Halluzinationen bei Multipler Sklerose: Ursachen, Diagnose und Behandlung

Halluzinationen sind Sinnestäuschungen, bei denen eine Person etwas wahrnimmt, das in der Realität nicht existiert. Sie können verschiedene Ursachen haben, von harmlosen Phänomenen beim Einschlafen bis hin zu ernsten Erkrankungen wie Schizophrenie oder Demenz. Auch bei Multipler Sklerose (MS) können Halluzinationen auftreten, wobei die Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten vielfältig sind.

Was sind Halluzinationen?

Eine Halluzination ist eine Sinnestäuschung ohne äußere Einflüsse auf das Sinnesorgan. Betroffene hören oder sehen beispielsweise Dinge, die in Wirklichkeit nicht existieren. Halluzinationen sind ein Symptom und keine eigenständige Erkrankung. Die Ursachen können harmlos sein, aber auch ernste Erkrankungen zugrunde liegen. Daher ist es wichtig, ihnen auf den Grund zu gehen.

Halluzinationen unterscheiden sich von Wahnvorstellungen, bei denen es sich um feste Überzeugungen oder unwahrscheinliche Auffassungen ohne gleichzeitige Sinneseindrücke handelt.

Ursachen von Halluzinationen

Halluzinationen können vielfältige Ursachen haben. Zu den häufigsten gehören:

  • Psychische Erkrankungen: Schizophrenie, schwere Depression, Manie, posttraumatische Belastungsstörung (PTBS), emotional-instabile Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typ
  • Neurologische Erkrankungen: Demenz (z.B. Alzheimer-Demenz, Lewy-Körperchen-Demenz), Epilepsie, Multiple Sklerose, Hirntumore, Infektionen des zentralen Nervensystems (z.B. Gehirn-/Hirnhautentzündung), Schädel-Hirn-Traumata, Durchblutungsstörungen des Gehirns
  • Substanzmissbrauch: Alkoholabhängigkeit, Alkoholentzug, Drogenmissbrauch (z.B. LSD, Cannabis, Ecstasy)
  • Medikamente: Nebenwirkungen bestimmter Medikamente (z.B. L-Dopa, Dopaminagonisten, Opioide, Antidepressiva, Antibiotika, Mittel gegen Epilepsie, Kortison)
  • Körperliche Erkrankungen: Hohes Fieber, Vergiftungen, Flüssigkeitsmangel (Dehydrierung), Narkolepsie, Bauchspeicheldrüsenentzündung, Nierenversagen, Stoffwechselstörungen
  • Schlafstörungen: Harmlose Phänomene beim Einschlafen oder Aufwachen
  • Sensorische Deprivation: Einsame Höhlen- oder Polarforscher halluzinieren nach einiger Zeit Personen und Stimmen.

Halluzinationen bei Multipler Sklerose

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, bei der die Myelinschicht, die die Nervenfasern umgibt, zerstört wird. Dies kann zu vielfältigen neurologischen Symptomen führen, darunter auch psychische Störungen wie Depressionen, Angstzustände und eben auch Halluzinationen.

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Ursachen von Halluzinationen bei MS

Die Ursachen für Halluzinationen bei MS sind komplex und nicht vollständig geklärt. Es gibt verschiedene Faktoren, die eine Rolle spielen können:

  • Hirnläsionen: MS-bedingte Läsionen im Gehirn können verschiedene Hirnfunktionen beeinträchtigen und Halluzinationen auslösen. Studien zeigen, dass bei MS-Patienten mit Halluzinationen häufiger Läsionen im Bereich des Temporallappens und des Frontallappens gefunden werden.
  • Neuroinflammation: Die Entzündungsprozesse im Gehirn bei MS können ebenfalls zu Halluzinationen beitragen. Entzündungsmediatoren können die Funktion von Nervenzellen stören und zu Fehlwahrnehmungen führen.
  • Medikamente: Einige Medikamente, die zur Behandlung von MS eingesetzt werden, können als Nebenwirkung Halluzinationen verursachen. Dazu gehören insbesondere Kortikosteroide und bestimmte Antidepressiva.
  • Psychische Begleiterkrankungen: MS-Patienten leiden häufig unter Depressionen und Angstzuständen, die ebenfalls Halluzinationen begünstigen können.
  • Vulnerabilität: Es wird diskutiert, ob Halluzinationen bei MS reaktiv entstehen oder unabhängig von der MS auftreten.

