Die Trigeminusneuralgie ist eine äußerst schmerzhafte Erkrankung, die durch plötzliche, heftige Schmerzattacken im Gesicht gekennzeichnet ist. Diese Schmerzen werden durch eine Reizung des Trigeminusnervs ausgelöst, der für die Weiterleitung von Berührungs- und Schmerzempfindungen im Gesicht verantwortlich ist. Die Erkrankung kann die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen und zu sozialer Isolation, Gewichtsverlust und Depressionen führen.
Was ist eine Trigeminusneuralgie?
Die Trigeminusneuralgie ist ein Reizzustand des fünften Hirnnervs, des Nervus trigeminus. Dieser Nerv ist für die sensible Versorgung des Gesichts zuständig. Bei einer Trigeminusneuralgie meldet der Nerv extrem starke, blitzartig auftretende Schmerzen im Gesicht an das Gehirn, ohne dass eine Verletzung oder eine andere offensichtliche Ursache vorliegt. Die Schmerzen dauern meist nur wenige Sekunden bis maximal wenige Minuten, können sich aber pro Tag schubweise sehr häufig wiederholen. Zwischen den Schmerzattacken liegen meist schmerzfreie Zeiträume.
Ursachen der Trigeminusneuralgie
Bei der Trigeminusneuralgie unterscheidet man zwischen der klassischen (idiopathischen) und der symptomatischen Form.
Klassische Trigeminusneuralgie
Die Ursache der klassischen Trigeminusneuralgie ist in den meisten Fällen ein pathologischer Gefäß-Nerven-Kontakt. Dabei drückt ein Blutgefäß, meist die Arteria cerebelli superior, auf den Trigeminusnerv im Kleinhirnbrückenwinkel und irritiert ihn. Diese Irritation führt zu einer Schädigung der schützenden Nervenhülle (Myelinscheide), wodurch der Nerv leichter erregbar wird.
Die Wahrscheinlichkeit, dass Gefäß und Nerv sich berühren, soll demnach erhöht sein, wenn die Wände der Arterien verdickt sind - wie es bei einer Arteriosklerose (Arterienverkalkung) der Fall ist. Da die Verkalkung der Arterien mit steigender Lebenszeit zunimmt, ist das vermutlich der Grund, weshalb viele Geplagte sich im mittleren oder höheren Alter befinden.
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Symptomatische Trigeminusneuralgie
Die symptomatische Trigeminusneuralgie wird durch andere Erkrankungen ausgelöst, die den Trigeminusnerv schädigen oder reizen. Dazu gehören:
- Multiple Sklerose (MS): Bei MS kommt es zu einer Entzündung und Schädigung der Nervenscheiden im Gehirn und Rückenmark. Ist der Trigeminusnerv betroffen, kann dies zu Schmerzattacken führen.
- Tumoren: Tumoren im Bereich des Kleinhirnbrückenwinkels können auf den Trigeminusnerv drücken und ihn reizen.
- Raumforderungen: Akustikusneurinome oder Metastasen können ebenfalls eine symptomatische Trigeminusneuralgie verursachen.
- Umschriebene Hirnstammischämien: Durchblutungsstörungen im Hirnstamm können den Trigeminusnerv schädigen.
- Angiome des Hirnstamms: Gefäßmissbildungen im Hirnstamm können auf den Trigeminusnerv drücken.
- Bindegewebserkrankungen: Kollagenosen wie systemischer Lupus erythematodes (SLE) oder Polymyositis (PM) können ebenfalls eine Trigeminusneuralgie auslösen.
Idiopathische Trigeminusneuralgie
Wenn sich keine Ursache für die typischen Gesichtsschmerzen finden lässt, spricht man von einer idiopathischen Trigeminusneuralgie.
Weitere mögliche Ursachen
Neben den genannten Ursachen werden auch folgende Faktoren als mögliche Auslöser oder Verstärker einer Trigeminusneuralgie diskutiert:
- Zahn- und Kiefererkrankungen: Pulpitis, Dentikel, marginale und apikale Parodontitis, Wurzelreste, postoperative Infektionen, Wundheilungsstörungen, Alveolitis, Osteomyelitis, scharfe Knochenkanten, verlagerte Zähne, Zysten, Tumoren, Knochen- und Weichteilentzündungen, narbige Verziehungen des N. infraorbitalis nach Kieferhöhlenoperation, Amputationsneurome, Nervenläsionen nach Kieferfrakturen, Kiefergelenkschmerzen (Costen-Syndrom).
