Histamin, ein vielseitiger Botenstoff, spielt im Körper eine entscheidende Rolle, insbesondere im Immunsystem und als Neurotransmitter im Gehirn. Seine Wirkung wird über verschiedene Rezeptoren vermittelt, die sich auf der Oberfläche von Zellen befinden. Dieser Artikel beleuchtet die Funktionen der Histamin-Rezeptoren im Zentralnervensystem (ZNS) und ihre Bedeutung für verschiedene physiologische Prozesse und Erkrankungen.
Histamin: Ein Überblick
Histamin ist ein Gewebshormon, das in Mastzellen gebildet und gespeichert wird. Diese Mastzellen sind vor allem in Haut, Bronchien und Darm lokalisiert und enthalten neben Histamin bis zu 60 weitere Stoffe, die an Entzündungsreaktionen beteiligt sind. Histamin beeinflusst verschiedene Organe und Gewebe, indem es an spezifische Rezeptoren bindet, nämlich H1, H2, H3 und H4.
Histamin wird zum einen über die Nahrung aufgenommen, zum anderen ist es ein körpereigener Stoff. Es spielt eine entscheidende Rolle für das Gehirn und die Emotionen, wobei Stress und Emotionen eng mit Histamin verknüpft sind. Ein hoher Histaminspiegel kann das Nervensystem beeinflussen.
Die Histamin-Rezeptoren und ihre Funktionen
Die Histaminwirkung wird über vier verschiedene Rezeptortypen vermittelt: H1, H2, H3 und H4. Diese Rezeptoren unterscheiden sich in ihrer Verteilung im Körper und in ihren spezifischen Funktionen.
H1-Rezeptoren: Diese Rezeptoren sind unter anderem für die Erweiterung der Blutgefäße und die Verengung der Bronchien verantwortlich. Sie spielen eine wichtige Rolle bei allergischen Reaktionen. Antihistaminika, die H1-Rezeptoren blockieren, werden häufig zur Behandlung von Allergien eingesetzt.
Lesen Sie auch: Auswirkungen von Histaminrezeptoren auf die Gesundheit
H2-Rezeptoren: H2-Rezeptoren sind vor allem an der vermehrten Bildung von Magensaft beteiligt. Daher werden H2-Rezeptorblocker zur Behandlung von Magenulzera eingesetzt. Im Gehirn sind sie für Wahrnehmung, Gedächtnis, Lernen, Belohnung, Lust und Schmerz verantwortlich und steuern Süchte und zwanghaftes Verhalten.
H3-Rezeptoren: H3-Rezeptoren befinden sich hauptsächlich im zentralen Nervensystem (ZNS), unter anderem an histaminergen Neuronen. Sie fungieren als präsynaptische Autorezeptoren und kontrollieren die Synthese und Freisetzung von Histamin. Durch die Hemmung der Histaminfreisetzung regulieren sie auch die Ausschüttung anderer Neurotransmitter im Gehirn, wie Dopamin, Serotonin, Noradrenalin und Acetylcholin. H3-Rezeptorblocker werden daher bei Erkrankungen eingesetzt, bei denen ein erhöhter Histaminspiegel im Gehirn erwünscht ist.
H4-Rezeptoren: Der H4-Rezeptor beeinflusst die allergische Spätreaktion und ist an der Chemotaxis vieler Immunzellen beteiligt, besonders bei Mastzellen und Eosinophilen. Er beeinflusst auch die Polarisierung von T-Zellen und reguliert die Ausschüttung verschiedener Interleukine und anderer Entzündungsmediatoren in der Spätphase.
