Einführung
Die Alzheimer-Krankheit, die häufigste Form der Demenz, betrifft weltweit Millionen von Menschen. Die Suche nach wirksamen Therapien ist daher von großer Bedeutung. In den letzten Jahren hat die Musiktherapie zunehmend Aufmerksamkeit als ergänzende Behandlungsmethode erhalten. Dieser Artikel beleuchtet die heilende Wirkung von Musik in der Alzheimer-Forschung, indem er die neuesten Erkenntnisse, Anwendungsmöglichkeiten und potenziellen Vorteile dieser Therapieform untersucht.
Wie Musik das Gehirn beeinflusst
Das Gedächtnis und Musik
Um zu verstehen, wie Musik Erinnerungen wecken kann, ist es hilfreich, die Funktionsweise des menschlichen Gedächtnisses zu betrachten. Das Gedächtnis ist kein einzelner Ort im Gehirn, sondern ein Netzwerk verschiedener Hirnteile, deren Verbindungen sich ständig neu bilden. Hirnforscher unterscheiden verschiedene Gedächtnisfunktionen:
- Sensorisches Gedächtnis (Ultrakurzzeitgedächtnis): Speichert Informationen der Sinnesrezeptoren für sehr kurze Zeit (200-400 Millisekunden für visuelle, vier Sekunden für auditorische Reize).
- Kurzzeitgedächtnis/Arbeitsgedächtnis: Speichert bewusst etwa sieben Informationen für einige Sekunden.
- Langzeitgedächtnis: Unbegrenzte Kapazität und Speicherdauer für alle Arten von Informationen.
Informationen gelangen zunächst ins sensorische Gedächtnis und werden bei Relevanz ins Kurzzeitgedächtnis weitergeleitet. Wenn eine Information als interessant, wichtig oder emotional bedeutsam eingestuft wird, gelangt sie ins Langzeitgedächtnis.
Verarbeitung und Speicherung von Musik im Gehirn
Beim Hören von Musik gelangen Informationen über die Nerven der Hörbahn ins Gehirn, wo Teilinformationen der akustischen Merkmale analysiert werden. Die Gedächtnisprozesse werden aktiviert und die gehörte Musik wird mit unseren Erinnerungen abgeglichen. Dies kann dazu führen, dass wir uns an ein Lied erinnern oder Aspekte davon uns an ein anderes Musikstück erinnern. Es kann auch eine Szene aus unserem Leben wachrufen: ein Konzert, ein Ausflug, eine Person oder eine Lebensphase.
Das Musikgedächtnis
Studien zeigen, dass beim Musikhören und Erinnern an Musikstücke die gewöhnlichen Gedächtnis-Netzwerke des Gehirns aktiviert werden. Stefan Kölsch, Professor für biologische und medizinische Psychologie, erklärt, dass Musik eine Art eigenes Gedächtnis im Gehirn besitzt: das Musik-Gedächtnis. Dieses bezieht sich auf Netzwerke im Gehirn, die musikalische Informationen wie Melodien oder Rhythmen abspeichern und erinnern. Diese Funktionen scheinen im Gehirn auf vom restlichen Gedächtnis unabhängigen Bahnen stattzufinden.
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Ein solcher Bereich ist der zinguläre Kortex, der bei musikalischen Gedächtnisprozessen und der Emotionsverarbeitung eine Rolle spielt. Die Aktivität dieser Gehirnregion kann vorhersagen, ob eine Person ein Lied kennt, das sie gerade hört. Kölsch vermutet, dass diese Region eine Art Emotions-Gedächtnis-Tunnel sein könnte, der aktiviert wird, wenn Musik Emotionen weckt und sowohl musikalische als auch nicht-musikalische Erinnerungen wachrufen kann.
Musiktherapie bei Demenz und Alzheimer
Die Besonderheit des Musikgedächtnisses bei Demenz
Eine Besonderheit ist, dass bei Menschen mit eingeschränktem Gedächtnis das Musikgedächtnis oft noch gut funktioniert. Selbst wenn sich Demenzkranke nicht an das Mittagessen von gestern oder die Namen von Angehörigen erinnern, können sie oft mühelos bekannte Lieder mitsingen oder neue Stücke lernen. Dies könnte durch den Emotions-Gedächtnis-Tunnel erklärt werden, da der zinguläre Kortex bei Alzheimer-Betroffenen erst relativ spät betroffen ist.
Anwendung und Wirkung der Musiktherapie
Musik kann bei der Behandlung von Demenz eine wichtige Rolle spielen, da sich Patienten oft noch gut an Musik erinnern können. Musik kann auch helfen, sich besser zu erinnern. Studien zeigen, dass Alzheimer-Betroffene sich gesungene Passagen besser merken als gesprochene und sich besser an Ereignisse erinnern, wenn sie während des Erinnerns Musik hören. Am besten funktioniert dies mit der Lieblingsmusik der Patienten.
Studien und Forschungsergebnisse
Zahlreiche Studien belegen die positiven Effekte der Musiktherapie bei Demenz und Alzheimer. Eine Analyse aus dem Jahr 2020 fasste acht Studien zusammen und zeigte, dass Musiktherapie die kognitiven Fähigkeiten bei Menschen mit Demenz verbessern kann. Ebenfalls verbessert sich die Lebensqualität sowie Langzeitdepressionen bei den Betroffenen nach dieser Intervention. Eine Studie aus dem Jahr 2024, die sich ausschließlich auf Alzheimer fokussierte, bestätigte, dass Musiktherapie die kognitiven Funktionen von Alzheimer-Patienten verbessert. Die zusammengefasste Analyse von elf Studien zeigt, dass Musiktherapie positive Einflüsse auf das allgemein geistige Leistungsvermögen, die Sprachfähigkeiten, Orientierung und Gedächtnis hat.
