Epilepsie: Mehr als nur "Hans guck in die Luft"

Wenn von Epilepsie die Rede ist, haben viele Menschen ein bestimmtes Bild vor Augen: Jemand stürzt schreiend zu Boden, verliert das Bewusstsein und der ganze Körper krampft und zuckt. Dieses Bild entspricht jedoch nur einer speziellen Anfallsform, dem Grand-mal-Anfall, der vergleichsweise selten ist. Epilepsie ist ein komplexes neurologisches Krankheitsbild mit vielfältigen Erscheinungsformen und Ursachen. Dieser Artikel soll einen umfassenden Überblick über Epilepsie geben, von den verschiedenen Anfallsformen über die Ursachen bis hin zu Diagnose und Behandlung.

Vielfältige Erscheinungsformen: Das Spektrum epileptischer Anfälle

Epileptische Anfälle können sich sehr unterschiedlich äußern. Neben dem bekannten Grand-mal-Anfall gibt es zahlreiche weitere Anfallsformen, die oft weniger dramatisch verlaufen und daher leicht übersehen werden. Die Symptome einer Epilepsie treten meist ganz plötzlich und unvermittelt auf. Sowohl die Dauer als auch Form und Ausprägung der motorischen und nicht-motorischen Symptome können erheblich variieren. Manche Anfälle dauern nur wenige Sekunden, andere mehrere Minuten. Mal äußern sie sich durch das allseits bekannte Erscheinungsbild der verkrampfenden und zuckenden Muskulatur, andere wiederum äußern sich durch nicht-motorische Symptome. Die übermäßige Aktivität der Neuronen kann zu diversen Störungen führen und sich mitunter auch als typischer motorischer Krampfanfall äußern. Das muss aber nicht so sein. Manche Anfälle werden sowohl von Patientinnen und Patienten als auch Angehörigen kaum wahrgenommen, während andere zu Bewusstlosigkeit, Muskelkrämpfen, Stürzen und Zittern führen können. Ebenso können Störungen des Geruchssinns, Halluzinationen, Wutausbrüche, Migräne und Übelkeit auftreten. Oder Patientinnen und Patienten springen plötzlich auf und werfen Stühle um oder rennen unkontrolliert umher, woran sie sich später nicht erinnern können. Es können also eine Vielzahl unterschiedlicher Symptome und Anfallsformen auf eine Epilepsie hinweisen, was die Diagnose der Erkrankung deutlich erschwert.

Absence-Epilepsie: Der verträumte Blick

Ein Beispiel für eine weniger auffällige Anfallsform ist die Absence-Epilepsie. Die typische Absence-Epilepsie äußert sich mitunter dadurch, dass Betroffene für wenige Sekunden ihre aktuelle Tätigkeit unterbrechen, starr in die Luft gucken und dann wieder ganz normal mit ihrer vorherigen Aktivität fortfahren. Meistens können Betroffene selbst sich gar nicht an die kurze Absence erinnern. Diese Form der Epilepsie ist übrigens typisch für Kinder, weshalb sie oft als Träumerei oder Unkonzentriertheit fehlinterpretiert wird („Hans-guck-in-die-Luft“). Manchmal werden die Augen nach oben gewandt, der Kopf nach rückwärts geneigt („Hans guck in die Luft“). Rhythmische Zuckungen der Arme oder eines Gesichtsbereiches sind ebenfalls möglich (sie verlaufen oft so diskret, dass sie nur bei genauer Beobachtung erkannt werden). Bei länger andauernden Absencen (mehr als 10 Sekunden) können Kauen, Lecken, Schmatzen, nestelnde Bewegungen mit Fingern und Händen sowie selten komplexere Handlungsabläufe vorkommen. Willkürhandlungen können automatisch fortgesetzt werden (Laufen, Radfahren, Schwimmen). Eine Abgrenzung zu den komplex-fokalen Anfällen ist dann oft schwierig. Wegen der unterschiedlichen Vorgehensweise ist eine klare Zuordnung jedoch notwendig. Es ist dabei zu berücksichtigen, dass die Absencen stets ohne Aura (Vorgefühl) auftritt und eine größere Anfallsfrequenz zeigt. Außerdem ist die Absence kürzer als ein psychomotorischer Anfall. Pupillenverengung oder -erweiterung, Kopfrötung oder Blässe, bisweilen auch Einnässen kennzeichnen die vegetativen Absencen. Für die Dauer der Absence besteht eine Amnesie, das heißt die Patienten haben anschließend keine Erinnerung daran. Während des kurzen Anfalls ist keine Hilfe nötig. Man bleibt bei dem Patienten. Falls der Anfall nicht aufhört oder länger als 30 Minuten dauert, ist ein Arzt zu rufen.

