Hirntumoren stellen für Betroffene und ihre Angehörigen eine enorme Herausforderung dar. Neben den körperlichen Auswirkungen der Erkrankung und ihrer Behandlung, spielen auch psychische und soziale Faktoren eine wichtige Rolle. Dieser Artikel beleuchtet aktuelle Studien zu neuen Therapieansätzen sowie zur psychosozialen Belastung von Patienten und Angehörigen und zeigt Möglichkeiten der Unterstützung auf.
Klinische Studien: Neue Therapieansätze auf dem Prüfstand
Im Bereich der Hirntumortherapie werden in vielen Zentren klinische Studien angeboten. Diese Studien bieten Betroffenen die Chance, von neuen Therapieansätzen zu profitieren, die sonst noch nicht verfügbar wären. Es ist wichtig zu betonen, dass klinische Studien keine unkontrollierten Experimente sind. Die Sicherheit der Teilnehmer hat stets höchste Priorität. Die Deutsche Hirntumorhilfe ermutigt Patienten ausdrücklich, sich über die Möglichkeit der Teilnahme an Therapiestudien zu informieren.
Für Patienten mit Glioblastom, dem häufigsten und bösartigsten Hirntumor, stehen weltweit zahlreiche Therapiestudien zur Verfügung, sowohl in der Erstlinientherapie als auch bei Rezidiven. Sollten Patienten die Einschlusskriterien für eine Therapiestudie nicht erfüllen, besteht die Möglichkeit eines individuellen Heilversuchs.
Die PRIDE-Studie: Hochdosierte Strahlentherapie beim Glioblastom
Ein Beispiel für eine aktuelle Therapiestudie ist die PRIDE-Studie, die am Universitätsklinikum Tübingen in Kooperation mit der Ludwig-Maximilians-Universität München durchgeführt wird. Diese Studie untersucht einen neuen Behandlungsansatz für Glioblastom-Patienten. Trotz aggressiver Therapien wie Operation, Strahlen- und Chemotherapie entwickeln sich Glioblastome häufig erneut, was die Heilungschancen der Betroffenen deutlich reduziert.
In der PRIDE-Studie wird die Strahlendosis erhöht, wobei gleichzeitig das Medikament Bevacizumab verabreicht wird, um möglichen Nebenwirkungen entgegenzuwirken. Bevacizumab ist ein Antikörper, der das Gefäßwachstum hemmt. Für die exakte Planung der Bestrahlung werden eine Magnetresonanztomographie (MRT) des Schädels sowie eine FET-PET-Untersuchung durchgeführt, um Tumore im Gehirn sichtbar zu machen.
Lesen Sie auch: Hirntumor-Studien Schweiz
Prof. Dr. med. Dipl.-Phys. Maximilian Niyazi, Ärztlicher Direktor der Universitätsklinik für Radioonkologie, betont, dass durch die Kombination verschiedener bildgebender, molekularbiologischer und bestrahlungstechnischer Möglichkeiten den Patientinnen und Patienten die bestmögliche Therapie geboten und die Lebenserwartung verbessert werden soll. An der Studie, die mit 1,6 Millionen Euro gefördert wird, nehmen insgesamt 146 Patientinnen und Patienten mit einem Glioblastom im Alter von 18 bis 70 Jahren teil. Die Radiochemotherapie dauert sechs Wochen, während derer Bevacizumab zweimal verabreicht wird. Der Gesundheitszustand der Patienten wird wöchentlich überprüft, und der Tumor wird regelmäßig mittels MRT und FET-PET-Untersuchung kontrolliert.
MecMeth/NOA-24 Studie: Medikamentöse Therapie bei Glioblastomrezidiv
Das Universitätsklinikum Bonn (UKB) führt eine klinische Studie durch, in der die Wirksamkeit eines Medikaments für Patientinnen und Patienten mit Hirntumor erprobt wird. Für Betroffene mit der Hirntumorart Glioblastom könnte das bei Erfolg zu einer lebensverlängernden Therapieoption führen. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung fördert die Studie mit fast 2 Mio. Euro.
Prof. Ulrich Herrlinger, Leiter der Sektion Neuroonkologie des UKB, und Dr. Matthias Schneider, Facharzt für Neurochirurgie am UKB, möchten mit der MecMeth/NOA-24 Studie beitragen. In Zellkulturexperimenten hatte sich gezeigt, dass Meclofenamat die Kommunikation zwischen Glioblastomzellen blockiert. Dadurch lösen sich Netzwerke auf, die Glioblastomzellen üblicherweise untereinander ausbilden und die wichtig sind für die Resistenz gegen Chemotherapie. Mit dem Einsatz von Meclofenamat wird dieser neuartige Wirkmechanismus zum ersten Mal in einer klinischen Studie mit Glioblastompatienten untersucht.
