Die Welt von Harry Potter hat nicht nur Millionen von Lesern und Zuschauern in ihren Bann gezogen, sondern auch das Interesse von Wissenschaftlern geweckt. Von der Erforschung des Leseverhaltens bei Kindern bis hin zu Charakteranalysen und dem Versuch, Magie wissenschaftlich zu erklären, bietet die Harry-Potter-Reihe eine einzigartige Grundlage für diverse Forschungsstudien. Dieser Artikel beleuchtet einige dieser Studien und untersucht, wie die magische Welt von Harry Potter und andere Medien unsere Gehirne und unser Verhalten beeinflussen können.
Die Psychologie von Gut und Böse: Wie wir Helden und Schurken wahrnehmen
Eine Studie von Stuart J. Turnbull-Dugarte auf der Wissenschaftsplattform »The Conversation« zeigt, dass wir sehr früh lernen, moralische Kategorien auf Menschen zu übertragen. Kinder bevorzugen auf dem Spielplatz meist Luke Skywalker gegenüber Darth Vader. Diese simple Sichtweise löst sich mit dem Älterwerden nicht auf, sondern verfestigt sich, besonders wenn Menschen ihre sozialen Identitäten ausbilden.
In einem Experiment sollten die Teilnehmenden die Parteizugehörigkeit von fiktiven Helden wie Harry Potter oder Spiderman und Schurken wie Scar aus »König der Löwen« erraten. Dabei zeigte sich ein auffälliges Muster: Helden wurden der eigenen Partei zugeordnet, Schurken der gegnerischen. Selbst wenn keine Informationen vorlagen, füllte das Gehirn diese Lücken mit politischem Wunschdenken. Die Studienautoren warnen davor, dass dieses Muster die Fähigkeit zur differenzierten Betrachtung beeinträchtigen und gesellschaftliche Gräben vertiefen kann.
Die Schwierigkeit des Lesens: Eine komplexe kognitive Fähigkeit
Lesen ist eine komplexe kognitive Fähigkeit, deren Erwerb nicht selbstverständlich ist. Kinder benötigen pädagogische Unterstützung, um die Herausforderungen des Schriftspracherwerbs erfolgreich zu meistern. Die PISA-Studien zeigen, dass dies nicht allen Kindern gleich gut gelingt.
Erwachsene vergessen oft, dass Lesen einst mühsam erlernt wurde. Sie können „nicht nicht lesen“, selbst wenn Wörter in widersprüchlichen Farben gedruckt sind. Kinder hingegen müssen sich das Lesen Wort für Wort erarbeiten.
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Das Kinder-Korpus childLex liefert Informationen über die linguistischen Eigenschaften der Sprache, die von Kindern gelesen wird. Schriftsprache unterscheidet sich von gesprochener Sprache, vor allem durch ihren größeren Wortschatz. Bücher haben ein höheres lexikalisches Anregungspotenzial als Alltagsgespräche.
Leseverhalten und Lesefähigkeit: Ein positiver Kreislauf
Es gibt große Unterschiede darin, wie häufig und wie lange Kinder lesen. In der Schule selbst lesen Kinder kaum, meist findet die Lektüre in außerschulischen Situationen statt. Studien zeigen, dass Kinder durchschnittlich etwa fünf Minuten pro Tag außerhalb der Schule lesen.
Ein Forscherteam am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung hat einen Fragebogen entwickelt, um Lesemuffel von Leseratten zu unterscheiden. Kinder unterscheiden sich auch in der Lesegeschwindigkeit. Ein Kind, das durchschnittlich liest, hat am Ende der sechsten Klasse etwa zwei Millionen Wörter gelesen, während ein Kind, das das Lesen vermeidet, nur etwa zehn Prozent davon erreicht.
Das Zusammenspiel von Leseverhalten und Lesefähigkeit kann einen positiven Kreislauf erzeugen: Wer mehr liest, wird besser darin und liest noch mehr. Lektüreverhalten hängt stark mit anderen sprachlichen Leistungen zusammen.
Programme zur Förderung der Lesemotivation sind sinnvoll, aber oft zu unspezifisch. Schwächere Schüler benötigen gezielte Förderung, um überhaupt eigenständig weiterzulesen.
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Informationsflut und digitale Ablenkung: Werden wir durch das Internet dümmer?
Die Überlastung durch das Informationsgewitter, besonders im Internet, ist ein viel diskutiertes Thema. Nicolas Carr argumentiert in seinem Buch „Wer bin ich, wenn ich online bin … und was macht mein Gehirn solange?“, dass Menschen online Informationen nur noch oberflächlich verarbeiten und „dümmer“ werden. Studien zeigen, dass Bilder und Filmsequenzen vom eigentlichen Inhalt ablenken können.
Der Kognitionspsychologe Peter Gerjets kritisiert Carrs Vorgehen und betont, dass viele Studien nicht so eindeutig zu deuten seien. Eine Langzeitstudie der Stiftung Lesen belegt, dass sich die Lesegewohnheiten der Deutschen verändert haben. Das Häppchenlesen nimmt zu, und das Internet wird verstärkt in der Freizeit genutzt.
