Die COVID-19-Pandemie hat die Welt vor beispiellose Herausforderungen gestellt. Um die Ausbreitung des Virus einzudämmen und schwere Krankheitsverläufe zu verhindern, wurden in Rekordzeit Impfstoffe entwickelt und zugelassen. Unter diesen Impfstoffen spielen die mRNA-Impfstoffe, insbesondere der von BioNTech/Pfizer (Comirnaty), eine zentrale Rolle. Wie bei allen medizinischen Interventionen sind auch bei Impfungen Nebenwirkungen möglich. In diesem Artikel werden wir uns mit dem möglichen Zusammenhang zwischen der Biontech-Impfung und dem Auftreten von Hirnhautentzündungen (Meningitis) auseinandersetzen. Dabei werden wir sowohl die wissenschaftliche Evidenz als auch die verschiedenen Perspektiven auf dieses Thema beleuchten.
COVID-19-Impfstoffe: Entwicklung, Zulassung und Überwachung
Die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) spielt eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung, Bewertung, Zulassung und Überwachung von COVID-19-Impfstoffen. Zu den zugelassenen Impfstoffen gehören neben Comirnaty von BioNTech/Pfizer auch Spikevax von Moderna, Jcovden von Janssen, Nuvaxovid von Novavax, Valneva (inaktiviert, adjuvantiert), Vidprevtyn von Sanofi und Bimervax von Hipra. Die EMA stellt für jeden dieser Impfstoffe detaillierte Produktinformationen zur Verfügung, die regelmäßig aktualisiert werden.
Die Entwicklung von mRNA-Impfstoffen stellt einen bedeutenden Fortschritt in der Impfstofftechnologie dar. mRNA-Impfstoffe nutzen Boten-RNA (mRNA), um den Körper anzuweisen, ein bestimmtes Protein des Virus zu produzieren, gegen das eine Immunantwort aufgebaut werden soll. Diese Technologie hat das Potenzial, die Entwicklung von Impfstoffen gegen verschiedene Infektionskrankheiten zu beschleunigen.
Neurologische Komplikationen nach COVID-19-Impfungen: Eine Analyse
Eine Studie unter der Leitung der Universität Oxford analysierte die Gesundheitsdaten von über 32 Millionen Engländern, um Informationen über die Häufigkeit von neurologischen Komplikationen im Zusammenhang mit einer SARS-CoV-2-Infektion bzw. mit Impfungen gegen diesen Erreger zu gewinnen. Im Zeitraum zwischen dem 1. Dezember 2020 und dem 31. Mai 2021 wurden alle Todes- und stationären Behandlungsfälle mit den Diagnosen akute demyelinisierende Erkrankung, Enzephalitis/Meningitis/Myelitis, Guillain-Barré-Syndrom (GBS), idiopathische Facialisparese, Myasthenie, hämorrhagischer Schlaganfall und Subarachnoidalblutung identifiziert und untersucht, ob diese in einem zeitlichen Zusammenhang mit einer SARS-CoV-2-Infektion oder mit der ersten Impfdosis standen.
Die Ergebnisse der Analyse zeigten, dass bis auf die hämorrhagischen Insulte innerhalb eines Monats nach einem positiven SARS-CoV-2-Test ein signifikanter Anstieg bei allen untersuchten neurologischen Erkrankungen zu verzeichnen war, um den Faktor 1,2 bis 5,2. Das größte Risiko bestand für GBS, Myasthenie und Enzephalitis/Meningitis/Myelitis.
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In Bezug auf die Impfungen ergab die Studie, dass eine Impfung mit dem Vektorimpfstoff ChAdOx1 nCoV-19 von AstraZeneca mit 38 zusätzlichen GBS-Erkrankungen pro 10 Millionen Exponierten verbunden war. Da auch ein weiterer Vektorimpfstoff dieses Risiko aufweist und nach Impfung mit mRNA-Vakzinen nicht vermehrt GBS beobachtet wurde, liegt ein kausaler Zusammenhang mit der verwendeten Impftechnologie nahe. Eine Impfung mit BNT162b2 (Comirnaty) führte nach Berechnungen der Autoren zu 60 zusätzlichen hämorrhagischen Schlaganfällen pro 10 Millionen Exponierte.
Es ist wichtig zu betonen, dass die genannten Komplikationen insgesamt sehr selten sind. Das Risiko für neurologische Komplikationen ist nach einer Infektion mit SARS-CoV-2 um ein Vielfaches höher als nach einer Impfung.
Das Guillain-Barré-Syndrom (GBS)
Das Guillain-Barré-Syndrom (GBS) ist eine Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem fälschlicherweise die Myelinschicht der Nervenbahnen angreift und dadurch deren Übertragungsfähigkeit beeinträchtigt. Die Folge sind Lähmungen.
Die Analyse der Gesundheitsdaten aus England ergab, dass Menschen, die eine Astrazeneca-Impfung erhalten hatten, ein leicht erhöhtes Risiko hatten, am Guillain-Barré-Syndrom zu erkranken. Pro 10 Millionen Geimpfte gab es in dieser Gruppe 38 Erkrankte mehr als im statistischen Durchschnitt der Vorjahre.
