Spermidin, ein natürliches Polyamin, das in allen Zellen unseres Körpers vorkommt und auch von ihnen gebildet wird, rückt immer wieder in den Fokus der Forschung im Zusammenhang mit Alterungsprozessen und neurodegenerativen Erkrankungen wie Demenz. Es wird auch vom Mikrobiom des Darms, also den Darmbakterien, gebildet. Spermidin wird auch mit der Nahrung aufgenommen. Spermidin erfüllt wichtige Aufgaben in der menschlichen Zelle. Für die Wissenschaft besonders interessant ist, dass Spermidin die zelluläre Autophagie auslösen kann - ein Prozess, bei dem Zellen aufgeräumt werden und so genannter Zellschrott abgebaut und verwertet wird. Neben Krankheitserregern und nicht mehr funktionalen Zellbestandteilen gehören dazu auch fehlgefaltete Proteine, die für die Entstehung neurodegenerativer Erkrankungen wie Alzheimer verantwortlich sind. Spermidin kann diese Aufräumprozesse in Gang setzen und schützt damit die Zellen vor schädlichen Ansammlungen. Die Substanz ist in verschiedenen Lebensmitteln enthalten, wobei Vollkornbrot ein guter Spermidin-Lieferant ist. Dieser Artikel beleuchtet die aktuelle Studienlage und die damit verbundenen kontroversen Thesen rund um Spermidin und Demenz.
Was ist Spermidin und wie wirkt es?
Spermidin ist ein Botenstoff, der in jeder Körperzelle vorkommt. Es wird im Körper aus Vorstufen gebildet und über die Nahrung aufgenommen. Eine seiner Hauptfunktionen ist die Induktion der Autophagie - ein zellulärer Reinigungsprozess, bei dem Zellen nicht mehr benötigte Zellteile abbauen und verwerten. Dieser Prozess ist wichtig, um den Alterungsprozess auf zellulärer Ebene zu verlangsamen.
Autophagie: Zellreinigung als Schlüsselmechanismus
Autophagie ist ein fundamentaler Prozess, bei dem Zellen beschädigte oder dysfunktionale Zellbestandteile abbauen und recyceln. Dieser Mechanismus ist entscheidend für die Aufrechterhaltung der Zellgesundheit und die Prävention von altersbedingten Erkrankungen. Spermidin spielt eine Schlüsselrolle bei der Aktivierung der Autophagie, indem es die Bildung von Autophagosomen fördert, den Strukturen, die zellulären Abfall einschließen und zu den Lysosomen transportieren, wo er abgebaut wird.
Spermidin in Lebensmitteln
Spermidin ist in verschiedenen Lebensmitteln enthalten, besonders gute Spermidin-Lieferanten sind:
- Weizenkeimlinge mit 300 mg/kg
- Pilze (Kräuterseitlinge, Champignons) mit 80 mg/kg
- Gereifter Käse mit 10-80 mg/kg
- Erbsen mit 56 mg/kg
- Broccoli und Blumenkohl (gekocht) mit 27 mg/kg
- Äpfel und Birnen mit 2,4 mg/kg
Unser Körper ist mit einer Tagesdosis von 5 mg Spermidin gut versorgt, diese kann bereits mit relativ kleinen Portionen der oben genannten Lebensmittel gut erreicht werden.
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Kontroverse Studienergebnisse: Spermidin als Indikator für Hirnalterung?
Eine Studie der Universitätsmedizin Greifswald, veröffentlicht in der Zeitschrift Alzheimer's & Dementia: The Journal of the Alzheimer's Association, untersuchte die Rolle von Spermidin-Blutwerten über die Lebensspanne in der Allgemeinbevölkerung. Die Wissenschaftler untersuchten die Blutwerte von 659 Probanden und stellten fest, dass eine erhöhte Konzentration des körpereigenen Moleküls Spermidin ein Indikator für eine fortgeschrittene Hirnalterung sein kann.
Die Gegenthese: Spermidin-Blutspiegel spiegeln nicht die positiven Auswirkungen wider
Die Ergebnisse dieser Studie widersprechen der bisherigen Annahme, dass die Zufuhr von Spermidin altersbedingter Demenz entgegenwirken könnte. „Unsere Studie zeigt, dass der Spermidin-Blutspiegel nicht die positiven Auswirkungen auf die Gesundheit widerspiegelt, die in Tiermodellen und Humanstudien bei einer höheren Spermidin-Aufnahme mit der Nahrung beobachtet wurden“, fasst Agnes Flöel, Seniorautorin der Studie, die Ergebnisse zusammen. „Außerdem zeigen die Ergebnisse, dass der Spermidin-Blutspiegel als potenzieller Biomarker für präklinische Alzheimer-Demenz verwendet werden könnte.“
MRT-basierte Hirnmarker bestätigen den Zusammenhang
Mithilfe von Magnetresonanztomographie (MRT) konnten die Forscher zeigen, dass erhöhte Spermidin-Blutspiegel mit einer fortgeschrittenen Hirnalterung verbunden waren. Die Studienteilnehmer waren gesund und es lag keine neurodegenerative Erkrankung wie Alzheimer-Demenz vor.
