auslösende Faktoren hinzu. Diese Auslöser sind bei jedem Menschen anders, aber häufig multifaktoriell. Es gibt innere Faktoren wie Hormonschwankungen und äußere (exogene) Faktoren.
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Genetische Faktoren
Die einzige Ursache, die die Medizin heutzutage mit Sicherheit kennt, ist eine genetische Neigung. Besondere, seltene Arten der Migräne mit schwer verlaufenden und langanhaltenden Auren sind genetisch bereits entschlüsselt.
Hormonelle Einflüsse
Vor der Pubertät sind Mädchen und Jungen etwa gleich häufig von Migräne betroffen. Nach der Pubertät überwiegen jedoch die Frauen. Frauen haben häufig kurz vor und während der Menstruation Attacken, wenn der Östrogenspiegel sinkt und die Regelblutung einsetzt. Ob auch die Phase des Eisprungs eine besonders empfindliche Zeit ist, ist wissenschaftlich umstritten. Während einer Schwangerschaft erfahren etwa zwei Drittel eine Besserung. In der Menopause kommt es ebenfalls bei vielen Frauen zu einer Besserung.
Stress und Entspannung
Gerade am Wochenende nach einer vollgepackten Woche haben nicht wenige eine Migräne-Attacke - also beim Wechseln von einer Anspannungs- in eine Entspannungsphase. Das Gehirn von Migränepatienten arbeitet anders und kann zum Beispiel wiederkehrende Reize schlechter ausblenden. Es könnte sein, dass manche Patienten deswegen auf Stressreize so reagieren. Es ist aber nicht bei allen Patienten so, dass Stress ein Auslöser ist.
Schlaf und Tagesrhythmus
Wenn Menschen lieber lange schlafen, aber im Alltag früh aufstehen müssen und nur am Wochenende länger schlafen, kann dieser Wechsel in der Tagesrhythmik bereits eine Attacke auslösen.
Ernährung
Öfter stellen Migräne-Patienten fest, dass alkoholische Getränke ein Auslöser sind. Es ist jedoch nicht der Alkohol an sich, sondern spezielle Inhaltsstoffe, die sich im Wein oder Sekt befinden. Bestimmte Lebensmittel wie Schokolade, Käse, Zitrusfrüchte und Alkohol (Rotwein!), flackerndes Licht, Lärm oder Gerüche, Wetterveränderungen, starke Emotionen oder Stress können ebenfalls Trigger sein.
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Es ist sinnvoll, dass der Patient versucht, seine persönlichen Auslösefaktoren herauszufinden und zu dokumentieren. Dazu führt er am besten ein Kopfschmerztagebuch.
Symptome und Verlauf einer Migräneattacke
Die Beschwerden bei einer Migräne-Attacke sind sehr charakteristisch. Der Eine hat die Kopfschmerzen auf der einen, der Andere auf der anderen Seite, beim Dritten sind beide Kopfhälften betroffen. Und nicht jeder halbseitige Kopfschmerz ist eine Migräne. Der Eine leidet vor allem an Übelkeit, den Anderen quält mehr die ausgeprägte Lärm- und Lichtüberempfindlichkeit. Bei dem Einen kommt die Migräne immer am Wochenende, wenn der Stress nachlässt bzw. sich die Tagesrhythmik ändert. Beim Anderen kommt die Attacke mitten in der Stressphase oder nur aufgrund von hormonellen Einflüssen. Einige haben eine sogenannte Aura, die meisten Migräne-Patienten aber nicht.
Ein Migräneanfall kann in vier Phasen unterteilt werden:
Vorbotenphase: Bei etwa einem Drittel der Patienten kündigt sich die Migräne durch bestimmte Symptome an, die Stunden bis Tage vor dem eigentlichen Anfall auftreten können. Dazu gehören Müdigkeit, Seh- und Geräuschempfindlichkeit, Appetit- sowie Stimmungsschwankungen.
