Migräne ist eine weit verbreitete neurologische Erkrankung, die durch wiederkehrende, oft sehr schmerzhafte Kopfschmerzattacken gekennzeichnet ist. Für Kopfschmerzen besteht eine Lebenszeitprävalenz von etwa 66 %, für Migräne von 12 bis 16 %. Frauen sind zwei- bis dreimal so häufig von Migräne betroffen wie Männer. Migräne ist einerseits eine häufige Ursache für vorübergehende, jedoch erhebliche körperliche Einschränkungen und andererseits aber auch mit anderen Erkrankungen wie beispielsweise Depression, Angsterkrankungen und vaskulären Erkrankungen assoziiert. Die Behandlung von Migräne umfasst sowohl die Akuttherapie zur Linderung der Symptome während einer Attacke als auch die Prophylaxe zur Reduktion der Häufigkeit und Intensität von Anfällen. In der Akuttherapie spielen verschiedene Schmerzmittel eine Rolle, darunter auch Paracetamol. Dieser Artikel beleuchtet die Wirksamkeit von Paracetamol bei der Behandlung von Migräneattacken, seine Anwendung, Dosierung, mögliche Nebenwirkungen und Kontraindikationen.
Migräne: Eine Einführung
Migräne ist mehr als nur ein starker Kopfschmerz. Es handelt sich um eine neurologische Erkrankung, die von einer Vielzahl von Symptomen begleitet sein kann, darunter Übelkeit, Erbrechen, Licht- und Lärmempfindlichkeit. Die Diagnosekriterien für Migräne erfüllen 14,8 Prozent aller Frauen und 6,0 Prozent der Männer. Die Schmerzklinik Kiel bietet eine spezielle Therapie von Migräne mit und ohne Aura, Migräne-Komplikationen, alle Kopfschmerzen, wie z.B. chronische Spannungskopfschmerzen, Kopfschmerz bei Medikamentenübergebrauch, Clusterkopfschmerz, Nervenschmerz (neuropathischer Schmerz), Rückenschmerz und andere Formen chronischer Schmerzerkrankungen.
Ursachen und Auslöser
Die genauen Ursachen von Migräne sind noch nicht vollständig geklärt, aber es wird angenommen, dass eine Kombination aus genetischer Veranlagung und Umweltfaktoren eine Rolle spielt. Die Auslöser für Migräneattacken können vielfältig sein und von Person zu Person variieren. Häufige Auslöser sind Stress, Schlafmangel, bestimmte Nahrungsmittel, Alkohol, hormonelle Veränderungen und Umweltreize wie grelles Licht oder laute Geräusche.
Symptome
Migräneattacken können in unterschiedlichen Phasen ablaufen. Viele Menschen erleben vor dem eigentlichen Kopfschmerz eine sogenannte Aura, die sich durch visuelle Störungen wie Flimmern oder Blitze äußern kann. Der Kopfschmerz selbst ist oft pulsierend, einseitig und von mäßiger bis starker Intensität. Begleitende Symptome können Übelkeit, Erbrechen, Licht- und Lärmempfindlichkeit sein.
Akuttherapie der Migräne
Die Akuttherapie zielt darauf ab, die Symptome einer Migräneattacke so schnell und effektiv wie möglich zu lindern. Hierzu stehen verschiedene Medikamente zur Verfügung, die je nach Schweregrad der Attacke und individuellen Bedürfnissen eingesetzt werden können. Eine Reizabschirmung einzuleiten gehört zu einer der ersten Maßnahmen in der Behandlung des Migräneanfalles. Da die Lärm- und Lichtempfindlichkeit vielen Betroffenen gut bekannt ist, aber aufgrund der Alltagsbedingungen eine Reizabschirmung nicht immer möglich ist, versuchen sich viele Menschen durch schnelle und übermäßige Einnahme von Medikamenten arbeitsfähig zu erhalten. Diese Situation ist ein wesentlicher Grund für einen medikamentösen Fehlgebrauch mit der Gefahr eines Dauerkopfschmerzes durch Medikamentenübergebrauch.
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Medikamentöse Behandlung
Evidenzbasierter Behandlungsstandard: Migräneattacken leichter bis mäßiger Intensität können mit Acetylsalicylsäure (1000 mg als Brausetablette), Paracetamol (1000 mg als Tablette oder Suppositorium) oder einem nichtsteroidalen Antirheumatikum (NSAR, z. B. Ibuprofen 400 bis 600 mg als Tablette oder Suppositorium) behandelt werden. Bei Übelkeit und Erbrechen ist die Zugabe von Metoclopramid zu einem Analgetikum bzw. NSAR sinnvoll und kann die Wirkung von Analgetika verbessern. Bei Erbrechen sollten Analgetika vorzugsweise als Suppositorien eingenommen werden.
