Ein Hirntumor stellt eine immense Herausforderung dar, insbesondere wenn keine Heilungschancen bestehen. Jährlich erkranken in Deutschland etwa 8.000 Menschen an einem Hirntumor, wobei das Glioblastom eine der häufigsten und aggressivsten Varianten darstellt. Trotz fortgeschrittener medizinischer Möglichkeiten sind die Überlebenschancen oft gering, was die Suche nach neuen und wirksameren Behandlungsstrategien unerlässlich macht. Dieser Artikel beleuchtet aktuelle Forschungsansätze und Therapieoptionen, die darauf abzielen, die Lebensqualität von Patienten mit unheilbaren Hirntumoren zu verbessern und ihre Lebenserwartung zu verlängern.
Das Glioblastom: Eine besondere Herausforderung
Das Glioblastom ist der häufigste aggressive primäre Hirntumor bei Erwachsenen und wird als WHO-Grad IV klassifiziert, dem höchsten Malignitätsgrad. Betroffen sind meist Menschen zwischen 50 und 70 Jahren. Die Aggressivität des Glioblastoms resultiert aus seinem schnellen Wachstum und der Fähigkeit, in das gesunde Gehirngewebe einzuwandern. Die Behandlung kombiniert in der Regel eine Operation mit anschließender Strahlen- und Chemotherapie.
Symptome und Diagnose
Die Symptome eines Glioblastoms können je nach Lage des Tumors im Gehirn variieren und umfassen:
- Kopfschmerzen
- Epileptische Anfälle
- Lähmungen
- Übelkeit und Erbrechen
- Gedächtnisstörungen
- Gefühlsstörungen
- Sehstörungen
- Sprachstörungen
- Veränderungen der Persönlichkeit
Die Diagnose erfolgt durch eine neurologische Untersuchung, bildgebende Verfahren wie MRT und CT sowie eine Biopsie zur Bestimmung des Tumortyps und des WHO-Grades.
Aktuelle Behandlungsstandards
Die Standardtherapie für Glioblastome umfasst:
Lesen Sie auch: Hirntumorbedingter Schlaganfall
- Operation: Ziel ist es, so viel Tumorgewebe wie möglich zu entfernen, ohne das umliegende gesunde Hirngewebe zu schädigen.
- Strahlentherapie: Sie zielt darauf ab, verbliebene Tumorzellen abzutöten.
- Chemotherapie: Temozolomid wird während der Bestrahlung und in anschließenden Erhaltungszyklen eingesetzt.
- Tumor Treating Fields (TTF): Elektrische Felder stören die Zellteilung der Tumorzellen.
Trotz dieser Behandlungen ist ein Glioblastom in den meisten Fällen nicht heilbar.
Innovative Therapieansätze
Forscher arbeiten kontinuierlich an neuen Wegen, um Glioblastome effektiver zu behandeln und die Lebensqualität der Patienten zu verbessern. Einige vielversprechende Ansätze werden im Folgenden vorgestellt.
Targeting des Tumormikromilieus
Ein innovativer Ansatz, der unter der Federführung von Mannheim entwickelt wurde, zielt auf das Tumormikromilieu ab. Die GLORIA-Studie untersucht, wie der Wirkstoff Olaptesed Pegol (NOX-A12) in Kombination mit Strahlentherapie bei Glioblastom-Patienten wirkt. NOX-A12 inhibiert den Botenstoff CXCL12, der die Bildung neuer Blutgefäße anregt. Da Tumorzellen auf die Versorgung mit Nährstoffen und Sauerstoff im Blut angewiesen sind, torpediert NOX-A12 die Regeneration des Tumors.
Professor Dr. Frank Giordano betont, dass dieser Ansatz besonders in Kombination mit Strahlentherapie vielversprechend ist, da Glioblastome diesen Reparaturmechanismus über CXCL12 besonders nach der Bestrahlung anwenden. Eine erste Studie der Phase I/II zeigte, dass die Therapie sicher ist und erste Anhaltspunkte zur Wirksamkeit liefert.
Hemmung von Integrin α2
Forscher der Dresdner Hochschulmedizin und des Helmholtz-Zentrums Dresden-Rossendorf (HZDR) konzentrieren sich auf die extrazelluläre Matrix, ein Proteingerüst, das im ganzen Körper unterschiedlich verteilt ist. Sie haben herausgefunden, dass die Hemmung des Oberflächenproteins Integrin α2 die Überlebensfähigkeit der Tumorzellen bei einer kombinierten Strahlen- und Chemotherapie deutlich herabsetzt.
