Hippocampus Guttulatus: Systematik, Biologie und Schutz des Langschnäuzigen Seepferdchens

Einführung

Das Langschnäuzige Seepferdchen (Hippocampus guttulatus), auch bekannt als "Europäisches Seepferdchen", ist eine faszinierende Art aus der Familie der Seenadeln (Syngnathidae). Seepferdchen im Allgemeinen sind aufgrund verschiedener Bedrohungen gefährdet, weshalb der internationale Handel unter der Kontrolle des Washingtoner Artenschutzabkommens (CITES) steht. Dieser Artikel beleuchtet die Systematik, das Aussehen, die Lebensweise, die Fortpflanzung, den Lebensraum, die Ernährung und den Schutzstatus von Hippocampus guttulatus, um ein umfassendes Verständnis dieser bemerkenswerten Kreatur zu vermitteln.

Systematik der Seepferdchen

Sämtliche Seepferdchen weltweit werden aufgrund ihres recht einheitlichen Körperbaus der Gattung Hippocampus zugeordnet. Innerhalb dieser Gattung gibt es derzeit (2023) 57 bekannte Arten, wobei die Einordnung mancher Arten als eigene Art oder Unterart variiert und immer wieder neue Arten entdeckt werden. Das Langschnäuzige Seepferdchen wurde erstmals 1829 von Georges-Frédéric Cuvier wissenschaftlich beschrieben.

Die zoologische Systematik der Seepferdchen lässt sich wie folgt darstellen:

  • Klasse: Knochenfische (Osteichthyes)
  • Ordnung: Strahlenflosser (Actinopterygii)
  • Familie: Seenadeln (Syngnathidae)
  • Gattung: Hippocampus
  • Art: Hippocampus guttulatus

Erscheinungsbild und Merkmale

Die Körperform des Langschnäuzigen Seepferdchens ist typisch für Seepferdchen. Sein Körper ist von ringförmigen Platten aus Knochensubstanz umgeben, die wie Ringe wirken. Am Rumpf befinden sich bis zu 15 solcher Ringe, der Schwanz ist nahezu quadratisch und von etwa 30 Knochenringen umgeben. Die Färbung variiert von dunkelgrün bis braun, wobei der komplette Körper mit weißen Flecken bedeckt ist, die oft von einem dunklen Ring umrandet sind.

Ein auffälliges Merkmal ist die "Krone" auf dem Kopf mit 5 abgerundeten Noppen bzw. stumpfen Spitzen, vor der sich ein langer, auffälliger Stachel befindet, der so hoch wie die "Krone" ist. Auch um die Augen sitzen auffällige, abgerundete Stacheln. Die Länge der Schnauze dient als wichtiges Unterscheidungsmerkmal, ebenso wie die Krone aus Hautfäden. Das Kurzschnäuzige Seepferdchen hat keine Hautfäden.

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Das Langschnäuzige Seepferdchen erreicht eine maximale Länge von ca. 21-22 cm, seine durchschnittliche Länge beträgt ca. 18 cm, das maximale Gewicht ca. 14 gr.

Lebensweise und Verhalten

Seepferdchen leben in der Regel monogam. Haben sie also einmal einen Partner gefunden, bleiben sie meist ein Leben lang mit diesem verbunden. Es gibt jedoch auch Forschungsergebnisse, die bei manchen Seepferdchenarten zeigen, dass das Weibchen nur eine Saison bei einem Partner bleibt oder sich mit einem anderen Männchen paart, wenn sich der Gesundheitszustand des ursprünglichen Partners verschlechtert. Männchen können auch um ein Weibchen kämpfen: sie klammern sich zunächst am Schwanz ihres Rivalen fest und versuchen dann, sich mit einer Art Schwimmbewegung abzustoßen und so das andere Männchen von sich weg zu drängen.

Seepferdchen kommunizieren auch über Klicklaute. Vor allem werden diese Klicks während der Balz und der Paarung erzeugt, offenbar aber auch im Zusammenhang mit der Nahrungsaufnahme. Darüber hinaus gibt es ein undefinierbares „Knurren“ unterhalb von 200 Hertz, das vermutlich Unbehagen oder Abwehr ausdrückt. Diese Laute werden auf unterschiedliche Weise erzeugt. Die Klicks werden mit Hilfe der Schädelknochen erzeugt: das Seepferdchen wirft den Kopf zurück, wobei zwei Schädelknochen am Hinterkopf gegeneinander reiben. Das „Knurren“ wird vermutlich durch Muskelkontraktionen an der Körperseite erzeugt, eventuell aber auch mit Hilfe der Wangenknochen.

Ihre Fortbewegung erfolgt nur langsam und mit Hilfe ihrer Rückenflossen, die sich wellenförmig bewegen. Die winzigen Brustflossen dienen der Steuerung. Junge Seepferdchen lassen sich mit den Meeresströmungen verdriften.

