Joe Biden: Altersschwäche, Demenz oder lediglich unglückliche Versprecher? Eine Analyse des Gesundheitszustandes des US-Präsidenten

Die Debatte um den Gesundheitszustand des US-Präsidenten Joe Biden (81) ist allgegenwärtig. Seine Versprecher sind fast schon legendär und scheinen sich zu häufen. Zuletzt unterlief Biden beim NATO-Gipfel in Washington ein Fauxpas, als er den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj fälschlicherweise als Präsident Putin vorstellte. Diese und ähnliche Vorfälle werfen Fragen auf: Handelt es sich lediglich um harmlose Versprecher, um Anzeichen von Altersschwäche oder gar um Hinweise auf eine ernsthafte Erkrankung wie Demenz oder Parkinson?

Die Häufung von Versprechern und Patzern

Bidens Fehltritte sind vielfältig. Bei einer Wahlkampfveranstaltung verwechselte er Frankreichs Präsidenten Emmanuel Macron mit dessen vor fast 30 Jahren verstorbenen Vorgänger François Mitterrand und bezeichnete diesen zunächst als Staatschef Deutschlands. Auch verwechselte seine Vize-Präsidentin Kamala Harris mit seinem Herausforderer Donald Trump. Diese und weitere ähnliche Ereignisse haben die öffentliche Besorgnis über Bidens geistige Fitness verstärkt.

Expertenmeinungen: Zwischen Altersschwäche und neurodegenerativer Erkrankung

Prof. Christoph Kleinschnitz, Direktor der Klinik für Neurologie am Universitätsklinikum Essen, äußerte sich gegenüber BILD besorgt: „Mit normaler Altersschwäche hat das leider nichts zu tun. Es gibt medizinisch keinen ernsthaften Zweifel, dass Präsident Biden an einer neurodegenerativen Erkrankung aus dem Formenkreis Parkinson leidet. Diese Erkrankungen gehen im Verlauf auch mit kognitiven Defiziten ähnlich einer klassischen Demenz wie Alzheimer einher. Diese Defizite können sich dann unter anderem in solchen Versprechern zeigen.“ Laut Kleinschnitz baut das Gedächtnis bei Parkinson-Patienten durch den Untergang der Nervenzellen schneller ab als bei einem normalen Alterungsprozess.

Andere Experten sind zurückhaltender in ihren Diagnosen. Eindeutige Anzeichen für eine Demenz, beispielsweise vom Alzheimer, lassen sich aus den wenigen Informationen, die wir durch die Presse haben, NICHT ableiten. Versuche einer klinischen Einordnung anhand von wenigen Videoausschnitten wäre medizinisch kaum zulässig und unethisch.

Falls ein klinisch relevanter kognitiver Abbau vorliegt, handelt es sich aller Voraussicht nach um eine leichtere Form. Bei fortgeschrittener Krankheitsprogression wären die Symptompräsentation viel auffälliger und würde sich nicht nur in Form von Versprechern und kurzen geistigen Aussetzern äußern.

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Möglich, aber über eine Ferndiagnose nicht sicher einzuschätzen, ist eine sog. „milde kognitive Beeinträchtigung“ (MCI, mild cognitive impairment). Typische Merkmale sind: Orientierungsverlust, Gedächtnisprobleme, Abnahme der Konzentrationsfähigkeit und eine allgemeine Verlangsamung des Denkens. Aber auch die Fähigkeit, sich schnell zu entscheiden oder unter Berücksichtigung vieler Argumente klug zu urteilen, kann beeinträchtigt sein.

Mindestens 25 Prozent der Menschen über 80 Jahre haben ein MCI. Die leichte kognitive Schwäche ist eine Prädisposition für die Entwicklung einer späteren demenziellen Erkrankung.

Die Weigerung, einen Demenz-Test zu machen: Ein Indiz?