Paracetamol
Paracetamol ist ein weit verbreitetes Schmerzmittel, das zur Behandlung von leichten bis mäßigen Schmerzen eingesetzt wird. Es wirkt schmerzlindernd und fiebersenkend, hat aber im Gegensatz zu NSAR keine entzündungshemmenden Eigenschaften.
Wirkmechanismus
Der genaue Wirkmechanismus von Paracetamol ist noch nicht vollständig geklärt. Es wird angenommen, dass es hauptsächlich im zentralen Nervensystem wirkt, indem es die Produktion von Prostaglandinen hemmt, die an der Schmerzentstehung beteiligt sind.
Dosierung und Anwendung
Erwachsene können als Einzeldosis 500 mg bis 1000 mg Paracetamol einnehmen, die Tageshöchstdosis von 4000 mg darf allerdings nicht überschritten werden. Paracetamol sollte in der Schwangerschaft nicht verwendet werden. In einigen Studien ist der Verdacht aufgekommen, dass die Einnahme von Paracetamol während der Schwangerschaft das Risiko für einen Hodenhochstand (Kryptorchismus) erhöhen kann. Ebenso gibt es Hinweise darauf, dass das Asthmarisiko in der Kindheit erhöht ist, wenn die Mutter in der Schwangerschaft Paracetamol eingenommen hat. Belege für die ursächlichen Zusammenhänge sind strittig. Besser untersuchte Alternativen zu Paracetamol und alternativ Ibuprofen gibt es nicht.
Wirksamkeit bei Migräne
Die Wirksamkeit von Paracetamol bei Migräne ist umstritten. Einige Studien haben gezeigt, dass Paracetamol bei leichten bis mäßigen Migräneattacken wirksam sein kann, während andere Studien keine signifikante Wirkung festgestellt haben. Die deutsche S1-Leitlinie „Therapie der Migräneattacke und Prophylaxe der Migräne“ von 2018 weist daraufhin, dass die Wirkung von Paracetamol bei Migräneattacken nicht ausreichend belegt ist, das Analgetikum aber dennoch seinen Stellenwert habe. Nach Haag et al. zählt Paracetamol als Monotherapie zu den wissenschaftlich erprobten Arzneistoffen für die Behandlung von Migräne und wird als Erstlinientherapie empfohlen.
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Derry und Moore untersuchten 2013 in einem aktualisierten Cochrane Review die Wirksamkeit von Paracetamol alleine oder in Kombination mit einem Antiemetikum in der Akuttherapie der Migräne. Insgesamt elf randomisierte, doppelblinde Studien (2942 Teilnehmer, 5109 Attacken), die Paracetamol 1000 mg allein oder in Kombination mit einem Antiemetikum mit Placebo oder aktiven Vergleichspräparaten, hauptsächlich Sumatriptan 100 mg, verglichen, werteten die Autoren aus. Es zeigte sich, dass bei allen Wirksamkeitsergebnissen Paracetamol Placebo überlegen war. Die Autoren schlussfolgerten, dass Paracetamol 1000 mg allein Placebo bei der Behandlung akuter Migräne statistisch überlegen sei, die Schmerzfreiheit mit anderen häufig verwendeten Analgetika aber schneller erreicht werden könne. Angesichts der niedrigen Kosten und der breiten Verfügbarkeit sei Paracetamol dennoch ein nützliches Medikament der ersten Wahl für akute Migräne bei Patienten mit Kontraindikationen für nicht-steroidale Antirheumatika (NSARs) sein oder wenn ASS nicht vertragen werde. Die Zugabe von 10 mg Metoclopramid entspreche der Wirkung von oralem Sumatriptan 100 mg.
Mögliche Nebenwirkungen und Kontraindikationen
Paracetamol ist normalerweise gut verträglich. Bei Leber- und Nierenerkrankungen muss vorsichtig dosiert werden (Arzt befragen). Paracetamol ist in der Regel gut verträglich. Zu beachten ist aber, dass der Arzneistoff hepatotoxisch ist. Patienten mit einer schweren Lebeinsuffizienz dürfen Paracetamol nicht anwenden.
Paracetamol in Kombination mit anderen Wirkstoffen
Eine Kombination aus Paracetamol, Acetylsalicylsäure und Koffein ist gleich 69 Prozent wirksamer als Ibuprofen. Durch die zusätzliche Gabe von 10 mg Metoclopramid (Antiemetikum gegen Übelkeit) kann sogar eine kurzfristige Wirksamkeit, die der von oralem Sumatriptan 100 mg entspricht, erreicht werden.
