Akustikusneurinom: Symptome, Diagnose und moderne Therapieansätze bei Tumoren im Ohr

Ein Akustikusneurinom, auch Vestibularisschwannom genannt, ist ein meist gutartiger Tumor, der vom Gleichgewichtsnerv ausgeht und sich im Gehörgang entwickelt. Die Symptome können unspezifisch sein und ähneln anderen Erkrankungen des Ohrs, was die Diagnose erschweren kann. Dieser Artikel beleuchtet die Symptome, Diagnosemethoden und modernen Therapiestrategien bei Akustikusneurinomen, um Betroffenen und Interessierten einen umfassenden Überblick zu bieten.

Einführung in das Akustikusneurinom

Das Akustikusneurinom, genauer Vestibularisschwannom, ist eine seltene, meist langsam wachsende Geschwulst der Nervenscheiden des Gleichgewichts- und Hörnervs (Nervus vestibulocochlearis). Obwohl es sich um eine gutartige Neubildung handelt, kann es durch Druck auf umliegende Nervenbahnen und Hirnstrukturen zu erheblichen Beeinträchtigungen führen. Die korrekte Bezeichnung Vestibularisschwannom wird zwar seltener angewendet, beschreibt jedoch präziser den Ursprung des Tumors.

Symptome eines Akustikusneurinoms

Die Symptome eines Akustikusneurinoms können vielfältig sein und hängen von der Größe und Lage des Tumors ab. Da der Tumor meist langsam wächst, entwickeln sich die Symptome oft schleichend über Jahre hinweg.

Frühsymptome

  • Hörminderung: Ein häufiges Erstsymptom ist eine einseitige Hörminderung, die sich oft im Hochtonbereich bemerkbar macht. Betroffene nehmen diese Veränderung oft zufällig wahr, beispielsweise beim Telefonieren mit dem betroffenen Ohr.
  • Tinnitus: Ohrgeräusche, meist im Hochtonbereich, können als Tinnitus auftreten und sehr belastend sein. In manchen Fällen ist Tinnitus das einzige Symptom.
  • Schwindel: Diffuser Schwindel oder Gleichgewichtsstörungen können auftreten, da der Tumor den Gleichgewichtsnerv beeinträchtigt.
  • Hörsturz: Ein plötzlicher und beinahe vollständiger Hörverlust auf einem Ohr kann ebenfalls ein Symptom sein.

Spätsymptome

  • Kopf- und Nackenschmerzen: Beim Fortschreiten der Erkrankung können Kopf- und Nackenschmerzen hinzukommen.
  • Gesichtslähmung: In späteren Stadien kann eine Gesichtslähmung oder eine schmerzhafte Trigeminusneuralgie auftreten, wenn der Tumor auf den Gesichtsnerv drückt.
  • Gangunsicherheit: Größere Tumoren können Gang- und Koordinationsstörungen verursachen.
  • Taubheitsgefühle im Gesicht: Ebenfalls bei größeren Tumoren möglich.
  • Verschlusshydrozephalus: Sehr große Tumoren können die Nervenwasserzirkulation behindern und zu einem gefährlichen Hirndruckanstieg führen.

Diagnose eines Akustikusneurinoms

Die Diagnose eines Akustikusneurinoms erfordert eine sorgfältige Untersuchung und den Einsatz verschiedener diagnostischer Methoden.

Anamnese und körperliche Untersuchung

Der Arzt erfragt zunächst die Krankengeschichte (Anamnese) und erfasst die aktuellen Beschwerden des Patienten. Anschließend erfolgt eine körperliche Untersuchung, bei der der Arzt den äußeren Gehörgang und das Trommelfell beurteilt.

