Mit dem Gehirn denken: Eine Reise in die Tiefen des Denkens und Lernens

Das Gehirn, oft als das komplexeste Organ des menschlichen Körpers bezeichnet, ist der Sitz des Denkens, Fühlens und Lernens. Es ist ein faszinierendes Netzwerk aus Milliarden von Nervenzellen, die ständig miteinander kommunizieren und uns ermöglichen, die Welt um uns herum zu erfahren, zu interpretieren und auf sie zu reagieren. Aber wie genau denken wir? Wo werden Informationen gespeichert und wie werden sie abgerufen? Dieser Artikel wirft einen detaillierten Blick auf die Mechanismen des Denkens und Lernens im Gehirn, von den grundlegenden neuronalen Prozessen bis hin zu den komplexen Netzwerken, die unsere Gedanken und Erinnerungen formen.

Die Architektur des Denkens: Das Gehirn als Netzwerk

Das Gehirn ist kein monolithischer Speicherort für Informationen, sondern ein dynamisches Netzwerk, in dem Informationen fragmentiert und an vielen verschiedenen Orten gespeichert werden. Zum Denken und Lernen müssen diese Fragmente wieder miteinander verknüpft werden. Das Gehirn ist ungefähr so groß wie zwei geballte Fäuste und wiegt etwa 1,5 Kilogramm. Äußerlich ähnelt es durch Windungen und enge Spalten einer überdimensionalen Walnuss. Das Großhirn besteht aus einer rechten und einer linken Gehirnhälfte, die durch ein dickes Bündel aus Nervenfasern, den Balken, verbunden sind. Jede Gehirnhälfte besteht wiederum aus sechs Bereichen (Lappen) mit unterschiedlichen Funktionen. Das Großhirn kontrolliert Bewegungen und verarbeitet Sinneseindrücke von außen. Hier entstehen sowohl bewusste als auch unbewusste Handlungen und Gefühle. Es ist außerdem für Sprache und Hören, Intelligenz und Gedächtnis verantwortlich.

Die beiden Gehirnhälften haben zum Teil unterschiedliche Funktionen: Während die linke Hälfte bei den meisten Menschen auf Sprache und abstraktes Denken spezialisiert ist, kommt die rechte in der Regel dann zum Einsatz, wenn es um räumliches Denken oder bildhafte Zusammenhänge geht. Die rechte Gehirnhälfte steuert die linke Körperseite, die linke Hälfte ist für die rechte Seite zuständig. Im Großhirn ist die Hirnrinde der linken Gehirnhälfte für die Sprache verantwortlich. Die Hirnrinde der rechten Gehirnhälfte vermittelt dem Gehirn die räumliche Stellung des Körpers - beispielsweise, wo sich der Fuß gerade befindet. Der Thalamus teilt dem Großhirn unter anderem Sinneseindrücke der Haut, der Augen und der Ohren mit. Der Hypothalamus reguliert zum Beispiel Hunger, Durst und Schlaf und kontrolliert zusammen mit der Hirnanhangdrüse (Hypophyse) den Hormonhaushalt.

Der Hirnstamm schaltet Informationen vom Gehirn zum Kleinhirn und dem Rückenmark um und kontrolliert Bewegungen der Augen sowie die Mimik. Das Gehirn muss ständig mit genügend Sauerstoff, Glukose und weiteren Nährstoffen versorgt werden. Deshalb ist es besonders gut durchblutet.

Neurowissenschaftler sind so etwas wie die Kartografen unseres Gehirns. Sie erforschen die Merkmale und Aktivitäten einzelner Regionen, die verbindenden Bahnen und die Grenzen, die sie voneinander trennen. Ihre neuronale Landkarte zeigt Folgendes: Im vorderen Teil des Gehirns, gleich hinter der Stirn, befindet sich der präfrontale Kortex, der als Sitz des Urteilsvermögens gilt. Dahinter liegt die motorische Rinde, die Bewegungen steuert. Die seitlichen Schläfenlappen sind für das Gedächtnis und die Verarbeitung von Emotionen zuständig. Oberhalb befindet sich der somatosensorische, dahinter der visuelle Kortex.