Bidens Weigerung, sich einem Demenz-Test zu unterziehen, wird von einigen als weiteres Indiz für eine mögliche Erkrankung gewertet. Es ist zunächst wichtig zu beachten, dass eine solche Weigerung nicht zwangsläufig als Indiz für eine Erkrankung gewertet werden kann. Die Gründe, warum jemand sich weigert, einen Demenz-Test zu machen, können viele andere Ursachen haben. Es könnte sich beispielsweise um eine persönliche Angst vor einer möglichen Diagnose handeln. Vielleicht ist es auch Ausdruck des Versuchs, in der Bevölkerung keinen Unmut zu erzeugen und die Wahl nicht aufs Spiel zu setzen, wenn herauskäme, dass der amtierende Präsident unter einer kognitiven Schwäche leidet.

Allerdings wissen wir aus der Forschung, dass Unsicherheit der Menschen das Vertrauen langfristig eher untergräbt. Transparenz in der Kommunikation und klare Angaben zum Gesundheitszustand würde dagegen dazu beitragen, Spekulationen und wilden Verschwörungsideen entgegenzuwirken. Denn im Vakuum des Nicht-Wissens verbreiten sich Lügen am schnellsten. Daher ist es entscheidend, den Fokus auf Fakten und evidenzbasierte Informationen zu legen, um das Vertrauen der Öffentlichkeit zu stärken und Missverständnisse zu vermeiden.

Präzedenzfälle: Staatsoberhäupter und Demenz

Es gibt zwar keine offiziell bekannten Fälle von Staatsoberhäuptern, die aufgrund eindeutiger Demenz zurücktreten mussten, jedoch gibt es einige Beispiele, die auf solche Situationen hindeuten könnten. Eines der bemerkenswertesten Beispiele ist der überraschende Rücktritt des ehemaligen britischen Premierministers Harold Wilson im Jahr 1976. Später stellte sich heraus, dass er an Demenz litt. In vielen Fällen waren Regierungen meist bemüht, entsprechende Entwicklungen bei Staatsoberhäuptern zu verschleiern, um Unmut in der Bevölkerung zu vermeiden.

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In diesem Zusammenhang wird gerne der Fall des ehemaligen US-Präsidenten Ronald Reagan zitiert. Bei ihm wurde 1994, fünf Jahre nach dem Ende seiner Präsidentschaft, Alzheimer diagnostiziert. Es gibt aber Hinweise darauf, dass er bereits während seiner zweiten Amtszeit (bis 1989) unter Frühzeichen dieser Krankheit litt. Diese Fälle zeigen, dass das Thema Demenz bei Staatsoberhäuptern eine heikle Angelegenheit ist und oft mit Diskretion behandelt wird.

Die Auswirkungen auf die Amtsfähigkeit

Krankheiten wie Demenz und Parkinson können sich erheblich auf die Fähigkeit auswirken, ein hohes Amt wie das des US-Präsidenten auszuüben. Demenz ist eine geistige Störung, die sich zunächst durch Orientierungsverlust und Gedächtnisprobleme äußert. Im weiteren Verlauf können Schwierigkeiten bei der Affektkontrolle und Persönlichkeitsveränderungen auftreten. Diese Symptome könnten die Ausübung eines hohen Amtes erheblich einschränken, insbesondere wenn schnelle Entscheidungen und klare Kommunikation erforderlich sind.

Parkinson hingegen beginnt in der Regel mit körperlichen Beschwerden wie erhöhtem Muskeltonus, Zittern, Gangschwierigkeiten und Gleichgewichtsproblemen. Bei einigen Patienten kann es im späteren Verlauf auch zu einer demenziellen Entwicklung oder Depression kommen. Wenn Parkinson durch Medikamente, Physiotherapie und gegebenenfalls Tiefenhirnstimulation adäquat behandelt wird, wäre - je nach geistiger Verfassung - eine prinzipielle Ausübung des Amtes für eine Zeitlang noch denkbar, wäre aber extrem erschwert.

