Die Halswirbelsäule (HWS) ist ein komplexes und bewegliches Segment der Wirbelsäule, das eine entscheidende Rolle für die Stabilität, Beweglichkeit und neurologische Funktion des Kopfes und des oberen Körpers spielt. Aufgrund ihrer komplexen neurophysiologischen, neuroanatomischen und biomechanischen Verbindungen kann eine segmentale und somatische Dysfunktion (Blockierung) in diesem Bereich ein vielfältiges klinisches Spektrum an Symptomen hervorrufen. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, Symptome und Behandlungsansätze bei einer Nervenkompression im Bereich der Halswirbelsäule, insbesondere im Zusammenhang mit dem sogenannten HWS-Syndrom.
Einführung in das HWS-Syndrom
Das HWS-Syndrom, auch Zervikalsyndrom genannt, ist ein Sammelbegriff für verschiedene Beschwerden, die im Bereich der Halswirbelsäule auftreten. Typische Symptome sind Verspannungen, Kopfschmerzen und Schwindel, die von wenigen Tagen bis hin zu mehreren Wochen andauern können. Oft strahlen die Schmerzen sogar in die Arme und Hände aus, da die Halswirbelsäule in enger Verbindung mit wichtigen Nervenstrukturen steht.
Ursachen einer Nervenkompression in der HWS
Die Ursachen für eine Nervenkompression in der HWS sind vielfältig und können in verschiedene Kategorien eingeteilt werden:
- Degenerative Veränderungen: Verschleißerscheinungen wie Spondylose (degenerative Veränderungen der Wirbelsäule) oder Spondylarthrose (Gelenkverschleiß der Wirbel) können zu knöchernen Anbauten (Osteophyten) führen, die auf Nervenwurzeln drücken.
- Bandscheibenvorfälle: Ein Bandscheibenvorfall (HWS-Prolaps) tritt auf, wenn der Gallertkern der Bandscheibe austritt und auf Nervenwurzeln oder das Rückenmark drückt. Je nach Lage des Vorfalls können unterschiedliche Symptome auftreten.
- Muskuläre Dysbalancen und Verspannungen: Fehlhaltungen, Überlastung oder Bewegungsmangel können zu muskulären Verspannungen im Nacken- und Schulterbereich führen. Diese Verspannungen können Druck auf Nerven ausüben und zu Schmerzen und anderen Symptomen führen.
- Traumatische Ereignisse: Schleudertraumata nach Autounfällen oder andere Verletzungen der Halswirbelsäule können zu Nervenkompressionen führen.
- Tumore und andere Raumforderungen: In seltenen Fällen können Tumore oder andere Raumforderungen im Bereich der Halswirbelsäule auf Nerven drücken.
- Ernährungsbedingte Organstörungen: Aus Sicht der Osteopathie können auch Probleme in anderen Körperregionen ein HWS-Syndrom auslösen. Ein Beispiel ist eine Fettleber, die Spannung auf die Leberkapsel ausüben kann. Diese steht über den Nervus phrenicus, der aus der mittleren Halswirbelsäule entspringt, in Verbindung mit der HWS. So können Störungen an den Organen Reflexverspannungen in Nacken und Schultern hervorrufen.
- Handynacken (Text-Neck): Durch das dauerhafte Nach-unten-Schauen auf das Smartphone werden Nacken und Schultern übermäßig belastet. Dies führt häufig zu chronischen Verspannungen in der Halswirbelsäule.
Typische Symptome einer Nervenkompression in der HWS
Die Symptome einer Nervenkompression in der HWS können vielfältig sein und hängen von der Lokalisation und dem Ausmaß der Kompression ab. Zu den häufigsten Symptomen gehören:
- Nackenschmerzen: Nackenschmerzen sind eines der häufigsten und prägendsten Symptome eines HWS-Syndroms. Die Schmerzen können lokal im Nackenbereich auftreten oder in andere Bereiche wie Kopf, Schultern oder Arme ausstrahlen.
