HIV-Infektion und Taubheitsgefühl: Ursachen und neurologische Komplikationen

Einführung

Die HIV-Infektion (Humanes Immundefizienz-Virus) betrifft in Deutschland etwa 60.000 Menschen, wobei allein in Berlin und Brandenburg fast 10.000 Personen betroffen sind. Die Infektion kann eine Vielzahl neurologischer Probleme verursachen, die entweder direkt durch das HI-Virus, durch opportunistische Infektionen oder Tumore im Gehirn aufgrund der Immunschwäche oder als Nebenwirkungen von Medikamenten entstehen können. Diese neurologischen Komplikationen können sich in unterschiedlichen Symptomen äußern, darunter auch Taubheitsgefühle. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Ursachen von Taubheitsgefühlen im Zusammenhang mit einer HIV-Infektion und gibt einen Überblick über die neurologischen Störungen, die bei HIV-Patienten auftreten können.

Neurologische Komplikationen der HIV-Infektion

Das HI-Virus kann nicht nur das Immunsystem angreifen, sondern auch das zentrale und periphere Nervensystem schädigen. Dank der Fortschritte in der medikamentösen Therapie können HIV-infizierte Patienten heute viele Jahre relativ uneingeschränkt leben. Mit der gestiegenen Lebenserwartung treten jedoch auch vermehrt Langzeitfolgen der Infektion und der antiretroviralen Therapie auf, die das zentrale und/oder periphere Nervensystem betreffen.

Rund 60 bis 80 Prozent aller HIV-infizierten Patienten entwickeln neurologische Erkrankungen. Auch opportunistische Infektionen wie Kryptokokken-Meningitis oder Toxoplasmose können zu Schädigungen des zentralen Nervensystems führen. Mit Aids assoziierte Tumoren wie das Non-Hodgkin-Lymphom können auf das Gehirn übergreifen und neurologische Ausfallerscheinungen verursachen. Zudem entwickeln viele HIV-infizierte Patienten im Verlauf ihrer Krankheit Depressionen.

HIV-assoziierte Polyneuropathie

Eine der häufigsten Ursachen für Taubheitsgefühle bei HIV-Infektionen ist die HIV-assoziierte Polyneuropathie. Hierbei handelt es sich um eine Erkrankung der peripheren Nerven, die meist durch das HI-Virus selbst verursacht wird, aber auch durch bestimmte Medikamente ausgelöst werden kann. Betroffene klagen über Missempfindungen an den Füßen und Beinen wie Brennen, Pelzigkeit, Kribbeln, Krämpfe oder Taubheitsgefühl. Diese Symptome können langsam aufsteigen und seltener auch in den Händen auftreten.

Die Diagnose erfolgt durch eine neurologische Untersuchung sowie ein Elektromyogramm mit Bestimmung der Nervenleitgeschwindigkeit. Gegebenenfalls muss man versuchen, auf nervenschädigende Medikamente zu verzichten. Etwa 30 bis 50 Prozent aller HIV-infizierten Patienten sind von einer Polyneuropathie betroffen.

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Symptome der Polyneuropathie

Die Symptome einer Polyneuropathie können vielfältig sein und hängen davon ab, welche Nerven betroffen sind. Man unterscheidet sensible, motorische und vegetative Polyneuropathien.

  • Sensible Polyneuropathie: Beeinträchtigungen der sensiblen Nerven führen zu Empfindungsstörungen wie Ameisenlaufen, Brennen, Jucken, Taubheitsgefühlen oder Kribbeln. Auch ein vermindertes Temperatur- oder Schmerzempfinden ist möglich. Diese Form der Polyneuropathie betrifft vor allem Füße oder Hände.
  • Motorische Polyneuropathie: Schädigungen der motorischen Nerven verursachen Muskelschwäche, Muskelschmerzen, Muskelzucken oder Muskelkrämpfe.
  • Vegetative Polyneuropathie: Beeinträchtigungen des vegetativen Nervensystems können zu Schwindel, Blasenschwäche, Durchfall oder verstärktem Schwitzen führen und betreffen die Organfunktionen.

Betroffene berichten neben körperlichen Symptomen auch von Erschöpfungszuständen und oft unter brennenden, schneidenden oder stechenden Schmerzen.

Ursachen der Polyneuropathie

Polyneuropathie kann erblich bedingt oder im Laufe des Lebens erworben sein. Schädigungen an den peripheren Nerven können durch Entzündungsprozesse im Körper als Folge einer Autoimmunerkrankung oder einer Infektion mit bestimmten Viren beziehungsweise Bakterien auftreten. Bekannte Erkrankungen sind Borreliose, Diphtherie oder Gürtelrose.

