Hirnwasser-Rückenmark-Untersuchung: Diagnostik und Therapie im Überblick

Die Hirnwasser-Rückenmark-Untersuchung, auch Liquordiagnostik genannt, ist ein wichtiges Verfahren zur Diagnose verschiedener neurologischer Erkrankungen. Dabei wird Nervenwasser (Liquor cerebrospinalis) entnommen und analysiert. Diese Flüssigkeit umgibt und schützt Gehirn und Rückenmark und kann Aufschluss über Entzündungen, Abbauprozesse oder Tumorerkrankungen geben.

Was ist Liquor und warum ist seine Untersuchung wichtig?

Gehirn und Rückenmark sind von einer speziellen Flüssigkeit umgeben, dem Liquor cerebrospinalis, auch Nervenwasser genannt. Diese Flüssigkeit dient als eine Art "Wasserkissen", das das empfindliche Nervengewebe vor Stößen und Erschütterungen schützt. Darüber hinaus versorgt der Liquor das Gehirn und Rückenmark mit Nährstoffen und transportiert Abbauprodukte ab.

Da der Liquor in engem Kontakt mit dem zentralen Nervensystem steht, können Veränderungen seiner Zusammensetzung auf verschiedene Erkrankungen hinweisen. Die Liquordiagnostik ermöglicht es, diese Veränderungen zu erkennen und so wichtige Hinweise für die Diagnose und Behandlung neurologischer Erkrankungen zu erhalten. Mitte der 1990er Jahre entdeckten Forscher, dass sich Alzheimer häufig im Nervenwasser nachweisen lässt. Bei Alzheimer-Patienten enthält sie Bestandteile der typischen Plaques und Abbauprodukte der Fibrillen, die sich früher erst nach dem Tod im Gehirn nachweisen ließen.

Anwendungsbereiche der Liquordiagnostik

Die Untersuchung des Nervenwassers wird bei Verdacht auf verschiedene Erkrankungen des zentralen Nervensystems eingesetzt, darunter:

  • Entzündliche Erkrankungen: Hirnhautentzündung (Meningitis), Hirnentzündung (Enzephalitis), Rückenmarkentzündung (Myelitis), Multiple Sklerose und andere Autoimmunerkrankungen
  • Infektionen: Nachweis von Bakterien, Viren, Pilzen oder Parasiten im Nervensystem
  • Blutungen: Hirnblutungen, Blutungen im Rückenmark
  • Demenzerkrankungen: Alzheimer-Krankheit, Creutzfeldt-Jakob-Krankheit
  • Tumorerkrankungen: Befall der Hirnhäute oder Hirnkammern durch Tumorzellen, Blutkrebs (Leukämie)
  • Andere neurologische Erkrankungen: Abklärung unklarer neurologischer Symptome

Die Liquordiagnostik kann auch zur Therapiekontrolle eingesetzt werden, um den Erfolg einer Behandlung zu überwachen.

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Die Lumbalpunktion: Gewinnung des Nervenwassers

Die Gewinnung des Nervenwassers erfolgt in der Regel durch eine Lumbalpunktion. Dabei wird eine dünne Nadel im Bereich der Lendenwirbelsäule zwischen zwei Wirbelkörpern eingeführt, um eine kleine Menge Liquor zu entnehmen. Die Punktion erfolgt meist zwischen dem 3. und 4. oder 4. und 5. Lendenwirbel.

Vorbereitung und Durchführung

Vor der Lumbalpunktion wird die Ärztin oder der Arzt prüfen, ob die Blutgerinnung normal ist, um Blutungen vorzubeugen. Außerdem wird der Patient über den Ablauf der Untersuchung und mögliche Risiken aufgeklärt. Menschen, die eine Abklärung einer möglichen Alzheimer-Demenz wünschen, dürfen zum Zeitpunkt der Punktion keine blutverdünnenden Medikamente einnehmen. Es sollten keine schwerwiegenden orthopädischen Schäden der Wirbelsäule vorliegen.

Die Punktion selbst wird in der Regel im Sitzen mit einem gerundeten Rücken oder in Seitenlage mit angezogenen Knien durchgeführt, um die Wirbelkörper voneinander zu spreizen und den Zugang zum Spinalkanal zu erleichtern. Die Haut an der Einstichstelle wird desinfiziert und örtlich betäubt.

Anschließend führt die Ärztin oder der Arzt die Nadel vorsichtig zwischen den Wirbelkörpern in den Spinalkanal ein. Da das Rückenmark oberhalb der Punktionsstelle endet, besteht keine Gefahr einer Rückenmarksverletzung. Sobald die Nadel den Liquorraum erreicht hat, tropft das Nervenwasser von selbst in ein Röhrchen. In der Regel werden 10 bis 15 Milliliter Liquor entnommen. Dies ist nur ein Bruchteil der gesamten Liquormenge, die ca. 150 ml beträgt und täglich zwischen vier- und fünfmal nachproduziert wird.

Nach der Punktion wird die Nadel entfernt und die Einstichstelle mit einem Pflaster versorgt. Der Patient sollte anschließend für mindestens eine Stunde liegen und sich für etwa 24 Stunden schonen. Es wird empfohlen, viel zu trinken, um Kopfschmerzen vorzubeugen.