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Neuronale Plastizität: Die formbare Natur des Gehirns

Die Grundlage für die Lernfähigkeit und das Erinnerungsvermögen des Gehirns ist die flexible Vernetzung von über 100 Milliarden Nervenzellen. Eine wichtige Rolle spielen dabei Dornfortsätze, auch „dendritische Spines“ genannt. Diese feinsten Nervenzellausläufer werden beim Lernen und Erinnern stetig umgebaut. Dieser Umbau der Dornfortsätze ist ein Beispiel für neuronale Plastizität, die Fähigkeit des Gehirns, sich im Laufe des Lebens zu verändern und anzupassen.

Eine aktuelle Publikation Tübinger Hirnforscher im Journal of Neuroscience zeigt, wie diese Netzwerkarbeit die plastischen Verbindungen zwischen den Nervenzellen - den Dornfortsätzen - verändert. Mittels der Zwei-Photonenmikroskopie konnten die Forscher einzelne Dornfortsätze im lernenden Gehirn von Mäusen beobachten: Je länger der Lernprozess voranschritt und je besser die individuelle Lernleistung war, desto stärker wurden die Dornfortsätze abgebaut.

Die Forscher trainierten die Mäuse auf eine einfache Lernaufgabe: Der Assoziation eines Berührungsreizes an ihren Tasthaaren mit einem darauffolgenden kleinen Luftstoß gegen die Augen. Während die Tiere lernten, ihre Augen nach der Tasthaarberührung zu schließen, um den Luftstoß aufs offene Auge zu vermeiden, haben die Hirnforscher starke Umbauvorgänge der Dornfortsätze beobachtet. Es wurden im Mittel 15 Prozent der Dornfortsätze abgebaut, je länger der Lernprozess voranschritt und je besser war die individuelle Lernleistung der Maus.

Diese Beobachtungen deuten darauf hin, dass der Abbau von Dornfortsätzen ein wichtiger Mechanismus für die langfristige Speicherung von Lerninhalten sein könnte. Mit diesen Beobachtungen ist es den Wissenschaftlern gelungen, eine Tür zum Verständnis der Mechanismen des assoziativen Lernens aufzustoßen.

Assoziatives Gedächtnis: Verknüpfungen schaffen

Das assoziative Gedächtnis spielt eine entscheidende Rolle beim Lernen und Denken. Dabei gilt es, Informationen, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben, aufzunehmen, zu verknüpfen und als sinnvollen Zusammenhang zu speichern. Solche Verknüpfungen (oder Assoziationen) liegen auch den komplexesten Denkvorgängen zugrunde.

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Die Studie an Mäusen zeigte, dass nur wenn die beiden höchst unterschiedlichen Signale (Berührungsreiz und Luftstoß) miteinander verknüpft werden, ein Umbau an den Kontaktstellen der miteinander kommunizierenden Nervenzellen erfolgt.

Kategorisierung: Die Welt ordnen

Um die komplexe und sich ständig verändernde Welt um uns herum zu ordnen, bilden wir Kategorien oder Schubladen, in die wir Neues einsortieren. Dafür wenden wir verschiedene Strategien an. Forscher der Ruhr-Universität Bochum (RUB) um Prof. Dr. Boris Suchan, Abteilung für Neuropsychologie, und Prof. Dr. Robert K. haben untersucht, was im Gehirn passiert, wenn wir die Welt um uns herum ordnen.

Wenn wir Objekte anhand eines Prototyps einordnen, ist der linke Gyrus Fusiformis aktiv, ein Bereich des Gehirns, der für das Erkennen abstrakter Objekte zuständig ist. In Schubladen zu denken hilft dem Gehirn, eine sich ständig ändernde Welt zu sortieren und so die Informationslast zu reduzieren. Will man also herausfinden, ob ein bestimmtes Tier in die Kategorie „Vogel“ passt, würde man gemäß der Prototyp-Strategie zunächst einen allgemeinen, abstrakten „Vogel“ als Vergleich hernehmen.

