Die Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS), die Gehirn und Rückenmark betrifft. Die Erkrankung manifestiert sich meist zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr, wobei Frauen häufiger betroffen sind als Männer. MS führt zu Entzündungen und Schädigungen der Nervenfasern, was vielfältige Beschwerden und Funktionseinschränkungen in unterschiedlichen Körperteilen zur Folge hat. Diese Symptome können unvorhersehbar auftreten und verlaufen oft in Schüben. Obwohl MS derzeit nicht heilbar ist, können Medikamente und andere Therapien helfen, die Symptome zu lindern und den Krankheitsverlauf zu beeinflussen.
Blasen- und Darmfunktionsstörungen bei MS
Funktionsstörungen von Blase und Darm sind häufige Begleiterscheinungen der Multiplen Sklerose und können die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen. Die MS beschädigt die schützenden Hüllen um die Nerven im Gehirn und Rückenmark. Die Folge ist, dass elektrische Signale die Organe und Muskeln verzögert oder überhaupt nicht mehr erreichen. Studien zeigen, dass ein erheblicher Teil der MS-Patienten unter Blasen- und Darmstörungen leidet, wobei die Dunkelziffer vermutlich noch höher liegt, da viele Betroffene aus Scham keine ärztliche Hilfe suchen. Rund zwei Drittel aller Menschen mit MS haben mindestens Episoden mit einer gestörten Blasen- und Darmfunktion. Auslöser sind Entzündungen, die die Reizweiterleitung vom Gehirn über das Rückenmark zu Blase und Darm behindern.
Häufigkeit und Ursachen
Einer aktuellen Auswertung des MS-Registers der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) zufolge leidet knapp ein Drittel der befragten MS-Patienten in Deutschland unter Blasenstörungen wie übermäßigem Harndrang oder Blasenschwäche (Harninkontinenz). Acht Prozent der Befragten gaben an, unter Störungen der Darmfunktion zu leiden. Experten vermuten jedoch, dass die Dunkelziffer weitaus höher liegt. Ärzte gehen davon aus, dass 75 bis 80 Prozent aller MS-Patienten im Verlauf der Nervenerkrankung eine Blasenfunktionsstörung entwickeln. Von Darmfunktionsstörungen sind geschätzt 40-70 Prozent aller Menschen mit MS im Laufe der Erkrankung betroffen.
Ursache für diese Störungen sind die Entzündungen im Gehirn und Rückenmark, die die Nervenbahnen schädigen, welche für die Steuerung von Blase und Darm verantwortlich sind. Die geschädigten Nervenleitbahnen transportieren die Impulse zu den Ausscheidungsorganen ungeordneter, seltener oder häufiger. Dies kann zu einer Vielzahl von Problemen führen, wie z.B.:
- Harninkontinenz: Unkontrollierter Harnverlust
- Starker Harndrang: Häufiges und plötzliches Bedürfnis, die Toilette aufzusuchen
- Blasenentleerungsstörungen: Schwierigkeiten, die Blase vollständig zu entleeren
- Verstopfung: Seltener und harter Stuhlgang
- Stuhlinkontinenz: Unkontrollierter Stuhlverlust
Auswirkungen auf die Lebensqualität
Die Funktionsstörungen von Blase und Darm können die Lebensqualität von Menschen mit MS erheblich mindern. Wenn die Blase oder der Darm nicht mehr gehorchen wie gewünscht, ziehen sich viele aus Scham zurück und verlassen kaum mehr die eigenen vier Wände. Wenn sie doch nach draußen gehen, informieren sie sich vorher, wo die nächste Toilette ist. Die Angst vor unkontrolliertem Harn- oder Stuhlverlust kann zu sozialer Isolation, Depressionen und einem verminderten Selbstwertgefühl führen.
Lesen Sie auch: MS-Medikamente im Detail erklärt
Medikamentöse Behandlung von Blasen- und Darmstörungen
Es gibt verschiedene Medikamente, die zur Behandlung von Blasen- und Darmstörungen bei MS eingesetzt werden können. Die Wahl des geeigneten Medikaments hängt von der Art der Störung und den individuellen Bedürfnissen des Patienten ab.
Medikamente bei Blasenstörungen
- Anticholinergika: Diese Medikamente wirken entspannend auf die Blasenmuskulatur und können so den Harndrang reduzieren und die Harninkontinenz verbessern.
- Beta-3-Agonisten: Diese Medikamente stimulieren die Beta-3-Rezeptoren in der Blasenmuskulatur, was ebenfalls zu einer Entspannung der Blase und einer Reduktion des Harndrangs führt.
