Nervenschmerzen, auch neuropathische Schmerzen genannt, können die Lebensqualität der Betroffenen massiv einschränken. Konventionelle Behandlungen sind oft nicht zufriedenstellend, weshalb viele Patienten nach alternativen Therapieansätzen suchen. Die Naturheilkunde bietet hier ein breites Spektrum an Verfahren, die sich in der Praxis und in wissenschaftlichen Studien als wirksam oder vielversprechend erwiesen haben.
Was sind Neuralgien und neuropathische Schmerzen?
Neuropathische Schmerzen sind fast immer mit Missempfindungen (Parästhesien) wie Taubheitsgefühle, Brennen, Kribbeln verbunden. Teilweise können auch neurologische Ausfallsymptome wie Muskelschwäche vorhanden sein. Am häufigsten sind Dauerschmerzen, die in unterschiedlicher Häufigkeit als brennend, elektrisierend, ziehend und oftmals als kälte- bzw. wärmeinduziert beschrieben werden. Bei einem weiteren Drittel der Patienten sind die Schmerzen eher attackenartig, vor allem bei den sogenannten Neuralgien. Andauernde neuropathische Schmerzen können relativ schnell zur Chronifizierung durch Einfluss auf die Rückenmarksnerven und Aktivierung des Schmerzgedächtnisses führen.
Ursachen neuropathischer Schmerzen
Neuropathische Schmerzen können verschiedene Ursachen haben:
- Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit)
- Hepatitis
- Nervenschäden durch Chemotherapie, Alkohol o. a.
- Nervenverletzungen, z. B. nach Unfall oder Operationen
- Druckschädigungen an Gelenken und Wirbelsäule
- spezielle Neuralgien wie z. B. die Post-Zoster-Neuralgie oder die Trigeminusneuralgie.
Naturheilkundliche Behandlungsansätze
Die Naturheilkunde und Komplementärmedizin bieten eine Vielzahl von Behandlungsansätzen, die bei Neuralgien und neuropathischen Schmerzen eingesetzt werden können. Im Folgenden werden einige der häufigsten komplementärmedizinischen Verfahren vorgestellt:
Äußerliche Anwendungen
- Lokale Behandlung mit Capsaicin: Capsaicin, der Wirkstoff aus Spanischem Pfeffer, wirkt antiphlogistisch und kann bei peripheren neuropathischen Schmerzen als Monopräparat oder in Kombination mit anderen Arzneistoffen eingesetzt werden. Die Anwendung erfolgt täglich 2 - 4 mal über 4 - 6 Wochen. Capsaicin wirkt lokal hyperämisierend und analgetisch, antiphlogistisch, cortisonähnlich und juckreizlindernd. Es besteht ein Counter-irritant-Effekt, d. h. es kommt durch die Reizung zu einer fast vollständigen Ausschüttung von Substanz P, dann zu einer Hemmung des Transports und der Neusynthese von Substanz P, sodass die Schmerzleitung der Nerven quasi unterbrochen wird i. S. einer Desensibilisierung der Nozizeptoren.
- Lidocain Pflaster (5 %): Lidocain ist ein Lokalanästhetikum, das in Form von Pflastern zur lokalen Schmerzlinderung eingesetzt werden kann.
- Ätherische Öle: Zur äußeren Anwendung können ätherische Öle wie Fichtennadel-, Kiefernadel-, Minz-, Pfefferminz- oder Rosmarinöl kommen. Die ätherischen Öle wirken über eine Anregung der Kälterezeptoren der Haut kühlend. Somit wird die Schmerzweiterleitung vermindert, was wiederum zu dem lokal anästhesierenden Effekt führt. Ätherische Öle stehen in alkoholischen oder wässrig-alkoholischen Lösungen für Umschläge, für Einreibungen oder auch als Salbenzubereitungen zur Verfügung.
- Johanniskrautöl (Rotöl, Hypericum): Warme Johanniskrautölauflagen können bei Neuralgien, z.B. bei Trigeminusneuralgie oder atypischem Gesichtsschmerz, aufgelegt werden.
- Weiße Senfsamen: Ähnlich wie Capsaicin wirken auch weiße Senfsamen, diese können als Breiumschlag appliziert werden.
Manuelle Verfahren
- Lymphdrainage, Bindegewebsmassage und andere manuelle Verfahren: Diese Verfahren können zur Schmerzlinderung und Verbesserung der Durchblutung eingesetzt werden.
- Physiotherapie: Der klassischen Physiotherapie kommt eine wichtige Rolle in der Behandlung von Neuralgien zu. Durch Mobilisierung und Muskelaufbau werden Schwächen in der Muskulatur und Instabilitäten kompensiert. Über sensomotorische-funktionelle Einzelbehandlungen kann die Oberflächen- und Tiefensensibilität günstig moduliert werden. Hierdurch können auch Schmerzverarbeitung sowie Schmerztrigger positiv beeinflusst werden.