Fortpflanzung

Seepferdchen werden bereits in ihrem ersten Lebensjahr geschlechtsreif, im Alter von sechs bis 12 Monaten. Allerdings gelingt jungen Seepferdchen nicht gleich beim ersten Mal eine erfolgreiche Fortpflanzung, denn der Paarung geht eine längere Balz voraus, bei der die Bewegungen der Partner perfekt auf einander abgestimmt sein müssen. Haben sich Männchen und Weibchen gefunden, bleiben sie meist ein Leben lang zusammen bzw. halten sich in der Nähe ihres Partners auf und pflanzen sich in der Regel nur mit diesem fort (monogame Lebensweise).

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Das Besondere: bei den Seepferdchen trägt das Männchen die befruchteten Eier aus und bringt die lebenden Jungen nach einer Tragzeit von durchschnittlich drei Wochen zur Welt. Haben sich zwei Seepferdchen gefunden, beginnt eine mehrere Tage oder Wochen dauernde „Flirtphase“, in der die beiden aufeinander zuschwimmen, sich mit den Schwänzen gegenseitig festhalten und neben einander schwimmen, bis ihre Bewegungen synchron sind. Dieses Ritual wird jeden Morgen durchgeführt, bis die hormonelle Entwicklung so weit ist, dass sie sich vermehren können.

Dann kommt es zum Paarungstanz, bei dem das Weibchen die Eier über eine Ausstülpung im Unterbauch - dem Ovipositor - in die Bauchtausche des Männchens spritzt. Das Männchen stößt sein Sperma in das umgebende Wasser ab, das vermutlich über den Ovipositor mit aufgenommen und mit den Eiern in die Bauchtasche gegeben wird. Hier in der Bauchtasche findet die Befruchtung der Eier statt. Je nach Art und je nachdem, wie gut die Partner aufeinander abgestimmt sind, werden zwischen 60 und mehreren hundert Eiern befruchtet.

Die befruchteten Eier nisten sich in der Bruttaschenwand ein, dem Epithel. Nahrung erhalten die Embryonen überwiegend vom Dottersack, allerdings werden sie auch vom Vater mit Hilfe von Prolaktin und Progesteron über das Epithel versorgt, vor allem mit Glucose und Sauerstoff. In der Tragzeit besucht das Weibchen jeden Morgen das Männchen zu einem „Begrüßungstanz“.

Je nach Art und abhängig vom Ernährungszustand des Männchens und den Umgebungsfaktoren sind die Mini-Seepferdchen nach zwei bis vier Wochen weit genug entwickelt, um die Bruttasche zu verlassen. Bei den in der Nordsee vorkommenden Arten sind es rund 20 bis 21 Tage. Das Männchen stößt den nur wenige Millimeter großen Nachwuchs durch Muskelkontraktionen nach und nach aus. Die Geburt findet meist nachts statt. Die Neugeborenen sind dann auf sich selbst gestellt und können schnell verdriftet werden. Daher sind auch sie auf Schutz durch dichten Pflanzen- oder Algenbewuchs angewiesen, wie in einer Seegraswiese. Trotzdem überlebt nur ein Bruchteil des Nachwuchses. Kurz nach der Geburt ist das Männchen wieder paarungsbereit. So können sich Seepferdchen mehrfach in der sommerlichen Paarungszeit fortpflanzen. Bei den Kurz- und Langschnäuzigen Seepferdchen auf der Nordhalbkugel ist das die Zeit etwa zwischen April und Oktober.

Den Forschungsergebnissen nach können Seepferdchen fünf bis sechs Jahre alt werden. Aus Gefangenschaftshaltung (z. B. in Zoos) sind fünf Jahre belegt.

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Verbreitung und Lebensraum

Das Verbreitungsgebiet des Langschnäuzigen Seepferdchens ist der Ostatlantik: von den Britische Inseln und den Niederlanden nach Marokko, Kanarische Inseln, Madeira und den Azoren, einschließlich dem Mittelmeer (63°N - 20°N, 32°W - 36°O).

Sein Habitat sind flache küstennahe Lagunen mit felsigen oder kiesigen Untergründen, wo man ihn an Algen oder Seegräsern findet. Seine bevorzugte Wassertiefe ist bis ca. 20 m, im Winter auch tiefere Bereiche.

Beiden Arten gemeinsam ist, dass sie in sandigen oder kiesigen Flachwasserbereichen leben und auf dichten Pflanzenbewuchs angewiesen sind, wie beispielsweise Seegraswiesen, oder Algen. Seegräser und Makroalgen sind auf klares Wasser und starken Lichteinfall angewiesen, da sie wie Landpflanzen Fotosynthese betreiben. In Seegraswiesen finden die Seepferdchen ideale Lebensbedingungen. Diese Leichtgewichte können sich an den Halmen mit ihrem Schwanz festhalten und werden nicht von der Strömung verdriftet. Gleichzeitig sind sie gut getarnt vor möglichen Fressfeinden. Auch ihr Nachwuchs findet ebenso Versteck wie Nahrung.