Histamin im Zentralnervensystem
Histamin ist ein wichtiger Neurotransmitter im Gehirn und spielt eine entscheidende Rolle bei der Steuerung des Schlaf-Wach-Rhythmus und damit der zirkadianen Rhythmik. Histamin vermittelt im Gehirn den Wachzustand. Es ist für unseren Wachzustand verantwortlich. Erhöhte Histaminlevel können uns nachts wachhalten und Schlaf verhindern. Das Gehirn produziert Histamin in den Mastzellen und vorwiegend im Hypothalamus in histaminergen Neuronen. Sobald diese Neuronen gereizt werden, wird Histamin freigesetzt. Wenn Histamin nun an andere Rezeptoren im Gehirn andockt, verursacht es einen stark anregenden Effekt, d.h. das Histamin bestimmte Gebiete unseres Gehirns überstimuliert.
Histamin und psychische Gesundheit
Ein hoher Histaminspiegel im Gehirn kann zu Depressionen, Ängsten und anderen psychischen und kognitiven Störungen führen. Studien zeigen, dass Histamin, Stress und Emotionen eng miteinander verknüpft sind und ein hoher Histaminspiegel das Nervensystem beeinflussen kann.
Lesen Sie auch: Behandlungsmöglichkeiten bei zu viel Histamin
Menschen mit einer Histadelie (einem hohen Histaminspiegel) weisen oft bestimmte Persönlichkeitseigenschaften auf, wie Hyperaktivität, hohes Energielevel, Impulsivität, hohe Motivation, Intelligenz, Perfektionismus und Kreativität. Allerdings leiden viele von ihnen auch unter Depressionen oder depressiven Verstimmungen. Steigt das Histaminlevel zu sehr an, können Ängste, chronische Depressionen, Stress und eine geringe Stressresilienz die Folge sein.
Histamin und Gehirnfunktionen
Histamin spielt eine wichtige Rolle bei verschiedenen Gehirnfunktionen:
Schlaf-Wach-Rhythmus: Histamin ist für den Wachzustand verantwortlich.
Sättigungsgefühl und Appetit: Hohe Histaminlevel können den Appetit steigern und das Essverhalten steuern.
Gedächtnis und Lernfähigkeit: Histamin hat einen positiven Effekt auf das Gedächtnis. Studien deuten darauf hin, dass höhere Histaminlevel im Gehirn vor Alzheimer schützen können.
Lesen Sie auch: Diagnose von Histadelie
Selbstmotivation und Aufmerksamkeit: Histamin spielt eine entscheidende Rolle bei der Selbstmotivation und dem Belohnungssystem des Gehirns.
Neurotransmitter-Regulation: Histamin beeinflusst andere Neurotransmitter wie Dopamin, Serotonin, Noradrenalin und Acetylcholin.
Stressreaktion: Stress erhöht die Freisetzung von Histamin aus den Mastzellen und kann Symptome wie Juckreiz verursachen.
Ängste und Panik: Histamin beeinflusst Neurotransmitter, die eine wichtige Rolle bei der Entstehung und Dämpfung von Ängsten spielen.
Histaminabbau im Gehirn
Der Histaminabbau im Gehirn erfolgt nicht über das Enzym Diaminooxidase (DAO), das im Darm Histamin abbaut. Im Gehirn ist das Enzym Histamin-N-Methyltransferase (HNMT) für den Abbau von Histamin verantwortlich.
Histaminintoleranz und ihre Auswirkungen auf das ZNS
Das Krankheitsbild der Histaminintoleranz (HIT) ist definiert durch das Überschreiten der individuellen Histamin-Toleranzgrenze. Dies wird im Regelfall durch einen Mangel des Histamin-abbauenden Enzyms Diaminooxidase (DAO) verursacht. Eine Aktivitätsminderung des zweiten Histamin-abbauenden Enzyms Histamin-N-Methyltransferase (HNMT) kann die Symptomatik verstärken. Eine HIT kann sich klinisch aber auch manifestieren, wenn der Organismus mit mehr Histamin belastet wird, als er gegenwärtig trotz normaler DAO-Aktivität abbauen kann. Da sich Histaminrezeptoren in nahezu allen Organsystemen befinden, sind die Symptome der HIT sehr heterogen.