Fokale Anfälle: Symptome je nach betroffenem Hirnareal

Fokale Anfälle werden auch als partielle oder lokalisationsbezogene epileptische Anfälle bezeichnet. Diese Anfälle gehen immer von einem bestimmten Bereich des Gehirns aus und betreffen in der Regel nur eine Gehirnhälfte. Man unterscheidet fokale Anfälle mit Bewusstseinseinschränkung (früher auch komplex-fokal genannt) und fokale Anfälle ohne Bewusstseinseinschränkung (früher einfach fokale Anfälle). Im ersten Fall nimmt der Patient oder die Patientin den epileptischen Anfall nicht bewusst wahr und kann sich später an nichts erinnern. Bei Erwachsenen ist dies die am häufigsten beobachtete Anfallsform. Fokale epileptische Anfälle, vor allem solche mit Bewusstseinsstörung, können in einen sogenannten sekundär generalisierten Anfall (auch bilateral tonisch-klonischer Anfall) übergehen, der dann beide Gehirnhälften betrifft. Die Symptome fokaler Anfälle richten sich nach dem Ursprungsort im Gehirn. Eine häufige Anfallsform fokalen Ursprungs sind vegetative fokale Anfälle. Auch plötzliche Angst, Wut oder Halluzinationen werden in der Literatur beschrieben. Die Sinneswahrnehmung kann durch einen fokalen Anfall gestört werden. So kann Sehen, Hören, Schmecken, Riechen oder Tasten durch den Anfall so beeinträchtigt sein, dass Betroffene Blitze sehen, Geräusche oder Stimmen hören, einen komischen Geschmack im Mund haben, etwas Merkwürdiges riechen oder Temperatur-Missempfindungen, Kribbeln oder Lähmungserscheinungen spüren. Fokale Anfälle mit Bewusstseinsverlust sind häufig durch sogenannte Automatismen geprägt. Patienten wiederholen im Anfall bestimmte Handlungsmuster, wie z. B.

