Hereditäres Parkinson-Syndrom: Ursachen, Forschung und therapeutische Chancen

Die Parkinson-Erkrankung ist eine der häufigsten neurodegenerativen Erkrankungen weltweit. Wissenschaftler und Ärzte auf der ganzen Welt arbeiten intensiv daran, die Entstehung und das Fortschreiten der Erkrankung besser zu verstehen, um neue Behandlungsmethoden zu entwickeln. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf den genetischen Ursachen, die bei einem Teil der Patienten eine Rolle spielen.

Genetische Grundlagen des Parkinson-Syndroms

Es ist bekannt, dass durchschnittlich etwa 15 Prozent aller Parkinson-Patienten genetisch vorbelastet sind, bei jungen Patienten sogar bis zu 25 Prozent. Diese Patienten weisen Veränderungen in einem oder mehreren von etwa 20 sogenannten "Parkinson-Genen" auf. Allerdings erkranken nicht alle Personen mit der gleichen genetischen Vorbelastung, was die Frage nach den zusätzlichen Faktoren aufwirft, die zur Ausprägung der Erkrankung führen.

Die Rolle der Cytochrom P450-Gene

Ein Wissenschaftlerteam um Prof. Rita Bernhardt von der Universität des Saarlandes forscht seit 2020 an den Ursachen der Parkinson-Erkrankung. Ihr Ansatz unterscheidet sich von anderen Forschungsgruppen, da sie erstmals die Rolle der Cytochrom P450-Proteine in den Blick nehmen. Diese große Eiweißgruppe reguliert verschiedene Stoffwechselreaktionen im Körper. Die Forscher untersuchen, wie Veränderungen in den zugrundeliegenden Genen die Entstehung und Ausprägung der Parkinson-Erkrankung beeinflussen.

In einer aktuellen Publikation analysierten die Wissenschaftler frei zugängliche Daten der Parkinson’s Progression Markers Initiative (PPMI) und konzentrierten sich dabei auf die Familie der Cytochrom P450-Gene. Diese umfasst 57 Gene, die für die Produktion von Enzymen zuständig sind, die wichtige Stoffwechselprozesse steuern. Es zeigte sich, dass bei erkrankten Personen mit genetischer Vorbelastung Veränderungen in verschiedenen P450-Genen bis zu zehnfach überrepräsentiert waren.

Implikationen der Forschungsergebnisse

Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass Menschen mit genetischer Vorbelastung für Parkinson erst dann erkranken, wenn sie zusätzlich eine Veränderung in einem der P450-Gene aufweisen. Personen mit genetischer Vorbelastung, die keine Mutation in einem der P450-Gene tragen, bleiben dagegen ohne Symptome. Die P450-Gene spielen eine wichtige Rolle in zahlreichen Stoffwechselwegen, unter anderem in der Biosynthese von Eicosanoiden, die als Immunmodulatoren wirken und Entzündungsprozesse regulieren. Zudem identifizierten die Forscher die besondere Bedeutung von P450-Genen, die am Vitamin A- und Vitamin D-Stoffwechsel sowie am Cholesterinabbau im Gehirn beteiligt sind.

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Prof. Bernhardt betont, dass die Ursachen der Erkrankung in diesen Fällen auf vielfältige Kombinationen von Genänderungen zurückzuführen sind, was auch durch die sehr individuellen Ausprägungen des Krankheitsbildes unterstützt wird. Dennoch spielen offenbar definierte Stoffwechselwege eine besonders große Rolle.

Atypische Parkinson-Syndrome

Im Gegensatz zum idiopathischen Parkinson-Syndrom, bei dem die Ursache unbekannt ist, gibt es auch atypische Parkinson-Syndrome (APS). Diese sind seltener und umfassen Erkrankungen wie die Multisystematrophie (MSA), die progressive supranukleäre Blickparese (PSP), das kortikobasale Syndrom (CBS) und die Demenz mit Lewy-Körpern (LBD). Die APS sind ebenfalls neurodegenerative Erkrankungen, wobei man je nach zugrundeliegenden neuropathologischen Veränderungen zwischen Synukleinopathien (MSA, LBD, bestimmte Formen des CBS) und Tauopathien (PSP, bestimmte Formen des CBS) unterscheiden kann.

