Visuelle Halluzinationen, das Wahrnehmen von Dingen, die in der Realität nicht vorhanden sind, sind ein faszinierendes und komplexes Phänomen. Sie können vielfältige Ursachen haben, von neurologischen Erkrankungen über psychische Störungen bis hin zu Drogenkonsum oder sogar normalen physiologischen Zuständen wie dem Halbschlaf. Dieser Artikel beleuchtet die neurologischen Ursachen visueller Halluzinationen, ihre verschiedenen Erscheinungsformen und die Bedeutung einer differenzierten Diagnose.
Einführung in visuelle Halluzinationen
Visuelle Halluzinationen oder Illusionen sind kein seltenes Symptom. Sie können vielfältig sein und reichen von einfachen Lichterscheinungen bis hin zu komplexen Szenen mit Menschen und Objekten. Es ist sehr wichtig, eine korrekte Diagnose zu stellen, um die Ursache dieser Symptome auszuschließen.
Halluzinationen sind Sinnestäuschungen, also Trugwahrnehmungen. Betroffene empfinden einen realen Sinneseindruck, ohne dass es einen erklärbaren Reiz gibt, der ihn auslöst. Das heißt vereinfacht: Sie sehen, hören oder empfinden etwas, was eigentlich nicht da ist. Betroffene Menschen können zum Beispiel Personen sehen, die nicht da sind.
Normalerweise nehmen wir äußere Reize mit unseren Sinnesorganen auf, also mit Augen, Ohren, Haut, Mund-Rachen-Raum und Nase. Sie gelangen über Impulse in unser Gehirn, wo sie verarbeitet werden. Das ist ein komplizierter Vorgang, an dem auch viele verschiedene Teile des Hirns beteiligt sind. Bei einer Halluzination hingegen nimmt unser Gehirn nicht äußere Sinnesreize auf, sondern von innen kommende Signale. Dafür gibt es unterschiedliche körperliche und seelische Auslöser. Betroffene wissen dabei nicht, dass ihre Wahrnehmung nicht mit der Realität übereinstimmt. Sie glauben fest daran, dass es echt ist, was sie hören, sehen oder spüren. Das ist ein großer Unterschied zu den sogenannten Pseudohalluzinationen, bei denen die Betroffenen zwar auch eine Sinnestäuschung erleben, aber wissen, dass die Realität und ihr Empfinden nicht zusammenpassen.
Ursachen visueller Halluzinationen
Die Ursachen visueller Halluzinationen sind vielfältig. Sie lassen sich grob in folgende Kategorien einteilen:
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Neurologische Erkrankungen: Verschiedene neurologische Erkrankungen können visuelle Halluzinationen verursachen. Dazu gehören:
- Parkinson-Krankheit: Visuelle Halluzinationen gehören zu den häufigsten Spätkomplikationen der Parkinson-Krankheit. Nicht nur die dopaminerge Medikation, sondern auch Aufmerksamkeitsstörungen, Vigilanzschwankungen und visuelle Defizite stellen Risikofaktoren dar.
- Lewy-Körperchen-Demenz: Visuelle Halluzinationen sind ein typisches Kennzeichen der Lewy-Körperchen-Demenz und treten oft schon früh im Krankheitsverlauf auf. Diese sind häufig sehr detailliert. Betroffene sehen zum Beispiel Menschen oder große Tiere, was Angst auslösen kann.
- Alzheimer-Krankheit: Vorübergehend halluziniert auch jeder dritte Alzheimer-Kranke.
- Epilepsie: Trugwahrnehmungen können zu den Vorboten eines epileptischen Anfalls gehören.
- Schlaganfall: Nach einem Schlaganfall können visuelle Halluzinationen auftreten, insbesondere bei Läsionen im Bereich der Sehrinde.
- Hirntumore: Hirntumore können je nach Lage und Größe visuelle Halluzinationen verursachen.
- Multiple Sklerose: Bei etwa zehn Prozent der Patienten mit Multipler Sklerose treten in bestimmten Phasen Halluzinationen auf.
- Migräne: Helle Lichterscheinungen, so genannte Photopsien, kommen oft auch bei Migräne vor, ebenfalls mitunter vor einem epileptischen Anfall. Viele Migräne-Patienten sehen Flimmerskotome, die von einer Seite des Gesichtsfeldes zur anderen ziehen, wobei Form und Größe variieren können.
- Gehirnentzündungen: Gehirn- und Hirnhautentzündungen können visuelle Trugbilder hervorrufen.