Wenn jedoch eine Ausnahme, wie zum Beispiel ein Strauß oder ein Pinguin, kategorisiert werden muss, würde diese Strategie nur schlecht funktionieren. Dann greift die Ausnahme-Strategie, die das Tier mit einer Vielzahl an verschiedenen und ganz unterschiedlich aussehenden Beispielen vergleicht, die bereits der Kategorie zugeordnet wurden.

Um zu untersuchen, wo das Gehirn aktiv ist, wenn es sortiert, haben die Bochumer Neurowissenschaftler Probanden bei einer Kategorisierungsaufgabe im MRT gescannt. Die Forscher vermuten, dass zwischen beiden Lernmustern ein komplexes Wechselspiel besteht. „Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass für beide Strategien jeweils eigene Bereiche im Gehirn zuständig sind. Im Verlauf des Lernens haben wir aber auch festgestellt, dass sich der Rhythmus der Aktivierung bei beiden Arealen angleicht.

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Die Rolle des Hippocampus beim Denken

Dong Song, Professor in der Abteilung für Neurochirurgie der USC und der Alfred E. Mann-Abteilung für Biomedizinische Technik, beschreibt sein Vorgehen bei der Untersuchung der Rolle des Hippocampus beim Denken folgendermaßen: "Wir ließen die Patienten fünf Kategorien von Bildern sehen: 'Tier', 'Pflanze', 'Gebäude', 'Fahrzeug' und 'kleine Werkzeuge'. Dann zeichneten wir das Signal des Hippocampus auf", sagte Song.

Das spannende Ergebnis der Studie, die an 24 Epilepsiepatienten durchgeführt wurde: Es spricht einiges für die These der Sortierung von Informationen. Bis zu einem bestimmten Grad konnten die Wissenschaftler sogar "Gedanken lesen", indem sie anhand der Signale, die sie im Gehirn gemessen hatten, feststellen konnten, welche Informationen gerade gespeichert wurden.

Die Biochemie des Denkens: Botenstoffe im Gehirn

Denken ist ein sehr komplexer Prozess. Jeder Gedanke stellt einen elektrisch und biochemischen Prozess dar. Dabei laufen im Gehirn und im Körper viele verschiedene physiologische Prozesse ab. Jeder Gedanke, wenn ein bestimmtes Aktionspotential erreicht wird, löst im Gehirn eine biochemische Reaktion aus. Botenstoffe (Neurotransmitter, Neuropeptide und Hormone) werden ausgeschüttet.

Bei negativen Gedanken werden zum Beispiel Adrenalin, Noradrenalin, Cortisol, Cytokine und Histamine ausgeschüttet, bei positiven Gedanken Serotonin, Oxytocin, Dopamin, Endorphine und Vasopressin. Diese Botenstoffe führen zu negativen oder positiven Emotionen. Auch auf der Körperebene nehmen wir die Gedanken schlussendlich wahr, zum Beispiel als Kloß im Hals, als Druck im Magen oder als verspannte Schultern.

Wenn wir uns entscheiden positiv zu denken, dankbar zu sein, Respekt und Wertschätzung anderen Menschen gegenüber zu haben, dann fühlen wir genauso wie wir denken und wir spüren das auch auf der Körperebene, wenn uns beispielsweise warm ums Herz wird.

Mentales Training: Die Kraft der Gedanken

Mentaltraining zeichnet aus, dass wir entscheiden können, wie wir denken. Wer ist verantwortlich für unser Denken? Ja genau, nur wir selbst! Und weil wir ohnehin den ganzen Tag denken, können wir entscheiden, unsere Gedanken in eine für uns positive Richtung zu lenken. Veränderungen sind jederzeit möglich. Positives Denken bedeutet aber nicht, alles durch die rosarote Brille zu sehen und negative Dinge im Leben einfach auszublenden.

Die Wissenschaft war über 100 Jahre davon überzeugt, dass wir nur als Kinder lernen und uns anpassen können, als Erwachsene jedoch nicht mehr. Unser Gehirn besitzt nach neuesten Forschungen circa 86 Milliarden Nervenzellen, auch als Neuronen bezeichnet. Jede Nervenzelle besteht aus drei Teilen: 1. Dendriten, das sind die Teile, die Signale empfangen, 2. dem Zellkörper, der die Signale verarbeitet und 3. dem Axon, der Teil, der die Signale zur nächsten Nervenzelle weiterleitet.