Weitere Therapieverfahren
- Akupunktur: Akupunktur wird vielseitig eingesetzt. Aus Sicht der TCM (Traditionelle Chinesische Medizin) kommen verschiedene Syndrome als Ursache in Frage, z. B. Wind-Kälte, Magen- und Leber-Feuer oder Nieren-Yin-Mangel. Die Akupunkturpunkte werden je nach Syndrom sedierend oder tonisierend genadelt.
- Elektrotherapie mit TENS: Bei Neuralgien kommen neben 2- und 4-Zellenbädern gerade auch die transkutane elektrische Nervenstimulation, die sog. TENS-Behandlung in Betracht. Diese kann im Rahmen des stationären Aufenthalts auf ihre individuelle Wirksamkeit und Verträglichkeit getestet werden und bei Erfolg dann auch für den häuslichen Gebrauch rezeptiert werden. Die Applikation des Stromreizes mittels sogenannter Stimulationshandschuhe und/oder -socken hat sich v. a. bei der Polyneuropathie der Hände und Füße sehr bewährt.
- Laserakupunktur: Eine schmerzfreie Alternative zur traditionellen Akupunktur.
- Blutegeltherapie: Diese hat sich vor allem beim Herpes zoster und der Post-Zoster-Neuralgie bewährt.
- Hydrothermotherapie: Kalte oder wechselwarme Güsse können zur Linderung der Symptomatik verordnet werden. Vorsicht ist natürlich bei eventuell gestörter Thermosensibilität geboten. Als sehr wohltuend werden von den Patient*innen in der Regel auch die sog. CO2-Bäder empfunden. Der CO2-Kontakt führt zu einer peripheren Stimulation des Gewebes mit Gefäßerweiterung und verbesserter Hautdurchblutung mit einer milden Kreislaufanregung.
- Moderate Ganzkörperhyperthermie (mGKHT): Über die passagere Erhöhung der Körperkerntemperatur in den Fieberbereich bis max. 40,5 °C kommt es zu einer starken Stoffwechselsteigerung, sodass regenerative und regulative Prozesse angestoßen werden. Die mGKHT wirkt erwiesenermaßen u.a. schmerzlindernd, tiefgreifend entspannend auf die Muskulatur, vegetativ ausgleichend und mild antidepressiv.
- Schröpfen oder Blutegel: Bei Polyneuropathien der unteren Extremitäten kann durchaus eine segmentale Therapie mit Schröpfen oder Blutegeln im Bereich der unteren Lendenwirbelsäule erwogen werden. Bei Post-Zoster-Neuralgie im thorakalen Bereich hat sich die frühe Blutegeltherapie als gut wirksam erwiesen.
- Neuraltherapie: Die Neuraltherapie geht davon aus, dass die inneren Organe über das Nervensystem mit bestimmten Segmenten der Haut verbunden sind. Der Therapeut ertastet die betroffenen Hautregionen und injiziert ein Betäubungsmittel, um über den Nerv das entsprechende Organ zu erreichen. Das Medikament wird direkt an den Triggerpunkt gespritzt: in die Unterhaut, manchmal auch in tiefere Regionen, zum Beispiel an Muskeln, Sehnen oder Knochen.
Orthomolekulare Medizin
- B-Vitamine: Im KfN werden bei Neuropathie in der Regel hochdosierte neurotrope B Vitamine (B1, B2, B6, B12 und Nicotinamid) über einen Zeitraum von ca. drei Monaten verordnet.
- Vitamin E: Als neurotropes Antioxidans spielt auch Vitamin E eine wichtige Rolle in der Behandlung von Neuropathien, hier können 100-300 mg/Tag bedenkenlos auch längerfristig, d. h. über Monate, nebenwirkungsfrei substituiert werden.
- Vitamin C: Wir empfehlen therapeutisch die Einnahme von ein bis zwei Gramm pro Tag. Vitamin C ist nur für den Menschen und andere Primaten, Meerschweinchen sowie einige Vogel- und Fischarten ein essenzieller Nährstoff. Alle anderen Lebewesen können Vitamin C selbst synthetisieren und steigern die körpereigene Vitamin C Produktion bei Stress oder Krankheit um ein Mehrfaches, sodass eine hochdosierte Vitamin C Substitution beim Menschen in Krankheits- oder Stresssituationen durchaus als sinnvoll erscheint.
- Alpha-Liponsäure: Ein weiteres bewährtes Antioxidans bei Neuropathien stellt die Alpha-Liponsäure dar, die man durchaus zunächst ein bis zwei Wochen intravenös 600mg pro Tag geben kann, dann dauerhaft täglich 600 mg oral. Die Wirksamkeit der Alpha-Liponsäure bei diabetischer Polyneuropathie ist bereits durch Studien belegt.