- Chorea Huntington: Auch bei der erblich bedingten Chorea Huntington können Sinnestäuschungen auftreten.
Psychische Erkrankungen: Visuelle Halluzinationen können auch im Rahmen von psychischen Erkrankungen auftreten, insbesondere bei:
- Schizophrenie: Halluzinationen gehören zu den kennzeichnenden Symptomen dieser schwerwiegenden psychischen Erkrankung aus der Gruppe der Psychosen. Bei Psychosen ist der Bezug zur Wirklichkeit auf vielfältige Weise gestört.
- Psychosen: Wahnsymptome treten häufig in Form von Verfolgungswahn oder Beziehungswahn auf, bei denen der Betroffene Wahrnehmungen fälschlicherweise auf sich bezieht.
- Schizoaffektive Psychosen: Dieser Begriff wird für Formen der Psychose angewandt, bei der sich Symptome der schizophrenen (Wahn, Halluzinationen) und der affektiven Psychose (depressive, manische Zustände) mischen bzw. nahezu gleichzeitig auftreten. Dabei erfüllen sie weder die Kriterien für Schizophrenie noch für eine depressive oder manische Episode.
- Schizotype Störung: Eine Form der psychotischen Störungen mit ungewöhnlichen Wahrnehmungserlebnissen sowie Denkstörungen, die allerdings nicht den Schwere- und Ausprägungsgrad einer Schizophrenie erreichen. Die Störung zeichnet sich durch Anomalien des Denkens und der Stimmung aus, die schizophren wirken, obwohl nie eindeutige schizophrene Symptome aufgetreten sind.
- Anhaltende wahnhafte Störungen: Hierbei ist ein langandauernder Wahn das entscheidende klinische Merkmal. Betroffene entwickeln eine einzelne Wahnidee oder mehrere aufeinander bezogene Wahninhalte.
- Akute vorübergehende psychotische Störungen: Charakteristisch sind ein akuter Beginn innerhalb von zwei Wochen und eine rasch wechselnde Symptomatik, bei der neben typischen schizophrenen Symptomen (Wahnvorstellungen, Halluzinationen und andere Wahrnehmungsstörungen) schwere Störung des normalen Verhaltens auftreten.
- Induzierte wahnhafte Störungen: Eine seltene Erkrankungsform, bei der die Wahnvorstellungen einer Person auf eine nahestehende ansonsten gesunde Person übertragen (induziert) werden.
- Affektive Psychosen: Hierbei sind vor allem die Stimmung, Motivation und Antrieb beeinträchtigt (psychotische Depression, Manie, bipolare Erkrankungen.
Substanzinduzierte Halluzinationen: Der Konsum von Drogen oder bestimmten Medikamenten kann visuelle Halluzinationen auslösen.
- Drogen: Substanzen, die Sinnestäuschungen und Wahrnehmungsstörungen hervorrufen, heißen in der Fachsprache Halluzinogene. Dazu gehören unter anderem Cannabis (Haschisch und Marihuana), Kokain, LSD und synthetische Drogen wie Phencyclidin oder Ketamin. Klassische Halluzinogene sind zudem Mescalin (aus dem Peyote-Kaktus), bestimmte Pilzgifte (Zauberpilze, Fliegenpilze), Stechapfel und Schnüffelstoffe. Aber auch "Designerdrogen" aus der Gruppe der Amphetamine wie Speed und Crystal Meth oder missbräuchlich eingesetzte Medikamente können zu halluzinationsähnlichen Zuständen und Psychosen führen. Das gilt ebenso für sogenannte Legal Highs, die zum Beispiel irreführenderweise als "Badesalze" oder bestimmte Kräutermischungen in Umlauf kommen.
- Medikamente: Bestimmte Medikamente beeinflussen ebenfalls das Zusammenspiel von Nervenbotenstoffen. Das gilt vor allem für Parkinson-Medikamente. Ursache für die Parkinson-Krankheit ist eine gestörte Bildung und Wirkung von Dopamin. Auch Kortison kann solche Nebenwirkungen haben.
- Alkohol: Im Alkoholrausch können sich Halluzinationen einstellen. Sie treten jedoch vor allem während eines Alkoholentzugs auf, insbesondere in einer extrem kritischen Phase, dem Delirium tremens.
Andere Ursachen:
- Bewusstseinsveränderungen: Durch exzessive Meditation, im Übergang vom Schlaf in das Wachsein oder auch in der Ausübung religiöser Riten können sich diese Veränderungen einstellen.
