Die Hemiparese, auch Halbseitenlähmung genannt, ist eine Beeinträchtigung, die das Leben der Betroffenen und ihrer Angehörigen erheblich beeinflussen kann. Sie ist gekennzeichnet durch eine Lähmung einer Körperhälfte, die entweder vollständig (Hemiplegie) oder unvollständig (Hemiparese) ausgeprägt sein kann. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte der Hemiparese, von den Ursachen und Diagnosemethoden bis hin zu den Behandlungsansätzen und Hilfsmitteln, die den Alltag erleichtern können. Ziel ist es, ein umfassendes Verständnis dieser Erkrankung zu vermitteln und Betroffenen sowie ihren Familien praktische Informationen und Unterstützung anzubieten.
Was ist Hemiparese?
Die Hemiparese ist keine eigenständige Krankheit, sondern ein Symptom einer zugrunde liegenden Erkrankung, die das Gehirn betrifft. Sie äußert sich durch eine Schwächung oder Lähmung einer Körperhälfte, wobei die Ausprägung von einer leichten Beeinträchtigung bis hin zu einem vollständigen Verlust der Bewegungsfähigkeit reichen kann. Da die Gehirnhälften die jeweils gegenüberliegende Körperhälfte steuern, manifestiert sich die Hemiparese auf der Seite des Körpers, die der betroffenen Gehirnhälfte gegenüberliegt. So führt beispielsweise eine Schädigung der linken Gehirnhälfte zu einer Lähmung der rechten Körperhälfte und umgekehrt.
Unterscheidung zwischen Hemiparese und Hemiplegie
Es ist wichtig, zwischen Hemiparese und Hemiplegie zu unterscheiden. Während die Hemiparese eine unvollständige Lähmung einer Körperseite beschreibt, handelt es sich bei der Hemiplegie um eine vollständige Lähmung. Der Schweregrad der Lähmung kann je nach Ursache und betroffenem Gehirnareal variieren.
Ursachen der Hemiparese
Die Ursachen für eine Hemiparese sind vielfältig, wobei die häufigste Ursache eine Schädigung des Gehirns ist. Diese Schädigung kann durch verschiedene Faktoren verursacht werden:
- Schlaganfall (Apoplex): In bis zu 85 % der Fälle entsteht ein Schlaganfall durch eine verminderte Blutversorgung (Ischämie) eines begrenzten Gehirnbereichs, was zum Absterben von Hirngewebe (Hirninfarkt) führt. In den übrigen Fällen wird der Schlaganfall durch das Platzen einer Hirnarterie mit nachfolgender Blutung in das Gehirn ausgelöst.
- Schädel-Hirn-Trauma: Unfälle, die zu Schädel-Hirn-Verletzungen führen, können ebenfalls eine Hemiparese verursachen.
- Hirntumore: Bösartige Tumore, die sich im Gehirn ausbreiten und umliegendes Nervengewebe zerstören, können ebenfalls eine Hemiparese auslösen.
- Entzündungen des Gehirns: Bakterielle oder virale Gehirnentzündungen (Enzephalitis, Meningitis) können zu Schädigungen des Gehirns und somit zu einer Hemiparese führen.
- Multiple Sklerose (MS): Diese Autoimmunerkrankung führt dazu, dass das Immunsystem die Schutzschicht der Nervenfasern angreift, was zu neurologischen Ausfällen wie einer Hemiparese führen kann.
- Angeborene Ursachen: In seltenen Fällen kann eine Hemiparese aufgrund genetischer Erkrankungen angeboren sein oder durch Verletzungen bei der Geburt entstehen. Auch vorgeburtliche Komplikationen sowie Gehirnblutungen und entzündliche Erkrankungen des Embryos können eine angeborene Hemiparese verursachen.
- Andere Ursachen: Selten kann eine halbseitige Schädigung des Rückenmarks die Ursache sein.