- Kopfschmerzen: Verkrampfen die Muskeln im Nackenbereich, drückt dies mitunter auf Nerven, die im Kopfbereich verlaufen. Diese Hinterhauptnerven sind eng mit verschiedenen Halsmuskeln verbunden und können bei verspannter Nackenmuskulatur gereizt werden. Das äußert sich durch Kopfschmerzen, die vom Hinterhaupt helmartig bis zur Stirn ausstrahlen.
- Schulter- und Armschmerzen: Armschmerzen können bei ausgeprägten Formen eines HWS-Syndroms auftreten. Hierbei kann es sich um eine Weiterleitung des Schmerzes und der verspannten Muskulatur des Nackens halten. Zusätzlich können die Armschmerzen durch Schonhaltungen aufgrund des HWS-Syndroms auftreten. Ein weiterer möglicher Grund ist das Vorliegen eines Bandscheibenvorfalls der HWS, der je nach Höhe zu Schmerzen und deren Ausstrahlung bis in den Arm führen kann.
- Taubheitsgefühle und Kribbeln: Das Auftreten von Kribbeln oder anderen Gefühlsstörungen, wie Ameisenlaufen oder stechenden Impulsen, ist ein Hinweis auf eine Einengung und Kompression eines oder mehrerer Nerven. Typisch sind Missempfindungen entlang der Arme bis hin in die Finger. Es können auch beispielsweise nur die Finger oder nur die Schultern betroffen sein.
- Muskelverspannungen: Zu den häufigsten Formen des HWS-Syndroms gehören starke Verspannung der Muskulatur entlang der Halswirbelsäule und des Nackens, die zu verschiedenen Einklemmungserscheinungen und starken Schmerzen führen können. Außerdem sind sie für die Betroffenen sehr belastend, da sie zu einer zunehmenden Steifigkeit und Bewegungseinschränkung des Halses führen können.
- Bewegungseinschränkungen: Eine Blockade von Wirbelgelenken kann zu schmerzhaften Einschränkungen beim Drehen und Neigen des Kopfes führen (steifer Nacken).
- Schwindel: Der Schwindel wird bei einem HWS-Syndrom durch fehlerhafte Informationen von verspannten und geschädigten Strukturen des Nackens verursacht.
- Sehstörungen: Die Ursache der Sehstörungen liegt meist in einer Durchblutungsstörungen, die indirekt oder über das vegetative Nervensystem getriggert wird. Bei starken Verspannungen im Kopf- und Nackenbereich kann es zu Durchblutungsstörungen im Bereich der Sehnerven kommen. Dadurch tritt mitunter ein Flimmern vor den Augen auf. Umgekehrt können jedoch auch Sehstörungen selbst zu Verspannungen im Nacken führen - beispielsweise wenn eine fehlerhafte Fokussierung beim Sehen dazu führt, dass man unbewusst den Kopf oder Nacken verkrampft.
- Ohrenschmerzen und Tinnitus: Ein nicht so häufiges Symptom des HWS-Syndroms sind Ohrenschmerzen. Diese können verursacht werden durch Druck im Bereich von Nerven, die sowohl an der Halswirbelsäule, als auch am Ohr entlang ziehen. Daher können auch Erkrankungen der Bandscheiben der HWS zu Ohrenschmerzen führen. Nach Ausschluss anderer möglicher Ursachen des Tinnitus sollte sich die Behandlung vor allem auf die Lösung von Verspannungen des Nackens konzentrieren.
- Schluckstörungen: Durch Verspannung der Muskulatur entlang der Halswirbelsäule kann es auch zu Verspannungen der Muskeln kommen, die für den Schluckvorgang zuständig sind. Auch Veränderungen der einzelnen Wirbelkörper mit kleinen knöchernen Anbauten auch als Osteophyten bekannt, können die Speiseröhre reizen und dadurch zu Schluckbeschwerden führen.