Wie werden jetzt aber die Signale im Gehirn von einer Nervenzelle zur nächsten übertragen? Wir nehmen unsere Umwelt über unsere fünf Sinne wahr: Sehen, Hören, Fühlen, Riechen und Schmecken. Diese Sinneswahrnehmungen werden in elektrische Impulse umgewandelt. Die Nervenzellen stehen nicht in direkter Verbindung zueinander, sondern zwischen den Zellen ist ein kleiner Zwischenraum, der sogenannte synaptische Spalt. Trifft ein elektrisches Signal am Ende des Axons ein, werden dort chemische Botenstoffe freigesetzt, die über den synaptischen Spalt den Dendriten erreichen und dort wieder einen elektrischen Impuls auslösen.

Die Plastizität ist immer gegeben, in unserem Gehirn finden ständig Aufbau- und Abbauprozesse statt. Bei Veränderungen werden neue Schaltkreise werden gebildet, d. h. wenn wir Neues lernen, eine neue berufliche Herausforderung haben, uns sportlich betätigen oder meditieren. Alte Schaltkreise werden abgebaut, wenn wir sie nicht mehr nutzen, z. B. wenn wir einen alten Glaubenssatz, der uns blockiert hat, durch eine neue Überzeugung ersetzen.

Der Wissenschafter Donald Ording HEBB hat 1970 folgende Aussage formuliert: „What fires together wires together.“ Das bedeutet, jene Nervenzellen im Gehirn, die gleichzeitig aktiviert werden, verbinden sich zu einem Neuronen-Netzwerk.

Die Veränderung des Gehirns durch Gedanken

Wissenschafter haben untersucht, wie das Gehirn sich beim Lernen verändert. PASCUAL-LEONE et al. haben in einer oft zitierten Untersuchung gezeigt, dass alleine die Gedanken in der Lage sind, die physische Struktur des Gehirns zu verändern. In seinem Experiment bildete er zwei Testgruppen, die noch nie in ihrem Leben Klavier gespielt haben. Mittels fMRT-Untersuchungen (funktionelle Magnetresonanztomographie) wurde vor dem Experiment die Struktur des Gehirns aufgezeichnet. Dann brachte man den Teilnehmern eine bestimmte Tonfolge bei, indem ihnen gezeigt wurde, welche Tasten auf dem Klavier sie zu spielen hatten. Das Experiment ging über fünf Tage mit täglich 2 Stunden Übungszeit.

Die erste Gruppe hatte im Training die Aufgabe, sich nur vorzustellen, die Tasten der Tonfolge zu drücken. Die zweite Gruppe spielte die Tonfolge im Training real am Klavier. Um Veränderungen sichtbar machen zu können, wurden am Ende der fünf Tage wieder Gehirnscans mittels fMRT aufgenommen. Pascual-Leone stellte dabei fest, dass sich die Gehirne beider Gruppen auf ähnliche Weise verändert haben. Sowohl die praktische Übung mit dem Klavier als auch die rein mentale Vorstellung schien eine Veränderung im Bewegungszentrum des Gehirns zu bewirken. Es wurden neue Synapsen gebildet und vorhandene Synapsen wurden verstärkt.

Wenn wir wirklich fokussiert sind, aktiviert unser Gehirn dieselben Synapsen = Schaltkreise, egal, ob wir uns etwas nur mental vorstellen oder tatsächlich real erleben.

Spontane Gedanken: Der umherschweifende Geist

Eine von vielen empirischen Tatsachen, die in den Geisteswissenschaften noch nicht angekommen sind, ist die Entdeckung, dass wir je nach Studie während unseres Wachlebens bis zu 50 Prozent keine Kontrolle über unsere Gedanken haben. Die Stichworte heißen hier "spontaneous task-unrelated thought" und "mind wandering". Eines der interessantesten aktuellen Forschungsgebiete in den Neurowissenschaften und der experimentellen Psychologie ist der anscheinend ziellos umherschweifende Geist, das Tagträumen, die ungebetenen Erinnerungen und das automatische Planen. Dabei geht es um das, was ich selbst "mentales Schlafwandeln" nenne, also das permanente Auftreten anscheinend spontaner, aufgabenunabhängiger Gedanken, der sich täglich hundertfach wiederholende Verlust der Aufmerksamkeitskontrolle.