Formen von Halluzinationen bei MS

Halluzinationen bei MS können verschiedene Sinnesmodalitäten betreffen:

  • Visuelle Halluzinationen: Dies sind die häufigsten Halluzinationen bei MS. Betroffene sehen beispielsweise Lichtblitze, geometrische Formen, Tiere, Personen oder ganze Szenen, die nicht real sind. Ein Patient sah nach einem Schlaganfall immerzu tanzende, bunte Lichtpunkte und abstrakte, bewegte Bilder. Ein anderer Patient halluzinierte "Picasso-Bilder" in seinem blinden Gesichtsfeld.
  • Auditive Halluzinationen: Betroffene hören Stimmen, Geräusche oder Musik, die nicht vorhanden sind.
  • Olfaktorische Halluzinationen: Betroffene riechen Gerüche, die nicht real sind.
  • Gustatorische Halluzinationen: Betroffene schmecken Geschmäcker, die nicht vorhanden sind.
  • Taktile Halluzinationen: Betroffene fühlen Berührungen, Kribbeln oder andere Empfindungen auf der Haut, die nicht real sind. Manche Schizophrenen fühlen, wie sich Würmer in ihre Haut fressen.

Diagnose von Halluzinationen bei MS

Die Diagnose von Halluzinationen bei MS erfordert eine sorgfältige Anamnese und neurologische Untersuchung. Es ist wichtig, andere mögliche Ursachen für die Halluzinationen auszuschließen, wie z.B. Medikamentennebenwirkungen, Drogenmissbrauch oder andere neurologische oder psychische Erkrankungen.

Folgende Schritte sind bei der Diagnose hilfreich:

  1. Anamnesegespräch:
    • Beginn der Erkrankung: Plötzlich oder schleichend?
    • Zusammenhang mit psychosozialem Stress?
    • Änderungen im Gesundheitszustand oder eingenommene Medikamente?
    • Halluzinationen in Verbindung mit anderen psychischen Symptomen?
    • Entwicklung des Zustands: Kommen und Gehen der Beschwerden oder ständiges Vorhandensein?
    • Wirkung früherer Behandlungen?
    • Typ der Halluzination: Sehen, Berührungen, Geräusche, Stimmen?
    • Inhalt der Halluzinationen: Aufforderungen zum Handeln?
    • Stimmungslage?
    • Drogenmissbrauch?
  2. Ärztliche Untersuchung:
    • Beurteilung des mentalen Zustands: Orientierung an Zeit, Ort und eigener Situation?
    • Bericht über den Inhalt der Halluzinationen.
    • Beurteilung, ob Anzeichen für eine akute Psychose oder Schizophrenie vorliegen.
    • Beurteilung, ob eine Gefahr für die Patient*innen oder andere besteht.
    • Körperliche Untersuchung, um zugrunde liegende Erkrankungen auszuschließen.
  3. Zusätzliche Untersuchungen:
    • Blutuntersuchung, um körperliche Erkrankungen auszuschließen.
    • In Ausnahmefällen: Computertomografie (CT) oder Magnetresonanztomografie (MRT) des Gehirns.
    • Spezielle Fragebögen zu Demenz oder Depression.

Behandlung von Halluzinationen bei MS

Die Behandlung von Halluzinationen bei MS richtet sich nach der zugrunde liegenden Ursache. Folgende Maßnahmen können in Betracht gezogen werden:

