Cannabis gegen Migräne: Studienlage und Anwendungsmöglichkeiten

Cannabis erfreut sich zunehmender Beliebtheit in der Schmerztherapie, insbesondere bei Migräne. Studien deuten darauf hin, dass Cannabis die Schwere von Kopfschmerzen und Migräne deutlich reduzieren kann. Eine Analyse von Daten aus der medizinischen App „Strainprint“ zeigte, dass Cannabis bei neun von zehn Kopfschmerzpatienten die Symptome verbesserte, wobei die Schwere der Schmerzen im Durchschnitt um etwa die Hälfte reduziert wurde. Doch wie sieht die aktuelle Studienlage aus, und welche Anwendungsmöglichkeiten gibt es?

Studien zur Wirksamkeit von Cannabis bei Migräne

Ergebnisse einer Studie der Washington State University

Forscher um Dr. Carrie Cuttler von der Washington State University analysierten Daten von über 12.000 Einträgen von 1306 Kopfschmerzpatienten und 7441 Anwendungen von 653 Migränepatienten über einen Zeitraum von 16 Monaten. Die Ergebnisse zeigten, dass Cannabis bei rund 88 % der Migräniker die Symptome verbesserte. Die Teilnehmer bewerteten die Schwere der Schmerzen nach der Anwendung als deutlich geringer, was in etwa einer Halbierung entsprach.

Interessanterweise schienen Männer etwas mehr von Cannabis gegen Kopfschmerzen zu profitieren als Frauen, während Migränepatientinnen häufiger eine Verbesserung ihrer Symptome angaben. Allerdings schien sich bei der Wirkung von Cannabisblüten mit der Zeit eine Gewöhnung einzustellen, was höhere Dosen erforderlich machte, um die gleiche Linderung zu erzielen. Konzentrate zeigten insgesamt etwas bessere Effekte als Blüten.

Weitere Studien und Meta-Analysen

Eine Meta-Analyse aus Kanada untersuchte die Ergebnisse von 18 verschiedenen klinischen Studien, die die Wirkung von Cannabis oder Cannabinoiden auf chronische Schmerzen untersuchten. Eine weitere Studie, die auf dem 3. Kongress der europäischen Akademie für Neurologie (EAN) in Amsterdam vorgestellt wurde, behandelte chronische Migränepatienten mit einem Kombipräparat aus CBD und THC. Die Intensität der akuten Schmerzen konnte dadurch um 55 % gelindert werden. In einem zweiten Teil der Studie wurde das gleiche Präparat zur Migräne-Prophylaxe verabreicht, wobei ähnliche Verbesserungen wie mit Amitryptylin erzielt wurden.

Eine weitere Studie aus dem Jahr 2022 ergab, dass medizinisches Cannabis die Anzahl der monatlichen Migräneanfälle signifikant reduzieren kann. Patienten, die Cannabis über sechs Monate verwendeten, berichteten von einer Reduktion der Migränehäufigkeit um bis zu 51 % im Vergleich zu Nicht-Cannabis-Produkten.

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Aktuelle Studie von 2024

Eine randomisierte Studie aus San Diego aus dem April 2024 zeigte, dass die Inhalation von Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD) die Dauer von Migräneattacken verkürzen kann.

Wirkungsweise von Cannabis bei Migräne

Das Endocannabinoid-System

Cannabis wirkt auf das Endocannabinoid-System, das eine zentrale Rolle bei der Schmerzwahrnehmung spielt. Die Wirkstoffe von Cannabis, insbesondere THC und CBD, interagieren mit diesem System und können die Schmerzwahrnehmung im Gehirn beeinflussen. Es wird vermutet, dass die Ausschüttung von Endocannabinoiden wie Anandamid und 2-Arachidonylglycerol eine Reaktion des Körpers ist, um Schmerzen zu lindern.

Einfluss auf Neurotransmitter und Entzündungen

Studien deuten darauf hin, dass Cannabinoide den Serotoninspiegel beeinflussen und entzündliche Prozesse im Gehirn reduzieren können, was bei Migräne von Bedeutung sein kann. Migräne kann durch entzündliche Prozesse im Gehirn verschärft werden.