Beim Paul-Ehrlich-Institut (PEI) in Deutschland gingen in den ersten neun Monaten seit Beginn der SARS-CoV-2-Impfkampagne insgesamt 255 Meldungen eines GBS oder seiner bulbären Variante, dem Miller-Fisher-Syndrom (MFS), ein. Das entspricht bei insgesamt 108 Millionen Impfdosen einer Häufigkeit von 0,23 auf 100.000 Impfungen. Die meisten Betroffenen waren im mittleren Lebensalter, nur 6,2 % waren jünger als 30 Jahre. Insgesamt 17 Patienten (6,6 %) mussten intensivmedizinisch behandelt werden, sechs (2,3 %) starben an dieser Komplikation. Bei den Daten des PEI fällt auf, dass ein GBS/MFS vor allem bei Personen auftritt, die mit Vektorimpfstoffen geimpft wurden (ChAdOx1 nCoV-19 bzw. Ad26.COV2.S von Johnson & Johnson).
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Hämorrhagischer Schlaganfall
Ein hämorrhagischer Schlaganfall tritt auf, wenn ein Blutgefäß im Gehirn reißt und Blut in das Gehirn läuft. Die Analyse der Gesundheitsdaten aus England ergab, dass Menschen, die eine erste Dosis Comirnaty (Biontech/Pfizer) erhalten hatten, ein leicht erhöhtes Risiko für einen hämorrhagischen Schlaganfall hatten. Pro 10 Millionen Geimpfter trat dieses Syndrom etwa in 60 Fällen mehr auf als im Durchschnitt.
Es ist wichtig zu beachten, dass hämorrhagische Schlaganfälle auch eine mögliche Folge der Impfstoff-induzierten thrombotischen Thrombozytopenie (VITT) sein können, einer Komplikation, die nach der Impfung mit AZD1222 beobachtet wurde, nicht aber nach BNT162b2.
Das Spike-Protein und seine Auswirkungen auf das Gehirn
Eine neue Studie hat gezeigt, dass das Spike-Protein des Erregers der Coronapandemie SARS-CoV-2 lange nach einer Infektion noch in den Hirnhäuten und im Knochenmark des Schädels zu finden ist. Die Forscher hoffen, damit einen neuen Ansatz für die Therapie von Long-COVID gefunden zu haben.
Das Team unter der Leitung von Prof. Ali Ertürk, Direktor des Instituts für Intelligente Biotechnologien bei Helmholtz Munich, stellte fest, dass mRNA-COVID-19-Impfstoffe die Anreicherung des Spike-Proteins im Gehirn deutlich reduzieren. Eine neuartige KI-gestützte Bildgebungstechnik liefert neue Einblicke, wie das SARS-CoV-2-Spike-Protein das Gehirn beeinflusst.
Die Studie zeigt, dass das SARS-CoV-2-Spike-Protein in den schützenden Schichten des Gehirns, den Hirnhäuten, und im Knochenmark des Schädels bis zu vier Jahre nach der Infektion verbleibt. Das Team entdeckte, dass der mRNA-COVID-19-Impfstoff von BioNTech/Pfizer die Anreicherung des Spike-Proteins im Gehirn signifikant reduzieren konnte.
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Impfempfehlungen für Patienten mit neuroimmunologischen Erkrankungen
Für Patienten mit neuroimmunologischen Erkrankungen, beispielsweise Multiple Sklerose, Myasthenia gravis, Autoimmun-Enzephalitis oder Neuromyelitis Optica Spektrumerkrankungen (NMOSD), stellen sich besondere Fragen bezüglich der möglichen Risiken, die mit einer Corona-Impfung einhergehen können. Auch die Auswahl des Impfstoffes und Fragen zu möglichen Interaktionen des Impfstoffes mit immunsuppressiven oder immunmodulatorischen Medikamenten gilt es zu berücksichtigen.
Die Klinische Kommission Neuroimmunologie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) rät "in aller Regel" zur Impfung. Patienten mit neurologischen Autoimmunerkrankungen haben ein Risiko für schwere COVID-19-Verläufe, etwa bei Myasthenia gravis, wo eine mögliche Schwäche von respiratorischer und bulbärer Muskulatur das Risiko eines schweren Verlaufes erhöht. Die Impfung stellt demnach eine sinnvolle Schutzmaßnahme dar.
In einem Kommentar vom 11. März 2021 nahmen die Neurologen auf die zu diesem Zeitpunkt zugelassenen Impfstoffe von BioNTech, Moderna und AstraZeneca Bezug. Die Experten schlossen keinen dieser Impfstoffe aus. Aufgrund der weltweit gesammelten Daten scheinen alle oben genannten Impfstoffe für die Impfung von Personen mit neuroimmunologischen Erkrankungen geeignet zu sein.
Nach Sichtung der aktuellen Daten durch die Experten der DGN-Kommission liegen keine Hinweise vor, dass die Impfung gegen SARS-CoV-2 bei Patienten mit neuroimmunologischen Erkrankungen ein höheres Nebenwirkungsrisiko birgt. Die üblichen Impfreaktionen, beispielsweise Fieber, können symptomatisch therapiert werden, und es sei davon auszugehen, dass "die Impfung um ein Vielfaches besser vertragen wird als die natürliche Infektion mit SARS-CoV-2", so die Experten.
COV-BOOST-Studie: Immunantwort nach verschiedenen Impfstoffkombinationen
Die britische COV-BOOST-Studie untersuchte die Immunantwort von 26 verschiedenen Primär- und Auffrischungsimpfungskombinationen in drei Clustern und 18 Zentren einschließlich einer Quasi-Placebo-Gruppe (einer Meningitis-Vakzine).
Die Studie ergab, dass bei mit Pfizer/BioNTech oder AstraZeneca vollständig Geimpften eine Auffrischung mittels mRNA-Vakzinen (Pfizer/BioNTech oder Moderna) zur ausgeprägtesten Antikörper-Bildung führte.
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