- Lösungsmittel: Kontakt oder Inhalation von toxischen Lösungsmitteln.
- Dysgnathieoperation: Operative Umstellung der Lagebeziehung der Kiefer.
- Veränderungen im Ganglion Gasseri: Durchblutungsstörungen, sklerosierende Prozesse, Duraverspannungen und vegetative Störungen.
Symptome der Trigeminusneuralgie
Das Hauptsymptom der Trigeminusneuralgie sind plötzliche, heftige Schmerzattacken im Gesicht. Die Schmerzen werden oft als blitzartig, stechend oder brennend beschrieben und zählen zu den stärksten Schmerzen, die ein Mensch empfinden kann.
Typische Symptome
- Blitzartig einschießende Schmerzattacken, die in der Regel den zweiten oder dritten Ast des Trigeminusnervs einseitig befallen und einige Sekunden oder Minuten dauern.
- Die Schmerzen treten im Versorgungsgebiet des Trigeminusnervs auf, also in Stirn, Augen, Wangen, Oberkiefer, Unterkiefer, Lippen oder Kinn.
- Die Schmerzattacken können spontan auftreten oder durch bestimmte Reize ausgelöst werden (sog. Trigger).
- Zwischen den Schmerzattacken besteht in der Regel Beschwerdefreiheit.
- Die Schmerzattacken können sich häufig und rasch wiederholen, manchmal bis zu 100 Mal am Tag.
- Es kann zu unwillkürlichen Muskelzuckungen im Gesicht kommen (Tic douloureux).
- Begleitend zu den Schmerzen können Hautrötung und Augentränen auftreten.
Triggerfaktoren
Bestimmte Reize können bei Menschen mit Trigeminusneuralgie Schmerzattacken auslösen. Diese Reize werden als Triggerfaktoren bezeichnet. Typische Triggerfaktoren sind:
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- Berührung des Gesichts
- Kauen
- Sprechen
- Schlucken
- Zähneputzen
- Waschen des Gesichts
- Auftragen von Make-up
- Rasieren
- Lächeln oder Lachen
- Trinken oder Essen kalter oder heißer Speisen
- Zugluft
- Niesen
Unterschiede zwischen klassischer und symptomatischer Trigeminusneuralgie
Bei der klassischen Trigeminusneuralgie besteht zwischen den Schmerzattacken in der Regel Beschwerdefreiheit. Bei der symptomatischen Form können die Schmerzen auch dauerhaft vorhanden sein. Zudem sind bei der symptomatischen Form häufiger Gefühlstörungen oder motorische Ausfälle im Versorgungsbereich des Trigeminusnervs vorhanden. Auch der Augenast des Trigeminusnervs ist bei der symptomatischen Form häufiger betroffen als bei der klassischen Form.
Diagnose der Trigeminusneuralgie
Die Diagnose der Trigeminusneuralgie basiert in erster Linie auf der Anamnese (Patientengespräch) und der neurologischen Untersuchung.
Anamnese
Im Patientengespräch erfragt der Arzt die genauen Symptome, deren Verlauf und Dauer. Wichtige Fragen sind:
- Wo genau treten die Schmerzen auf?
- Wie fühlen sich die Schmerzen an (blitzartig, stechend, brennend)?
- Wie lange dauern die Schmerzattacken?
- Wie häufig treten die Schmerzattacken auf?
- Gibt es Triggerfaktoren, die die Schmerzen auslösen?
- Bestehen zwischen den Schmerzattacken Beschwerden?
- Gibt es Begleitsymptome wie Muskelzuckungen, Hautrötung oder Augentränen?
- Sind andere Erkrankungen bekannt (z.B. Multiple Sklerose, Tumoren)?