"Stabile kognitive Kontrolle ist die Ausnahme, während ihr Fehlen die Regel ist."

Die empirischen Ergebnisse haben nicht nur große Bedeutung für Politik, Bildung und Moral. Betrachtet man sie näher, so kommt man zu einem überraschenden Ergebnis von tiefgreifender philosophischer Bedeutung: Stabile kognitive Kontrolle ist die Ausnahme, während ihr Fehlen die Regel ist. Das autonome "Selbst" als Initiator oder Ursache unserer kognitiven Handlungen ist ein weit verbreiteter Mythos, denn wenn man den Traumzustand hinzunimmt, dann besitzen Wesen wie wir geistige Autonomie nur für etwa ein Drittel unserer bewussten Lebenszeit. Die meiste Zeit denken wir ohne überhaupt zu merken, dass wir gerade denken, denn was wir alltagssprachlich "Denken" nennen, ist im Normalfall eher eine unabsichtliche Form von innerem Verhalten. Ein Marker für mentale Autonomie ist "Veto-Kontrolle", die Fähigkeit, dieses Verhalten jederzeit stoppen zu können. Rationalität ohne Veto-Kontrolle gibt es nicht. Um innezuhalten, um einen inneren Monolog oder den ziellos wandernden Fokus der Aufmerksamkeit aber überhaupt stoppen zu können, müsste der Schlafwandler aufwachen, sich des eigenen inneren Verhaltens zunächst einmal bewusst werden.

Die Anzahl der Gedanken: Mythos und Realität

In der Literatur findet man immer wieder Hinweise darauf, dass der Mensch angeblich pro Tag ungefähr 60.000 bis 80.000 Gedanken denkt. Außerdem ist zu lesen, dass wir durchschnittlich 24 % negative Gedanken haben sollen, 3 % positive Gedanken und der Rest ist ohne besondere Wirkung. Das würde bedeuten, dass der durchschnittliche Mensch achtmal mehr negative Gedanken hat als positive. Wissenschafter gehen davon aus, dass die Anzahl der negativen Gedanken unter Stress stark ansteigt, auf bis zu 70 % und mehr.

Woher kommen aber diese Zahlen? Begibt man sich auf die Suche nach Studien, sind aber keine Literaturstellen darüber zu finden, wie diese Zahlen zustande kommen. Ein möglicher Erklärungsansatz könnte die Anzahl der Sekunden pro Tag minus 8 Stunden Schlaf sein. Rechnerisch kommt man auf 57.600 Sekunden, also rund 60.000. Das wären rund 41 Gedanken pro Minute!

Die Studie aus dem Jahre 2020 von JULIE TSENG und JORDAN POPPENK von der Queen’s University mit 184 Teilnehmern stellt den weit verbreiteten Mythos in Frage, dass Menschen täglich zwischen 60.000 und 80.000 Gedanken haben. Stattdessen deutet die Forschung darauf hin, dass wir eher auf etwa 6.000 Gedanken pro Tag kommen, wenn man ihre Ergebnisse extrapolieren würde.

Die Forscher konzentrierten sich darauf, wie sich die neuronale Aktivität im Gehirn während des Denkens verändert, insbesondere auf die Übergänge zwischen verschiedenen Denkzuständen. Mit Hilfe von Hirnscans (fMRT-Technologie) beobachteten sie den Übergang von einem Gedanken zum nächsten und identifizierten dabei sogenannte “Gedankenwürmer”. Diese bestehen aus aufeinanderfolgenden Perioden, in denen wir denselben Gedanken denken. Die Studie untersuchte diese Übergänge sowohl während des Ansehens von Filmen als auch in Ruhephasen, um zu verstehen, wie sich die Denkdynamik in verschiedenen Situationen manifestiert.