Symptome der Hemiparese
Die Symptome einer Hemiparese können je nach betroffenem Gehirnareal und Schweregrad der Schädigung variieren. Zu den häufigsten Symptomen gehören:
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- Kraft- und Bewegungsstörungen (Motorik): Einseitige Kraft- und Bewegungsstörungen sind ein zentrales Merkmal der Hemiparese. Die verminderte Muskelkraft auf einer Körperseite kann das Gehen, Greifen und andere alltägliche Aktivitäten beeinträchtigen.
- Muskelverkrampfungen (Spastiken): Bei vielen Betroffenen entwickelt sich im Laufe der Zeit eine Spastik, eine krankhafte Erhöhung der Muskelspannung, die zu dauerhaften Verhärtungen und Versteifungen führen kann.
- Sensibilitätsstörungen: Viele Patient*innen leiden unter Sensibilitätsstörungen auf der betroffenen Körperhälfte, wie z. B. Taubheitsgefühle, Kribbeln oder eine verringerte Wahrnehmung von Temperatur, Schmerz und Berührung.
- Koordinations- und Gleichgewichtsstörungen: Häufig erschweren Gleichgewichts- und Koordinationsstörungen die eigenständige Fortbewegung. Viele Betroffene haben Schwierigkeiten, gezielte Bewegungen zu kontrollieren oder ihr Gleichgewicht zu halten.
- Gesichtslähmung (Faszialisparese): Falls die Hemiparese durch eine Schädigung der Hirnhälfte entstanden ist, die das Gesicht mitsteuert, kann es zu einer Faszialisparese kommen. Dabei erschlaffen die Gesichtszüge und die Sprachfähigkeit kann beeinträchtigt werden. Dies kann sich zum Beispiel äußern, indem der Mundwinkel auf der betroffenen Seite herabhängt, was das Sprechen oder Essen beeinträchtigen kann.
- Sprachstörungen (Aphasien): Sprachstörungen, bei denen sowohl die Fähigkeit, sich sprachlich auszudrücken, als auch das Sprachverständnis selbst in Mitleidenschaft gezogen sein kann, sind wohl die schwerste Belastung für den Kranken und seine Mitmenschen.
- Weitere Symptome: Weitere Auswirkungen können Seh- und Sprachstörungen, Kau- und Schluckschwierigkeiten, Inkontinenz oder auch eine Reihe neuropsychologischer Störungen wie der Verlust der emotionalen Kontrolle sein.
Diagnose der Hemiparese
Eine frühzeitige und genaue Diagnose ist entscheidend für die Einleitung einer adäquaten Behandlung und Rehabilitation. Die Diagnose der Hemiparese umfasst in der Regel folgende Schritte:
Anamnese und körperliche Untersuchung: Zunächst erhebt der Arzt oder die Ärztin die Krankengeschichte und fragt nach dem Auftreten der Symptome, möglichen Begleiterscheinungen wie Sprach- oder Sehproblemen sowie bestehenden Vorerkrankungen. Anschließend wird die Muskelkraft getestet, indem der oder die Patient*in Arm und Bein auf der betroffenen Seite anheben soll. Auch Reflexe, Spannung einzelner Muskelgruppen und die Feinmotorik werden geprüft.
Neurologische Untersuchung: Eine umfassende neurologische Untersuchung dient dazu, die Art und das Ausmaß der neurologischen Defizite zu bestimmen.
Bildgebende Verfahren: Zur Abklärung der Ursache kommen bildgebende Verfahren zum Einsatz.
- Computertomografie (CT): Darstellung der normalen Struktur und krankhafter Veränderungen oder Verletzungen im Schädelbereich.
- Magnetresonanztomografie (MRT): Eine MRT zeigt mögliche Durchblutungsstörungen oder Entzündungen im Gehirn und wird häufig zur Schlaganfalldiagnose genutzt. Die MRT ermöglicht eine detaillierte Darstellung von Struktur und krankhaften Veränderungen im Hirngewebe und im Schädelbereich.
- Funktionelle Magnetresonanztomografie (fMRT): Darstellung der Durchblutung und Stoffwechselaktivität in bestimmten Gehirnregionen während einer Aufgabe.
Elektrophysiologische Tests: Ergänzend können elektrophysiologische Untersuchungen die Nerven- und Muskelaktivität messen. Ein Elektroenzephalogramm (EEG) dient der Darstellung der elektrischen Hirnaktivität mit hoher zeitlicher Auflösung.