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  • Behandlung der MS: Eine immunmodulatorische Therapie kann die Entzündungsprozesse im Gehirn reduzieren und somit auch die Halluzinationen verbessern.
  • Psychopharmaka: Antipsychotika können eingesetzt werden, um Halluzinationen und Wahnvorstellungen zu reduzieren. Allerdings sollten diese Medikamente aufgrund möglicher Nebenwirkungen nur unter sorgfältiger ärztlicher Aufsicht eingenommen werden.
  • Psychotherapie: Eine Psychotherapie kann den Betroffenen helfen, mit den Halluzinationen umzugehen und Strategien zurRealitätsprüfung zu entwickeln. Insbesondere die kognitive Verhaltenstherapie hat sich bei der Behandlung von Halluzinationen als wirksam erwiesen.
  • Anpassung der Medikation: Wenn Medikamente als Ursache für die Halluzinationen identifiziert werden, sollte die Dosis reduziert oder das Medikament abgesetzt werden. Dies sollte jedoch immer in Absprache mit dem behandelnden Arzt erfolgen.
  • Behandlung von Begleiterkrankungen: Die Behandlung von Depressionen, Angstzuständen oder anderen psychischen Erkrankungen kann ebenfalls zurReduktion von Halluzinationen beitragen.
  • Unterstützende Maßnahmen: Eine ruhige und reizarme Umgebung kann den Betroffenen helfen, sich besser zu orientieren und die Halluzinationen zu reduzieren. Auch der regelmäßige Kontakt zu vertrauten Personen und eine gute Tagesstruktur können hilfreich sein.

Wann sollte man einen Arzt aufsuchen?

Bei langanhaltenden oder schwachen Symptomen mit bekannter Ursache und ruhigem Verlauf sollte die Hausarztpraxis aufgesucht werden. Beim erstmaligen Auftreten eines psychotischen Zustandes sollte eine Abklärung im Krankenhaus erfolgen. Unruhige, depressive oder ängstliche Patient*innen mit Halluzinationen können eine Gefahr für sich und andere darstellen und sollten nicht unbeaufsichtigt gelassen werden.

Das Delir

Die verschiedenen Ausprägungen und Ausgestaltungen akut auftretender organischer Psychosen werden heute unter der Kategorie „Delir“ zusammengefasst. Eine häufige Form der akuten organischen Psychose (Delir) ist das sogenannte hirnorganische Psychosyndrom, das mit Bewusstseinsstörungen, Gedächtnisstörungen, Orientierungsstörungen, Ich-Erlebensstörungen, Wahn und Halluzinationen einhergeht. Als Ursachen hierfür wurden vielfältige Veränderungen im zentralen Nervensystem ausgemacht, die auf Hirntumore, Schädel-Hirn-Traumata, frühkindliche Hirnschädigungen, Vergiftungen, Infektionen (z. B. Gehirn-/ Hirnhautentzündung), Epilepsie oder Durchblutungsstörungen des Gehirns zurückzuführen sind. Eine ähnliche Form der organischen Psychose kann im Rahmen von hohem Fieber, bei Vergiftungen, Infektionen oder Flüssigkeitsmangel (Dehydrierung) auftreten. Als „Durchgangssyndrom“ bezeichnet man den Sonderfall der akuten organischen Psychose, die zeitlich begrenzt nach operativen Eingriffen auftreten kann. Typische Symptome sind Vergesslichkeit, eine verlangsamte Reaktionsfähigkeit oder Schwindel.

Ohne angemessene Behandlung kann ein Delir lebensbedrohlich verlaufen. Sollten Sie Ihren Angehörigen oder Bekannten in einem deliranten Zustand vorfinden, so ist unverzüglich der Notarzt zu verständigen. Anschließend ist zu empfehlen, ruhig mit dem Betroffenen zu sprechen und eine möglichst stressfreie Atmosphäre zu schaffen, bis ein Arzt vor Ort ist. Die wichtigste Maßnahme ist die Behandlung der Ursache. Nicht unbedingt notwendige Dauermedikamente werden im Krankenhaus abgesetzt, falls diese das Delir verursachen könnten. Hat der Betroffene lange Zeit nicht gegessen, getrunken oder Wasser gelassen, so wird dies behandelt. Auch mögliche neue Medikamente können notwendig werden. Die Umgebung kann maßgeblich dabei helfen, einem Delir vorzubeugen oder die Heilung zu verbessern. Eine ausreichende und ausgewogene Ernährung, Fenster, Uhren und Kalender im Zimmer, ein ruhiger Raum ohne nächtliche Störungen und der regelmäßige Kontakt zu vertrauten Personen haben bereits einen schützenden und sehr positiven Effekt. Bei sehr starken Symptomen wie Panikreaktionen, starker Unruhe oder Aggressivität können zudem vorübergehend zum Beispiel beruhigende Medikamente eingesetzt werden.

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