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Risiken und Nebenwirkungen

Die Lumbalpunktion ist ein risikoarmer Eingriff. Eine Verletzung der Nervenfasern und des Rückenmarks ist durch die Punktion selbst nicht möglich, da die Nervenfasern im Nervenwasser schwebend der Punktionsnadel ausweichen und das Rückenmark oberhalb des Punktionbereiches endet.

Als häufigste Nebenwirkung treten Kopfschmerzen auf, die bei etwa 3-5% der Patienten auftreten können. Diese Kopfschmerzen, auch als postpunktionelles Syndrom bezeichnet, treten typischerweise erst mit einer Verzögerung von 1-2 Tagen auf und verstärken sich im Stehen. Sie werden durch den Liquorverlust und den dadurch entstehenden Unterdruck im Schädel verursacht. Zur Linderung der Kopfschmerzen können einfache Schmerzmittel wie Paracetamol oder Ibuprofen sowie das Trinken von Kaffee oder Tee helfen. In den meisten Fällen klingen die Kopfschmerzen innerhalb weniger Tage von selbst ab.

Gelegentlich kann es nach der Punktion auch zu Schmerzen im Bereich der Einstichstelle kommen, die ebenfalls durch Schmerzmittel gelindert werden können. Sehr selten treten Komplikationen wie Blutungen, Infektionen oder Nervenverletzungen auf.

Die Liquoranalyse: Was wird untersucht?

Das entnommene Nervenwasser wird im Labor umfassend analysiert. Dabei werden verschiedene Parameter bestimmt, die Aufschluss über mögliche Erkrankungen geben können.

Makroskopische Beurteilung

Zunächst wird das Aussehen des Liquors beurteilt. Normalerweise ist er klar wie Wasser. Eine Trübung oder eine rötliche Verfärbung kann auf eine Entzündung oder eine Blutung hinweisen.

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Zellzahl und Zelldifferenzierung

Die Anzahl der Zellen im Liquor wird bestimmt und die verschiedenen Zelltypen (z.B. Lymphozyten, Granulozyten) werden differenziert. Eine erhöhte Zellzahl kann auf eine Entzündung oder eine Infektion hindeuten. Liquor ist eine wasserklare Körperflüssigkeit. Entzündungsprozesse im Gehirn und Rückenmark zeigen sich bei MS häufig im Liquor. So finden sich im Nervenwasser von MS-Erkrankten z. B. bestimmte Immunzellen, Myelinbruchstücke und Antikörper. Diese Veränderungen des Nervenwassers lassen sich besonders gut während eines Schubes oder einer Krankheitsverschlechterung nachweisen. Nach einem Schub bilden sie sich meist innerhalb einiger Wochen wieder zurück.

Protein- und Glukosegehalt

Der Eiweiß- und Zuckergehalt des Liquors wird gemessen. Veränderungen dieser Werte können auf verschiedene Erkrankungen hinweisen, z.B. auf Entzündungen, Tumoren oder Stoffwechselstörungen.

Erregernachweis

Bei Verdacht auf eine Infektion werden spezielle Tests durchgeführt, um Bakterien, Viren, Pilze oder Parasiten im Liquor nachzuweisen.

Immunglobuline und oligoklonale Banden

Die Konzentration von Immunglobulinen (Antikörpern) wird bestimmt. Das Vorhandensein von oligoklonalen Banden, d.h. einer Gruppe von Antikörpern, ist ein wichtiger Hinweis auf eineMultiple Sklerose oder andere entzündliche Erkrankungen des Nervensystems. Für eine MS-Diagnose ist der Nachweis sogenannter „oligoklonaler Banden" (Gruppe von Antikörpern) im Liquor von besonderer Aussagekraft. Aber auch bei anderen neurologischen Erkrankungen z.B.

Neurodegenerationsmarker

Bei Verdacht auf eine Demenzerkrankung werden spezielle Marker bestimmt, die auf den Abbau von Nervenzellen hinweisen (z.B. Tau-Proteine, Amyloid-beta). Die Konzentration der Neurodegenerationsmarker und deren Verhältnis zueinander kann Aufschluss über neurodegenerative Veränderungen im Gehirn geben.

Therapie durch Lumbalpunktion

Die Punktion des Wirbelkanals kann auch zur Behandlung genutzt werden: Durch die gesetzte Nadel können etwa Mittel zur örtlichen Betäubung, Antibiotika oder Krebsmedikamente gespritzt werden. Die Wirkstoffe gelangen dann ohne Umweg über die Blutbahn direkt ins Nervensystem. Im Rahmen einer Behandlung können auch Medikamente (Zytostatika‎) an dieser Stelle eingespritzt werden. Bei einer Ventrikelpunktion wird Gehirn-Rückenmark-Flüssigkeit‎ (Liquor) über eine Hirnkammer (Hirnventrikel‎) entnommen oder aber, im Rahmen einer Behandlung, ein Zytostatikum‎ in eine Hirnkammer verabreicht. Ein auf diese Weise verabreichtes Medikament kann sich von dort aus im gesamten Liquorraum verteilen. Die Ventrikelpunktion erfolgt über ein so genanntes Rickham-Reservoir‎ oder Ommaya-Reservoir‎, das zuvor durch einen neurochirurgischen Eingriff implantiert wurde.

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