Hildegard von Bingen, eine bemerkenswerte Frau des 12. Jahrhunderts, war nicht nur eine Nonne, Seherin und Mystikerin, sondern auch eine Pionierin der ganzheitlichen Medizin. Ihre Lehren, die Körper, Geist und Seele in Einklang bringen wollen, finden auch heute noch Anklang und bieten wertvolle Impulse für die moderne Gehirnforschung.
Hildegards Leben und Wirken
Hildegard wurde 1098 in Bermersheim (Rheinhessen) geboren. Schon in jungen Jahren hatte sie Visionen, die sie als göttliche Offenbarungen interpretierte. Mit acht Jahren trat sie in ein Benediktinerkloster ein und wurde in Schreiben, Lesen, Musik, Bibelkunde und Sprachen unterrichtet. Nach dem Tod der Vorsteherin wurde Hildegard im Alter von 38 Jahren Äbtissin.
Ihre "innere Schau", wie sie es nannte, ermöglichte es ihr, die Zusammenhänge der Schöpfung zu erkennen. Sie erkannte, dass wahre Gesundheit eine gesunde Beziehung zwischen Mensch und Natur, ein harmonisches Zusammenspiel von Körper, Geist und Seele sowie die Rückbindung an Gott als Ursprung des Lebens voraussetzt.
Hildegards ganzheitlicher Therapieansatz
Hildegards Therapieansatz ist ganzheitlich. Sie betrachtete den Menschen als Teil eines großen Ganzen und betonte die Bedeutung des Einklangs mit Gott und der Umwelt. Ihre Lehren umfassen verschiedene Aspekte, darunter:
- Ernährung: Hildegard empfahl Dinkel als tägliches Grundnahrungsmittel und heilendes Lebensmittel. Sie glaubte, dass Dinkel den Menschen von innen heilt und zur Blutreinigung beiträgt. Auch Heilpflanzen spielten eine wichtige Rolle in ihrer Medizin. Sie setzte mediterrane Heilpflanzen, exotische Gewürze, Pflanzen aus Asien und einheimische Heilkräuter der Volksheilkunde ein. Rohes Gemüse sollte gemieden werden, da es das Blut verschlechtert und den Darm belastet. Gemüse sollte gedünstet oder gekocht werden, um heilsam zu wirken.
- Heilmittel aus der Natur: Hildegard beschrieb in ihrem Werk "Physika" über 2000 Heilmittel aus der Natur und ihre Anwendung. Sie betonte die Bedeutung einer maßvollen und ausgewogenen Ernährung als Basis für eine stabile Gesundheit.
- Ausleitung schlechter Säfte: Hildegard glaubte, dass schlechte Gedanken und Gefühle schlechte Säfte im Körper produzieren. Moderne Forschung bestätigt diese These, indem sie zeigt, dass Stresshormone durch Hass oder Wut entstehen, die Blutfettwerte ansteigen lassen und das Immunsystem schwächen. Zur Harmonisierung empfahl sie Aderlass, Schröpfen, Moxibustion, Fasten und Bäder.
- Regeneration: Hildegard betonte die Bedeutung der Regeneration für Leben und Gesundheit. Sie glaubte, dass kosmische Kräfte, insbesondere der Mond, diesen Prozess steuern.
- Seelenreinigung: Hildegard beschrieb 35 Tugenden und Laster. Um die Seele zu reinigen, sollte man die Laster in Tugenden verwandeln, etwa durch Gebet, Musik und Meditation.
Hildegards Sicht auf das Gehirn und psychische Gesundheit
Hildegards Lehren bieten auch interessante Einblicke in ihre Sicht auf das Gehirn und die psychische Gesundheit. Sie erkannte die Verbindung zwischen Körper, Geist und Seele und betonte die Bedeutung eines harmonischen Zusammenspiels für das Wohlbefinden.
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- Visionen und Gehirnaktivität: Hildegards Visionen könnten aus heutiger Sicht als Ausdruck erhöhter Gehirnaktivität interpretiert werden. Sie beschrieb, wie ein "feuriges Licht" ihr Gehirn durchströmte und ihr Einsichten in die heiligen Schriften ermöglichte. Dies könnte mit der Aktivierung bestimmter Hirnareale in Verbindung stehen.
- Stress und psychische Störungen: Hildegard erkannte, dass Stress und negative Emotionen negative Auswirkungen auf den Körper haben können. Sie sprach von "schlechten Säften", die durch schlechte Gedanken und Gefühle entstehen und das Immunsystem schwächen können. Dies entspricht dem heutigen Verständnis von der Verbindung zwischen Stress, Immunsystem und psychischer Gesundheit.
- Tugenden und Laster: Hildegards Lehre von den Tugenden und Lastern kann als ein Ansatz zur Förderung der psychischen Gesundheit betrachtet werden. Indem man negative Eigenschaften wie Hass und Neid in positive Eigenschaften wie Liebe und Barmherzigkeit verwandelt, kann man die innere Balance wiederherstellen und das Wohlbefinden steigern.