Warnhinweise
OTC-Analgetika mit den Wirkstoffen Acetylsalicylsäure, Diclofenac, Ibuprofen, Naproxen, Paracetamol, Phenazon oder Propyphenazon müssen mit folgendem Warnhinweis gekennzeichnet werden: „Bei Schmerzen oder Fieber ohne ärztlichen Rat nicht länger anwenden als in der Packungsbeilage vorgegeben!“.
NSAR (Nichtsteroidale Antirheumatika)
NSAR wie Ibuprofen, Diclofenac und Naproxen sind ebenfalls häufig verwendete Schmerzmittel zur Behandlung von Migräneattacken. Sie wirken schmerzlindernd, entzündungshemmend und fiebersenkend. Studienergebnisse zeigen, dass diese Mittel bei Migräne wirksam sind.
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Triptane
Bei schweren Migräneattacken, die nicht auf ein Analgetikum oder NSAR ansprechen, ist eine Behandlung mit einem Triptan sinnvoll. Triptane sind den unspezifischen Analgetika und Ergotaminpräparaten hinsichtlich der Wirksamkeit bei Migräne überlegen. Aktuell sind sieben Triptane verfügbar, die sich hinsichtlich ihrer Wirklatenz, Wirkstärke und Wirkdauer unterscheiden. Im Vergleich zu Sumatriptan sind bei oraler Einnahme Rizatriptan und Eletriptan rascher wirksam, Naratriptan und Frovatriptan sind dagegen eher verzögert wirksam. Die stärker und rascher wirksamen Triptane sind in der Regel auch mit stärkeren Nebenwirkungen behaftet. Häufige Nebenwirkungen der Triptane sind Übelkeit, Schwindel, Parästhesien und Müdigkeit.
Antiemetika
Appetitlosigkeit, Übelkeit und Erbrechen können Begleitsymptome von Migräneattacken sein. Zusätzlich ist oft die Muskulatur des Magens in ihrer Beweglichkeit gestört und damit die Fortbewegung des Speisebreis. Sogenannte Antiemetika (Mittel gegen Übelkeit und Erbrechen) sollen diese Funktionsstörungen bei Migräne beheben. Die eingeschränkte Magenaktivität während der Migräneattacke führt dazu, dass die Schmerzmittel kaum in den Darm weitertransportiert werden. Folge: Die gewünschte Wirkung bleibt aus. Aus diesem Grunde sollten Sie 15 Minuten vor der Einnahme des Migränemittels ein Antiemetikum (Metoclopramid oder Domperidon) einnehmen. Ein vorsichtiger Einsatz sollte bei Nierenerkrankungen und bei Kindern unter 14 Jahren erfolgen. Selten treten Müdigkeit, Schwindel oder Durchfall auf. Sehr selten können kurz nach der Einnahme Bewegungsstörungen in Form von unwillkürlichen Mundbewegungen, Schlund- und Zungenkrämpfen, Kopfdrehungen, Schluckstörungen oder Augendrehungen auftreten. In diesem Fall liegt eine Überdosierung vor und Sie sollten einen Arzt rufen.
Nicht-medikamentöse Maßnahmen
Neben der medikamentösen Behandlung können auch nicht-medikamentöse Maßnahmen zur Linderung von Migräneattacken beitragen. Dazu gehören Ruhe, Entspannungstechniken, Kühlung des Kopfes und die Vermeidung von Auslösern.
Prophylaxe der Migräne
Bei häufigen oder sehr schweren Migräneattacken kann eine prophylaktische Behandlung sinnvoll sein, um die Häufigkeit und Intensität der Anfälle zu reduzieren.
Medikamentöse Prophylaxe
Zur medikamentösen Prophylaxe von Migräne stehen verschiedene Medikamente zur Verfügung, darunter Betablocker, Antidepressiva, Antikonvulsiva und CGRP-Antikörper.
Nicht-medikamentöse Prophylaxe
Auch nicht-medikamentöse Maßnahmen können zur Prophylaxe von Migräne beitragen. Dazu gehören regelmäßiger Schlaf, Stressmanagement, Entspannungstechniken, Akupunktur und eine ausgewogene Ernährung.
Versorgungssituation in Deutschland
Die medizinische Behandlung von Patienten mit Migräne in Deutschland ist verbesserungswürdig. In einer großen, für die erwachsene Bevölkerung in Deutschland repräsentativen Studie zeigte sich, dass etwa drei Viertel der Patienten mit Migräne zur Attackenbehandlung verschreibungsfreie Analgetika einnehmen. Zu dem gleichen Ergebnis kam eine große retrospektive Beobachtungsstudie in Deutschland, in der nur 21,2 % der Patienten mit Migräne ein Triptan zur Attackenbehandlung verschrieben wurde, 74,2 % dagegen ein Analgetikum bzw. NSAR. In einer weiteren epidemiologischen Studie behandelten nur 11 % der Teilnehmer mit Migräne in Deutschland Attacken mit einem Triptan.
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