Psychosoziale Belastung von Patienten und Angehörigen
Die Diagnose eines Hirntumors stellt nicht nur für die Patienten, sondern auch für ihre Angehörigen eine erhebliche psychische Belastung dar. Die Bedeutung von psychosozialen Belastungsfaktoren für den Krankheitsverlauf wurde bisher kaum untersucht, was möglicherweise am aggressiven Verlauf der Erkrankung liegt. Studien zeigen jedoch, dass ein Zusammenhang zwischen Behandlungsbedarf und verminderter Lebensqualität besteht. Auch bei Bezugspersonen von Hirntumor-Patienten finden sich Hinweise auf eine erhöhte psychosoziale Belastung und Häufigkeit psychischer Störungen.
Eine Studie des Universitätsklinikums Düsseldorf untersuchte die Progredienzangst, Angst, Depression und die Belastung bei Patienten mit hirneigenen Tumoren und Hirnmetastasen sowie deren Bezugspersonen im Verlauf. Die Ergebnisse zeigten, dass eine erhebliche Anzahl an Personen von klinisch signifikanter Belastung berichtete. Über die Zeit blieben Progredienzangst und Angst bei Patienten und ihren Bezugspersonen konsistent, die Depressionswerte stiegen von T0 zu T1 an. Die Bezugspersonen berichteten zu allen Zeitpunkten eine höhere Angst sowie zu T1 eine höhere Progredienzangst als die Patient:innen.
Lesen Sie auch: Hirntumorbedingter Schlaganfall
Unterstützung für Angehörige
Die psychischen, emotionalen und physischen Belastungen, denen Angehörige durch die Erkrankung ausgesetzt sind, sollten nicht unterschätzt werden. Angehörige übernehmen oft einen Teil der Gefühle, Sorgen und Ängste der Betroffenen. Es ist wichtig, dass Angehörige ihre Sorgen und Ängste nicht alleine tragen und sich professionelle Hilfe suchen. Psychoonkologen können helfen, mit der Krankheit besser umzugehen. Auch wenn der Patient selbst eine psychoonkologische Beratung ablehnt, sollten Angehörige die Hilfe für sich in Anspruch nehmen.
Es ist wichtig, dass Patienten und Angehörige untereinander transparent kommunizieren und klar formulieren, was sie jeweils vom anderen erwarten. Der Austausch mit anderen Betroffenen in Selbsthilfegruppen kann ebenfalls sehr hilfreich sein.
Sport und körperliche Aktivität als Therapieergänzung
Zunehmend an Bedeutung gewinnen Projekte, welche den Effekt von Sport und körperlicher Aktivität auf die Krankheitsbewältigung von Tumorerkrankungen untersuchen. Zahlreiche wissenschaftliche Studien konnten positive Effekte von körperlicher Aktivität gerade bei onkologischen Erkrankungen belegen.
Eine Studie der Klinik für Neurochirurgie am Universitätsklinikum Münster analysiert die kontrollierte Anwendung von sportlicher Aktivität im Einzeltraining bei Patienten mit Glioblastomen (nach Operation und Radio-/Chemotherapie) während der Chemotherapie. Eine weitere Studie untersuchte ein einwöchiges Schneesporttraining für Hirntumorpatienten und Angehörige. Die Ergebnisse zeigten, dass anspruchsvolles Skitraining bei Hirntumorpatienten durchführbar und sicher ist und zu einem starken Anstieg der quantitativen Aktivität und der Lebensqualität mit einem entsprechenden Rückgang des Leidensdrucks führt.
Die atmosphärischen Bedingungen der Exkursion werden bestimmt durch das körperliche Training auf der Piste oder bei Spaziergängen, dem sozialen Austausch auf der Hütte und der therapeutischen Begleitung. Sie machen den Studienort zu einem Ort, an dem der Patient sich nicht nur in seiner Symptomatik, sondern auch in seinen individuellen Möglichkeiten als Person selbst erleben kann. Die positive Erfahrung mit körperlicher Aktivität und der Austausch mit Menschen, die ein ähnliches Schicksal teilen, ermöglicht es dem Patienten sich der Gegenwart sinnlichen Erlebens zu überlassen und Entlastung zu erfahren. Darüber hinaus konnte bei ersten Skifreizeit nachgewiesen werden, dass das Programm einen positiven Einfluss auf die Kommunikation zwischen Patienten und Angehörigen hat, indem sie gemeinsam im körperlichen Training einen neuen, sinnvollen Bezugspunkt finden konnten.
Lesen Sie auch: Informationen für Patienten und Angehörige
Fazit
Die Behandlung von Hirntumoren ist komplex und erfordert einen multidisziplinären Ansatz, der sowohl innovative Therapien als auch psychosoziale Unterstützung umfasst. Klinische Studien bieten Patienten die Möglichkeit, von neuen Behandlungsansätzen zu profitieren. Gleichzeitig ist es wichtig, die psychosoziale Belastung von Patienten und Angehörigen zu berücksichtigen und ihnen adäquate Unterstützung anzubieten. Sport und körperliche Aktivität können eine wertvolle Ergänzung zur Therapie sein und zur Verbesserung der Lebensqualität beitragen.
tags: #hirntumor #studie #uber #angehorige