- Desmopressin: Dieses Medikament reduziert die Urinproduktion und kann so nächtlichen Harndrang reduzieren.
- Botulinumtoxin: In schweren Fällen von überaktiver Blase kann Botulinumtoxin in die Blasenmuskulatur injiziert werden, um die Muskelaktivität zu reduzieren.
Medikamente bei Darmstörungen
- Abführmittel (Laxantien): Bei Verstopfung können verschiedene Abführmittel eingesetzt werden, um den Stuhlgang zu erleichtern. Osmotisch wirkende Abführmittel (Laxantien) wie Lactulose oder Macrogol ziehen Wasser in den Dickdarm. Macrogol hält Wasser im Darm zurück. Beide Substanzen machen den Stuhl weicher und regen so die Darmtätigkeit an.
- Glycerin-Zäpfchen: Glycerin erweicht den Stuhl, erhöht seine Gleitfähigkeit und fördert die Darmaktivität.
- Klistiere: Klistiere können verwendet werden, um den Darm schnell zu entleeren.
- Medikamente gegen Durchfall: Bei Durchfall können Medikamente eingesetzt werden, die die Darmbewegung verlangsamen und die Stuhlkonsistenz verbessern. Medizinische Kohle bindet in Flüssigkeiten gebundene Stoffe. Wichtig: Medizinische Kohle kann die Wirkung anderer Medikamente - auch der Anti-Baby-Pille - verringern.
- Anticholinergika: Anticholinergika können bei Darminkontinenz eingesetzt werden, um die Darmbewegung zu verlangsamen.
Nicht-medikamentöse Behandlungsansätze
Neben der medikamentösen Therapie gibt es eine Reihe von nicht-medikamentösen Maßnahmen, die bei Blasen- und Darmstörungen bei MS hilfreich sein können.
Verhaltensänderungen
- Flüssigkeitsmanagement: Eine angepasste Flüssigkeitsaufnahme kann helfen, die Blasenfunktion zu regulieren. Es ist wichtig, ausreichend zu trinken (1,5-2 Liter/Tag), aber die Flüssigkeitszufuhr vor dem Schlafengehen zu reduzieren, um nächtlichen Harndrang zu vermeiden.
- Ernährungsumstellung: Eine ballaststoffreiche Ernährung mit viel Gemüse, Vollkornprodukten und Obst kann Verstopfung vorbeugen. Es ist auch ratsam, blähende und den Darm anregende Nahrungsmittel zu meiden.
- Regelmäßige Toilettengänge: Regelmäßige Toilettengänge können helfen, die Blase zu trainieren und unkontrolliertem Harnverlust vorzubeugen. Unterdrücke Deinen Harndrang nicht, indem Du die Beine übereinanderschlägst. Was in seltenen Fällen vielleicht mal nötig ist, kann auf Dauer eine bestehende Spastik weiter verstärken. Gehe lieber vorbeugend oder in regelmäßigen Abständen auf Toilette. Versuche, das richtige Maß zu finden, indem Du Deine Blase nicht auf immer geringere Füllmengen trainierst, aber auch nicht verkrampfst.
Physiotherapie und Beckenbodentraining
- Beckenbodentraining: Tägliche Beckenbodenübungen helfen Deinen Muskeln wieder stark zu werden und der Symptomatik entgegenzuwirken. Es gibt jede Menge davon. Yoga hält viel bereit, spezielle Beckenbodenkurse, Aquagymnastik, einfaches Anspannen und Entspannen. Für Frauen gibt es gerade nach der Geburt gezielte Beckenbodenübungen, aber auch für Männer. Treppensteigen trainiert den Beckenboden und eine besonders charmante Art ist übrigens Sex. Also nicht als Mittel zum Zweck, aber eben als netter Effekt nebenbei. Joggen hingegen oder andere Übungen, bei denen viel auf und ab gehüpft wird, wie Trampolin springen, sind kontraproduktiv bei einem geschwächten Beckenboden.
- Physiotherapie: Physiotherapie kann helfen, die Muskeln zu stärken, die für die Blasen- und Darmfunktion wichtig sind. Physiotherapie, Stehtraining.
Hilfsmittel
- Inkontinenzprodukte: Es gibt eine große Bandbreite moderner Inkontinenzprodukte, die den Betroffenen helfen, sicher und diskret mit der Situation umzugehen. Hierzu gehören aufsaugende Produkte wie Windeln für Erwachsene und Inkontinenzeinlagen. Für Frauen sind es spezielle Einlagen und Tampons und für Männer eine Art Kondom. Beim Darm ist es für beide Geschlechter eine Art Tampon. Selbst Schwimmen ist damit weiter möglich. Und Schwimmen oder Aquasport zählt zu den Sportarten, die bei MS besonders gut sind.