Fokale Anfälle sind meist symptomatisch, das heißt sie sind Ausdruck einer Grunderkrankung des Gehirns wie Entzündungen, vor/während oder kurz nach der Geburt aufgetretene Hirnschädigungen, Verletzungen und Gefäßerkrankungen. Auch Tumore können die Ursache sein. In all diesen Fällen gehen die Anfälle von dem jeweils betroffenen Gehirnareal (dem „Herd“) aus. Bei den einfach fokalen Anfällen bleibt das Bewusstsein erhalten. Anfallsablauf: Halbseitige Zuckungen, häufig in der Hand beginnend. Die Zuckungen können sich auf benachbarte Muskelgruppen ausdehnen. Diese Ausdehnungen der Krämpfe nennt man „Jackson-Marsch“. Nach einem Anfall kann es zu vorübergehender Lähmung der beteiligten Körperhälfte kommen. Fokale Anfälle, die sich nur in einer Wendebewegung der Augen oder des Kopfes äußern, bezeichnet man als versive Anfälle. Anfallsablauf: Die Patienten berichten z.B. über plötzliche Gefühllosigkeit, Kribbeln oder über abnorme Temperaturempfindungen in einer Gesichtshälfte, einer Hand oder einem Fuß von mehreren Sekunden bis mehreren Minuten Dauer. - Gesichtsfeldausfälle, sehen von Figuren, Farben. Krankheitszeichen können z. B. Meist gehen solche Anfälle mit Bewusstseinseinengungen einher und sind dann den komplex-fokalen Anfällen zuzuordnen. Krankheitszeichen können z.B. sein: Plötzliches Glücksgefühl, Nicht-Erkennen von Dingen oder Personen, Wutausbrüche, Angst, Ärger, Halluzinationen oder das Gefühl, die Situation schon einmal erlebt zu haben. Häufig sind „Mischformern“ aller Symptome. Der komplex-fokale Anfall unterscheidet sich von dem einfach fokalen Anfall durch seinen ausgestalteten Charakter und die zu Beginn oder im Verlauf des Anfalls einsetzende Bewusstseinsstörung. Der komplex-fokale Anfall beginnt nicht abrupt. Er kann durch verschiedenartige Missempfindungen eingeleitet werden (so genannte Aura). Diese Empfindungen sind oft als erste Krankheitszeichen komplex-fokaler Anfälle charakterisiert. Oft zeigen die Patienten Automatismen (stereotyp ausgeformte Bewegungsabläufe), z. B. Gefühlsäußerungen (Angst, Wut, Ärger, Lachen) sind bei manchen Kranken das führende Symptom. Tonische Verkrampfungen (Anspannung von Muskeln), ängstliche Versivbewegungen (Wendebewegungen von Kopf bzw. Augen) und vegetative Symptome (erhöhter Speichelfluss, Erbrechen) können hinzukommen. Aphasische Störungen (Sprach- bzw.

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Generalisierte Anfälle: Das gesamte Gehirn ist betroffen

Bei generalisierten Anfällen lässt sich keine bestimmte Hirnregion zuordnen, in der der epileptische Anfall entsteht. Während eines Anfalls kann die Ausbreitung unterschiedlich verlaufen und das gesamte Hirnareal betreffen.

Tonisch-klonischer Anfall (Grand-mal-Anfall): Der "klassische" epileptische Anfall

Der tonisch-klonische Anfall oder auch Grand-mal-Anfall ist die Anfallsform, die am häufigsten mit der Krankheit Epilepsie in Verbindung gebracht wird. Die Symptome dieses Anfalls äußern sich meist in einem initialen Schrei des Betroffenen, gefolgt von einer Anspannung der Körpermuskulatur, die dann in Zuckungen des Körpers über geht (siehe oben). Ferner kommt es zu einem Bewusstseinsverlust, sodass sich der Patient bzw. die Patientin im Nachhinein nicht mehr an den Anfall erinnern kann. Auch die Blaufärbung der Lippen ist typisch. Sie entsteht durch die Verkrampfung der Atemmuskulatur während des Anfalls, sodass der oder die Betroffene keine Luft bekommt. Der Atemstillstand kann bis zu 30 Sekunden andauern, führt aber nicht zum Ersticken.