Neurologische Untersuchung
Bei der neurologischen Untersuchung prüft der Arzt die Funktion der Hirnnerven, insbesondere des Trigeminusnervs. Dabei werden die Sensibilität im Gesicht, die मोटरische Funktion der Kaumuskulatur und die Reflexe überprüft.
Bildgebende Verfahren
Um andere Ursachen für die Gesichtsschmerzen auszuschließen, kann eine Magnetresonanztomografie (MRT) des Kopfes durchgeführt werden. Mit einer MRT-Aufnahme können Tumoren, Multiple Sklerose-Herde oder Gefäßanomalien dargestellt werden, die auf den Trigeminusnerv drücken.
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Differenzialdiagnose
Es gibt eine Reihe von anderen Erkrankungen, die ähnliche Symptome wie die Trigeminusneuralgie verursachen können. Diese müssen bei der Diagnose ausgeschlossen werden. Zu den wichtigsten Differenzialdiagnosen gehören:
- Sluder-Neuralgie (Neuralgie des Ganglion pterygopalatinum): Schmerzen im Gaumen, Oberkiefer, Tonsille, Auge, Ohr, Felsenbein.
- Neuralgie des N. intermedius (Hunt): Schmerzen im Ohr, Nasenrachenraum, weichen Gaumen.
- Neuralgie des N. glossopharyngeus: Schmerzen im Rachen, Ohr, Nacken.
- Neuralgie des Ganglion ciliare (Charlin-Neuralgie): Schmerzen im inneren Augenwinkel, Nasenrücken, Lider.
- Neuralgie der sensiblen Fasern des N. facialis: Schmerzen in der Ohrgegend.
- Costen-Syndrom: Kiefergelenkerkrankungen.
- Symptomatische Neuralgie: Schmerzen aufgrund anderer Grunderkrankungen.
- Neuralgiforme Schmerzen bei Herpes zoster und Trigeminusneuritis.
- Kopfschmerzen bei Augenleiden, Entzündungen der Nasennebenhöhlen, Morbus Paget, Arteriitis temporalis, Arthrose der Halswirbelsäule, intrakranielle Prozesse (Tumor, Hirndruck, -abszess, -blutung), Migräne, Morbus Méniére, Commotio und Contusio cerebri.
- Psychogene Kopfschmerzen.
- Postzosterische Neuralgie
- Cluster-Kopfschmerz
- Kraniomandibuläre Dysfunktion
- Trigeminusneuropathie (mit Dauerschmerz und Gefühlsstörungen, kein Triggereffekt, oft nach Gesichtsverletzungen)
Behandlung der Trigeminusneuralgie
Die Behandlung der Trigeminusneuralgie zielt darauf ab, die Schmerzen zu lindern und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Es gibt verschiedene Behandlungsmöglichkeiten, die je nach Ursache, Schweregrad und individuellen Bedürfnissen des Patienten eingesetzt werden.
Medikamentöse Behandlung
Die medikamentöse Behandlung ist in der Regel die erste Wahl bei der Trigeminusneuralgie.
- Antiepileptika: Mittel der ersten Wahl sind Antiepileptika wie Carbamazepin oder Oxcarbazepin. Diese Medikamente hemmen die Erregbarkeit der Nervenzellen und können so die Schmerzattacken reduzieren. Die Dosierung wird langsam gesteigert, bis die Schmerzen unter Kontrolle sind. Häufige Nebenwirkungen sind Müdigkeit, Schwindel und Übelkeit.
- Weitere Medikamente: Wenn Carbamazepin oder Oxcarbazepin nicht ausreichend wirksam sind oder zu starke Nebenwirkungen verursachen, können andere Medikamente eingesetzt werden, wie z.B. Baclofen, Gabapentin, Pregabalin, Lamotrigin oder Topiramat.
- Schmerzmittel: Normale Schmerzmittel wie Acetylsalicylsäure (ASS), Ibuprofen oder Paracetamol sind bei den starken Schmerzen der Trigeminusneuralgie in der Regel wirkungslos. Auch Opioide sind meist nicht wirksam. In akuten Fällen können Infusionen mit speziellen Wirkstoffen die Beschwerden lindern.