Bestseller wie die Harry-Potter-Reihe haben jedoch viele Jugendliche wieder zum Lesen gebracht. Psychologe Karl Gegenfurtner erklärt, dass wir uns beim Lesen am Bildschirm leicht ablenken lassen, da unser Sehsystem auf Veränderungen an der Peripherie des Gesichtsfelds schnell reagiert.
Das Arbeitsgedächtnis kann etwa sieben Informationen behalten. Vorwissen im Langzeitgedächtnis kann das Arbeitsgedächtnis entlasten. Gary Small fand heraus, dass sich die Hirnaktivität bei der Textlektüre von derjenigen beim Suchen im Internet unterscheidet. Erfahrene Internet-Nutzer zeigen ein ausgedehnteres Aktivierungsmuster, was Nicolas Carr als Überforderung interpretiert, während Gary Small es als positives Signal für die geistige Fitness im Alter wertet.
Peter Gerjets betont, dass Menschen mit geringem Vorwissen Schwierigkeiten haben, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Metakognitive Fähigkeiten und epistemologische Überzeugungen sind ebenfalls wichtig, um Informationen im Internet effektiv zu nutzen.
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Das Internet wird oft als externes Gedächtnis genutzt. Menschen mit guten Lesestrategien nutzen es, um Informationen zu suchen, zu bewerten und zu kombinieren. Das Internet macht die Menschen nicht dümmer, sondern verführt zum oberflächlichen Surfen.
Immersion beim Lesen: Was passiert im Gehirn, wenn wir in Geschichten versinken?
Der Neuropsychologe Arthur M. Jacobs untersucht, was im Gehirn passiert, wenn wir Bücher wie „Harry Potter“ lesen. Immersion ist der Zustand intensiven Lesens, in dem wir alles um uns herum vergessen.
Jacobs und seine Kollegen nutzten den Magnetresonanztomografen (MRT), um die Hirnaktivitäten von Testpersonen während des Lesens von Harry-Potter-Textpassagen zu untersuchen. Sie fanden heraus, dass der mittlere cinguläre Cortex sensibel reagiert, wenn Menschen immersiert sind.
Die räumliche Fokussierung und die Spannung innerhalb der Erzählung sind weitere wichtige Faktoren für die Immersion. Emotionen werden intensiver erlebt, wenn das Buch in der Muttersprache gelesen wird.
Die Ergebnisse der Studie sind zwar nicht repräsentativ, zeigen aber eine Tendenz auf, auf der andere Studien aufbauen können. Viele Fragen sind noch offen, etwa ob Lesen die immersivste Art des Medienkonsums ist.
Harry Potter als Lehrmeister: Toleranz, Empathie und die Kraft der Geschichten
Caroline Fauldner hob hervor, dass die Harry-Potter-Reihe effektiv genutzt werden kann, um wissenschaftliche Konzepte zu vermitteln. Durch die emotionale Bindung an Harry Potter steigt die Neugier der Schüler, wissenschaftliche Zusammenhänge zu verstehen.
Eine Studie im Journal of Applied Social Psychology zeigte, dass das Lesen der Harry-Potter-Bücher sich positiv auf Einstellungen gegenüber diskriminierten Gruppen auswirkt. Harry Potter-Leser sind tolerantere Menschen.
Laura C. Crysel analysierte mit Probanden die Selbsteinschätzung anhand von Hogwarts-Häusern. Die Fiktion des Einsortierens reflektiert reale Bedürfnisse wie den Wunsch nach Zugehörigkeit oder Anerkennung.
Rowan Reynolds und Chris Ringrose untersuchten, wie realistisch Harrys mit Dianthuskraut erzeugte Kiemen in »Harry Potter und der Feuerkelch« sind. Ihr Fazit: Die Kiemen sind unrealistisch.
Die Studien zeigen, dass auch Wissenschaftler Harry Potter-Fans sein können, die ihre Leidenschaft für J.K. Rowlings Magie in die Forschung einbringen.
Die Experimente des Center for Cognitive Neuroscience Berlin: Dem Gehirn beim Denken zusehen
Das Center for Cognitive Neuroscience Berlin (CCNB) feierte sein zehnjähriges Bestehen. Forscher unterschiedlicher Disziplinen können hier dem Gehirn beim Denken zusehen, es täuschen und bestimmte Prozesse aktivieren oder blockieren.
Arthur Jacobs ließ Probanden „Harry Potter“-Romane lesen, um nachzuverfolgen, was im Gehirn passiert, wenn eine Geschichte Leser so fesselt, dass sie alles um sich herum vergessen.
Hauke Heekeren untersuchte, wie Menschen Emotionen regulieren. Rasmus Bruckner untersucht, welchen Einfluss das Alter auf Lern- und Entscheidungsprozesse hat. Siying Xie vergleicht die Gehirnaktivität beim tatsächlichen Sehen mit der Vorstellung.
Timo Torsten Schmidt zeigte Testpersonen, wie die direkt vor ihnen liegende Gummihand berührt wurde, und konnte aus den Messdaten herauslesen, dass die Probanden die Berührung tatsächlich selbst zu spüren glaubten.