Geht dem großen Anfall eine Aura oder ein fokaler Anfall voraus, so spricht man von einem fokal eingeleiteten großen Anfall oder einem sekundär generalisierten großen Anfall. Aus diagnostischen und insbesondere auch therapeutischen Gründen ist bei jedem Patienten zu erfassen, ob das Auftreten der Anfälle eine Bindung an bestimmte Tageszeiten bzw. den Schlaf-Wach-Rhythmus zeigt. Die Anfälle treten bis zu zwei Stunden nach dem Erwachen auf. Diese Anfälle treten aus dem Schlaf heraus auf (besonders nach dem Einschlafen bzw. vor dem Erwachen. Tageszeitlich ungebundene Anfälle. Ca. 10% der Grand mal Anfälle werden durch eine Aura eingeleitet. Die Art der Aura wird vom Entstehungsort des Anfalls im Gehirn bestimmt. Sie dauert nur wenige Sekunden an. Der Patient verliert plötzlich das Bewusstsein, gleichzeitig tritt gelegentlich ein plötzliches Aufschreien (Initialschrei) auf. Der abrupte Bewusstseinsverlust kann zu Stürzen und Kopfverletzungen führen. Sie setzt mit dem Bewusstseinsverlust ein. Die gesamte Skelettmuskulatur ist angespannt zusammengezogen. Es folgt eine totale Übersteckung. In dieser Phase kann es auch zum zeitweisen Atemstillstand durch Verkrampfung der Atmungsmuskulatur kommen. Der Patient kann zyanotisch (=Blaufärbung der Haut) werden. Diese Phase dauert 15-30 Sekunden. die tonische Krampfphase geht in rhythmische Zuckungen der gesamten Skelettmuskulatur (=Generalisierung) über. Häufig beißt sich der Kranke dabei heftig auf die Zunge oder in die Wangenschleimhaut, wenn diese zwischen die Zähne geraten. Der verstärkte Speichelfluss führt zusammen mit dem krampfartigen Ausstoßen von Atemluft zur Schaumbildung vor dem Mund. Die Zuckungen dauern nur wenige Minuten. Der Patient bleibt bis zu zwei Minuten ohne Bewusstsein. Daran schließt sich oft eine mehr oder weniger lange, bis zu Stunden anhaltende, Schlafphase an. Bei manchen Patienten kommt es zu einem Dämmerzustand, der durch eine Bewusstseinseintrübung mit Orientierungsschwierigkeiten gekennzeichnet ist. Die Patienten können stark erregt sein. Derartige Zustände halten über Minuten, selten Stunden, vereinzelt länger, an. Nach Wiedererlangen des Bewusstseins empfinden viele Patienten Kopfschmerzen, noch längere Zeit danach auch Muskelkater. Auch das vegetative Nervensystem wird von dem großen Anfall ergriffen. Erhöhter Speichelfluss, starkes Schwitzen, Harn- und Stuhlentleerungen können auftreten. Die Pupillen sind während des Anfalls weit und lichtstarr (sie verengen sich nicht bei hellem Licht).

Atonischer Anfall: Verlust der Muskelspannung

Verliert man die Muskelkraft, spricht man von einem atonischen Anfall.

Myoklonischer Anfall

Ein myoklonischer Anfall verursacht keine Bewusstseinsstörungen, sondern äußert sich mit Muskelzuckungen.

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Ursachen und Auslöser: Das "Gewitter im Gehirn"

Bei einer Epilepsie kommt es durch unterschiedlichste Ursachen und Auslöser zu einer übermäßigen elektrischen Entladung von Nervenzellen im Gehirn. So können zum Beispiel Stoffwechselstörungen, genetische Faktoren, Kopfverletzungen, gutartige und bösartige Tumore, Hirnhautentzündungen oder Schlaganfälle entsprechende Veränderungen im Gehirn verursachen, welche solche übermäßigen Entladungen der Neuronen begünstigen. Dann kommt es zu Symptome wie Muskelkrämpfen, Stürzen und Bewusstlosigkeit, aber auch zu durchaus subtileren Anfallsformen. Oft ist die genaue Ursache jedoch unbekannt. Das „Gewitter im Gehirn“ betrifft entweder Teilbereiche des Gehirns (fokale Epilepsie) oder das gesamte Gehirn (generalisierte Epilepsie). Bestimmte Abläufe, Häufigkeiten und Symptome werden zu sogenannten Epilepsie-Syndromen zusammengefasst, etwa der Juvenilen Absence-Epilepsie, dem Dravet-Syndrom oder der Rolando-Epilepsie. Zudem ist nicht jeder einmalige Krampfanfall gleichbedeutend mit einer Epilepsie. Im Kindesalter ist die Prognose außerdem sehr gut, sodass nicht jeder einmalige Anfall sofort zu einer dauerhaften Therapie führen muss. Die Prognose bezüglich Anfallsfreiheit variiert jedoch stark. Wenn zwei nicht provozierte Anfälle (Anfälle ohne erkennbare Auslöser bzw. Wenn, unter Berücksichtigung der ärztlichen Befunde, des EEG, der Symptomatik des Krampfanfalls und weiterer Aspekte durch die Ärztinnen und Ärzte, ein spezifisches Epilepsie-Syndrom diagnostiziert wird. Der Begriff „Epilepsie“ beschreibt demnach das Auftreten oder das Risiko für das Auftreten mehrerer epileptischer Anfälle in bestimmten zeitlichen Abständen, während ein einmaliger epileptischer Anfall nicht zwangsläufig bedeutet, dass auch eine Epilepsie vorliegt, die mit Anfallssuppressiva behandelt werden muss.