Die Verlässlichkeit von Versprechern als Hinweis

Versprecher und andere kleine Patzer können zwar Anzeichen für eine kognitive Störung sein, doch ist bei der Interpretation dieser Zeichen Vorsicht geboten. Es ist allzu einfach, daraus voreilige Schlüsse zu ziehen und beispielsweise einem älteren Menschen einen kognitiven Verfall zu unterstellen. Es gibt jedoch viele andere Faktoren, die im hohen Alter zu einer vorübergehenden geistigen Schwäche führen können. Dazu gehören Müdigkeit, Flüssigkeitsmangel, leichte Atemwegsinfektionen oder Nebenwirkungen von Medikamenten.

Im Alter können selbst vergleichsweise harmlose Umstände die kognitive Leistungsfähigkeit schneller und stärker beeinträchtigen als in jüngeren Jahren. Deshalb ist es wichtig, bei betroffenen Personen genau hinzuschauen und mögliche differentialdiagnostische Faktoren für die geistige Schwäche nicht zu übersehen. Nur so lässt sich eine genaue Diagnose stellen und eine angemessene Behandlung einleiten.

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Die Rolle der Medien und politischen Gegner

Die Diskussion um Bidens Gesundheitszustand wird zusätzlich durch die Rolle der Medien und politischen Gegner befeuert. Massive geistige Aussetzer: Ein neues Buch zeichnet ein düsteres Bild des Gesundheitszustandes von Joe Biden zum Ende seiner Amtszeit als US-Präsident. Mehr als 200 Interviews mit Demokraten und Leuten aus Bidens Umfeld haben die beiden US-Journalisten Jake Tapper von CNN und Alex Thompson vom Nachrichtenportal Axios geführt. Es habe zwei Bidens gegeben, zieht Tapper auf CNN Fazit. "Einen, der alles total im Griff hatte. Und einen, der nicht mehr funktioniert hat, der die Namen von engen Mitarbeitern nicht mehr wusste, der alarmierend oft verwirrt wirkte. Das ist Wasser auf die Mühlen der rechten Medien. "

Trump griff Biden vor allem aufgrund seines Alters immer wieder an - nennt ihn beispielsweise "Sleepy Joe" (auf deutsch: Schläfriger Joe).

Gleichzeitig werden in den sozialen Netzwerken immer wieder Videoschnipsel hochgeladen, die die mentale Gesundheit von US-Präsident Joe Biden infrage stellen. Dabei sind einige Darstellungen davon verkürzt oder lassen wichtige Details aus. Bei einem Veteranentreffen anlässlich des 80. Jahrestag des D-Day in der französischen Normandie soll ein Video zeigen, wie er sich auf einen unsichtbaren Stuhl setzen wollte. Vom G7-Treffen in Italien ging ein Video viral, in dem Biden vermeintlich verwirrt von den anderen Staats- und Regierungschefs davon geht und von der italienischen Ministerpräsidentin Giorgia Meloni für ein Gruppenfoto "eingefangen" wird. Was all diese Beispiele gemeinsam haben: Sie sind mindestens irreführend.

Der jährliche Gesundheitscheck: Was er aussagt und was nicht

Washington. US-Präsident Joe Biden hat zwar mit allerlei Wehwehchen zu kämpfen, ist nach Einschätzung seiner Ärzte aber uneingeschränkt fit für seinen Job. Das Weiße Haus veröffentlichte am Mittwoch (Ortszeit) den neuesten Gesundheitscheck des 81-Jährigen. Auf sechs Seiten werden darin diverse kleinere Gebrechen aufgelistet, darunter wie schon in früheren Jahren auch wenig schmeichelhafte Dinge wie allgemeiner „Verschleiß“ und ein „steifer Gang“. Bidens Arzt bescheinigt dem ältesten US-Präsidenten aller Zeiten aber, er sei „gesund“, „aktiv“ und ohne Einschränkung in der Lage, die Aufgaben seines Amtes zu erfüllen.

