Hirntumor: Lebenserwartung, Diagnose und Behandlungsansätze

Ein Hirntumor ist eine Erkrankung, die sich durch vielfältige Symptome wie Persönlichkeitsveränderungen oder Sehstörungen äußern kann. Es gibt gutartige und bösartige Hirntumore, die sich in Ursprung, Wachstum, Behandlungserfolg und Prognose unterscheiden. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat eine Klassifikation mit vier Tumorgraden entwickelt, die von Grad I (gutartig) bis Grad IV (sehr bösartig) reicht. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über Hirntumore, insbesondere das Glioblastom, und beleuchtet die Lebenserwartung, Diagnosemethoden und Behandlungsansätze.

Selten, aber vielfältig: Hirntumore im Überblick

Hirntumore sind insgesamt selten, können aber in jedem Lebensalter auftreten. Im Jahr 2020 erkrankten in Deutschland rund 7.330 Menschen an einem bösartigen Hirntumor. Zum Vergleich: Knapp 60.000 Menschen erhielten im selben Jahr die Diagnose Darmkrebs. Frauen erkranken im Schnitt mit etwa 65 Jahren, Männer rund zwei Jahre früher. Experten wissen bis heute nicht genau, wie Hirntumore entstehen, aber es wird vermutet, dass die Zellen rein zufällig entarten.

Primäre und sekundäre Hirntumore

Man unterscheidet zwischen primären und sekundären Hirntumoren. Primäre Hirntumore entstehen im Gehirn selbst, während sekundäre Hirntumore Metastasen anderer Krebsarten sind, die sich im Gehirn angesiedelt haben. Zu den primären Hirntumoren gehören Tumore der Hirnhäute (Meningeome), des Hirngewebes (Gliome), der Hirnanhangsgebilde, der Hirngefäße oder des Hirnstützgewebes sowie Lymphome, die primär im zentralen Nervensystem (ZNS) entstehen.

Die WHO-Klassifikation von Hirntumoren

Die WHO-Klassifikation teilt Hirntumore in vier Grade ein:

  • WHO-Grad 1: Gutartige Tumore mit langsamem Wachstum und guter Prognose, z.B. Meningeome und Neurinome.
  • WHO-Grad 2: Langsam wachsende Tumore, z.B. diffuse Astrozytome und Oligodendrogliome.
  • WHO-Grad 3: Schnell wachsende, bösartige Tumore, z.B. anaplastische Astrozytome und anaplastische Oligodendrogliome.
  • WHO-Grad 4: Sehr bösartige Tumore mit raschem Wachstum und schlechter Prognose, z.B. Glioblastome.

Das Glioblastom: Ein aggressiver Hirntumor

Das Glioblastom ist der häufigste und bösartigste primäre Hirntumor bei Erwachsenen. Es wird von der WHO dem Grad 4 zugeordnet und ist durch schnelles Wachstum und Infiltration des umliegenden Hirngewebes gekennzeichnet. Die Tumorzellen stammen von Gliazellen ab, den Stütz- und Nährgeweben des Gehirns. Das Glioblastom ist in der Regel nicht heilbar und die Lebenserwartung der Betroffenen ist deutlich reduziert.

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Formen des Glioblastoms

Es gibt zwei Hauptformen des Glioblastoms:

  • Primäres Glioblastom (IDH-Wildtyp): Diese Form tritt bei etwa 90% der Patient:innen auf, entwickelt sich ohne Vorläufer und wächst sehr aggressiv.
  • Sekundäres Glioblastom (Astrozytom, IDH-mutiert, WHO-Grad 4): Es entsteht meist aus einem niedriggradigen Astrozytom, betrifft eher jüngere Menschen und hat eine etwas günstigere Prognose.