Auraphase: Bei 10 bis 15 Prozent der Patienten tritt eine Aura auf, meist vor dem Einsetzen der Kopfschmerzen. Sie "entsteht" an den Nervenzellen selbst und zwar typischerweise in den Arealen der Gehirnrinde am Hinterkopf, in denen das Sehen verschaltet ist. Bei der Aura kommt es dort zu einer Art Erregungswelle, die sich über die Hirnrinde ausbreitet. Das führt dann zu vorübergehenden Sehstörungen in Form von Flimmer- oder Zickzacksehen. Wenn sich die Erregungswelle weiter zu den Hirnarealen, die für das Gefühl in der Haut zuständig sind, ausbreitet, entstehen Gefühlsstörungen: Kribbeln oder Taubheit im Mund und in der Hand. Auch das Sprachzentrum kann erfasst werden, dann zeigen sich Sprachstörungen wie Wortfindungsschwierigkeiten.
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Die Aura breitet sich als eine Erregungswelle der Nervenzellen allmählich über die Hirnrinde aus. Deshalb entwickeln sich die Aurasymptome auch langsam, weil die Areale der Gehirnrinde, die für das Sehen, das Fühlen oder das Sprachverständnis verantwortlich sind nach und nach von der Erregungswelle erreicht werden.
Kopfschmerzphase: In dieser Phase treten die eigentlichen Migränekopfschmerzen auf. Sie sind oft pulsierend und halbseitig, können aber auch beidseitig auftreten. Die Schmerzen werden oft von Übelkeit, Erbrechen, Licht- und Lärmempfindlichkeit begleitet.
Rückbildungsphase: In dieser Phase klingen die Kopfschmerzen und Begleitsymptome allmählich ab. Die Betroffenen fühlen sich oft müde und erschöpft.
Diagnose von Migräne
Die sichere Diagnose "Migräne" kann eigentlich nur der Arzt stellen. Hinter dem Symptom Kopfschmerz können sich auch andere Erkrankungen verbergen. Die Migräne ist eine Erkrankung des Gehirns. Attacken kommen und gehen, oft weiß der Patient nicht genau, warum.
Die Beschwerden des Patienten bei einer Migräne-Attacke sind sehr charakteristisch. Deswegen geben vor allem die Beschreibungen des Patienten entscheidende Hinweise darauf, ob es sich um eine Migräne oder eine andere Kopfschmerzart handelt. Hinzu kommen internistische und neurologische Untersuchungen. Bildgebende Verfahren wie CT oder Kernspintomographie sind für die Diagnose in der Regel nicht erforderlich.
Auch wenn man den Kopfschmerz schon kennt, weil z.B. auch die Mutter betroffen ist, sollte man die Eigendiagnose vom Arzt bestätigen lassen und sich dann vor allem auch zur richtigen Therapie beraten lassen.
Es ist wichtig, dass man dies für eine Weile regelmäßig tut, um analysieren zu können, wie viele Kopfschmerzarten man hat. Ein Migräne-Patient kann ja auch einmal einen Spannungskopfschmerz haben. Auch die Häufigkeit der Medikamenteneinnahme wird damit transparent. Folgende Rubriken sollten enthalten sein: Anfallfrequenz, Medikamenteneinnahme, Intensität des Anfalls, Schmerzqualität, Begleitsymptome (wie Übelkeit, Erbrechen, verstopfte oder laufende Nase) und der zeitliche Bezug zum eventuell auslösenden Faktor.
Behandlung von Migräne
Die Migräne ist eine vielschichtige Erkrankung, die individuell unterschiedliche Behandlungsansätze erfordert. Ziel der Behandlung ist es, die Häufigkeit und Intensität der Attacken zu reduzieren und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Es gibt verschiedene Therapieansätze, die in Akuttherapie und Prophylaxe unterteilt werden können.
Akuttherapie
Bei leichten bis mittelschweren Migräneattacken können herkömmliche Schmerzmittel wie ASS, Ibuprofen oder Paracetamol helfen. Es ist wichtig, die Medikamente gleich zu Beginn der Attacke und in ausreichender Dosierung einzunehmen. Bei einer Migräne müssen es in der Regel schon 2 Tabletten Aspirin sein (entsprechend 1000 mg Acetylsalizylsäure) oder 600 mg Ibuprofen, um dem Schmerz Herr zu werden.