Diagnose und Differenzierung

Die Diagnose der APS kann insbesondere in der Frühphase schwierig sein, sowohl innerhalb der Gruppe der APS als auch in Abgrenzung zum idiopathischen Parkinson-Syndrom. Zur Unterstützung der Diagnosestellung können verschiedene Untersuchungen durchgeführt werden, darunter:

  • Nervenwasseruntersuchung
  • Kernspintomographie
  • Kardiovaskuläre Funktionstests (z.B. Kipptischuntersuchung)
  • Da-TSCAN® (123J-Dat-Scan) zur Bestimmung der Dopamintransporterdichte im Gehirn
  • 18F FDG PET zur Darstellung des Gehirnstoffwechsels
  • MIBG-Szintigraphie zur Visualisierung der Katecholaminaufnahme in kardialen Neuronen

Klinische Merkmale der Atypischen Parkinson-Syndrome

Die Multisystematrophie (MSA) wird je nach Ausprägung der klinischen Symptomatik in den Parkinson-Typ (MSA-P) und den cerebellären Typ (MSA-C) unterteilt. Gemeinsames Merkmal beider Typen sind ausgeprägte Störungen des autonomen Nervensystems, die zum Teil Jahre vor Beginn der Parkinson- bzw. Kleinhirnsymptome auftreten können.

Die progressive supranukleäre Blickparese (PSP) zeigt eine Vielfalt an Erscheinungsformen, die in den revidierten Diagnosekriterien der MDS (Movement Disorder Society) berücksichtigt werden. Symptome aus verschiedenen Kategorien (Augenbewegungsstörungen, posturale Instabilität, Akinesie und kognitive Störungen) werden zu sogenannten "Prädominanztypen" kombiniert.

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Das Kortikobasale Syndrom (CBS) zeichnet sich durch eine Kombination von kortikalen und basalganglionären Symptomen aus. Die Diagnose wird rein klinisch gestellt, wenn bestimmte Symptome gemeinsam vorliegen.

Die Demenz mit Lewy-Körpern (LBD) weist einige Gemeinsamkeiten mit dem idiopathischen Parkinson-Syndrom auf, insbesondere in Bezug auf die motorischen Symptome. Zu den Kernsymptomen der LBD zählen jedoch auch die REM-Schlaf-Verhaltensstörung, wiederkehrende optische Halluzinationen und starke Schwankungen der Aufmerksamkeit und Wachheit im Tagesverlauf.

Idiopathisches Parkinson-Syndrom: Symptome, Ursachen und Diagnose

Das idiopathische Parkinson-Syndrom ist durch die Kardinalsymptome Akinese, muskuläre Rigidität und Ruhetremor gekennzeichnet, die in unterschiedlicher Gewichtung auftreten können.

Kardinalsymptome

  • Akinese: Bewegungsarmut, die zu einer Verlangsamung und Verminderung willkürlicher und automatischer Bewegungen führt.
  • Muskuläre Rigidität (Rigor): Muskelsteife bei aktiven und passiven Bewegungen.
  • Ruhetremor: Zittern, das in Ruhe auftritt und sich bei Aufregung verstärken kann.

Je nach Auftreten der Symptome unterscheidet man verschiedene Typen des idiopathischen Parkinson-Syndroms:

  • Äquivalenz-Typ: Akinese, Rigor und Tremor sind in etwa gleich stark vorhanden.
  • Akinetisch-rigider Typ: Minimaler oder fehlender Tremor, aber stark ausgeprägte Minderbewegung und Muskelsteifigkeit.
  • Tremor-dominanter Typ: Der Tremor steht im Vordergrund, Akinese und Rigor sind nur geringer vorhanden.

Weitere Symptome

Neben den Kardinalsymptomen können weitere Symptome auftreten, darunter:

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  • Schmerzen oder Missempfindungen im Rücken, Nacken, Armen oder Beinen
  • Störungen der Blasen- oder Darmfunktion
  • Veränderungen der Stimmung und des Gefühlslebens
  • Nachlassen der geistigen Leistungsfähigkeit
  • Störungen des Sprechens und Schluckens
  • Hautprobleme
  • Schlafprobleme
  • Riechstörungen

Ursachen des idiopathischen Parkinson-Syndroms

Das idiopathische Parkinson-Syndrom entsteht durch einen Mangel an Dopamin in speziellen Gehirngebieten. Dopamin ist ein Botenstoff, der von der Substantia nigra gebildet wird. Beim Morbus Parkinson ist der Zellabbau in dieser Hirnregion beschleunigt, was zu Funktionsstörungen in verschiedenen Schaltkreisen im Gehirn führt.