Besonders interessant war die Entdeckung, dass die Übergänge in Filmszenen mit dem Ende eines Gedankenwurms und dem Beginn eines neuen Gedankenwurms übereinstimmten. Dies deutet darauf hin, dass unser Geist ständig aktiv ist und Gedanken in aufeinanderfolgenden “Gedankenwürmern” auftreten.

Die Studie untersuchte auch den Zusammenhang zwischen Übergängen in der Netzwerkaktivität des Gehirns und dem Persönlichkeitsmerkmal Neurotizismus. Neurotizismus bezieht sich auf eine Tendenz zu emotionaler Instabilität, Ängstlichkeit, Unsicherheit und Verletzlichkeit. Die Ergebnisse zeigten, dass Personen mit höherem Neurotizismus tendenziell eine höhere Rate von Übergängen in der Netzwerkaktivität aufwiesen, sowohl im Ruhezustand als auch beim Ansehen von Filmen.

Gedächtnis: Speichern und Abrufen von Informationen

Unser Gehirn arbeitet stets auf Hochtouren, denn es sortiert, filtert und speichert Erlebnisse, Eindrücke und Erfahrungen im Gedächtnis ab. Im Vergleich zur Festplatte eines Computers speichert unser Gehirn nicht Null und Eins, sondern bei jeder Informationsverarbeitung verändert sich die Verknüpfung der Nervenzellen im Gehirn. Dieses sogenannte neuronale Netz ist bei jedem Menschen unterschiedlich.

Drei verschiedene Gedächtnisbereiche sind im Gehirn für das Lernen von Bedeutung: das Ultrakurzzeitgedächtnis, das Arbeits- oder Kurzzeitgedächtnis und das Langzeitgedächtnis. Jeden Augenblick sind alle Sinne aktiv und unser Gehirn muss die vielen verschiedenen Informationen aus einem großen Angebot an Eindrücken herausfiltern. Wir riechen, hören, sehen, schmecken und fühlen. Mit diesen unterschiedlichen Sinnen nehmen wir Informationen auf. Nur für gerade mal zwei Sekunden bleibt das Wahrgenommene im Ultrakurzzeitgedächtnis, wird dann verworfen oder gelangt ins Kurzzeitgedächtnis. Deshalb ist es so wichtig, wenn eine Information gespeichert werden soll, dass wir uns nur auf eine Sache konzentrieren.

Im Kurzzeitgedächtnis werden Informationen bis zu 20 Minuten gespeichert. Danach werden sie gelöscht, um den Platz für Neues freizugeben. Möchten wir das Gelernte länger behalten, hilft es nun eine kurze Pause einzulegen, da unsere Konzentration auf eine Sache nicht so lange ausreicht. Gerade beim Vokabel lernen hilft es, um die neuen Wörter zu behalten, dazwischen immer Pausen einzulegen und dann alles nochmal zu wiederholen. Dann ist die Chance größer, das Wissen im Langzeitgedächtnis zu verankern. Wenn Informationen in die dritte Stufe, ins Langzeitgedächtnis übergehen sollen, dann beginnt der Prozess der Konsolidierung. Will man etwas langfristig speichern, ist es besonders notwendig, das Gelernte sich erst einmal setzen zu lassen. Es ist eine Phase, in der unser Gedächtnis allerdings auch sehr störanfällig ist und Informationen schnell vergessen kann.

Wenn wir Informationen abspeichern und wieder abrufen, dann sind ganz unterschiedliche Gedächtnisbereiche aktiv. Erlebnisse, Wissensinhalte oder Erfahrungen können dabei unbewusst oder bewusst wieder hervorgeholt werden. Das prozedurale Gedächtnis hilft uns, dass wir uns an einmal gelernte Bewegungsabläufe automatisch erinnern und sie immer wieder hervorholen können. Fahrradfahren müssen wir zum Beispiel nur einmal erlernen und können dann ohne nachzudenken immer wieder darauf zurückgreifen. Das perzeptuelle Gedächtnis hilft uns Personen wieder zu erkennen, die wir lange nicht mehr gesehen haben. Obwohl sie sich äußerlich verändert haben, mit einer neuen Frisur oder einer anderen Haarfarbe, werden wir uns trotzdem an sie erinnern. Denn unser Gedächtnis verfügt über die Fähigkeit, die einmal gelernte Muster wieder abzurufen und zu ergänzen.