Ursachen und Risikofaktoren

Die genauen Ursachen für die Entstehung eines Glioblastoms sind nicht ausreichend erforscht. Zu den bekannten Risikofaktoren gehören:

  • Alter: Mit zunehmendem Alter steigt das Risiko, an einem Hirntumor zu erkranken. Das Erkrankungsalter liegt meist zwischen 55 und 65 Jahren, Männer sind etwas häufiger betroffen als Frauen.
  • Strahlenexposition: Menschen, die ionisierender Strahlung ausgesetzt waren, haben ein erhöhtes Risiko für einen Hirntumor. Die therapeutische Bestrahlung eines anderen Tumors kann ein Glioblastom im Nachgang verursachen. In diesen Fällen geschieht das ungefähr sieben bis neun Jahre nach einer erfolgten Strahlentherapie eines Hirntumors.
  • Erbliche Krankheitsbilder: Obwohl Glioblastome meist sporadisch auftreten, gibt es eine Reihe genetischer Erkrankungen, bei denen Hirntumore generell häufiger entstehen, wie z.B. Neurofibromatose, tuberöse Sklerose, Turcot-Syndrom, Lynch-Syndrom und Li-Fraumeni-Syndrom.
  • Radiofrequenzfelder: Es besteht noch kein eindeutig belegter Zusammenhang zwischen der Entstehung von Gliomen und einwirkender Radiofrequenzstrahlung, wie sie etwa in der mobilen Kommunikation Verwendung findet.

Symptome eines Glioblastoms

Die Symptome eines Glioblastoms sind vielfältig und hängen von der Lage und Größe des Tumors ab. Da Glioblastome schnell wachsen, verursachen sie oft einen erhöhten Druck auf das Gehirn, was zu folgenden Symptomen führen kann:

  • Kopfschmerzen, vor allem nachts und morgens
  • Übelkeit und Erbrechen
  • Epileptische Anfälle
  • Lähmungen
  • Gedächtnisstörungen
  • Gefühlsstörungen
  • Sehstörungen
  • Sprachstörungen
  • Veränderungen der Persönlichkeit

Diagnose eines Glioblastoms

Die Diagnose eines Glioblastoms erfolgt in der Regel durch eine Kombination aus neurologischer Untersuchung und bildgebenden Verfahren. Zu den wichtigsten Diagnosemethoden gehören:

  • Neurologische Untersuchung: Überprüfung von Sehvermögen, Gehör, Gleichgewicht, Koordination und Reflexen.
  • Magnetresonanztomographie (MRT): Standardverfahren zur Diagnose von Hirntumoren.
  • Computertomographie (CT): Kann als Alternative zur MRT eingesetzt werden, insbesondere in Notfallsituationen.
  • Positronen-Emissions-Tomographie (PET): Hilft, Bereiche des Gehirns mit erhöhter Stoffwechselrate sichtbar zu machen.
  • Biopsie: Entnahme einer Gewebeprobe zur mikroskopischen und molekularpathologischen Untersuchung.

Behandlung des Glioblastoms

Die Behandlung eines Glioblastoms erfordert einen multidisziplinären Ansatz und umfasst in der Regel eine Kombination aus Operation, Strahlentherapie und Chemotherapie.

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  • Operation: Ziel ist es, den Tumor möglichst vollständig zu entfernen, ohne wichtige Gehirnfunktionen zu stören. Da Glioblastome jedoch in das umliegende Gewebe infiltrieren, ist eine vollständige Entfernung oft nicht möglich.
  • Strahlentherapie: Wird nach der Operation eingesetzt, um verbliebene Tumorzellen abzutöten.
  • Chemotherapie: Wird in Kombination mit der Strahlentherapie eingesetzt, um das Wachstum der Tumorzellen zu hemmen. Der molekulare MGMT-Status hilft bei der Beurteilung, ob Temozolomid besonders wirksam ist. Die bekannteste Chemotherapie für die Behandlung von Gliomen basiert auf dem Wirkstoff Temozolomid.
  • Tumor Treating Fields (TTF): Elektrische Felder, die die Zellteilung der Tumorzellen stören.

Neue Therapieansätze

Die Kliniken für Neurochirurgie und Neuroonkologie am Universitätsklinikum Bonn (UKB) forschen an neuen Therapieansätzen zur Behandlung des Glioblastoms. Ein chirurgisches Verfahren, das neben dem Tumor auch das umgebende Hirngewebe entfernt, könnte möglicherweise die Lebenserwartung der Patientinnen und Patienten verbessern. Die ATLAS/NOA-29-Studie unter Leitung des Bonner Neurochirurgen Privatdozent Dr. Matthias Schneider soll Aufschluss darüber geben, welchen Einfluss dieses chirurgische Verfahren auf die Lebenserwartung und die Lebensqualität der Betroffenen hat.