Mehr als 400 Forschungsreihen wurden am CCNB bislang durchgeführt, 10.000 Probanden im MRT gescannt.
Literatur und Realität: Die Grenzen verschwimmen
Die Kulturzeitschrift »Merkur« widmete dem Thema »Gott« ein Sonderheft. Literatur überschreitet die Schamgrenzen des Realistischen. Der französische Architekt Marc Levy machte eine Gehirntote zur Heldin seines Debütromans.
Der moderne Mensch möchte an der Produktion von Mythen beteiligt sein und sucht ein Eintauchen auf Zeit. Harry Potter begründet eine Kult-Gemeinde auf Zeit. Die Autorin Rowling ist mit der Entrückung von wirklichen Problemen in eine überwirkliche Sphäre erfolgreicher als alle ihre Kollegen.
Die Psychoanalytikerin Wessolowski-Strömer behauptet, die Buchreihe greife auf, was die Traumaforschung besage. Rowling habe mit Potter ihre innerpsychischen Prozesse nach außen gekehrt, habe Traumata in Phantasiebilder umgewandelt, damit beschrieben - und bewältigt.
Rowling hat Bilder für ihre inneren Krisen gefunden, Symbole, die ihre reale Herkunft nicht verleugnen.
Allerdings weckt das Potter-Fieber auch neuen psychischen Gruppendruck. Schüler verzaubern ihren Stundenplan harrymäßig. Harrys Zauberwelt wird als Erlösung in einer zunehmend als bedrohlich empfundenen Hightech-Medienwelt empfunden.
Der Zauberlehrling ist zum Lehrmeister geworden: Der moderne Mensch begreift, dass es zwischen Computer, Himmel und Erde mehr gibt, als die Schulweisheit sich träumen lässt, dass das Entdecken von Moral, Liebe und Komik nicht auf die Grenzen des Hier und Jetzt beschränkt ist, dass die Phantasie eine Trösterin sein kann, dass sie sogar als Wegweiserin in einer als chaotisch empfundenen Wirklichkeit dienen kann.
Die positive Wirkung von Geschichten: Empathie, Toleranz und soziales Denken
Harry Potters größte Zauberei? Seine Geschichten können dazu führen, dass Kinder und Jugendliche positiver gegenüber Geflüchteten und Homosexuellen eingestellt sind. Forschung zeigt: Geschichten können uns helfen, unsere Mitmenschen besser zu verstehen.
Menschen, die viel lesen, sind einfühlsamer. Durch welche Prozesse wirken sich Geschichten auf unser Denken und Fühlen im Alltag aus? Und: gibt es bestimmte Medieninhalte, die besonders förderlich sind?
Gute Vorbilder in Geschichten scheinen für Kinder effektiver als abschreckende Beispiele zu sein, wenn es darum geht, gewünschtes Verhalten zu fördern. Harry Potter macht uns also eher zu empathischeren und moralisch vorbildlicheren Menschen als Pinocchio?
Perspektivübernahme beschreibt die Fähigkeit, eine Situation aus dem Blickwinkel einer anderen Person zu betrachten. Loris Vezzali zeigte, dass Personen, die mehr Harry Potter-Bücher und -Filme konsumierten, sich besser in Geflüchtete hineinversetzen konnten, was wiederum dazu führte, dass sie positivere Einstellungen gegenüber Geflüchteten hatten.
Emotion, die man bei einem anderen Lebewesen vermutet, wird Empathie genannt. Menschen mit hoher Theory of Mind können sich gut in die Gedanken von anderen hineinversetzen.
Leseverhalten kann durch Author-Recognition-Tests erfasst werden. Menschen, die viel lesen, schneiden in Theory of Mind-Tests besser ab. Meta-Analysen zeigen, dass das Lesen von Geschichten Menschen dazu befähigt, sich besser in andere hineinzufühlen und deren Perspektive einzunehmen.
Der Effekt ist bei qualitativ hochwertiger Literatur ausgeprägter. Durch die Auseinandersetzung mit komplexerer Literatur werden die LeserInnen dazu angeregt, sich intensiver mit dem Innenleben von ProtagonistInnen auseinanderzusetzen.
Geschichten sind ein wirkungsvoller Weg, um uns selbst, unsere Einstellungen und unser Verhalten zu verändern. Die Twilight-Gruppe stimmte Aussagen mit Vampir-Bezug mehr zu als die Harry Potter-Gruppe, für die sich das umgekehrte Muster fand.
Geschichten ermöglichen uns, dass wir Ereignisse erleben, Menschen kennenlernen oder Orte besuchen, die im echten Leben unerreichbar sind. Indem man das Leben anderer in Geschichten miterlebt, lernt man einerseits ein größeres Repertoire an möglichen Verhaltensweisen, Interpretationen und Reaktionen kennen und erweitert so das eigene soziale Wissen.
Geschichten können die Perspektivübernahme fördern und somit die generellen Empathiefähigkeiten steigern.
In der Bibliotherapie wird Lesen eingesetzt, denn Lesen kann Menschen bei der Bearbeitung und Überwindung ihrer Probleme helfen.
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