Allerdings können Ursachen wie Schlaganfälle oder Verletzungen auch zu dauerhaften strukturellen Veränderungen im Gehirn führen, die fortan wiederholt epileptische Anfälle auslösen. Dann spricht man von einer strukturellen Epilepsie, die früher auch als symptomatische Epilepsie bezeichnet wurde. Dazu zählen auch epileptische Anfälle, welche durch Tumore ausgelöst werden. Führen Infektionen, etwa Hirnhautentzündungen, zu entsprechenden chronischen Veränderungen im Gehirn, so spricht man von infektiösen Epilepsien. Sind Stoffwechselstörungen der Grund, handelt es sich um eine metabolische Epilepsie. Weitaus häufiger ist aber keine klare Ursache identifizierbar. Dann handelt es sich um genetische oder kryptogene Epilepsien. In jungen Jahren sind zudem häufig andere Auslöser identifizierbar als im höheren Lebensalter. Bei Säuglingen und Kleinkindern können Schwangerschaftskomplikationen oder eine Störung der Entwicklung des Gehirns ursächlich sein. Zudem zeigen neuere Untersuchungen, dass es auch genetische Risikofaktoren für die Entwicklung einer Epilepsie gibt.

Ein wichtiger Unterschied zwischen Epilepsie und Krampfanfall: Es gibt keinen akuten Auslöser für epileptische Anfälle, sondern eine dauerhafte Ursache wie eine strukturelle Veränderung im Gehirn oder eine chronische Grunderkrankung, die immer wieder zu epileptischen Anfällen führt. Anders formuliert bedeutet das, dass ein Vermeiden der Auslöser akut symptomatischer Krampfanfälle, zum Beispiel durch mehr Schlaf, weniger Stress, weniger Alkohol, oder das Auskurieren einer Fiebererkrankung, das Risiko für einen erneuten akuten Anfall minimieren kann. Das Risiko für den nächsten epileptischen Anfall ka…

Genetische Faktoren

Weltweit leiden rund 70 Millionen Menschen an einer so genannten idiopathischen Epilepsie. Ein Forscherteam der Klinik für Epileptologie der Universität Bonn konnte nun ein Gen identifizieren, das - wenn es nicht richtig funktioniert - sämtliche Formen häufig vorkommender idiopathischer Epilepsien auslösen kann.

Die Bonner Arbeitsgruppe untersuchte insgesamt 46 Familien, in denen mindestens zwei Mitglieder an einer idiopathischen Epilepsie erkrankt waren. "Bei drei dieser Familien war das Gen für den Chlorid-Kanal mutiert. Die erkrankten Familienmitglieder hatten jeweils das defekte Gen vererbt bekommen, die gesunden dagegen nicht", erklärt Dr. Heils. In einer der Familien war der Kanal trotz der Mutation noch teilweise funktionsfähig; die Erkrankten hatten seltener epileptische Anfälle, die zudem schwächer verliefen als bei den Untersuchten der beiden anderen Familien. Zugleich fanden die Forscher wieder ein Indiz dafür, dass bei der Erkrankung noch andere Gene eine Rolle spielen, denn: "Die Betroffenen litten an völlig unterschiedlichen Formen der idiopathischen Epilepsie", führt Heils weiter aus. Keine Veränderungen des Kanal-Gens fanden die Forscher hingegen bei den 360 gesunden Kontrollpersonen.