Im Rahmen der PRIDE-Studie untersuchen Ärztinnen und Ärzte des Universitätsklinikums Tübingen in Kooperation mit der Ludwig-Maximilians-Universität München einen neuen Behandlungsansatz. Im Rahmen der PRIDE-Studie soll die Strahlendosis hochgesetzt werden, dabei jedoch zusätzlich zwei Mal das Medikament Bevacizumab (ein Antikörper, der das Gefäßwachstum schwächen kann) verabreicht werden, um zusätzlichen Nebenwirkungen entgegenzuwirken.

Lebenserwartung bei einem Glioblastom

Die Lebenserwartung bei einem Glioblastom ist stark begrenzt. Selbst unter maximaler Therapie ist ein Glioblastom in der Regel nicht heilbar. Personen, die sich einer Operation, Strahlen- und Chemotherapie unterzogen haben, haben eine mittlere Überlebenszeit von ungefähr 15 Monaten beziehungsweise von wenigen Jahren (etwa zwei bis vier) bei einem Glioblastom mit MGMT-Promotor-Methylierung. Etwa fünf bis sieben Prozent der Betroffenen überlebt durchschnittlich fünf Jahre. Ohne Therapie stirbt eine erkrankte Person unter Umständen bereits nach circa zwei Monaten.

Die Lebenserwartung und -qualität hängen von verschiedenen Faktoren ab, darunter:

  • Art und Aggressivität des Tumors
  • Allgemeinzustand des Patienten
  • Alter des Patienten
  • Ansprechen auf die Behandlung
  • MGMT-Promotor-Methylierungsstatus

Riechvermögen als Biomarker

Wissenschaftlern der Medizinischen Fakultät ist es jetzt erstmals gelungen, einen Zusammenhang zwischen dem Riechvermögen von Patienten und der Schwere ihrer Erkrankung herzustellen. Patienten, die eine Riechstörung entwickeln, haben eine schlechtere Prognose, unabhängig von der Lage des Tumors.

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Weitere Hirntumorarten und ihre Prognose

Neben dem Glioblastom gibt es noch weitere Hirntumorarten mit unterschiedlicher Prognose:

  • Meningeome (WHO-Grad 1): Gutartige Tumore der Hirnhäute mit einer Überlebensrate von über 95 Prozent in den ersten zehn Jahren. Bei vollständiger Entfernung ist eine Heilung möglich.
  • Astrozytome (WHO-Grad 2): Betroffene überleben durchschnittlich länger als fünf Jahre.
  • Anaplastische Astrozytome (WHO-Grad 3): Die Lebenserwartung liegt durchschnittlich bei zwei bis drei Jahren.

Symptome und Warnzeichen

Die Anzeichen für einen Hirntumor können sehr unterschiedlich sein. Durch den erhöhten Druck im Kopf können Hirntumore eine sogenannte Hirndrucksymptomatik auslösen. Bei Tumoren der Hirnanhangsdrüse können zudem hormonelle Störungen auftreten. Wichtig zu wissen ist, dass die Symptome sich oft schleichend entwickeln und zunächst unspezifisch sind.

Warnzeichen für einen erhöhten Hirndruck

Gehirntumore können mit zunehmender Größe und unter anderem auch im Endstadium der Tumorerkrankung zu einem erhöhten Hirndruck führen. Dieser kann bewirken, dass wichtige Gehirnstrukturen eingeklemmt werden und ist damit potenziell lebensbedrohlich. Als Warnzeichen für einen erhöhten Druck im Gehirn können unter anderem folgende Anzeichen auftreten:

  • Bewusstseinsstörungen, die von einer abnormalen Schläfrigkeit bis hin zur Bewusstlosigkeit reichen können
  • Übelkeit und Erbrechen, unabhängig von der Nahrungsaufnahme (Nüchternerbrechen)
  • Unterschiedlich große Pupillen der beiden Augen
  • Auftreten von Doppelbildern (Diplopie)

Kopfschmerzen bei Hirntumoren

Kopfschmerzen im Rahmen eines Hirntumors treten meist diffus im Kopf auf, das bedeutet, dass man sie nicht genau lokalisieren kann. Außerdem treten die Kopfschmerzen bevorzugt am frühen Morgen und in der Nacht auf und bessern sich häufig im Tagesverlauf. Durch das zunehmende Wachstum des Tumors können auch die Schmerzen mit der Zeit zunehmen. Herkömmliche Schmerzmittel wirken meist nur zeitweise oder gar nicht dagegen.

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