Weitere Ursachen für Polyneuropathie sind:

  • Diabeteserkrankung (diabetische Polyneuropathie)
  • Abhängigkeit von Alkohol
  • Erkrankungen der Leber
  • Mangelernährung, unter anderem bei Zöliakie
  • Vitaminmangel, z.B. Vitamin B12
  • Autoimmunerkrankungen wie das Guillain-Barré-Syndrom oder rheumatoide Arthritis
  • Einnahme bestimmter Medikamente wie zum Beispiel die Antibiotika Nitrofurantoin oder Metronidazol
  • Kontakt mit giftigen Substanzen, etwa Schwermetalle
  • HIV-Infektionen
  • Erkrankungen, die auf Infektionen beruhen: Borreliose oder Syphilis
  • Krebserkrankungen, beispielsweise Brustkrebs oder Blutkrebs
  • Hormonelles Ungleichgewicht, zum Beispiel ausgelöst durch eine Schilddrüsenunterfunktion
  • Erbliche Veranlagung (hereditäre Neuropathien)

Diagnose der Polyneuropathie

Die Diagnose einer Polyneuropathie umfasst in der Regel ein ausführliches Gespräch mit dem Arzt, eine neurologische Untersuchung und verschiedene technische Untersuchungen.

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  • Anamnese: Der Arzt erkundigt sich nach der Krankengeschichte und den vorliegenden Beschwerden.
  • Körperliche Untersuchung: Der Arzt prüft, ob Muskeln gelähmt oder geschwächt sind. Einschränkungen beim Reizempfinden oder eine Beeinträchtigung der Reflexe können ebenfalls auffallen.
  • Elektroneurographie (ENG): Hierbei werden die elektrischen Impulse der Nerven gemessen, um herauszufinden, wie die Nervensignale transportiert und im Körper verteilt werden.
  • Elektromyographie (EMG): Diese Untersuchung macht deutlich, ob und wie stark die Muskeln auf die Nervensignale ansprechen.
  • Weitere Untersuchungen: Untersuchungen von Urin, Gehirnwasser, Blut oder Gewebeproben sowie genetische Tests und bildgebende Verfahren können sinnvoll sein, um die Ursache der Polyneuropathie zu ermitteln.

Behandlung der Polyneuropathie

Die Behandlung einer Polyneuropathie zielt darauf ab, die Ursache zu beseitigen oder zu behandeln, die Schmerzen zu lindern und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern.

  • Behandlung der Ursache: Liegt eine Diabeteserkrankung vor, muss der Blutzucker richtig eingestellt werden. Alkoholabhängige Menschen profitieren von einer Suchttherapie. Bei einem Vitaminmangel können Betroffene durch Ernährungsumstellungen einen Ausgleich schaffen. Führen Infektionen oder Entzündungen zu den Nervenschäden, können Antibiotika oder Kortison sinnvoll sein.
  • Schmerztherapie: Zur Linderung der Schmerzen kommen Antidepressiva und bestimmte Medikamente, die ursprünglich für Epilepsien entwickelt wurden (Antikonvulsiva), zum Einsatz. Bei ausgeprägten Schmerzen sind womöglich Opioide angezeigt.
  • Begleitende Therapien: Je nach vorliegender Nervenschädigung können Physio- oder Ergotherapie hilfreich sein. Spezielle Schienen (Orthesen) helfen Betroffenen mit Muskellähmungen dabei, Hände und Füße beweglich zu halten.

Naturheilkundliche Behandlungen

Zur Linderung der Symptome hat ferner die Naturheilkunde einiges zu bieten:

  • Elektrotherapie: Hierbei werden leichte, milde Ströme durch das Badewasser geschickt, um die Nerven zu stimulieren.
  • Hydrotherapie: Wechselgüsse und Bäder können die Hautnervenrezeptoren stimulieren und reizen.
  • Akupunktur: Kann bei Empfindungsstörungen und Schmerzen helfen.
  • Capsaicin-Creme: Eine Salbe aus spanischem Pfeffer kann die Schmerzsensoren betäuben.

Weitere neurologische Komplikationen bei HIV-Infektionen

Neben der Polyneuropathie gibt es weitere neurologische Komplikationen, die bei HIV-Infektionen auftreten können und indirekt zu Taubheitsgefühlen beitragen können:

HIV-assoziierte neurokognitive Störung (HAND)

Diese Erkrankung des Gehirns wird durch das HI-Virus selbst verursacht. Es kommt allmählich zu vermehrter Vergesslichkeit und nachlassendem Konzentrationsvermögen. Die Diagnose erfolgt durch eine neurologische und neuropsychologische Untersuchung.

Zerebrale Toxoplasmose

Eine opportunistische Infektion des Gehirns durch den Einzeller Toxoplasma gondii, meist bei starker Immunschwäche. Innerhalb von Tagen kommt es zu Kopfschmerzen, Fieber, Lähmungen, Wesensänderung, epileptischen Anfällen u.a.

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Kryptokokken-Meningitis

Eine opportunistische Infektion des Gehirns durch einen Pilz (Cryptococcus neoformans), meist bei starker Immunschwäche. Innerhalb von Stunden bis Tagen kommt es zu Kopfschmerzen, Wesensänderung, abnormer Müdigkeit, Eintrübung.

Progressive multifokale Leukenzephalopathie (PML)

Eine opportunistische Infektion des Gehirns mit dem JC-Virus, meist bei starker Immunschwäche. Innerhalb von Tagen bis wenigen Wochen kommt es zu Gesichtsfelddefekten, Gleichgewichtsstörungen, Wesensänderung, Sprachstörungen, Lähmungen u.a.