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Akut symptomatische Anfälle (ASA)

Die ILAE definiert einmalige Krampfanfälle als sogenannte ASA. Sie werden nicht als Teil einer epileptischen Erkrankung eingestuft, sondern sind den epileptischen Anfällen lediglich ähnlich. Die Ursachen für einen solchen akut symptomatischen Anfall sind jedoch andere. ASA treten in engem zeitlichen Zusammenhang mit anderen Erkrankungen auf, wie z. B. als Folge einer Unterzuckerung, einer Hirnschädigung oder eines Schlaganfalls. Des Weiteren gibt es epileptische Anfälle, die keiner der genannten Klassen zuzuordnen sind. Diese gruppiert die ILAE als Anfälle mit mutmaßlicher Ursache (idiopathische Epilepsie).

Vorboten und Auslöser

Das kann Angehörigen und Betroffenen große Angst machen. Deshalb wird häufig nach Vorboten gesucht, die einen epileptischen Anfall im Voraus ankündigen, um nicht davon überrascht zu werden, zum Beispiel beim Schwimmen oder Baden, wo selbst ein vergleichsweise kleiner epileptischer Anfall gefährlich werden kann. Und gelegentlich kündigen sie sich tatsächlich durch Anzeichen wie Kopfschmerzen, Schwindel, Stimmungsschwankungen und erhöhte Reizbarkeit bzw. Aggression der Patientinnen und Patienten an. Teilweise sogar schon Tage im Voraus. Unter diesen Umständen sollten Patientinnen und Patienten dann potenziell gefährliche Situationen wie das Autofahren, Wandern oder Schwimmen zeitweise meiden. Früher wurden diese Vorboten, ähnlich wie bei der Migräne, als Aura bezeichnet. Heutzutage weiß man, dass eine Aura selbst eine eigene Form epileptischer Anfälle ist. Die Vorboten, die aber keinesfalls allgemeingültig sind und nicht bei allen Patientinnen und Patienten auftreten, werden mittlerweile als Prodrom bezeichnet. Ebenso wenig gibt es allgemeine Auslöser oder Trigger für epileptische Anfälle, deren Vermeidung dazu führen würde, dass es fortan zu keinen Epilepsie-Symptomen mehr kommt. Lange nicht alle Epileptiker*innen reagieren etwa mit Anfällen auf blitzendes oder flackerndes Licht. Doch auch hier gibt es große Unterschiede zwischen den einzelnen Formen einer Epilepsie.

Diagnose: Den Anfall richtig deuten

Für die Diagnose ist zunächst eine möglichst genaue Beschreibung der Anfallssymptome durch den Kranken und eventuelle Zeugen des Anfalles entscheidend. Sie kann durch EEG-Untersuchungen gesichert und von anderen Bewusstseinsstörungen (z.B. Ohnmachten, Herzrhythmusstörungen, seelischen Ausnahmezuständen) abgegrenzt werden. Mögliche Ursachen am Gehirn werden in der Regel durch eine Kernspintomographie aufgedeckt.

Die wichtigste Grundlage der Diagnose ist die Krankengeschichte des Patienten, insbesondere die Schilderung des Anfalls. Allein durch die sorgfältige Anamnese kann in den meisten Fällen die Art der Anfälle klassifiziert und die Zuordnung zu einem bestimmten Epilepsiesyndrom getroffen werden. Hilfreich dafür ist ein Anfallsbeobachtungsbogen - ein gutes Beispiel finden Sie hier. Durch weitere Diagnostik (standardmäßig EEG und MRT, evtl. Tests auf bestimmte Stoffwechselstörungen oder Gendefekte, in Ausnahmefällen auch spezielle Untersuchungen des Gehirns wie z. B. PET/SPECT) wird die erste Verdachtsdiagnose bestätigt oder korrigiert.

