Migräne ist eine weit verbreitete neurologische Erkrankung, die durch starke, pulsierende Kopfschmerzen gekennzeichnet ist, oft begleitet von Übelkeit, Lichtempfindlichkeit und manchmal Sehstörungen (Aura). In Deutschland sind über 8 Millionen Menschen jährlich von Migräne betroffen. Hausärzte spielen eine zentrale Rolle bei der Erstversorgung und langfristigen Betreuung von Migränepatienten. Dieser Artikel beleuchtet die wichtigsten Aspekte der Migränebehandlung in der Hausarztpraxis, von der Diagnose über die Differentialdiagnose bis hin zu den verschiedenen Therapieoptionen.
Die Rolle des Hausarztes in der Migränversorgung
Rund drei Viertel der Migränepatienten suchen aufgrund ihrer Beschwerden zuerst ihren Hausarzt auf. Damit ist der Hausarzt oft der erste Ansprechpartner und die Hausarztpraxis ein zentraler Baustein in der Versorgung dieser Patienten. Um den Patienten langfristig zu helfen, ist es entscheidend, die wichtigsten Differentialdiagnosen zu kennen, um zielführende Schritte zur Linderung der Beschwerden einzuleiten und den Patienten eine aktive Teilnahme am Leben zu ermöglichen.
Die Bedeutung der Patientenmitarbeit
Die Patienten sollten aktiv an der Behandlung mitarbeiten, indem sie ihre Symptome dokumentieren, damit Ärzte rasch die richtigen Schlüsse ziehen können. Das Führen eines Kopfschmerztagebuchs ist hierbei sehr hilfreich.
Diagnose von Migräne in der Hausarztpraxis
Die Diagnose von Migräne basiert hauptsächlich auf der Anamnese und der klinischen Untersuchung. Es ist wichtig, die Kriterien der Internationalen Kopfschmerzgesellschaft (IHS) zu berücksichtigen.
Anamnese
Eine ausführliche Anamnese ist entscheidend für die Diagnosestellung. Der Arzt sollte folgende Informationen erfragen:
Lesen Sie auch: Vergleichende Analyse: Migräne vs. Epilepsie
- Art und Charakter des Kopfschmerzes: Ist der Schmerz einseitig oder beidseitig, pochend-pulsierend oder drückend?
- Intensität des Schmerzes: Wie stark ist der Schmerz auf einer Skala von 1 bis 10?
- Häufigkeit des Auftretens: Wie viele Tage im Monat treten Migräneattacken auf?
- Dauer der Attacken: Wie lange dauert eine Attacke unbehandelt?
- Begleitsymptome: Treten Übelkeit, Erbrechen, Licht- oder Lärmempfindlichkeit auf?
- Aura: Gibt es neurologische Symptome vor oder während des Kopfschmerzes, wie z.B. Sehstörungen, Sensibilitätsstörungen oder Sprachstörungen?
- Mögliche Auslöser: Gibt es bestimmte Faktoren, die die Migräneattacken auslösen, wie z.B. Stress, Schlafmangel, bestimmte Nahrungsmittel oder hormonelle Veränderungen?
- Wirksamkeit bisheriger Therapien: Welche Medikamente oder nicht-medikamentösen Therapien wurden bereits ausprobiert und wie wirksam waren diese?
- Beeinträchtigung der Lebensqualität: Wie stark beeinträchtigt die Migräne den Alltag, die Arbeit und die sozialen Aktivitäten des Patienten?
- Begleiterkrankungen: Gibt es weitere Erkrankungen, wie z.B. Depressionen, Angststörungen oder Schlafstörungen?
- Lebensstil: Gibt es Unregelmäßigkeiten im Tagesablauf, wie z.B. Schichtarbeit, unregelmäßige Mahlzeiten oder Schlafmangel?
Es ist wesentlich, dass sich Patienten gut auf das Arztgespräch vorbereiten und die Informationen bestmöglich griffbereit haben.
Klinische Untersuchung
Eine klinisch-neurologische Untersuchung sollte durchgeführt werden, um andere Ursachen für die Kopfschmerzen auszuschließen. Bei unauffälligem Befund und Erfüllung der Migräne-Kriterien ist in der Regel keine weitere Diagnostik erforderlich.
Kopfschmerzkalender
Ein Kopfschmerzkalender ist ein wichtiges Hilfsmittel, um die Häufigkeit, Intensität und Begleitumstände der Kopfschmerzen zu dokumentieren. Der Patient führt Buch, um zu sehen, wie oft solche Phasen auftreten oder ob es sich um ein einmaliges Geschehen handelt. Dies hilft dem Arzt, die Diagnose zu sichern und die Therapie zu planen.
Differentialdiagnose
Es ist wichtig, andere Ursachen für die Kopfschmerzen auszuschließen. Man unterscheidet primäre und sekundäre Kopfschmerzen. Primäre Kopfschmerzen sind eigenständige Erkrankungen, wie z.B. Spannungskopfschmerzen und Migräne. Sekundäre Kopfschmerzen sind Begleiterscheinungen oder Folgen einer anderen Erkrankung (wie Erkältung, Bluthochdruck).
Mögliche Differentialdiagnosen sind:
Lesen Sie auch: Neurologische Expertise bei Migräne
- Spannungskopfschmerzen: Diese sind meist beidseitig, drückend und nicht pulsierend. Sie werden typischerweise nicht von Übelkeit oder Lichtempfindlichkeit begleitet.
