Hereditäre Ataxie bei Katzen: Ursachen, Symptome und Behandlungsansätze

Die hereditäre Ataxie ist eine komplexe neurologische Erkrankung, die bei Katzen auftritt und durch Koordinationsstörungen gekennzeichnet ist. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte dieser Erkrankung, einschließlich ihrer Ursachen, Symptome, Diagnose und Behandlungsmöglichkeiten. Dabei werden sowohl genetische als auch erworbene Faktoren berücksichtigt, um ein umfassendes Verständnis der hereditären Ataxie bei Katzen zu ermöglichen.

Einführung in die Ataxie

Ataxie, abgeleitet vom griechischen Wort "ataxia" (Unordnung), ist ein Oberbegriff für verschiedene Koordinationsstörungen der Bewegungsabläufe. In der Medizin beschreibt Ataxie ein fehlerhaftes Zusammenspiel verschiedener Muskelgruppen bei der Ausführung von Bewegungen. Diese Störungen können durch eine Vielzahl von Faktoren verursacht werden, wobei die feline Ataxie in der Regel auf neurologische Probleme zurückzuführen ist. Die Bewegungen können vom Gehirn nicht mehr richtig gesteuert werden, was zu Schwierigkeiten bei zielgerichteten Bewegungen führt.

Ursachen der hereditären Ataxie

Die Ursachen für Ataxie bei Katzen sind vielfältig und können in genetische und erworbene Faktoren unterteilt werden.

Genetische Ursachen

  • Erbkrankheiten: Selten können Erbkrankheiten zu Ataxie führen. Ein Beispiel ist die Lysosomale Speicherkrankheit (LSK), eine genetisch bedingte Stoffwechselerkrankung. Der Defekt führt zu einer verringerten Aktivität eines Enzyms, das auch den Stoffwechsel des Nervensystems betrifft.
  • Weitere genetische Ursachen: Es gibt eine Vielzahl von Genen, die an der normalen Entwicklung und Funktion des Kleinhirns beteiligt sind, und Mutationen in diesen Genen können zu Ataxie führen. Die erbliche Ataxie kann in verschiedenen Formen auftreten, wie der Friedreich-Ataxie oder der spinozerebellären Ataxie. Häufig vererben sich diese innerhalb von Familien.

Erworbene Ursachen

  • Entwicklungsstörungen: Während der Trächtigkeit können Virusinfektionen wie das Feline Parvovirus (FPV, Katzenseuche) die Entwicklung des Kleinhirns beeinträchtigen, was zu Ataxie bei den Kätzchen führen kann. Auch der Katzenschnupfen, verursacht durch das Feline Herpesvirus oder Feline Calicivirus, kann ähnliche Auswirkungen haben.
  • Vergiftungen: Der Kontakt von Mutter- oder Jungtieren mit Toxinen kann zu Schäden am Zentralnervensystem (ZNS) und damit zu Ataxie führen. Ein Beispiel hierfür sind Griseofulvin-Behandlungen gegen Pilzinfektionen.
  • Stoffwechselprobleme und Mangelerscheinungen: Stoffwechselprobleme wie Diabetes mellitus oder Hypoglykämie sowie Mangelerscheinungen wie Thiamin-Mangel können die Funktion des zentralen Nervensystems negativ beeinflussen und Ataxie begünstigen.
  • Spätere Schädigungen: Gewalteinwirkungen durch Unfälle oder Misshandlungen, degenerative ZNS-Erkrankungen wie Wirbelsäulen-Deformationen oder entzündlich-degenerative Prozesse des ZNS können ebenfalls Ataxie verursachen.
  • Schlaganfall: Ein Schlaganfall im Bereich des Kleinhirns oder der zugehörigen Blutgefäße kann die Funktion des Kleinhirns beeinträchtigen und zu einer Ataxie führen.
  • Schädel-Hirn-Trauma: Verletzungen durch Unfälle, Stürze oder äußere Gewalteinwirkung können das Kleinhirn oder seine Verbindungen schädigen.
  • Entzündungen: Entzündliche Erkrankungen wie Multiple Sklerose, infektiöse Meningitis oder Autoimmunerkrankungen können das Kleinhirn betreffen und die Ataxie verursachen.
  • Toxische Einflüsse: Substanzen wie Alkohol, bestimmte Medikamente, Schwermetalle oder Chemikalien können das Kleinhirn schädigen und zur Entwicklung von Ataxie beitragen.
  • Tumorbedingte Ursachen: Auch Tumore im Bereich des Kleinhirns oder in benachbarten Regionen können den normalen Betrieb des Kleinhirns beeinträchtigen und Ataxie verursachen.