In dem sechsseitigen Bulletin, das sein Arzt Kevin O‘Connor im Anschluss herausgab, heißt es, der Demokrat fühle sich gut und es gebe keine neuen gesundheitlichen Bedenken. Aufgelistet sind allerdings diverse bereits bekannte Wehwehchen des Präsidenten. Der 81-Jährige hat demnach mit allgemeiner Abnutzung der Wirbelsäule zu kämpfen. „Der Gang des Präsidenten ist nach wie vor steif, hat sich aber seit letztem Jahr nicht verschlechtert“, schrieb der Arzt dazu. Seit mehreren Monaten trägt der mächtigste Mann der Welt wegen einer Schlafapnoe außerdem „fast jede Nacht“ eine Atemmaske. Das habe sich bewährt, schrieb der Arzt. Eine Schlafapnoe ist eine schlafbezogene Atmungsstörung, bei der Betroffene Atemaussetzer im Schlaf erleiden. Das führt dazu, dass Betroffene morgens nicht erholt aufwachen. Biden leidet außerdem unter einer Refluxkrankheit. Was der Mediziner, wie in früheren Berichten, sonst noch anmerkt: Der Präsident rauche nicht, trinke keinen Alkohol und treibe an „mindestens fünf Tagen pro Woche“ Sport.

Am Mittwoch war das Weiße Haus dennoch einmal mehr mit mehreren Nachfragen konfrontiert, warum der Präsident bei dem Routine-Gesundheitscheck nicht auch einen Test zu seiner mentalen Fitness gemacht habe, um seine kognitiven Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. „Der Präsident braucht keinen kognitiven Test“, sagte Bidens Sprecherin Karine Jean-Pierre dazu. Das sei die einhellige Einschätzung seiner Ärzte. „Er absolviert jeden Tag einen kognitiven Test, wenn er von einem Thema zum nächsten wechselt“, betonte sie. Biden habe als Präsident und Oberbefehlshaber der Streitkräfte einen sehr fordernden Job.

Trump als Vergleichsfall

Auch Trump war während seiner Amtszeit - wegen seines erratischen Politikstils, teils chaotischer Zustände und verbaler Fehltritte - mit Zweifeln an seiner geistigen Zurechnungsfähigkeit konfrontiert gewesen. Der Republikaner entschied sich damals, seine geistigen Fähigkeiten überprüfen zu lassen, und machte einen Test, wie er unter anderem zur Früherkennung bei Verdacht auf Demenz und Alzheimer angewandt wird. Dabei muss der Patient etwa gezeichnete Tiere wie einen Löwen oder ein Nashorn erkennen oder einen Würfel nachzeichnen. Dazu kommen Fragen, die Konzentrationsfähigkeit und Erinnerungsvermögen überprüfen sollen. Trump bestand einst mit 30 von 30 Punkten - und hoffte wohl, mit diesem Resultat Spekulationen mit Blick auf seine Eignung zur Ausübung des Amtes ein Ende zu setzen. Dies hatte jedoch nur begrenztem Erfolg. Auf eine Wiederholung des Testes in den Jahren danach verzichtete Trump.

Die TV-Duelle und die öffentliche Wahrnehmung

Wie es um Bidens Gesundheit steht, lässt sich aus der Distanz nicht beurteilen. Für das anstehende TV-Duell Ende Juni zwischen Trump und Biden gibt es bereits eine zweite Erzählweise, die von Trumps Lager verbreitet wird. So forderte Trump einen Drogentest von Biden, nachdem dieser bei seiner Rede zur Lage der Nation im März kein Material für etwaige Videos geliefert hatte. Nach Aussagen von Trump sei das nur durch den Konsum von Aufputschmitteln zu erklären. Wie viel an dem Narrativ zu dem Gesundheitszustand von Biden dran ist, wird sich beim TV-Duell zeigen.

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