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Weitere Untersuchungen: Laboruntersuchungen, Blutbild und eine Untersuchung des Nervenwassers (Lumbalpunktion) können weitere Hinweise liefern.
Behandlung der Hemiparese
Die Behandlung der Hemiparese zielt darauf ab, die Funktionalität der betroffenen Körperseite zu verbessern, die Lebensqualität zu steigern und die Selbstständigkeit der Patient*innen zu fördern. Die Therapie umfasst in der Regel mehrere Bausteine:
Akutbehandlung: Bei einer plötzlich auftretenden Hemiparese, beispielsweise durch einen Schlaganfall, ist eine schnelle medizinische Versorgung entscheidend. In diesem Fall versuchen Ärzt*innen, das blockierte Hirngefäß wieder freizulegen, um Folgeschäden zu minimieren. Dies kann medikamentös durch Thrombolyse (Gerinnselauflösung) oder mechanisch durch eine Thrombektomie (Entfernung eines Blutgerinnsels) erfolgen.
Medikamentöse Therapie: Um die Muskelspannung zu regulieren, können Medikamente eingesetzt werden. Bei einer spastischen Hemiparese helfen Muskelrelaxantien, um Verkrampfungen zu lösen und Bewegungen zu erleichtern. Liegt der Hemiparese eine entzündliche Erkrankung zugrunde, erfolgt deren medikamentöse Behandlung abhängig vom Erreger als Gabe von Virostatika oder Antibiotika.
Rehabilitation: Sobald die akute Phase überstanden ist, beginnt die Rehabilitation, die darauf abzielt, verlorene Fähigkeiten wiederzuerlangen oder zu kompensieren. Die Rehabilitation ist eine Team-Aufgabe, an der Ärzte, Therapeuten, Pflegekräfte und die Familie beteiligt sind.
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- Physiotherapie: Durch gezielte Übungen wird die Muskulatur gestärkt, die Beweglichkeit verbessert und die Koordination gefördert.
- Ergotherapie: Im Vordergrund steht das Trainieren der Feinmotorik, damit alltägliche Handlungen geübt und dadurch ein gewisses Maß an Selbständigkeit wiedererlangt werden.
- Logopädie: Eine intensive logopädische Betreuung ermöglicht den Patienten, die Lippen- und Zungenmuskulatur wieder gezielt zu nutzen, um Laute zu bilden und sich sprachlich verständigen zu können.
- Psychotherapie: Menschen, die aufgrund einer Hemiparese Depressionen oder Ängste entwickeln, werden zusätzlich psychotherapeutisch betreut. Dies ist nicht nur für die Wiederherstellung der seelischen Gesundheit notwendig, sondern fördert auch die Motivation der Patienten und beeinflusst dadurch den Erfolg des interdisziplinären Therapie-Konzeptes.
Hilfsmittel: Viele Betroffene profitieren von Hilfsmitteln, die ihre Mobilität und Selbstständigkeit unterstützen.
- Orthesen: Orthesen können durch das Schienen von Armen und Beinen Gelenke stabilisieren. Beispielsweise kann man bei einer schlechten Unterarmfunktion eine myoelektrische Orthese nutzen. Diese kann auch in Kombination mit einer Oberarmschiene zur mechanischen Ellenbogenunterstützung genutzt werden. Durch die Unterarmschiene kann der Oberarm stabilisiert und das Ellenbogengelenk unterstützt werden. Bewegungsabläufe werden dadurch erleichtert.
- Rollstühle und Scooter: In manchen Fällen bedeutet eine Hemiparese die Abhängigkeit von einem Rollstuhl. Der Kraftaufwand ist immens hoch, um die halbseitige Lähmung mit der anderen Seite auszugleichen. Das Sitzen im Rollstuhl oder auch Scooter bedeutet dann eine enorme Entlastung.
- Treppenlifte und Treppensteiger: Wenn Sie nur schwer Stufen überwinden können, weil Sie beispielsweise im Rollstuhl sitzen, kann ein Treppenlift oder Treppensteiger ein geeignetes Hilfsmittel sein.