- Omega-3-Fettsäuren: Wegen ihrer neuroregenerativen Wirkung ist auch auf eine erhöhte Zufuhr von Omega-3-Fettsäuren zu achten. Die Zieldosis liegt dabei bei etwa zwei bis drei Gramm pro Tag.
- Selen: Ferner sollte der Selenspiegel in den hochnormalen Bereich angehoben werden. Therapeutisch sollten 50-300 µg täglich substituiert werden, idealerweise jeweils orientiert am individuellen Selenspiegel.
Neuraltherapie im Detail
Die Neuraltherapie ist eine Behandlungsmethode, die in den 1920er-Jahren von den Ärzte-Brüdern Ferdinand und Walter Huneke entwickelt wurde. Sie basiert auf der Vorstellung, dass Störfelder im Körper die Ursache für Schmerzen und andere Beschwerden sein können.
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Formen der Neuraltherapie
- Segmenttherapie: Dabei wird das lokale Betäubungsmittel im Bereich der Beschwerden durch Quaddelungen eingebracht. Quaddelung bezeichnet eine Technik, bei der ein Medikament in die oberen Hautschichten gespritzt wird.
- Störfeldtherapie: Dabei geht die Neuraltherapie von der Existenz sogenannter Störfelder aus, die laut der Neuraltherapie - via Fernwirkung - Beschwerden in anderen Bereichen verursachen sollen. Als Störfelder bezeichnet die Neuraltherapie chronisch belastende Faktoren, die selbst unauffällig sind und keine Beschwerden verursachen, sich aber an ganz anderen Körperregionen auswirken. Typische Störfelder sind Tonsillen (Mandeln), Nebenhöhlen, Zahn-Kiefer-Bereich, Prostata, gynäkologischer Raum, Narben aller Art.
Wirkungsweise
Die Neuraltherapie hat das Ziel mit Hilfe einer örtlichen Betäubung (meist mit Procain), den Körper bei der Heilung der Schmerzen zu unterstützen. Dabei geht es weniger um die Betäubung selbst, als um die Anregung der körpereigenen Heilungskräfte, indem die Anwendung des Lokalanästhetikums das vegetative Nervensystem beeinflusst und anstoßen kann. Im Detail besitzt das Betäubungsmittel die Fähigkeit, die Natriumkanäle der Zellmembran zu blockieren. Dies beeinträchtigt somit auch die Nervenzellen, welche letztlich daran gehindert werden, die Schmerzempfindungen weiterzuleiten.
Anwendungsgebiete
Die Neuraltherapie kommt für Patienten in Frage, bei denen verschiedene Regulations- und Funktionsstörungen im Organismus des Körpers vorliegen. Unter anderem gehören dazu:
- Knochen- und Gelenkbeschwerden
- Sehnenerkrankungen und Entzündungen
- Kopfschmerzen, Migräne und Schwindel
- Weitere akute sowie chronische Beschwerden
Wichtige Hinweise zur Neuraltherapie
- Die Neuraltherapie sollte nur von erfahrenen Therapeuten durchgeführt werden.
- Vor der Behandlung ist eine gründliche Untersuchung und Anamnese erforderlich, um allergische Reaktionen auf Medikamente auszuschließen.
- Die Wirkung der Störfeldtherapie gilt als wissenschaftlich nicht belegt.
Homöopathie
Die Homöopathie kann bei der Behandlung von Neuralgien unterstützend eingesetzt werden. Es gibt verschiedene homöopathische Mittel, die je nach Symptomatik und Ursache der Schmerzen in Frage kommen.
Beispiele für homöopathische Mittel
- Aconitum: Bei plötzlich auftretenden, heftigen Schmerzen, die durch Kälte oder Wind ausgelöst werden.
- Hypericum: Bei Nervenschmerzen nach Verletzungen oder Operationen.
- Rhus toxicodendron: Bei Schmerzen, die sich bei Bewegung bessern und bei Ruhe verschlimmern.
- Spigelia: Bei Trigeminusneuralgie mit stechenden Schmerzen im Gesicht.
Zusätzliche Informationen
- Zusammensetzungen aus der Homöopathie mit Arnika, Zaunrübe, Kieselsäure und Teufelskralle, wie sie in Pascoe-agil HOM Injektopas enthalten sind, können zur Umstimmung beitragen.
- Die Königskerze, homöopathisch aufbereitetes Chinin, Yamswurzel und Magnesiumhydrogenphosphat wie in Dolo-Injektopas enthalten, kann als intracutane Injektionen in den Schmerzbereich injiziert werden.
- Die Neuraltherapie kann mit der Gabe von homöopathischen Mitteln zur Injektion, wie Dolo Injektopas®, Gnaphalium-Injektopas® und Neuralgie-Injektopas® begleitet werden.
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