Operative Behandlung
Wenn die medikamentöse Behandlung nicht ausreichend wirksam ist oder zu starke Nebenwirkungen verursacht, kann eine Operation in Erwägung gezogen werden. Es gibt verschiedene operative Verfahren, die bei der Trigeminusneuralgie eingesetzt werden können.
- Mikrovaskuläre Dekompression (MVD): Bei der mikrovaskulären Dekompression wird der Schädelknochen hinter dem Ohr geöffnet, um an den Trigeminusnerv zu gelangen. Dort wird ein kleines Stück Kunststoff zwischen das Blutgefäß und den Nerv platziert, um den Druck auf den Nerv zu verringern. Die mikrovaskuläre Dekompression gilt als wirksame Methode, um die Ursache der Trigeminusneuralgie zu beheben. Nach einer mikrovaskulären Dekompression sind immerhin noch 73 Prozent der Patienten frei von Gesichtsschmerzen.
- Ganglion-Gasseri-Techniken: Bei den Ganglion-Gasseri-Techniken wird eine Nadel durch die Wange bis zum Ganglion Gasseri (einem Nervenknoten des Trigeminusnervs) eingeführt. Über die Nadel werden dann die schmerzleitenden Nervenfasern gezielt geschädigt. Dies kann durch Hitze (Thermokoagulation), chemische Substanzen (Glyzerolinstillation) oder mechanisch (Ballonkompression) erfolgen. Die Ganglion-Gasseri-Techniken sind weniger invasiv als die mikrovaskuläre Dekompression, haben aber auch ein höheres Risiko für Nebenwirkungen wie Gefühlsstörungen im Gesicht.
- Neurexhairese: Bei der Neurexhairese wird der betroffene Nervenast peripher unterbrochen. Der Nerv wird mit einer Klemme gefasst und durch Drehbewegung aufgewickelt, bis er zentral und peripher abreißt. An der Abrissstelle bildet sich ein Amputationsneurom.
- Radiochirurgische Behandlung (Gamma-Knife): Bei der radiochirurgischen Behandlung wird der Trigeminusnerv mit einem kleinen Strahlenfeld bestrahlt. Dies führt zu einer Schädigung der Nervenfasern und kann die Schmerzen reduzieren. Nach drei Jahren sind noch 75 Prozent der Patienten schmerzfrei. Langzeiterfahrungen gibt es zur Strahlentherapie bei der Trigeminusneuralgie jedoch noch nicht, da diese Behandlungsform relativ neu ist.
Weitere Therapien
Neben der medikamentösen und operativen Behandlung gibt es noch weitere Therapien, die bei der Trigeminusneuralgie eingesetzt werden können.
- Physiotherapie: Physiotherapie kann helfen, die Muskeln im Gesicht zu entspannen und die Beweglichkeit des Kiefers zu verbessern.
- Psychotherapie: Psychotherapie kann helfen, mit den Schmerzen umzugehen und die Lebensqualität zu verbessern.
- Akupunktur: Einige Patienten berichten von einer Linderung der Schmerzen durch Akupunktur.
- Stimulationsverfahren: Epidurale Rückenmarksstimulation (SCS) wird bei therapierefraktären Schmerzen eingesetzt.
Leben mit Trigeminusneuralgie
Die Trigeminusneuralgie kann das Leben der Betroffenen stark beeinträchtigen. Die ständigen Schmerzen und die Angst vor neuen Schmerzattacken können zu sozialer Isolation, Depressionen und Angststörungen führen. Es ist daher wichtig, sich frühzeitig an einen Facharzt zu wenden und eine geeignete Therapie zu beginnen.
Tipps für den Alltag
- Vermeiden Sie Triggerfaktoren, die Schmerzattacken auslösen können.
- Achten Sie auf eine regelmäßige Medikamenteneinnahme.
- Suchen Sie sich Unterstützung bei anderen Betroffenen oder in einer Selbsthilfegruppe.
- Nehmen Sie psychotherapeutische Hilfe in Anspruch, wenn Sie unter Depressionen oder Angststörungen leiden.
- Achten Sie auf eine ausgewogene Ernährung und ausreichend Bewegung.
- Sorgen Sie für ausreichend Schlaf und Entspannung.