Hildegards Rezepte gegen Kopfschmerzen
Hildegard von Bingen beschreibt in ihren Werken zahlreiche Rezepte und Anwendungen gegen Kopfschmerzen. Sie differenzierte zwischen verschiedenen Arten von Kopfschmerzen und Migräne und nannte die Schwarze Galle als verantwortlichen Körpersaft. Im Verständnis der Humoralpathologie ist diese kalt und trocken, demzufolge galten fast alle Heilmittel, die Hildegard empfiehlt, als wärmend.
Einige Beispiele für ihre Rezepte sind:
- Gerste: In Wasser gekochte Gerste soll gegen das Brennen und Wüten des Kopfschmerzes helfen.
- Erbsen: Weiße Erbsen, zerbissen, mit reinstem Honig vermischt auf die Schläfen aufgetragen und mit einem Verband festgedrückt, sollen bei Stirnkopfschmerzen helfen.
- Zitwer: Ein Pulver des Zitwerwurzelstockes, in ein Tüchlein gebunden und in Wasser durchfeuchtet, soll Stirn und Schläfen befeuchten und so Kopfschmerzen lindern.
- Hirschzungenfarn: Getrocknete Hirschzunge, zerstoßen und als Pulver eingenommen, soll den Schmerz des Kopfes und der Brust beseitigen.
- Salbei, Dost, Fenchel und Andorn: Eine Salbe aus diesen Kräutern, mit Butter oder Fett zu Brei gerührt und auf das Haupt aufgetragen, soll bei Kopfschmerzen helfen, die durch eine Speise mit fauligem Saft verursacht werden.
- Malve und Salbei: Eine Salbe aus zerstoßener Malve und doppelt so viel Salbei, übergossen mit Olivenöl, soll bei Kopfschmerzen helfen, die durch Schwarzgalle verursacht werden.
- Veilchensaft und Olivenöl: Eine Salbe aus Veilchensaft und Olivenöl im Verhältnis 3:1, vermischt mit Bockstalg und gekocht, soll die Stirn quer eingerieben werden und auch gegen Tumoren und Parasiten helfen.
- Wermut: Wermutsaft, in warmen Wein gegossen und auf den Kopf aufgetragen, soll den Schmerz des Kopfes unterdrücken.
- Eibisch und Salbei: Eine Salbe aus Eibisch und etwas weniger Salbei, zerstoßen und mit Olivenöl vermischt, soll auf die Stirn aufgetragen und der Kopf anschließend mit einem Tuch verbunden werden, um den Schmerz des Gehirns zu vertreiben.
- Reiherschnabel: Ein Pulver dieser Pflanze zusammen mit Salz auf einem Brot zu essen, soll das feuchte und trockene Phlegma des Kopfes vertreiben.
- Muskateller-Salbei: In Wasser gekochter Muskateller-Salbei, heiß auf den Kopf gelegt und mit einem Tuch bedeckt, soll die Säfte vermindern, die den Kopf quälen.
Auch Weihrauch, Apfelbaum, Pfirsichbaum, Mandelbaum, Lorbeer, Ölbaum und Weinstock werden in Hildegards Rezepten gegen Kopfschmerzen verwendet.
Hildegards Erbe in der modernen Medizin und Gehirnforschung
Hildegard von Bingens Lehren sind auch heute noch relevant und bieten wertvolle Impulse für die moderne Medizin und Gehirnforschung. Ihr ganzheitlicher Ansatz, der Körper, Geist und Seele in Einklang bringen will, findet in der Psychosomatik und der Salutogenese eine Entsprechung.
- Psychosomatik: Hildegards Erkenntnis, dass schlechte Gedanken und Gefühle den Körper krank machen können, ist ein wichtiger Aspekt der Psychosomatik. Diese Forschungsrichtung untersucht den Einfluss psychischer Faktoren auf die Entstehung und den Verlauf von Krankheiten.
- Salutogenese: Hildegards Betonung der Eigenverantwortlichkeit des Menschen für seine Gesundheit entspricht dem Konzept der Salutogenese. Dieses Konzept konzentriert sich auf die Frage, was den Menschen gesund erhält, anstatt sich nur auf die Entstehung von Krankheiten zu konzentrieren.
- Gehirnforschung: Hildegards Beschreibungen ihrer Visionen und ihre Erkenntnisse über die Auswirkungen von Stress und Emotionen auf den Körper bieten interessante Anknüpfungspunkte für die moderne Gehirnforschung. Die Erforschung der neuronalen Grundlagen von Visionen, Emotionen und Stress könnte dazu beitragen, Hildegards Erkenntnisse besser zu verstehen und in moderne Therapieansätze zu integrieren.
Kritische Würdigung
Obwohl Hildegard von Bingen eine bemerkenswerte Frau war, ist es wichtig, ihre Lehren kritisch zu würdigen. Ihre medizinischen Kenntnisse basierten auf dem mittelalterlichen Weltbild und der Humoralpathologie, die aus heutiger Sicht überholt sind. Ihre Rezepte sollten daher nicht unkritisch angewendet werden.
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Dennoch bieten Hildegards Lehren wertvolle Impulse für eine ganzheitliche Betrachtung von Gesundheit und Krankheit. Ihre Betonung der Bedeutung von Ernährung, Bewegung, Regeneration und Seelenreinigung ist auch heute noch relevant und kann dazu beitragen, das Wohlbefinden zu steigern und die Gesundheit zu fördern.
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