- Analtampons: Bei Störungen der Darmfunktion helfen unter anderem Analtampons.
- Klistiere: Für die Darmentleerung gibt es Klistiere und andere Hilfsmittel, die kontrolliert den Darm spülen, um ihn anschließend zu entleeren. Bitte unternimm hier keine Selbstversuche, sondern lass Dir die Technik und Gerätschaften von einer Fachkraft erklären. Sprich Deinen Neurologen an. Dir kann mit Sicherheit geholfen werden. Gibt es viele Experten, die Dir zur Seite stehen können.
- Euro-WC-Schlüssel: Du solltest außerdem den Euro-WC-Schlüssel beim CBF Darmstadt beantragen, wenn Du Dich innerhalb Deutschlands oder Europas bewegst. Er verschafft Dir Zugang zu über 12.000 öffentliche Behinderten-WCs an. Das kann eine enorme Erleichterung beim Reisen sein. Denn oft sind die Schlangen fürs WC an Bahnhöfen oder in Innenstädten lang. Du benötigst dafür nur eine Bestätigung von Deinem Neurologen, dass Du eine Inkontinenz hast. Druck nehmen, Türen öffnen: „Euroschlüssel“ holen! Er öffnet behindertengerechte Toiletten - überall.
Weitere Maßnahmen
- Regelmäßige Bewegung: Bewege Dich regelmäßig und versuche eine gute Mischung aus Dehnung, Kraft und Ausdauer in Dein Sportprogramm einzubauen. Das hilft Dir vor allem bei Darmproblemen, ist aber für Dein generelles körperliches Wohlbefinden und eventuelle andere Symptome ebenfalls sehr gut.
- Dickdarmmassage: Bei stärkeren Problemen mit Verstopfung kann eine Dickdarmmassage, auch Kolonmassage genannt, sehr angenehm sein. Wenn Du sie nur selten benötigst, kann sie ein Physiotherapeut durchführen.
- Führen eines Miktionsprotokolls: Wenn Du Dir nicht sicher bist, ob Du zu viel Restharn in der Blase hast, kannst Du Deine Trinkmenge und den Urinabgang auch in einem Tagebuch festhalten. Das bedeutet natürlich, dass Du messen musst, wie viel du gepullert hast mit einer Art Messbecher. Oder Du wendest Dich an Fachpersonal, die mittels Ultraschall oder anderer Verfahren ebenfalls dazu Auskunft geben können.
- Anale Irrigation: Nicht-medikamentöse Therapie bei Darminkontinenz: Ernährungsumstellung (keine blähende oder den Darm anregende Nahrung), regelmäßiges, gezieltes Abführen (z. B. Klistier oder sogenannte „transanale Irrigation (TAI)“. Dabei wird Wasser in den Darm eingebracht, um nach einer bestimmten Einwirkzeit eine vollständige Darmentleerung auszulösen. Der dazu verwendete Rektalkatheter hat einen Ballon, der das Wasser sicher im Darm hält. TAI kann nach Einweisung selbst angewandt werden. Beckenbodentraining, Hilfsmittel
Wichtige Hinweise
- Offene Kommunikation mit dem Arzt: Um dies zu verhindern, sollten sich MS-Patienten ihrem behandelnden Arzt anvertrauen, rät die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG). Sprich mit Deinem Neurologen über Deine Blasen- oder Darmstörung, egal ob sie akut auftritt oder Du sie schon länger hast und Dich bisher nicht getraut hast darüber zu reden. Es ist wichtig, offen mit dem behandelnden Arzt über die Blasen- und Darmstörungen zu sprechen, um eine individuelle Behandlungsstrategie zu entwickeln.
- Frühzeitige Behandlung: Eine frühzeitige Behandlung von Darmfunktionsstörungen soll Folgeschäden vermeiden und die Lebensqualität verbessern. Deshalb sprechen Sie Darmfunktionsstörungen unbedingt bei Ihrem behandeln Art an, damit eine gezielte Diagnostik und Therapie der Darmfunktionsstörungen erfolgen kann. Aber bitte nicht zu lange warten, dass verschärft die Blasen- und/oder Darmfunktionsstörung womöglich.
- Interdisziplinärer Ansatz: Die Behandlung von Blasen- und Darmstörungen bei MS erfordert oft einen interdisziplinären Ansatz mit Neurologen, Urologen, Gastroenterologen und Physiotherapeuten.
Lesen Sie auch: Wie man MS vorbeugen kann
Lesen Sie auch: MS und Rückenschmerzen: Ein Überblick
tags: #multiple #sklerose #stuhlgangmedikament