Ein HNMT-Mangel hat eher Auswirkungen auf den Abbau des vergleichsweise konstant anfallenden intrazellulären körpereigenen Histamins. Das bewirkt eher chronische Formen der HIT, bei denen oft auch das Nervensystem betroffen ist. Als typische Symptome sind zu nennen Unruhe, Muskelzuckungen, Schlafstörungen, Müdigkeit, Schwindel und Angstzustände.
Ursachen der Histaminintoleranz
Eine HIT tritt aber nicht nur durch verminderten Histaminabbau auf. Sie kann sich klinisch auch manifestieren, wenn ein Histaminüberschuss besteht, der gegenwärtig trotz normaler DAO-Aktivität nicht ausreichend abgebaut werden kann. Allergische Erkrankungen wie z.B. Heuschnupfen oder Schimmelpilzallergien sowie eine gesteigerte Aktivität der Mastzellen sind Ursachen für zusätzliches Histaminvorkommen die sich mit dem aus der Nahrung aufgenommenen Histamin addieren.
Ein sekundärer DAO-Mangel kann durch entzündliche oder degenerative Darmerkrankungen verursacht werden, da die DAO zu mehr als 90 % aus den Darmepithelien stammt. Von einer sekundären Form spricht man aber auch, wenn durch Einwirkung von Medikamenten, Alkohol oder Toxinen die Aktivität der DAO gehemmt wird.
Diagnose der Histaminintoleranz
Labordiagnostisch lassen sich sowohl der DAO-Mangel als auch die übermäßige Histaminbelastung nachweisen. Bei nachgewiesenem DAO-Mangel kann eine genetische Untersuchung zwischen primär und sekundär verursachtem Mangel differenzieren. Zudem kann auf eine Aktivitäts-mindernde genetische Variante der HNMT untersucht werden.
Um ein Überschreiten der individuellen Histamin-Toleranzgrenze zu diagnostizieren, sollte die DAO-Aktivität immer zeitgleich mit dem Gesamthistamin im Blut analysiert werden. Bei Patienten mit normalem DAO-Wert, bei denen sich die Symptomatik nach Ernährungsfehlern nur langsam (nach Tagen) verschlechtert und nach Meiden der Auslöser die Symptome nur verzögert abklingen, muss auch an einen HNMT-Mangel gedacht werden. Die Diagnostik erfolgt durch Nachweis einer genetischen Variante (C314T), die die HNMT-Aktivität um 30-50% senkt.
Therapieansätze bei Histaminintoleranz
Ernährungsumstellung: Eine histaminarme Diät kann den Histamingehalt im Körper senken.
Mikronährstoffausgleich: Ein gestörter Histaminabbau kann durch Mangel an Vitamin B6, B12, Folsäure und Methionin verursacht werden. Die genannten Stoffe werden zum einen für das Enzym DAO sowie im Gehirn im Rahmen des Histaminabbaus für Methylierungsreaktionen benötigt.
Darmsanierung: Eine Darmreinigung kann den Darm von angelagerten Krusten befreien und die Darmflora aufbauen.
Vermeidung von DAO- und HNMT-Blockern: Medikamente, die die Aktivität von DAO und HNMT hemmen, sollten vermieden werden.
Gabe von Antihistaminika: Antihistaminika blockieren die Wirkung von Histamin an den Rezeptoren und können somit Symptome lindern.
Neue therapeutische Ansätze
Die Forschung an Histamin-Rezeptoren hat in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht und neue therapeutische Ansätze für verschiedene Erkrankungen eröffnet.
H3-Rezeptor-Antagonisten: Diese Wirkstoffe werden derzeit in klinischen Studien für die Behandlung von Narkolepsie, kognitiven Störungen und allergischer Rhinitis untersucht.
H4-Rezeptor-Antagonisten: Diese Wirkstoffe könnten in Zukunft eine wichtige Rolle bei der Behandlung von chronisch-entzündlichen und allergischen Erkrankungen spielen.
tags: #histamin #rezeptoren #zns