Ernährung

Das Langschnäuzige Seepferdchen ist ein Lauerjäger. Es ernährt sich in freier Natur von tierischem Plankton, kleinen Garnelen und Krebsen. Beim Fressen erzeugt es durch Abklappen des Unterkiefers einen starken Sog und zieht somit die Beute in das röhrenförmige Maul.

Als Räuber ernähren sich Seepferdchen von Kleinkrebsen wie Flohkrebsen, Ruderfußkrebsen und Schwebgarnelen, von kleinsten Fischchen, Larven und anderem Zooplankton, die sie blitzschnell durch ihre röhrenförmige Schnauze aufsaugen. Dabei erzeugt das Zungenbein einen Unterdruck. Ein kleines „Hautventil“ verschließt die am Rücken befindlichen Kiemenöffnungen. Mit Hilfe von Muskeln wird Spannung aufgebaut, die sich dann mit einem Male entlädt und einen starken Sog erzeugt. Dieses Saugschnappen funktioniert jedoch nur auf vergleichsweise kurze Distanz, sodass sich Seepferdchen gut tarnen müssen. Ein Versteck zwischen Seegräsern oder Algen ist daher ideal, um der Beute aufzulauern bzw. geduldig auszuharren, wie bei allen Seenadeln, die auf diese Weise ihre Beute einsaugen. Die Körperform eines Seepferdchens ermöglicht es ihm, den Kopf blitzschnell vorschießen zu lassen, um dichter an die Beute zu gelangen.

Seepferdchen haben keinen Magen. Die Nahrung wird schnell im Darm verdaut. Das wiederum führt dazu, dass diese kleinen Fische sehr viel und beständig Nahrung aufnehmen müssen.

Gefährdung und Schutzmaßnahmen

Von vielen Seepferdchenarten, u.a. auch von den Langschnäuzigen und Kurschnäuzigen Seepferdchen, gibt es bislang kaum verlässliche Bestandszahlen. Laut der Weltnaturschutzunion IUCN gibt es für viele Arten daher auch keine Einstufung in einen Gefährdungsstatus.

Getrocknete Seepferdchen werden in großen Mengen für die Zwecke der traditionellen asiatischen Medizin gehandelt. Seit dem 15. Mai 2004 ist deshalb der internationale Handel mit allen Arten nach CITES-Anhang II geregelt.

Haltung im Aquarium

Wie alle Seepferdchen sind sie in einem speziellen, Seepferdchen-freundlichen Becken zu halten. Das Becken sollte dem Seepferdchen viele Möglichkeiten bieten, sich mit seinem Wickelschwanz festzuhalten: Caulerpa (Grünalgen), Gorgonien (Hornkorallen), Weichkorallen (Alcyonacea) oder filigrane Riffkeramik. Nesselnde Korallen sind wegen des Nesselgiftes unbedingt zu vermeiden! Die Strömungsgeschwindigkeit sollte nicht zu hoch sein, die Beckenhöhe höher als 50 cm. Seepferdchen sollten paarweise oder in kleinen Gruppen gehalten werden (Artenbecken). Eine Vergesellschaftung mit z.B. Die Haltung von Seepferdchen ist meldepflichtig (CITES). Beim Kauf sollte daher unbedingt auf entsprechende Nachweise geachtet werden.

Alle Seepferdchen sind anfällig für die Gasblasenkrankheit (GBK) und weiteren, noch nicht endgültig bestimmten Krankheiten. Bei der GBK bilden sich Blasen am Körper der Tiere. Diese Blasen, welche sich meistens zuerst am Schwanz zeigen, führen dann zum Auftrieb und letztendlich zum Verhungern der Seepferdchen. Der Krankheitsverlauf endet laut aktuellen Informationen immer tödlich für die betroffenen Tiere. Die Pflege von Seepferdchen sollte daher nur von Experten in speziellen Becken erfolgen, die über eine ausreichend starke UVC-Klärung verfügen und die Wasserbelastung (Seepferdchen sind starke Esser!) mittels sehr kräftiger Filterung in den Griff bekommen können.

Bedeutung für den Meeresschutz

Bedingt durch ihren pferdeähnlichen Kopf und ihre aufrechte Körperhaltung sind Seepferdchen ausgesprochene Sympathieträger und eignen sich daher vorzüglich als Botschafter für den Meeresschutz. Die Rolle, die sie in der orientalischen Medizin und im Souvenirhandel spielen, sowie ihre Fortpflanzungsbiologie bieten viel Stoff für die Zoopädagogik.

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