Lesen Sie auch: Informationen für Patienten und Angehörige
Professor Nils Cordes erklärt, dass die Matrix im normalen Gehirn anders ist als in einem Glioblastom. Die Blockierung der Rezeptoren, die das Anheften der Zellen an die Matrix ermöglichen, kann die Verbindung zwischen Zellen und Matrix schwächen oder deaktivieren.
Immuntherapie, zielgerichtete Therapie und Störung der Tumorkommunikation
Professor Dr. Wolfgang Wick beschreibt neue Behandlungsansätze, die sich auf Immuntherapie, zielgerichtete Therapie und die Störung der Tumorkommunikation konzentrieren.
- Immuntherapie: Nutzung des körpereigenen Abwehrsystems zur Bekämpfung von Krebszellen.
- Zielgerichtete Therapien: Blockierung spezifischer Mutationen in Hirntumoren, wie z.B. die IDH-Mutation. Das Medikament Vorasidenib, das diese Mutationen blockiert, hat in den USA bereits eine Zulassung erhalten und könnte ab 2024 in Deutschland verfügbar sein.
- Störung der Tumorkommunikation: Blockierung der Übertragung von Nervenzellen auf die Hirntumorzellen, um den Tumor für bekannte Therapiemaßnahmen empfindlicher zu machen.
Hochdosierte Strahlentherapie mit Bevacizumab
Die PRIDE-Studie des Universitätsklinikums Tübingen in Kooperation mit der Ludwig-Maximilians-Universität München untersucht einen neuen Behandlungsansatz, bei dem die Strahlendosis erhöht und zusätzlich das Medikament Bevacizumab verabreicht wird, um zusätzlichen Nebenwirkungen entgegenzuwirken.
Professor Dr. med. Dipl.-Phys. Maximilian Niyazi betont, dass durch die Kombination der bildgebenden, molekularbiologischen sowie bestrahlungstechnischen Möglichkeiten den Patientinnen und Patienten die bestmögliche Therapie geboten und die Lebenserwartung verbessert werden soll.
Zielgerichtete Medikamente in der Ersttherapie
Forschende der Medizinischen Fakultät Heidelberg der Universität Heidelberg, des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) und des Nationalen Centrums für Tumorerkrankungen (NCT) Heidelberg haben in der multizentrischen Studie „NCT Neuro Master Match (N2M2)“ den Einsatz zielgerichteter Medikamente in der Ersttherapie bei neu diagnostiziertem Glioblastom geprüft. Von fünf getesteten Medikamenten zeigte der Wirkstoff „Temsirolimus“, der bereits bei Nierenkrebs eingesetzt wird, positive Resultate.
Lesen Sie auch: Epilepsie durch Hirntumor
ZAP-X: Hochpräzise Bestrahlung
Eine Lingener Klinik bietet Hirntumor-Patienten mit dem ZAP-X neue Hoffnung. Dieses Hightech-Bestrahlungsgerät ermöglicht eine schmerzfreie und hocheffektive Behandlung, bei der das gesunde Gehirn kaum belastet wird. Die Abweichung liegt bei weniger als 0,6 Millimetern, die meiste Zeit während der Behandlung beträgt sie 0,3 Millimeter.
Neurochirurg Douglas Klassen erklärt, dass der Patient während der Behandlung liegt und die Mikrowelle um ihn herumgeht. Die Behandlung dauert im Schnitt nur rund eine Stunde.
Palliativmedizin und Supportive Therapie
Neben den spezifischen Behandlungen des Hirntumors spielen die Palliativmedizin und die supportive Therapie eine wichtige Rolle. Hierbei geht es um die Linderung von Beschwerden wie Schmerzen, neurologischen Ausfällen oder Hirndrucksymptomen. Palliativmediziner begleiten Patienten, Angehörige und das Behandlungsteam, um die Lebensqualität zu erhalten und die Behandlung bestmöglich zu unterstützen.
Leben mit der Diagnose: Perspektiven und Ratschläge
Professor Dr. Wolfgang Wick rät Patienten, ihre Lebensplanung nicht nach einer statistischen Prognose auszurichten. Es sei wichtig, gemeinsam zu versuchen, die individuelle Patientensituation so gut wie möglich zu halten, solange eine Chance besteht. Auch mit dieser Erkrankung kann man noch viele Jahre leben oder sogar eine normale Lebenserwartung erreichen.
Er betont, dass Patienten mit dieser schrecklichen Erkrankung nicht allein sind und dass es eine Menge hoch spezialisierter Zentren gibt, in denen sie sich beraten lassen können und sicher sein dürfen, nichts verpasst zu haben.
tags: #hirntumor #ohne #heilungschance