- Clusterkopfschmerz: Dieser ist sehr selten und tritt in Attacken auf, die von starken, einseitigen Kopfschmerzen begleitet sind, oft mit Augentränen, Nasenlaufen und einer verstopften Nase auf der betroffenen Seite.
- Medikamenteninduzierter Kopfschmerz: Dieser entsteht durch den übermäßigen Gebrauch von Schmerzmitteln.
- Sinusitis: Eine Entzündung der Nasennebenhöhlen kann ebenfalls Kopfschmerzen verursachen.
- Zervikogener Kopfschmerz: Dieser entsteht durch Probleme im Bereich der Halswirbelsäule.
- Hirntumor: In seltenen Fällen können Kopfschmerzen durch einen Hirntumor verursacht werden.
- Meningitis: Eine Hirnhautentzündung kann ebenfalls Kopfschmerzen verursachen, oft begleitet von Fieber und Nackensteifigkeit.
- Subarachnoidalblutung: Eine Blutung im Gehirn kann plötzliche, sehr starke Kopfschmerzen verursachen.
Therapie von Migräne in der Hausarztpraxis
Die Migränetherapie umfasst zwei Säulen: die Akuttherapie und die Prophylaxe. Als Überschrift beider Säulen steht die nicht-medikamentöse Therapie.
Akuttherapie
Ziel der Akuttherapie ist es, die Migräneattacke so schnell wie möglich zu stoppen.
Mögliche Medikamente sind:
- Schmerzmittel: Nicht-spezifische Schmerzmittel wie Ibuprofen, Acetylsalicylsäure (ASS) oder Paracetamol können bei leichten bis mittelschweren Attacken ausreichend sein.
- Triptane: Triptane sind spezifische Migränemittel, die bei mittelschweren bis schweren Attacken eingesetzt werden. Sie wirken, indem sie die Blutgefäße im Gehirn verengen und die Freisetzung von Entzündungsstoffen reduzieren.
- Antiemetika: Medikamente gegen Übelkeit und Erbrechen können zusätzlich eingenommen werden.
Es ist wichtig, die Medikamente so früh wie möglich einzunehmen, sobald die Attacke beginnt.
Prophylaxe
Ziel der Prophylaxe ist es, die Häufigkeit, Intensität und Dauer der Migräneattacken zu reduzieren. Eine prophylaktische Therapie sollte in Erwägung gezogen werden, wenn die Attacken häufig auftreten (mehr als drei pro Monat) oder die Akuttherapie nicht ausreichend wirksam ist.
Lesen Sie auch: Migräne als Risikofaktor für Demenz?
Mögliche Medikamente sind:
- Betablocker: Diese werden häufig zur Blutdrucksenkung eingesetzt, können aber auch die Häufigkeit von Migräneattacken reduzieren.
- Antidepressiva: Bestimmte Antidepressiva, wie z.B. Amitriptylin, können ebenfalls zur Migräneprophylaxe eingesetzt werden.
- Antiepileptika: Topiramat und Valproinsäure sind Antiepileptika, die auch zur Migräneprophylaxe zugelassen sind.
- CGRP-Antikörper: Diese relativ neuen Medikamente blockieren das Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP), ein Molekül, das bei der Entstehung von Migräne eine Rolle spielt.
Nicht-medikamentöse Therapie
Die nicht-medikamentöse Therapie spielt eine wichtige Rolle bei der Migränebehandlung. Sie umfasst verschiedene Maßnahmen, die darauf abzielen, die Auslöser der Migräne zu reduzieren und die Lebensqualität zu verbessern.
Mögliche Maßnahmen sind:
- Regelmäßiger Tagesablauf: Achten Sie auf regelmäßige Schlaf- und Mahlzeiten.
- Stressmanagement: Erlernen Sie Entspannungstechniken wie progressive Muskelentspannung, autogenes Training oder Yoga.
- Vermeidung von Auslösern: Identifizieren Sie Ihre individuellen Auslöser und vermeiden Sie diese.
- Sport und Bewegung: Regelmäßige körperliche Aktivität kann die Häufigkeit von Migräneattacken reduzieren.
- Ernährung: Achten Sie auf eine ausgewogene Ernährung und vermeiden Sie bestimmte Nahrungsmittel, die als Auslöser bekannt sind.
- Biofeedback: Diese Methode kann helfen, die Muskelspannung zu reduzieren und die Körperwahrnehmung zu verbessern.
- Akupunktur: Einige Studien deuten darauf hin, dass Akupunktur die Häufigkeit von Migräneattacken reduzieren kann.
Wann sollte ein Spezialist hinzugezogen werden?
In bestimmten Fällen ist es ratsam, einen Neurologen oder Schmerztherapeuten hinzuzuziehen. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn:
- Die Diagnose unklar ist.
- Die Therapie nicht ausreichend wirksam ist.
- Ungewöhnliche Symptome auftreten.
- Eine chronische Migräne vorliegt (Kopfschmerzen an mehr als 15 Tagen pro Monat).
- Ein Medikamentenübergebrauch besteht.
- Begleiterkrankungen wie Depressionen oder Angststörungen vorliegen.
Die Kopfschmerzambulanz des UKE bietet eine ausführliche Diagnostik und Erarbeitung von Therapiekonzepten. Die Neurologisch-verhaltensmedizinische Schmerzklinik Kiel bietet eine spezielle Therapie von Migräne mit und ohne Aura, Migräne-Komplikationen und anderen Kopfschmerzen.