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Hörtests

  • Tonaudiometrie: Bei diesem subjektiven Hörtest werden dem Patienten über Kopfhörer unterschiedlich hohe Töne vorgespielt. Der Patient gibt an, welche Töne er hört.
  • Sprachaudiometrie: Hier werden dem Patienten Wörter über Kopfhörer vorgespielt, um das Sprachverständnis zu überprüfen.
  • Hirnstammaudiometrie (BERA): Dieser objektive Test misst die Funktion des Hörnervs, ohne dass der Patient aktiv mitwirken muss. Über Elektroden werden die Reaktionen des Hörnervs auf Klickgeräusche gemessen.

Gleichgewichtstests

  • Kalorimetrie: Bei Schwindelbeschwerden wird das Gleichgewichtsorgan mit einer Temperaturmessung (Kalorimetrie) überprüft. Dabei wird der äußere Gehörgang mit warmem Wasser gespült, um einen Reflex der Augenmuskeln (Nystagmus) auszulösen. Ein Akustikusneurinom kann diesen Reflex stören.

Bildgebende Verfahren

  • Magnetresonanztomographie (MRT): Die MRT ist das wichtigste bildgebende Verfahren zur Diagnose eines Akustikusneurinoms. Sie ermöglicht eine detaillierte Darstellung des Tumors und seiner Lage im Gehirn. Oft wird ein Kontrastmittel verwendet, um den Tumor besser sichtbar zu machen.
  • Computertomographie (CT): In manchen Fällen kann auch eine CT-Untersuchung durchgeführt werden, insbesondere wenn eine MRT nicht möglich ist. Die CT kann ebenfalls Tumoren, Verkalkungen und Blutungen erkennen.

Klassifikation der Tumorgröße

Vestibularisschwannome werden nach ihrer Größe klassifiziert, um die Therapieplanung zu unterstützen. Zwei gängige Klassifikationssysteme sind die KOOS- und die HANNOVER-Klassifikation. Die HANNOVER-Klassifikation ist detaillierter und unterscheidet verschiedene Typen großer Vestibularisschwannome.

  • KOOS-Klassifikation: Diese Klassifikation teilt die Tumoren in vier Grade ein (KOOS I bis IV), basierend auf der Tumorgröße und der Kompression des Hirnstamms.
  • HANNOVER-Klassifikation: Diese Klassifikation ist detaillierter und unterscheidet verschiedene Typen großer Vestibularisschwannome (T1 bis T4b), basierend auf der Tumorgröße, der Lage im Gehörgang und der Kompression des Hirnstamms.

Therapieansätze bei Akustikusneurinomen

Die Behandlung eines Akustikusneurinoms hängt von verschiedenen Faktoren ab, darunter die Größe des Tumors, das Alter und der Gesundheitszustand des Patienten sowie die individuellen Symptome. Es gibt drei Hauptansätze:

1. Beobachten und Abwarten ("Wait and Scan")

Bei kleinen Tumoren, die keine oder nur geringe Beschwerden verursachen, kann zunächst eine abwartende Strategie gewählt werden. Dabei wird der Tumor regelmäßig mittels MRT-Untersuchungen kontrolliert, um ein Wachstum frühzeitig zu erkennen. Diese Strategie ist besonders bei älteren Patienten geeignet, bei denen das Tumorwachstum oft sehr langsam ist oder sogar zum Stillstand kommt.

2. Radiochirurgie

Die Radiochirurgie ist eine minimal-invasive Behandlungsmethode, bei der der Tumor mit hochdosierter Strahlung bestrahlt wird. Ziel ist es, das Tumorwachstum zu stoppen oder den Tumor zu verkleinern, während das umliegende Gewebe geschont wird.

  • Gamma-Knife und Cyber-Knife: Dies sind zwei gängige radiochirurgische Verfahren, bei denen die Strahlung präzise auf den Tumor fokussiert wird. Die Behandlung erfolgt meist in einer einzigen Sitzung.
  • Indikation: Die Radiochirurgie eignet sich besonders für kleinere Tumoren (KOOS I und II) oder für Patienten, bei denen eine Operation aufgrund von Alter oder Begleiterkrankungen ein zu hohes Risiko darstellt.
  • Risiken: Mögliche Nebenwirkungen sind Hörverlust, Gesichtsnervenlähmung oder Schwindel.