Bei stärkeren Attacken oder wenn herkömmliche Schmerzmittel nicht ausreichend wirken, können spezielle Migränemedikamente, sogenannte Triptane, eingesetzt werden. Mit Triptanen und der neuen Substanzklasse der Ditane (bislang ist in Deutschland nur der Wirkstoff Lasmiditan erhältlich) kann man über einen Eingriff in den Serotoninstoffwechsel die neurovaskuläre Entzündung stoppen. Während Triptane auch die geweiteten Gefäße wieder verengen, beeinflusst das Lasmiditan die Gefäße nicht. Deswegen kann Lasmiditan auch bei Patienten eingesetzt werden, die z.B. aufgrund von Durchblutungsstörungen, einem früheren Schlaganfall oder Herzinfarkt Kontraindikationen für ein Triptan aufweisen.
Da die Übelkeit bei der Migräne auf einer gestörten Magenperistaltik beruht, kann die Einnahme eines Mittels gegen Übelkeit (Antiemetikum) vor dem Schmerzmittel die Wirkung verbessern.
Prophylaxe
Eine vorbeugende Behandlung spielt eine besonders große Rolle, da alle Substanzen, die man zur Akuttherapie der Attacke einsetzen kann, den Kopfschmerz bei zu häufiger Einnahme verstärken und chronifizieren können.
Zur Migräneprophylaxe werden verschiedene Medikamente eingesetzt, darunter Betablocker, Antikonvulsiva und Antidepressiva. Auch nicht-medikamentöse Verfahren wie Entspannungstechniken, Akupunktur und Biofeedback können hilfreich sein.
Neben einer medikamentösen Prophylaxe verordnen wir Migränepatienten heute auch Botoxtherapien und Antikörpertherapien mit CGRP-Antikörpern oder CGRP-Rezeptor-Antikörpern. Zudem können nichtmedikamentösen Verfahren, wie die Veränderung des Lebensstils, das Vermeiden von Triggern, das Erlernen von Entspannungstechniken oder Ausdauersport, den Patientinnen und Patienten helfen.
Natürliche Maßnahmen
Wer regelmäßig unter Migräne leidet, sollte versuchen, die persönlichen Auslöser ausfindig zu machen und diese möglichst vermeiden. Ausreichende Flüssigkeitszufuhr und regelmäßige Nahrungsaufnahme sind äußerst wichtig. Unvermeidbaren Stress sollte man durch Entspannungsverfahren wie Yoga oder progressive Muskelentspannung regulieren.
Es gibt auch einige natürliche Mittel, die bei Migräne helfen können, wie z. B. Vitamin B2, Q10, L-Carnitin, Vitamin B3 und Liponsäure.
Osteopathie
Gerade die Osteopathie kann bei der Migräne vielversprechende therapeutische Ansätze bieten. Sie ist durch ihre manuelle Diagnostik in der Lage, Stress im Körper zu lokalisieren und, was in diesem Fall unerlässlich ist, auch dem Patienten selbst bewusst zu machen. Stauungen im Bereich der hirnversorgenden Gefäße wie die Arteria carotis oder die Arteria vertebralis nahe der Halswirbelsäule, insbesondere an ihren Eintrittsstellen in den Schädel, sind echte Hot Spots, wenn es um Migränetherapie geht. Neben der strukturellen Arbeit bietet die Osteopathie auch einige neurologische Herangehensweisen, die unmittelbar den Energiehaushalt positiv beeinflussen können. Besonders die unterschiedlichen Techniken der Vagusstimulation stellen eine manuelle Alternative zur Transkutanen Elektrische Nervenstimulation (TENS) dar, die inzwischen vielfach bei der Migräne zur Vagus- oder Trigeminusstimulation erfolgreich eingesetzt wird, gerade bei Patienten, die eine medikamentöse Therapie schlecht vertragen oder aus gesundheitlichen Gründen (z. B. Schwangerschaft) nicht einsetzen können.
Wann sollte man einen Arzt aufsuchen?
Wer hin und wieder leichte Kopfschmerzen hat, muss nicht unbedingt zum Arzt gehen. Wer aber regelmäßig Kopfschmerzen hat, immer wieder zu Schmerzmitteln greifen muss oder schwere Attacken hat, sollte auf jeden Fall einen Arzt aufsuchen. Vor allem Patienten, die nicht gut auf die vom Hausarzt verordnete Therapie ansprechen oder sehr häufig Kopfschmerzen haben, sollten einen Facharzt aufsuchen. In der Regel wird das ein Neurologe oder Schmerztherapeut sein. Es gibt auch ausgewiesene Kopfschmerzspezialisten und Kopfschmerzambulanzen, die dann zu Rate gezogen werden können.