Elektroenzephalographie (EEG)

Mit Hilfe des EEG können die Gehirnströme des Patienten als Kurven, ähnlich wie beim EKG, aufgezeichnet werden (meist mit parallel laufender Video-Aufzeichnung). Das Aussehen dieser Kurven (Höhe und Form sowie Frequenz des Ausschlags) ist abhängig vom Alter und der Wachheit des Betroffenen. Bei bestimmten Epilepsieformen findet man ganz charakteristische Muster im EEG. Dabei werden auch Provokationsverfahren wie z. B. Hyperventilation oder Lichtblitze eingesetzt. Manchmal ist auch das EEG im Schlaf bzw. beim Einschlafen für den Arzt sehr aufschlussreich oder aber eine Aufzeichnung über 24 Stunden und länger notwendig.

Magnetresonanztomographie (MRT)

Die Kernspintomografie ermöglicht es, die Struktur des Gehirns darzustellen. Hierbei können Fehlbildungen, Reifungsstörungen, Verletzungen und Tumore festgestellt werden, die Ursache für symptomatische Epilepsien sein können.

Therapie: Anfallskontrolle als wichtigstes Ziel

Die Behandlung erfolgt bei wiederholten Anfällen mit einer langfristigen Medikamenteneinnahme zur Unterdrückung der „fehlgeleiteten“ elektrischen Aktivität des Gehirns. Dafür sind in den letzten Jahren viele neue Substanzen entwickelt worden.

Die Therapie der Epilepsien erfolgt zunächst fast immer medikamentös. Ausgehend von der genauen Kenntnis der Anfallsform wählt der Arzt ein entsprechendes Medikament (Antiepileptikum/Antikonvulsivum) aus, das dann langsam, in immer höheren Dosen, verabreicht wird, entweder bis Anfallsfreiheit erreicht ist oder die Nebenwirkungen nicht mehr akzeptiert werden können. Bei schwierig zu behandelnden Epilepsien oder hoher, belastender Anfallsfrequenz kann das Ziel der Behandlung auch eine Reduktion der Anfallshäufigkeit oder der Schwere der Anfälle sein. Das Behandlungsziel ist von Fall zu Fall unterschiedlich und sollte regelmäßig im Gespräch mit Arzt, betroffenem Kind/Jugendlichen und Eltern überprüft werden. In einigen Fällen kommt bei fokalen Epilepsien auch eine Operation in Frage. Voraussetzung hierfür ist, dass die Epilepsie von einer Stelle im Gehirn, dem so genannten Herd, ausgeht, der keine lebenswichtigen Funktionen steuert, und dass die Behandlung durch Medikamente vorher gescheitert ist. Eine Operation bringt immer ein Risiko mit sich und wird, wie die Diagnostik für eine solche OP, nur in einem Epilepsie-Zentrum durchgeführt. Bei bestimmten Stoffwechselstörungen kann auch eine spezielle Diät, z. B. die ketogene Therapie mit einem sehr hohen Fettanteil, Erfolg versprechen. Wichtig sind auf jeden Fall ein geordneter Tagesablauf mit geregeltem Nachtschlaf und die regelmäßige, pünktliche Einnahme der Medikamente.

Da Epilepsie jedoch nicht heilbar ist, gilt die Anfallskontrolle als wichtigstes Ziel. Diese ist oft nur durch eine lebenslange Einnahme der Anfallssuppressiva möglich, welche dann aber oft ein uneingeschränktes und selbstständiges Leben bis ins hohe Alter ermöglicht.