Diagnostik

Die Diagnostik des idiopathischen Parkinson-Syndroms umfasst eine genaue Erhebung der Vorgeschichte (Anamnese) und eine fachärztliche, klinisch-neurologische Untersuchung. Auch eine psychiatrische Untersuchung kann notwendig sein. Zusätzlich werden in der Regel eine Computer- oder Kernspintomographie des Gehirns sowie eine spezielle nuklearmedizinische Untersuchung (DAT-Spect) veranlasst.

Behandlungsmöglichkeiten

Die Behandlung des Parkinson-Syndroms zielt darauf ab, die Symptome zu lindern und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern.

Medikamentöse Therapie

Zur medikamentösen Behandlung stehen verschiedene Medikamente zur Verfügung, die den Dopaminmangel ausgleichen oder die Wirkung des vorhandenen Dopamins verstärken. Dazu gehören:

  • Levodopa (L-Dopa)
  • Dopamin-Agonisten
  • MAO-B-Hemmer
  • COMT-Hemmer
  • Anticholinergika

Die Auswahl des geeigneten Medikaments oder der Medikamentenkombination hängt von der Schwere und Ausprägung der Erkrankung, den Begleiterkrankungen und den bereits eingenommenen Medikamenten ab.

Nicht-medikamentöse Therapie

Neben der medikamentösen Therapie spielen nicht-medikamentöse Maßnahmen eine wichtige Rolle, darunter:

  • Physiotherapie: Fördert die Beweglichkeit und beugt Gelenkversteifungen und Stürzen vor.
  • Logopädie: Verbessert das Sprech- und Schluckvermögen.
  • Ergotherapie: Hilft, die Selbstständigkeit im Alltag und im Beruf so lange wie möglich aufrechtzuerhalten.
  • Psychotherapie: Kann bei Bedarf angewendet werden, um mit der Erkrankung umzugehen.

Tiefe Hirnstimulation

In besonders schweren Fällen oder wenn eine ausreichende medikamentöse Therapie nicht möglich ist, kann eine Tiefe Hirnstimulation in spezialisierten Zentren erfolgen.

Leben mit Parkinson

Das Leben mit Parkinson stellt Betroffene und ihre Angehörigen vor viele Herausforderungen. Es ist wichtig, sich an die veränderten Lebensbedingungen anzupassen und Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Spezielle Therapien können helfen, die Beweglichkeit und Selbstständigkeit im Alltag und Beruf zu erhalten. Hilfsmittel können Betroffene zusätzlich unterstützen.

Hilfreiche Maßnahmen im Alltag

  • Ernährung: Ausgewogene Ernährung und ausreichende Flüssigkeitszufuhr.
  • Bewegung: Regelmäßige, aktive Bewegung und Vermeidung von Überanstrengung.
  • Hilfsmittel: Anziehhilfen, Kommunikationshilfen, spezielles Geschirr.

Pflegebedürftigkeit

Mit fortschreitender Erkrankung erhöht sich die Pflegebedürftigkeit der Betroffenen. Es ist ratsam, sich rechtzeitig über zusätzliche Hilfen und Pflegeleistungen zu informieren.

Aktuelle Forschung und zukünftige Perspektiven

Die Parkinson-Forschung hat in den letzten Jahren bedeutende Fortschritte gemacht, insbesondere im Bereich der Genetik. Die Identifizierung von Genen, die mit einem erhöhten Parkinson-Risiko assoziiert sind, ermöglicht es, die Krankheitsmechanismen besser zu verstehen und neue Therapieansätze zu entwickeln.

Neue Klassifikation der Parkinson-Krankheit

Basierend auf neuen Forschungserkenntnissen arbeiten Forschende weltweit an einer neuen Klassifikation der Parkinson-Krankheit, die auf biologischen Merkmalen basiert. Diese Klassifikation soll drei Kernelemente als Biomarker einbeziehen:

  • Nachweis von Alpha-Synuclein
  • Nachweis von Neurodegeneration
  • Nachweis von genetischen Varianten

Therapeutische Chancen

Die Kenntnisse über zelluläre Stoffwechselwege, die durch eine Mutation gestört sind, erlauben es, gezielt und kausal in den Krankheitsprozess einzugreifen. Ein zentraler Angriffspunkt für modifizierende Therapien ist das fehlgefaltete Eiweiß Alpha-Synuclein. Mit einem neuen Test, dem Alpha-Synuclein Seed Amplification Assay (SAA), ist es erstmals möglich, das Vorhandensein von fehlgefaltetem Alpha-Synuclein individuell mit hoher Genauigkeit zu messen.

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