Lebensverlängerung durch Spermidin: Frühere Erkenntnisse
Im Gegensatz zu den Ergebnissen der Greifswalder Studie steht die Forschung des Grazer Molekularbiologen Frank Madeo. Er konnte anhand von Labormäusen nachweisen, dass Spermidin vor kardiovaskulären Erkrankungen schützen und somit zur Lebensverlängerung und Verbesserung der Gesundheit beitragen kann.
Verbesserung der Gedächtnisleistung durch Spermidin-Supplementierung
Erste positive Ergebnisse wurden auch in einer randomisierten, placebokontrollierten Phase-IIa-Studie aus dem Jahr 2018 beobachtet. Ein Forscherteam der Charité Berlin untersuchte bei 30 Teilnehmern ab 60 Jahren mit subjektiver kognitiver Verschlechterung den Effekt einer täglichen Supplementation von Spermidin auf die Gedächtnisleistung. Die Probanden erhielten entweder 1,2 mg Spermidin in Kapselform pro Tag oder ein Placebo. Schon nach drei Monaten wurde in der Versuchsgruppe eine moderate Verbesserung der Gedächtnisleistung gegenüber der Kontrollgruppe festgestellt.
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Spermidin und die Verhinderung altersbedingter Vergesslichkeit
Wissenschaftler der Freien Universität Berlin und der Universität Graz zeigten, dass altersbedingte Vergesslichkeit bei Fruchtfliegen durch die Fütterung mit Spermidin verhindert werden kann. Die körpereigene Substanz Spermidin löst einen zellulären Reinigungsprozess aus, infolge dessen die Erinnerungsleistung älterer Gehirne von Fruchtfliegen wieder auf jugendliches Niveau steigt.
Die Rolle von Spermidin bei der Autophagie und Gedächtnisleistung
Sowohl Tiermodell- wie auch Zellkulturstudien konnten zeigen, dass der Abbau von molekularem Zellmüll wie potenziell zellschädigenden Proteinaggregaten durch eine spermidininduzierte Autophagie ausschlaggebend zu sein scheint. Die Supplementation von Spermidin stellt daher eine mögliche Interventionsstrategie bei abnehmender Gedächtnisleistung dar.
Natürliche Erhöhung des Spermidingehalts im Körper
Auf natürliche Weise lässt sich der Spermidingehalt im Körper ebenfalls erhöhen. Eine ausgewogene Ernährung mit spermidinreichen Lebensmitteln wie Vollkornprodukten, Nüssen und Hülsenfrüchten kann dazu beitragen, den Spermidingehalt im Körper zu erhöhen.
Was ist bei der Einnahme von Spermidinprodukten zu beachten?
Ein bestimmter Weizenkeimextrakt mit Spermidin ist als neuartiges Lebensmittel (Novel Food) zugelassen und darf unter der Bezeichnung "Weizenkeimextrakt mit hohem Spermidingehalt" in Nahrungsergänzungsmitteln für Erwachsene (Schwangere und Stillende ausgenommen) verkauft werden. Die erlaubte Höchstmenge an Spermidin liegt bei 6 Milligramm pro Tag.
Vorsicht vor irreführender Werbung
Es ist wichtig, vor dem Kauf von Spermidinprodukten die Zutatenliste genau zu lesen. Nicht alles, was als Spermidin beworben wird, ist auch Spermidin. Manchmal sind es auch nur gemahlene Weizenkeime. Spermidinhaltige Nahrungsergänzungsmittel werden häufig in Form von Kapseln mit Weizenkeimextrakten angeboten, in denen das natürlicherweise in Weizenkeimen vorkommende Spermidin angereichert wurde. Aber auch pulverisierte Weizenkeime, die dann nur unwesentlich mehr Spermidin enthalten, als "normale" Weizenkeime aus dem Reformhaus oder dem Supermarkt, werden zu hohen Preisen angeboten und gerne mit dem Begriff "hochdosiert" beworben.
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Risiken und Nebenwirkungen
Als körpereigene Substanz ist Spermidin in Lebensmitteln sehr gut verträglich. Dass die langfristige Einnahme hochdosierter Nahrungsergänzungsmittel mit Spermidin keinerlei Risiken birgt, kann man daraus jedoch nicht folgern. Die Daten, inwieweit gesteigerte Autophagie eventuell die Entstehung von Tumoren beeinflussen kann, sind widersprüchlich.
Fazit: Spermidin - Hoffnungsträger oder Fehlalarm?
Die Forschungsergebnisse zur Wirkung von Spermidin auf die Hirnalterung und Demenz sind widersprüchlich. Während einige Studien positive Effekte auf die Gedächtnisleistung und Lebensverlängerung zeigen, deuten andere darauf hin, dass erhöhte Spermidin-Blutspiegel ein Indikator für eine fortgeschrittene Hirnalterung sein könnten.
Weitere Forschung notwendig
Es bedarf weiterer Forschung, um die genauen Mechanismen und Auswirkungen von Spermidin auf den Körper und insbesondere auf das Gehirn zu verstehen. Insbesondere ist es wichtig, den Unterschied zwischen der körpereigenen Erhöhung des Spermidinspiegels und der Zufuhr von Spermidin von außen zu untersuchen.
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