- Körperliche Leiden: Mangelerscheinung, zum Beispiel Flüssigkeits- oder Vitaminmangel, können eine Ursache sein. Auch infolge von Schlaganfällen, Epilepsie, Gehirnentzündungen, Hirntumoren und Schädel-Hirn-Traumata können Halluzinationen auftreten. Infektionskrankheiten wie AIDS und Immunerkrankungen können genauso verantwortlich sein wie Demenz oder andere körperliche Leiden.
- Belastungen und Stress: Wer an Depression, Einsamkeit, einer Psychose oder einer Borderline-Persönlichkeitsstörung leidet, kann Halluzinationen haben. Auch gelten Trauerphasen oder Entzugserscheinungen infolge einer Sucht als mögliche Auslöser.
- Schlafstörungen:
- Schlafentzug: Menschen, die über längere Zeit nur sehr wenig schlafen können, reagieren mit verminderter Leistungsfähigkeit, Gereiztheit, erhöhter Muskelanspannung, Herz- und Atemproblemen, Stoffwechselstörungen. Trugwahrnehmungen sowie Persönlichkeitsstörungen sind möglich.
- Narkolepsie (Schlafsucht): Tagträume und Halluzinationen beim Einschlafen oder Aufwachen (hypnagoge Halluzinationen) sind typisch. Auch Halluzinationen im Halbschlaf sind möglich.
- Hohes Fieber: Hohes Fieber führt manchmal zu Verwirrtheit und Trugbildern ("Fieberfantasien").
- Sinnesentzug: Einsame Höhlen- oder Polarforscher halluzinieren nach einiger Zeit Personen und Stimmen.
- Lebensangst oder Panikanfälle: Selbst Lebensangst oder Panikanfälle können Halluzinationen hervorrufen.
- Vergiftungen: Des Weiteren treten Wahnbilder manchmal bei Vergiftungen auf, etwa infolge Nierenversagens.
- Bestrahlung: Krebskranke berichten von visuellen Erscheinungen während der Bestrahlung, ebenso Patienten, bei denen ein Angiogramm (die Darstellung der Hirngefäße durch ein Kontrastmittel) vorgenommen wird.
Formen visueller Halluzinationen
Visuelle Halluzinationen können sich in vielfältiger Weise äußern. Einige häufige Formen sind:
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- Einfache Halluzinationen: Dies sind elementare visuelle Wahrnehmungen wie Lichtblitze, Farben, geometrische Formen oder Schatten.
- Komplexe Halluzinationen: Diese beinhalten detaillierte Bilder von Objekten, Menschen, Tieren oder ganzen Szenen.
- Pareidolien: Hierbei werden leblose Objekte als bedrohliche Lebewesen fehlgedeutet. Dies kann ein möglicher Hinweis auf eine Lewy-Körperchen-Demenz sein.
- Selektive Diplopie: Einzelobjekte oder Einzelpersonen werden doppelt wahrgenommen.
- Halluzinationen des "Vorbeihuschens": Der flüchtige Eindruck, eine Person oder ein Schatten befinde sich im peripheren Gesichtsfeld oder ein Vogel/Insekt fliege vorbei; Patient erkennt zumeist sofort die Unwirklichkeit, berichtet darüber erst auf Anfrage.
- Halluzinationen der "Anwesenheit": Eindruck eine andere, ungefährliche Person stehe hinter dem Patienten.
- Capgras-Syndrom: Hierbei verliert der Patient die Anmutung der Vertrautheit einer bekannten Person, z. B. des Partners oder der Partnerin, wenngleich er dessen oder deren Physiognomie richtig erkennt. Infolgedessen ist er der Überzeugung, die gesehene Person sei ein Doppelgänger, der befremdlicherweise genau über ihn Bescheid wisse.
- Lhermitte-Syndrom: Patienten mit pedunkulären Hirnstammläsionen insbesondere vaskulärer Natur klagten über geformte, farbige und sehr lebhafte VH, die sie häufig auch wahnhaft verarbeiteten. Diese Patienten wiesen deutliche Störungen des Schlaf-wach-Rhythmus auf.
Neurologische Mechanismen visueller Halluzinationen
Die neurologischen Mechanismen, die visuellen Halluzinationen zugrunde liegen, sind komplex und noch nicht vollständig verstanden. Es wird angenommen, dass verschiedene Faktoren eine Rolle spielen können, darunter:
- Störungen der visuellen Verarbeitung: Defizite in der Verarbeitung visueller Informationen im Gehirn können zu Fehlinterpretationen und Halluzinationen führen.