3. Mikrochirurgische Operation

Die mikrochirurgische Operation ist ein invasiver Eingriff, bei dem der Tumor operativ entfernt wird. Ziel ist es, den Tumor vollständig zu entfernen und dabei die umliegenden Nervenstrukturen (Hörnerv, Gesichtsnerv) zu schonen.

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  • Zugangswege: Es gibt verschiedene Zugangswege zum Tumor, abhängig von seiner Größe und Lage. Ein häufig verwendeter Zugang ist der retrosigmoidale Zugang, bei dem der Schädel hinter dem Ohr eröffnet wird.
  • Operationsmikroskop und -endoskop: Während der Operation werden Operationsmikroskope und -endoskope eingesetzt, um eine präzise Tumorentfernung zu ermöglichen.
  • Neurophysiologische Überwachung: Die Funktion des Hörnervs und des Gesichtsnervs wird während der Operation kontinuierlich überwacht, um das Risiko von Nervenschädigungen zu minimieren.
  • Indikation: Die Operation ist oft die beste Option für größere Tumoren (KOOS III und IV), die auf umliegende Strukturen drücken oder bei denen eine Radiochirurgie nicht ausreichend ist.
  • Risiken: Mögliche Komplikationen sind Hörverlust, Gesichtsnervenlähmung, Liquoraustritt oder Blutungen.

Leben mit einem Akustikusneurinom

Das Leben mit einem Akustikusneurinom kann für Betroffene eine Herausforderung darstellen. Die Symptome wie Hörverlust, Schwindel und Tinnitus können den Alltag beeinträchtigen. Eine erfolgreiche Behandlung kann jedoch dazu beitragen, die Symptome zu lindern und die Lebensqualität zu verbessern.

Rehabilitation

Nach einer Operation oder Bestrahlung ist oft eine Rehabilitation erforderlich, um die Funktionen des Hör- und Gleichgewichtssinns wiederherzustellen. Physiotherapie und Logopädie können helfen, die Gesichtsmuskulatur zu stärken und Sprachstörungen zu behandeln.

Selbsthilfegruppen

Der Austausch mit anderen Betroffenen in Selbsthilfegruppen kann eine wertvolle Unterstützung sein. Hier können Erfahrungen ausgetauscht und Informationen über die Erkrankung und ihre Behandlung gewonnen werden.

Fazit

Das Akustikusneurinom ist ein seltener, meist gutartiger Tumor, der vom Gleichgewichtsnerv ausgeht. Die Symptome können unspezifisch sein und die Diagnose erschweren. Moderne Diagnosemethoden wie die MRT ermöglichen jedoch eine frühzeitige Erkennung. Die Behandlungsmöglichkeiten reichen von der Beobachtung über die Radiochirurgie bis hin zur mikrochirurgischen Operation. Die Wahl der Therapie hängt von der Größe des Tumors, dem Alter und Gesundheitszustand des Patienten sowie den individuellen Symptomen ab. Eine interdisziplinäre Zusammenarbeit von HNO-Ärzten, Neurochirurgen und Strahlentherapeuten ist entscheidend für eine optimale Behandlung und Betreuung der Patienten.

Wichtige Hinweise

  • Die hier dargestellten Informationen dienen lediglich der Information und ersetzen nicht die Beratung durch einen Arzt.
  • Bei Verdacht auf ein Akustikusneurinom sollte umgehend ein Arzt aufgesucht werden.
  • Jeder Fall ist individuell und erfordert eine auf den Patienten zugeschnittene Behandlung.

Expertenrat

Es ist wichtig, einen erfahrenen Arzt mit spezieller Expertise in der Behandlung von Akustikusneurinomen zu finden, um die bestmögliche Behandlung und Ergebnisse zu erzielen. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit verschiedener Fachrichtungen ist dabei von großer Bedeutung.

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