Vergleich mit traditionellen Migränemedikamenten

Im Vergleich zu traditionellen Migränemedikamenten wie Triptanen und NSAIDs, die auf die Blutgefäße und Schmerzrezeptoren im Gehirn wirken, bietet Cannabis ein anderes Wirkungsweise und Nebenwirkungsprofil.

Unterschiede zwischen THC und CBD

  • THC (Tetrahydrocannabinol): Der psychoaktive Bestandteil von Cannabis mit schmerzlindernden Eigenschaften. THC bindet hauptsächlich an CB1-Rezeptoren im Gehirn, was zu den bekannten Rauschzuständen führt.
  • CBD (Cannabidiol): Nicht psychoaktiv, hat ebenfalls schmerzlindernde und entzündungshemmende Eigenschaften. CBD interagiert hauptsächlich mit CB2-Rezeptoren, die im Immunsystem und peripheren Nervensystem zu finden sind. CBD hebt die psychoaktive Wirkung des THC auf, daher sollte medizinisches Cannabis THC und CBD in einem ausgeglichenen Verhältnis enthalten. Das Fertigspray Sativex enthält je 50 % THC und CBD.

Anwendungsmöglichkeiten von Cannabis bei Migräne

Es gibt verschiedene Konsumformen von Cannabis zur Behandlung von Migräne:

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  • Inhalation (Rauchen oder Verdampfen): Bietet eine schnelle Linderung, da die Wirkstoffe direkt in den Blutkreislauf gelangen. Bei akuten Migräneanfällen ist die Inhalation (z. B. durch Verdampfen) wegen der schnellen Wirkung innerhalb weniger Minuten nützlich.
  • Öle und Tinkturen: Werden oral eingenommen oder unter die Zunge getropft. Sie sind eine diskrete Alternative, die unter die Zunge getropft wird und eine etwas längere Wirkung bietet.
  • Essbare Produkte (Edibles): Haben eine längere Wirkungsdauer, aber auch eine verzögerte Wirkung von bis zu zwei Stunden.

Dosierung und Anwendungshinweise

Die Dosierung von Cannabis hängt stark von der individuellen Verträglichkeit ab. Es wird empfohlen, mit einer niedrigen Dosis zu beginnen und diese langsam zu steigern, um Nebenwirkungen zu vermeiden ("Start low, go slow"). Es ist ratsam, ein Tagebuch über Dosierung und Reaktionen zu führen, um herauszufinden, was am besten wirkt.

Rechtliche Aspekte und Verfügbarkeit in Deutschland

Seit 2017 ist es Ärzten in Deutschland erlaubt, medizinisches Marihuana oder Cannabis zu verschreiben. Die Indikationen für die Anwendung sind nicht explizit formuliert, allerdings geht die Fachliteratur von einem sehr breiten therapeutischen Spektrum aus. Da zu den etablierten Indikationen chronische Schmerzen zählen, ist das Interesse von Migräne-Patienten naheliegend. Wenn die Krankenkasse die Kosten für die Behandlung mit medizinischem Cannabis, etwa gegen Migräne, übernehmen soll, ist eine Genehmigung erforderlich. Die Ablehnung ist nur in begründeten Ausnahmefällen möglich. Der Anbau von medizinischem Cannabis wird in Deutschland von der Cannabisagentur des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) überwacht.

Mögliche Nebenwirkungen und Kontraindikationen

Wie bei jeder Therapie gibt es auch bei der Verwendung von Cannabis mögliche Nebenwirkungen, darunter Schwindel, Müdigkeit und Veränderungen der Stimmung. Zu den Kontraindikationen gehören Psychosen, affektive Störungen, Angststörungen sowie Kindes- und Jugendalter, da irreversible kognitive Folgeschäden zu erwarten sind.

Die Schmerzklinik Kiel als Anlaufstelle

Die Neurologisch-verhaltensmedizinische Schmerzklinik Kiel unter der Leitung von Prof. Dr. med. Dipl. Psych. Hartmut Göbel bietet spezielle Therapien für Migräne und andere Kopfschmerzformen an. Die Klinik bietet eine umfassende Diagnostik und Therapie chronischer Schmerzerkrankungen. Zur Planung eines Aufnahmetermins sind eine Verordnung von Krankenhausbehandlung, das Ausfüllen einer Aufnahme-Checkliste sowie eines Schmerzkalenders und -fragebogens erforderlich.

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