Das semantische Gedächtnis wiederum speichert alle Informationen, die wir im Laufe unseres Lebens erworben haben. Dazu zählen Fremdsprachen und Wissensinhalte. Das episodische Gedächtnis bewahrt unsere autobiographischen Erlebnisse. Diese können gute, aber auch schlechte Erinnerungen beinhalten. Sie sind meist als bewusste Informationen gespeichert. An prägende Momente erinnern wir uns ab dem dritten Lebensjahr. Erst im Alter von drei Jahren ist das Gehirn so weit entwickelt, dass es Informationen im episodischen Gedächtnis speichert. Erlebnisse aus der Kindergartenzeit sind meist die ersten Erinnerungen. Was davor passiert ist, daran kann man sich nicht bewusst erinnern. Das ist abhängig von Entwicklungsprozessen des Gehirns, die sich nacheinander aufbauen und erst im Erwachsenenalter abgeschlossen sind. Erinnerungen an die erste Liebe werden wir nie vergessen. Mit einem Reiz aktivieren wir das ganze Netz an Neuronen, d.h. Nervenzellen, die miteinander verbunden sind. Sind damit noch Emotionen verknüpft, dann verweilen diese Informationen besonders lange im Gedächtnis. An die erste große Liebe und an den ersten Kuss wird man sich lange erinnern. Emotionale Momente bleiben deshalb länger im Gedächtnis gespeichert und sie sind mit dem Erinnern eng verbunden. Wenn zu diesen emotionalen Ereignissen noch Gerüche hinzukommen, dann werden die Erinnerungen besonders lange behalten.

Ganz wichtig für das Gedächtnis ist ein Bereich des Gedächtnisses, den man das limbische System nennt. Und das limbische System besteht aus dem Hippocampus und der Amygdala. Unser Gedächtnis spielt manchmal ganz schön verrückt, wenn es versucht, Lücken zu schließen und nicht abgespeicherte Informationen zu ergänzen. Dabei können unbewusst Falschaussagen entstehen, von deren Wahrheitsgehalt man generell überzeugt ist, aber die notwendige Information nicht abgespeichert hat. So kann schnell bei einer Unfallbeschreibung aus einem blauen Auto, ein rotes Auto werden. Oder wir erinnern uns an eine bestimmte Situation und blicken durch eine rosarote Brille. Das ist auch der Grund, warum wir oft nostalgisch auf unsere Jugend zurückblicken. Der Rückblick kann sich im Laufe des Lebens jedoch wieder verändern. Ein Abgleich mit der Gegenwart kann die guten Erlebnisse ebenso zu schlechten verwandeln. Erinnerungen prägen den Menschen, deshalb ist die Persönlichkeit eines Menschen immer individuell - selbst wenn das Gedächtnis zum Beispiel aufgrund einer Demenzerkrankung nachlässt. Bestimmte Informationen sind trotzdem gespeichert. Auch wenn man sich nicht mehr an seinen Namen erinnern kann, bleiben Erinnerungen vorhanden, die unbewusst abrufbar sind.

Gedächtnistraining und Bewegung

Wir können unser Gedächtnis aber auch trainieren. Eine wichtige Rolle bei Erkrankungen spielt Bewegung: In der Bevölkerungsstudie Rheinland Studie standen Untersuchungen des Gehirns im Fokus. Basierend auf diesen Daten kam das Deutsche Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen e. V. (DZNE) in weiteren Untersuchungen 2022 zu dem Schluss, dass das Gehirn bereits von leichter körperlicher Aktivität profitiert. "Wir konnten zeigen, dass sich körperliche Aktivität in nahezu allen untersuchten Hirnregionen deutlich bemerkbar machte. Prinzipiell kann man sagen: Je höher und intensiver die körperliche Aktivität, umso größer waren die Hirnregionen, entweder in Bezug auf das Volumen oder auf die Dicke des Kortex. Das haben wir unter anderem beim Hippocampus beobachtet, der als Schaltzentrale des Gedächtnisses gilt.

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