Medikamentöse Therapie

Bei Antikonvulsiva/Antiepileptika handelt es sich um wirksame Medikamente, die in die Informationsweitergabe der Nervenzellen eingreifen. Natürlich können diese Arzneimittel auch Nebenwirkungen verursachen. Sind die Nebenwirkungen abhängig von der Dosis des Medikaments, treten sie im gleichen Abstand zur Tabletteneinnahme auf, nämlich zum Zeitpunkt der höchsten Konzentration des Wirkstoffs im Blut.Müdigkeit, Konzentrationsprobleme oder Verlangsamung können aber auch durch die Erkrankung selbst verursacht werden. So kann es bei falscher Medikamenteneinnahme (oder fehlender Therapie) zu einem Dämmerzustand kommen, der einer Trance gleicht und einen anhaltenden Anfall ohne Muskelkrämpfe darstellt. Auch gibt es spezielle, seltene Epilepsiesyndrome (z. B. Lennox-Gastaut-Syndrom), die mit einem geistigen Abbau einhergehen, der unabhängig von der Medikation und den Anfällen eintritt. Änderungen der Dosierung und medikamentöse Umstellungen sollten immer mit dem behandelnden Epileptologen abgestimmt werden. Treten Nebenwirkungen auf, so muss individuell entschieden werden, inwieweit sie als Beeinträchtigung, z. B. bei Anfallsfreiheit, zu tolerieren sind. Die Phase der Therapiefindung kann eine deutliche Belastung für das Kind und die Familie darstellen. Gerade bei komplizierten Epilepsien, bei denen nicht sofort Anfallsfreiheit erreicht wird, werden alle Beteiligten auf eine große Geduldsprobe gestellt.

Operation

In einigen Fällen kommt bei fokalen Epilepsien auch eine Operation in Frage. Voraussetzung hierfür ist, dass die Epilepsie von einer Stelle im Gehirn, dem so genannten Herd, ausgeht, der keine lebenswichtigen Funktionen steuert, und dass die Behandlung durch Medikamente vorher gescheitert ist. Eine Operation bringt immer ein Risiko mit sich und wird, wie die Diagnostik für eine solche OP, nur in einem Epilepsie-Zentrum durchgeführt.

Ketogene Diät

Bei bestimmten Stoffwechselstörungen kann auch eine spezielle Diät, z. B. die ketogene Therapie mit einem sehr hohen Fettanteil, Erfolg versprechen.

Leben mit Epilepsie: Aufklärung und Vorbeugung

Das alles muss Ihnen jedoch keine Angst machen. Denn meistens sind epileptische Anfälle zwar erschreckend, aber nicht gefährlich. Zumindest dann nicht, wenn sie gut kontrolliert und behandelt werden. Weder drohen durch akute Anfälle Hirnschäden, noch führt ein Anfall selbst zum Tod. Plötzliche und unerwartete Todesfälle durch einen epileptischen Anfall (SUDEP) sind sehr selten. Die weitaus größere Gefahr sind plötzliche Anfälle während des Autofahrens oder Stürze aus großer Höhe. Aufklärung und Vorbeugung, sowie eine konsequente Einnahme der Medikamente, sind hier mit Abstand der beste Weg, dieses Risiko zu reduzieren.

Die Epilepsie gilt als eine der am besten zu behandelnden neurologischen Erkrankungen der Welt und bis zu zwei Drittel der Patientinnen und Patienten werden durch die medikamentöse Therapie mit Antikonvulsiva anfallsfrei.

Erste Hilfe bei einem Anfall

Die Symptome einer Epilepsie treten meist ganz plötzlich und unvermittelt auf, weshalb es entscheidend ist, dass Angehörige genau wissen, wie man schnell und präzise Erste Hilfe während eines Anfalls leistet.

Mit dem Abklingen des Anfalls hellt sich das Bewusstsein wieder auf und der Patient versucht, sich wieder zurechtzufinden. Die Anfallsdauer beträgt einige Minuten (kann aber auch in einen Status übergehen). Nicht festhalten oder Aufhalten!! Gefahren beseitigen. Nicht auf den Patienten einreden, sondern ihn in Ruhe beobachten. Die Gabe von Medikamenten oder ein Notarzt sind nicht notwendig. Dauert der Anfall allerdings länger als ½ Stunde oder häufen sich die Anfälle, dann ist ein Notarzt zu rufen.

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