- Weitere Hilfsmittel: Auch Einschränkungen in der Hand lassen sich durch Schienen oder funktionelle Elektrostimulation verbessern. Im Sanitätsfachhandel sind eine Vielzahl weiterer Hilfsmittel erhältlich, die den Alltag erleichtern können.
Leben mit Hemiparese
Eine Hemiparese kann den Alltag der Betroffenen und ihrer Angehörigen erheblich verändern. Es ist wichtig, sich auf die neuen Herausforderungen einzustellen und Strategien zu entwickeln, um die Lebensqualität zu erhalten oder zu verbessern.
Tipps für den Alltag
- Anpassung des Wohnraums: Der Wohnraum sollte so gestaltet sein, dass er den Bedürfnissen des Betroffenen entspricht. Dazu gehören beispielsweise die Beseitigung von Stolperfallen, die Installation von Haltegriffen im Bad und der Toilette sowie die Anpassung der Höhe von Möbeln.
- Unterstützung im Alltag: Angehörige, Freunde und professionelle Pflegekräfte können eine wichtige Unterstützung im Alltag bieten. Sie können bei der Körperpflege, der Nahrungszubereitung, der Haushaltsführung und anderen Aufgaben helfen.
- Teilnahme am sozialen Leben: Es ist wichtig, trotz der Einschränkungen am sozialen Leben teilzunehmen. Dies kann durch den Besuch von Veranstaltungen, Treffen mit Freunden und Familie oder die Teilnahme an Selbsthilfegruppen geschehen.
- Psychologische Unterstützung: Eine psychologische Betreuung kann helfen, mit den emotionalen Belastungen der Hemiparese umzugehen.
Lagerung und Pflege
- Lagerung: Eine richtige Lagerung des Kranken ist wichtig für die Erfolgsaussichten der Rehabilitation und dient als passive Bewegungsübung von Anfang an. Praktiziert wird dazu im allgemeinen eine Lagerung nach der Bobath-Methode mit der Spasmen (Verkrampfungen der Muskulatur) gehemmt, normale Bewegungsmuster vorbereitet und die Wahrnehmung gefördert wird. Eine sachgerechte Lagerung dient aber auch der Bequemlichkeit und Schmerzvermeidung und hilft, Kontrakturen, Dekubiti und Lungenentzündungen vorzubeugen.
- Körperpflege: Bei Gesichtslähmung ist besonders auf die Mundhygiene zu achten, weil die geschädigte Seite oft vernachlässigt wird. Zudem kann durch die Bewegungseinschränkungen der Zunge diese Seite weniger gut von Speiseresten gesäubert werden. Deshalb sollte nach jeder Mahlzeit eine sorgfältige Reinigung der Mundhöhle erfolgen.
Sprachförderung
Sprachstörungen, sog. Aphasien, bei denen sowohl die Fähigkeit, sich sprachlich auszudrücken, als auch das Sprachverständnis selbst in Mitleidenschaft gezogen sein kann, sind wohl die schwerste Belastung für den Kranken und seine Mitmenschen. Im Idealfall stehen Sprachpädagogen zur Verfügung, vielfach bleibt es jedoch Familienangehörigen überlassen, nach Anweisungen des Therapeuten mit dem Betroffenen zu üben. Ein paar wichtige Grundsätze sind dabei: in kurzen, einfachen Sätzen langsam mit dem Aphasiker zu sprechen und ihn zum Sprechen anzuregen. Vor allem hat man sich bewusst zu sein, dass der Betroffene durch seine Sprachstörung nicht automatisch geistig beeinträchtigt ist.
Prognose
Die Prognose bei Hemiparese variiert je nach Ursache, Schweregrad und Zeitpunkt der Behandlung. Frühzeitige Rehabilitation und interdisziplinäre Betreuung kann die Funktionalität verbessern und Komplikationen vorbeugen. Auch ohne eine spezifische Behandlung ist der Verlauf funktioneller Lähmungen in etwa der Hälfte der Fälle chronisch.
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