Formen der Ataxie

Die Formen bzw. Typen von Ataxie werden je nach Lokalisation der zugrunde liegenden Erkrankung unterschieden. Im Folgenden sind die häufigsten Typen von Ataxie bei Katzen beschrieben:

Cerebelläre Ataxie (Kleinhirnataxie)

Schäden oder Erkrankungen des Kleinhirns (Cerebellum) sind die häufigste Ursache von Ataxien. Das Kleinhirn ist eine Region des Gehirns, welche an der Kontrolle von Balance und Koordination beteiligt ist. Hier werden die Informationen aus dem Rückenmark, der Gleichgewichtsorgane und der übrigen Sinneswahrnehmungen zusammengeführt und in motorische Bewegungsabläufe umgesetzt. Das heißt, über das Kleinhirn erfolgt die Planung, Koordination und Feinabstimmung von Bewegungen.

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Kommt es im Kleinhirn aufgrund einer Störung zu Einschränkungen, zeigen sich die typischen Bewegungsformen der Kleinhirnataxie: Betroffene Katzen stehen und gehen oft mit weit gespreizten Beinen und laufen in einer Art "staksiger Gang", die Bewegungen sind ruckartig, wackelig und unkoordiniert, Augenzittern (Nystagmus) und Kopfzittern (Tremor) sind zu beobachten. Der Ablauf von Schrittfolgen ist ungleichmäßig, die Katze stolpert häufig und stürzt mehr oder weniger oft. Zudem kommt es zu sogenannten Dysmetrien: Dies bezeichnet die Unfähigkeit, die Entfernung, Schnelligkeit und Kraft einer Zielbewegung richtig einzuschätzen. Katzen mit Kleinhirnschaden fällt es daher zum Beispiel schwer, ihre Sprünge genau zu kalkulieren.

Auslöser für Kleinhirnataxie sind meist Tumore, Vergiftungen oder eine Hirn-Athrophie ("Gewebsschwund"). Ebenso können Schäden am Kleinhirn aufgrund von Unfällen oder Misshandlungen auftreten. Besonders häufig liegt jedoch eine Cerebelläre Hypoplasie vor: Dies bezeichnet eine Unterentwicklung des Kleinhirns von Geburt an. Auslöser sind z. B. Infektionen noch im Mutterleib der Katze. Insbesondere diese Form der Erkrankung ist nicht progressiv, d. h. sie verschlechtert sich nicht. Die betroffenen Katzen können mit der Zeit sogar ihre Einschränkungen durch Übung und Training teilweise kompensieren.

Sensorische/Sensible Ataxie

Die Sensorische (oder auch Sensible) Ataxie hat ihre Ursache in einem Schaden des Rückenmarks oder der peripheren Nerven, welche an der Erkennung der Extremitäten beteiligt sind. In manchen Fällen liegt der Grund einer Sensorischen Ataxie auch in einer Fehlfunktion im Zusammenspiel verschiedener Teile des Gehirns, die Lageinformation der Extremitäten verarbeiten. Das Gehirn erhält nicht die richtige Information über die Lage der Beine und anderer Körperteile im Raum, da die über das Rückenmark ankommenden sensiblen Informationen aus den peripheren sensiblen Nerven, Gelenken und Muskeln fehlen. Diese sind aber für die Feinabstimmung der gezielten motorischen Bewegung erforderlich.