- Herzrhythmusstörungen: Im Bereich der Halswirbelsäule laufen verschiedene Nervenverbindungen zusammen, unter anderem auch einige, die für die neurologische Versorgung verschiedener Organe zuständig sind. Hierzu gehören zum einen das sympathische Nervensystem, das der Steigerung der Körperleistungen dient, und zum anderen der Vagus-Nerv, einer der zwölf Hirnnerven. Beide Nervenverbindungen steuern unter anderem auch den Rhythmus und die Funktionstüchtigkeit des Herzens und können dementsprechend bei Reizungen oder Störungen zu Herzrhythmusstörungen (Herzstolpern oder hohen Puls) führen.
- Panikattacken: Der Grund hierfür ist, dass im Bereich der Halswirbelsäule viele Nerven verlaufen, die unter anderem auch für die Versorgung des Herzens und anderer Körperfunktionen zuständig sind. Bei der Störung dieser Nerven, zu denen der Vagus-Nerv und der Sympathikus gehören, kann es zu Herzrasen, einem erhöhten Bluthochdruck und starkem Schwitzen kommen und damit zu einer Panikattacke.
Diagnostik bei Verdacht auf HWS-Syndrom mit Nervenkompression
Zur Diagnose des HWS-Syndroms gehört zunächst ein ausführliches Gespräch mit dem Patienten (Anamnese). Im Anschluss daran erfolgt für gewöhnlich die körperliche Untersuchung. Der Mediziner testet hierbei, wie beweglich Nacken, Schultern und Arme sind und nimmt eine Etagendiagnostik, also Höheneinordnung vor.
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Ergänzend können bildgebende Verfahren eingesetzt werden, um die Ursache der Beschwerden zu identifizieren:
- Röntgenaufnahmen: Das Anfertigen einer Röntgenaufnahme vervollständigt in der Regel die Diagnosestellung. Sie können degenerative Veränderungen oder Verletzungen der Wirbelsäule sichtbar machen.
- Magnetresonanztomographie (MRT): Eine MRT ist besonders geeignet, um Weichteilstrukturen wie Bandscheiben, Nerven und Muskeln darzustellen. Sie kann Bandscheibenvorfälle, Nervenkompressionen oder Entzündungen sichtbar machen.
- Computertomographie (CT): Eine CT kann knöcherne Strukturen detaillierter darstellen als Röntgenaufnahmen und ist hilfreich bei der Diagnose von Frakturen oder Spondylose.
- Elektromyographie (EMG): Eine EMG kann die elektrische Aktivität von Muskeln messen und helfen, Nervenschäden zu identifizieren.
Behandlungsmöglichkeiten bei Nervenkompression in der HWS
Die Behandlung einer Nervenkompression in der HWS richtet sich nach der Ursache und dem Schweregrad der Beschwerden. In den meisten Fällen werden konservative Therapieverfahren eingesetzt. Nur selten ist eine Operation notwendig.
Konservative Behandlung
- Schmerzmittel: Schmerzmittel mit entzündungshemmenden Substanzen wie Diclofenac oder Ibuprofen können zur Linderung von Schmerzen und Entzündungen eingesetzt werden. Bei starken Schmerzen können vorübergehend auch Opioide verordnet werden.
- Muskelrelaxantien: Muskelrelaxantien können helfen, verspannte Muskeln zu lockern.
- Wärme- und Kälteanwendungen: Wärme trägt zur Entspannung der Muskulatur bei, viele Betroffene empfinden diese als wohltuend und schmerzlindernd. Durchblutungsfördernde Salben oder Pflaster funktionieren auch mit der lindernden Wirkung der Wärme. Capsaicin ist ein natürlich vorkommendes Alkaloid (stickstoffhaltige Base), das sich in verschiedenen Paprika-Arten findet. Je nach Ursache können physiotherapeutische Behandlungen helfen, z. B. mit Kälte oder Wärme.