- Dysfunktion von Neurotransmittersystemen: Ein Ungleichgewicht von Neurotransmittern wie Dopamin, Serotonin und Acetylcholin kann die neuronale Aktivität beeinflussen und Halluzinationen auslösen.
- Läsionen in bestimmten Hirnregionen: Schädigungen in bestimmten Hirnregionen, insbesondere im Bereich der Sehrinde, des Temporallappens und des Frontallappens, können visuelle Halluzinationen verursachen.
- Fehlregulation von Aufmerksamkeit und Wahrnehmung: Störungen in der Steuerung von Aufmerksamkeit und Wahrnehmung können dazu führen, dass irrelevante Informationen in das Bewusstsein gelangen und als Halluzinationen wahrgenommen werden.
Diagnose visueller Halluzinationen
Die Diagnose visueller Halluzinationen erfordert eine sorgfältige Anamnese, eine körperliche Untersuchung und gegebenenfalls weitere diagnostische Maßnahmen.
Anamnese: Der Arzt wird den Patienten ausführlich nach seinen Symptomen, seiner Krankengeschichte und seinen Lebensumständen befragen. Dabei ist es wichtig, die Art der Halluzinationen, ihre Häufigkeit, Dauer und Intensität sowie begleitende Symptome zu erfassen.
Körperliche Untersuchung: Eine neurologische Untersuchung kann Hinweise auf zugrunde liegende neurologische Erkrankungen liefern.
Weitere diagnostische Maßnahmen: Je nach Verdacht können weitere Untersuchungen erforderlich sein, wie z. B.
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- Blutuntersuchungen: Zum Ausschluss von Stoffwechselstörungen, Infektionen oder anderen körperlichen Ursachen.
- Bildgebende Verfahren: Magnetresonanztomographie (MRT) oder Computertomographie (CT) des Gehirns, um strukturelle Veränderungen oder Läsionen zu identifizieren.
- Elektroenzephalographie (EEG): Zur Untersuchung der Hirnaktivität und zum Ausschluss von Epilepsie.
- Neuropsychologische Tests: Zur Beurteilung kognitiver Funktionen wie Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Wahrnehmung.
Behandlung visueller Halluzinationen
Die Behandlung visueller Halluzinationen richtet sich nach der zugrunde liegenden Ursache.
- Behandlung der Grunderkrankung: Wenn die Halluzinationen durch eine neurologische oder psychische Erkrankung verursacht werden, steht die Behandlung dieser Erkrankung im Vordergrund.
- Medikamentöse Therapie: In einigen Fällen können Medikamente eingesetzt werden, um die Halluzinationen zu reduzieren. Dies können Antipsychotika, Antidepressiva oder andere Medikamente sein, je nach Ursache der Halluzinationen.
- Psychotherapie: Eine Psychotherapie kann helfen, mit den Halluzinationen umzugehen und Strategien zur Bewältigung zu entwickeln.
- Nicht-pharmakologische Strategien: Neben der üblichen Pharmakotherapie können auch nicht pharmakologische Strategien zur Anwendung kommen, wenngleich die Evidenzlage hier noch schwach ist.
- Reduktion von Medikamenten: Die Reduktion von Medikamenten mit anticholinerger Wirkung, die Reduktion der dopaminergen Medikation, besonders der DA-Agonisten mit D3- und D4-Angriffspunkt, oder auch der Einsatz von Clozapin und Pimavanserin, die u. a. als Antagonisten des 5‑HT2A-Rezeptors agieren, können die VH reduzieren.
Wann sollte man einen Arzt aufsuchen?
Es ist ratsam, einen Arzt aufzusuchen, wenn:
- Halluzinationen häufiger vorkommen
- Halluzinationen sehr intensiv auftreten, Sie diese als verwirrend und bedrohlich empfinden
- Sie etwas wahrnehmen (hören, sehen, riechen, fühlen, schmecken) und sich unsicher sind, ob es sich um eine Täuschung handelt
- Sie sich sicher sind, dass Sie etwas wahrnehmen, obwohl andere Menschen es nicht wahrnehmen
- weitere Beschwerden spürbar sind, zum Beispiel Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Muskelkrämpfe, Muskelschwäche, Zittern, Probleme bei bestimmten Bewegungen, Gedächtnisausfälle, Kopfschmerzen, Blässe, depressive Verstimmtheit, innere Unruhe
- Halluzinationen seit der Einnahme eines bestimmten Medikaments auftreten
- Sie Drogen oder Alkohol konsumieren und so Sinnestäuschungen bewusst herbeiführen
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