Betroffene Katzen stehen und gehen mit weit gespreizten Beinen. Durch die Gesamtheit verschiedener Probleme hinsichtlich der Zusammenarbeit von Nerven und Muskeln sind die betroffenen Katzen häufig sehr schwach - ein Muskelaufbau kann nur sehr schwer erfolgen. Die Ataxie führt zu Bewegungen falschen Ausmaßes, zu überschießend-ausfahrenden Bewegungen (Hypermetrie) oder zu unflüssig-verwackelten Bewegungen (Asynergie).

Häufige Auslöser einer sensorischen Ataxie, sind Trauma-Ereignisse wie Quetschungen des Rückenmarks oder anderweitig ausgelöste Deformation der Wirbelsäule, z. B. deformierend degenerative Gelenkerkrankungen. Die "oberflächennahen" Nervenbahnen des Rückenmarks, die Hinterstrangbahnen, erleiden hierbei zwangsläufig den stärksten Schaden. Oft kommt es dann zu einer Spinalen Ataxie.

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Die Spinale (oder auch Afferente) Ataxie ist eine häufige Unterform der Sensorischen Ataxie. Sie tritt aufgrund von Erkrankungen oder Schädigungen der Hinterstrangbahnen des Rückenmarks auf, welche die Muskulatur der Gliedmaßen mit dem Kleinhirn verbinden.

Vestibuläre Ataxie

Zu einer Vestibulären ("den Gleichgewichtssinn betreffenden") Ataxie kommt es nach einer Schädigung des Gleichgewichtsorgans. Das vestibuläre System ist Grundlage für die Kontrolle der Balance und leitet außerdem Informationen an das Kleinhirn.

Bei einer Vestibulären Ataxie ist eine typische Schiefhaltung des Kopfes und häufig auch ein Augenzittern zu beobachten. Betroffene Katzen laufen häufig im Kreis und kippen zu einer Seite um. Übelkeit und Erbrechen können auftreten.

Ursache von Vestibulären Ataxien sind z.B. bei Erkrankungen des Innenohrs (z. B. bei Entzündungen) oder der Nerven, welche das Innenohr mit dem Gehirn verbinden.

Symptome der Ataxie

Die Symptome einer Ataxie können je nach Form und Schweregrad variieren. Zu den häufigsten Symptomen gehören:

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  • Koordinationsstörungen in verschiedenen Körperbereichen
  • Probleme beim Stehen oder Laufen (Standataxie)
  • Schwierigkeiten beim aufrechten Sitzen und Stehen (Rumpfataxie)
  • Schwankende Bewegungen und eine breitbeinige Körperstellung beim Gehen (Gangataxie)
  • Probleme beim Zeigen des Fingers auf ein bestimmtes Objekt (Zielbewegungsataxie)
  • Einschränkungen der zielgerichteten Kontrolle der Augen (optische Ataxie)
  • Augenzittern (Nystagmus)
  • Kopfzittern (Tremor)
  • Schiefhaltungen des Kopfes
  • Abnormer, breiter oder steifer, tapsiger oder torkeliger (ataktischer) Gang
  • Lähmungen der Vor- oder Nachhand
  • Wahrnehmungsprobleme
  • Bewusstseinsstörungen
  • Falsche Abmessung von Zielbewegungen (Dysmetrie)
  • Geräuschempfindlichkeit und schnelles Erschrecken

Diagnose der Ataxie

Die Diagnose einer Ataxie basiert auf einer gründlichen neurologischen Untersuchung und Anamnese. Der Tierarzt wird die Bewegungen, Reflexe und das Gleichgewicht der Katze beurteilen. Um die Ursache der Ataxie zu ermitteln, können verschiedene diagnostische Tests erforderlich sein:

  • Blut- und Urintests: Diese können helfen, Stoffwechselstörungen, Infektionen oder Vergiftungen zu identifizieren.
  • Bildgebende Verfahren: Röntgenaufnahmen, Computertomographie (CT) oder Magnetresonanztomographie (MRT) können strukturelle Veränderungen im Gehirn oder Rückenmark aufzeigen, wie z. B. Tumore, Entzündungen oder Verletzungen.
  • Liquoruntersuchung: Eine Analyse der Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit (CSF) kann Hinweise auf Entzündungen oder Infektionen des Nervensystems liefern.
  • Elektrodiagnostik: EEG (Gehirnstrommessung) und EMG (Muskelstrommessung) können die elektrische Aktivität des Gehirns und der Muskeln beurteilen.
  • Gentests: Bei Verdacht auf eine genetisch bedingte Ataxie können Gentests durchgeführt werden, um spezifische Mutationen zu identifizieren.

Behandlung der Ataxie

Die Behandlung der Ataxie richtet sich nach der zugrunde liegenden Ursache. Bei erworbenen Ataxien kann die Behandlung der Grunderkrankung, wie z. B. einer Infektion oder Vergiftung, zur Verbesserung der Symptome führen. Bei genetisch bedingten Ataxien ist eine ursächliche Behandlung oft nicht möglich. In diesen Fällen konzentriert sich die Therapie auf die Linderung der Symptome und die Verbesserung der Lebensqualität der Katze.

Physiotherapie

Physiotherapie spielt eine wichtige Rolle bei der Behandlung von Ataxie. Durch gezielte Übungen und Training kann die Koordination, das Gleichgewicht und die Muskelkraft der Katze verbessert werden. Koordinative Physiotherapie hat sich besonders bewährt, um Bewegungsabläufe, Handlungsfähigkeit und das Gleichgewicht nachhaltig zu verbessern.

Unterstützende Maßnahmen

  • Anpassung der Umgebung: Um die Sicherheit und den Komfort der Katze zu gewährleisten, sollten die Wohnräume angepasst werden. Dazu gehören z. B. das Entfernen von Hindernissen, das Anbringen von Rampen oder Treppen, um den Zugang zu erhöhten Plätzen zu erleichtern, und das Bereitstellen von weichen Unterlagen, um das Verletzungsrisiko bei Stürzen zu minimieren.
  • Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung ist wichtig, um die Gesundheit und das Wohlbefinden der Katze zu unterstützen. Bei bestimmten Stoffwechselstörungen oder Mangelerscheinungen kann eine spezielle Diät erforderlich sein.
  • Medikamentöse Therapie: In einigen Fällen können Medikamente eingesetzt werden, um bestimmte Symptome der Ataxie zu lindern, wie z. B. Muskelkrämpfe oder Schmerzen.

Leben mit einer Ataxie-Katze

Eine Katze mit Ataxie benötigt besondere Aufmerksamkeit und Fürsorge. Es ist wichtig, die individuellen Bedürfnisse der Katze zu berücksichtigen und ihr eine sichere und komfortable Umgebung zu bieten. Mit der richtigen Unterstützung können Ataxie-Katzen ein erfülltes und glückliches Leben führen.

Besondere Bedürfnisse

  • Aufmerksamkeit: Ataxie-Katzen benötigen mehr Aufmerksamkeit und Zuwendung von ihren Besitzern.
  • Sicherheit: Die Umgebung sollte sicher und hindernisfrei sein, um Stürze und Verletzungen zu vermeiden.
  • Unterstützung: Die Katze benötigt möglicherweise Hilfe bei der Körperpflege, beim Fressen und Trinken sowie beim Toilettengang.
  • Geduld: Es erfordert Geduld und Verständnis, um mit den Herausforderungen umzugehen, die mit der Pflege einer Ataxie-Katze einhergehen.

Lebensqualität

Ataxie-Katzen können trotz ihrer Behinderung eine hohe Lebensqualität haben. Sie nehmen ihre Einschränkungen oft nicht als solche wahr und können ein normales Sozialverhalten zeigen. Mit der richtigen Unterstützung und Pflege können sie ein erfülltes und glückliches Leben führen.

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