Forscher der National University of Singapore konnten zeigen, dass Menschen in Altersheimen wesentlich seltener an Depressionen litten, wenn man ihnen eine halbe Stunde am Tag ihre Lieblingsmusik vorspielte. Auch wenn bei Demenzkranken vieles in Vergessenheit gerät, an Musikstücke aus ihrer Jugend können sie sich meist noch erinnern. Das nutzen Musiktherapeuten gezielt, um Patienten aus ihrer Isolation herauszuführen.
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Praktische Umsetzung
Der Nordbayerische Musikbund (NBMB) setzt diese Erkenntnisse praktisch um. Im Projekt "Ein Lied für Dich" organisiert der Bund interaktive Konzerte für Demenzerkrankte. Ulrike, eine engagierte Musikerin, berichtet von ihrer Erfahrung: "Bei unseren Konzerten waren Menschen im Publikum, die scheinbar auf nichts mehr reagiert haben. Bei altbekannten Liedern, die sie aus ihrer Kindheit kennen oder auch bei Weihnachtsliedern, da singen sie mit, urplötzlich können sie den Text." Zusätzlich bietet der NBMB Workshops für Hobbymusiker an, die in Pflegeeinrichtungen musizieren möchten. Gemeinsam mit der Technischen Hochschule Würzburg-Schweinfurt wurde eine Anleitung für digitale Musikangebote erstellt.
Individuelle Musikbiografien
Die Musikbiografien von Menschen sind so individuell wie ihr Leben. Die allermeisten Menschen verbinden entscheidende Punkte und Wegmarken ihres Werdegangs auch mit Musik. Deshalb ist es sehr wichtig, für jeden Patienten dessen individuelle Playlist zu finden, auszuprobieren, herauszufinden, was wie auf den Kranken wirkt. Musik als Dauerschleife in Gemeinschaftsräumen oder Aufzügen kann kontraproduktiv sein, da sie Stress verursachen kann. Individuelles Hören über Kopfhörer kann jedoch eine Herausforderung darstellen. Besonders gute Ergebnisse werden beobachtet, wenn die Patienten selbst noch aktiv musizieren und singen.
Weitere Anwendungsbereiche der Musiktherapie
Neurologische Erkrankungen
Viele Studien belegen inzwischen, dass Musik bei einer Reihe von neurologischen Krankheiten therapeutisch wirkt, zum Beispiel nach einem Schlaganfall, bei Parkinson oder Alzheimer. Wurde das Gehirn beschädigt, kann man mithilfe von Musikübungen die verletzten Areale und die umliegenden Bereiche anregen, um die Nervenzellen dort wieder zu aktivieren oder neue Verknüpfungen anzulegen.
Patienten wurden etwa nach einem Schlaganfall gebeten, mit dem Arm, der nun in seiner Bewegung eingeschränkt war, die Tonhöhe von Klängen in der Luft anzuzeigen. Sie spielten sozusagen Tonleitern mit dem Arm. Ihre Beweglichkeit verbesserte sich schneller als die von Patienten, die andere Therapien erhielten. Wenn Parkinson-Patienten rhythmisch zu Musik laufen, können ihre Bewegungen mit etwas Training wieder geschmeidiger werden. Der Rhythmus erleichtert es ihnen, das für die Krankheit typische Stocken beim Gehen zu überwinden.
Schmerztherapie
Laut einer Übersichtsstudie von 2018 ist Musik in der Lage, Schmerzen zu lindern. Musik kann Schmerzen zwar nicht beseitigen, ihre Intensität jedoch abschwächen. Sie kann dazu beitragen, den Patienten von seinen Schmerzen abzulenken und sein emotionales Befinden positiv zu beeinflussen. Es bedarf jedoch weiterer Forschung, um herauszufinden, welche Musik zur Behandlung von Schmerzen besonders geeignet ist und welche Erkrankungen sich für diese Therapieform anbieten.
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Weitere Einsatzgebiete
Es gibt mittlerweile kaum einen Bereich in der Krankenmedizin, in der nicht versucht wird, mit Musik gesundheitsfördernde Effekte zu erzielen: In der Schmerztherapie, bei Tinnitus, Schlaganfall, Depression, Parkinson und Demenz versuchen Musiktherapeuten ihr Wissen einzubringen, um den Kranken zu helfen. Fröhliche Musikstücke verringern bei Patienten die Konzentration des Stresshormons Cortisol im Blut. Eine Studie im Fachblatt "The Lancet" von August 2015 zeigt: Schmerzempfinden und Angstgefühle nach einer OP waren im Durchschnitt geringer, wenn Patienten davor, während oder danach Musik hörten.
Die Rolle der Musiktherapie in der Zukunft
Forschung und Entwicklung
Stefan Kölsch betreut an der norwegischen Universität eine große Langzeitstudie, die speziell den Einfluss von Musik auf den Verlauf von Alzheimer erforscht. Seine größte Hoffnung: dass Melodien und Rhythmen den Verlauf einer Demenz nicht nur mildern, sondern eventuell auch wie eine Frischzellenkur wirken könnten, die neue, gesunde Gehirnzellen generiert.
Forderungen nach mehr Anerkennung
"Wir brauchen Musik auf Rezept", fordert Stefan Kölsch. Obwohl die Musiktherapie sich inzwischen von der Behandlung Frühgeborener über die Kinder- und Jugendpsychiatrie bis hin zu Demenzkranken und sogar in der Sterbebegleitung bewährt, fällt sie bislang nur im Falle eines stationären Klinikaufenthalts in den Leistungskatalog der Krankenkassen.