- Physiotherapie: Physiotherapie dient der Stärkung der Wirbelsäulenmuskulatur. Krankengymnastik dehnt und stärkt die Muskulatur und lindert dadurch die Schmerzen. Die Behandler von Lumedis haben über viele Jahre die Erfahrung gemacht, das die muskuläre Dysbalance das größte Problem bei einem chronischen HWS Syndrom ist. Durch Messmethoden stellen wir die Dysbalance dar und durch gezielte Übungen bekämpfen wir diese.
- Massagen: Massagen helfen dabei, verspannte Muskeln zu lockern und die Durchblutung zu fördern.
- Manuelle Therapie: Manuelle Therapie nutzt spezielle Grifftechniken, um Blockaden und Funktionsstörungen in der HWS zu lösen.
- Osteopathie: Osteopathen betrachten den Körper ganzheitlich. Bei der Behandlung eines HWS-Syndroms wird somit nicht nur die Halswirbelsäule selbst untersucht, sondern auch andere Körperstrukturen, die möglicherweise Einfluss darauf haben. Mit manuellen Techniken können Osteopath:innen Spannungen im Nackenbereich, in der Muskulatur und in angrenzenden Regionen (z. B. Schulter, Kiefergelenk) lösen. Ziel ist es, die natürliche Beweglichkeit wiederherzustellen und die Selbstheilungskräfte des Körpers anzuregen.
- Chiropraktik: Chiropraktik fokussiert sich auf die Diagnose und Behandlung von mechanischen Störungen des Bewegungsapparates, insbesondere der Wirbelsäule.
- Injektionen: In manchen Fällen kann man eine Radikulopathie durch die interventionelle Schmerztherapie lindern. Dabei spritzt der Arzt unter Röntgenkontrolle ein Gemisch aus Kortison und Betäubungsmitteln in die Nähe der gereizten Nervenwurzel.
- Halskrause: Betroffen, verordnen die Ärzte manchmal für kurze Zeit eine Halskrause.
Operative Behandlung
In etwa 20 % der Radikulopathien muss die - meist mechanische - Ursache operativ beseitigt werden. Fälle liegt ein Bandscheibenvorfall zugrunde, manchmal auch eine Spinalkanalstenose. Ziel der Operation ist die Dekompression der beengten Nervenwurzel. Dazu gibt es verschiedene Verfahren.
Selbsthilfe und Prävention
„Jeder Patient muss auch selbst aktiv werden und etwas für seinen Rücken tun! Dazu zählt zum Beispiel die Ergonomie am Arbeitsplatz. Auch ein ausgleichendes Bewegungsprogramm spielt bei der Therapie des Beschwerdebildes eine wichtige Rolle.
Einige der Ursachen eines HWS-Syndroms liegen in der Lebensweise begründet und werden daher von jedem Menschen selbst beeinflusst. Bewegungsmangel und langes Sitzen - beides keine Seltenheit bei Büroarbeit - können Sie im Alltag durch sportliche Aktivitäten ausgleichen. Ebenfalls wichtig zur Prophylaxe eines Halswirbelsäulensyndroms sind ein kräftiger Rücken und eine aufrechte Haltung. Um eine gesunde Körperhaltung zu erlernen und die Rückenmuskulatur zu trainieren, ist eine Rückenschule sinnvoll.
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Falsches Liegen und eine ungeeignete Schlafumgebung können zu Verspannungen und Schmerzen im Nackenbereich führen beziehungsweise die Symptome des HWS-Syndroms verschlimmern. Am schonendsten ist das Liegen auf dem Rücken oder auf der Seite. Investieren Sie in eine hochwertige Matratze, die die Wirbelsäule und vor allem den Halswirbelbereich optimal unterstützt. Auf Höhe des Gesäßes und der Schultern sollte sie etwas nachgeben.
Regelmäßige Dehn- und Kräftigungsübungen für den Nacken- und Schulterbereich sind wichtig. Eine ergonomische Arbeitsplatzgestaltung (z. B. passender Stuhl, richtiger Bildschirmabstand) reduziert dauerhafte Fehlbelastungen. Auch Entspannungsübungen, Wärmeanwendungen oder leichte Massagen können helfen, die Muskulatur zu lockern.
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