Primäres Lymphom des Zentralnervensystems

Ein bösartiger Gehirntumor, der meist nur bei erheblicher Immunschwäche auftritt. Innerhalb von Tagen bis wenigen Wochen kommt es zu Wesensänderung, Denkstörungen, Lähmungserscheinungen u.a.

Myelopathien

Eine HIV-Infektion kann auch Myelopathien - Schädigungen des Rückenmarks - nach sich ziehen. Ein frühes Zeichen sind Fehlempfindungen (Parästhesien, Dysästhesien), weil Sinnesreize durch das Rückenmark nicht mehr ordnungsgemäß an das Gehirn geleitet und daher von diesem missverstanden werden. Bei fortschreitender Erkrankung steigt die Muskelanspannung und der Patient leidet zunehmend unter Gangstörungen, die durch sogenannten Scherengang, bei dem die Beine überkreuzt werden, beziehungsweise spastische Lähmung der Beine gekennzeichnet sind. Zudem kommt es vermehrt zu Blasenentleerungsstörungen.

Immunrekonstitutionssyndrom (IRIS)

Eine relativ neue Komplikation einer HIV-Infektion. Das IRIS entwickelt sich meist kurz nach Beginn einer HAART, während der sich die Patienten zunächst gut erholen. Dann bewirkt die hochaktive antiretrovirale Therapie jedoch eine übermäßige Stimulation des Immunsystems und aktiviert so Entzündungszellen im Gewebe und auch im Gehirn. Irreversible neurologische Schäden können die Folge sein.

HIV-Symptome und Früherkennung

HIV-Symptome können von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich sein. Kurz nach einer HIV-Infektion können Symptome wie bei einer Grippe auftreten, zum Beispiel: Fieber, Abgeschlagenheit, Nachtschweiß oder Lymphknotenschwellung. Diese verschwinden in der Regel nach kurzer Zeit wieder. Im Anschluss gibt es meist eine lange Phase ohne Symptome. Trotzdem schädigt HIV den Körper.

Es ist wichtig zu beachten, dass HIV-Symptome unspezifisch sind und auch bei anderen Krankheiten auftreten können. Eine Lymphknotenschwellung mit Nachtschweiß bedeutet also nicht unbedingt, dass man sich mit HIV infiziert hat. Nur ein HIV-Test kann Klarheit bringen.

Dank der HIV-Medikamente kann man heute gut und lange mit HIV leben und Aids verhindern. Die HIV-Medikamente sind heute so effektiv, dass die HI-Viren im Blut bis unter die Nachweisgrenze reduziert werden können. Durch die Behandlung ist das Vollbild einer manifesten HIV-Infektion, die Aids Erkrankung, heute relativ selten geworden.

Präventive Maßnahmen gegen Polyneuropathie und das Guillain-Barré-Syndrom

Die Prävention gegen Polyneuropathie und das Guillain-Barré-Syndrom (GBS) umfasst verschiedene Maßnahmen. Sie sollen die Risikofaktoren minimieren und die allgemeine Nervengesundheit fördern.

  • Diabetes mellitus: Eine konsequente Kontrolle des Blutzuckerspiegels ist ausschlaggebend, um das Risiko einer diabetischen Neuropathie zu verringern.
  • Ausgewogene Ernährung: Eine Ernährung reich an Vitaminen und Mineralstoffen unterstützt die Nervengesundheit. Besonders wichtig sind B-Vitamine, wie B1, B6 und B12, die Sie durch den täglichen Verzehr von Vollkornprodukten, Hülsenfrüchten, Nüssen, Milchprodukten oder Fleisch aufnehmen können.
  • Alkoholkonsum: Alkohol ist auch in geringen Mengen schädlich. Der Konsum kann eine Vielzahl von Erkrankungen auslösen, begünstigen oder verschlimmern.
  • Hygiene: Da bestimmte Infektionen wie Campylobacter jejuni mit dem Guillain-Barré-Syndrom (GBS) in Verbindung gebracht werden, sollten Sie auf gute Hygiene achten.
  • Körperliche Aktivität: Regelmäßige körperliche Aktivität fördert die Durchblutung und kann das Risiko einer Polyneuropathie verringern.
  • Vermeidung von Chemikalien und Schwermetallen: Bestimmte Chemikalien und Schwermetalle können Polyneuropathien verursachen.
  • Stressmanagement: Chronischer Stress kann das Immunsystem beeinträchtigen und das Risiko für Autoimmunerkrankungen erhöhen. Praktizieren Sie regelmäßig Entspannungstechniken wie tiefe Atemübungen, Meditation oder Yoga.
  • Regelmäßige medizinische Untersuchungen: Helfen, Erkrankungen frühzeitig zu erkennen, so dass sie behandelt werden können.
  • Impfschutz: Halten Sie Ihren Impfstatus auf dem neuesten Stand, um Infektionen vorzubeugen, die Polyneuropathie oder GBS auslösen können.
  • Fußpflege: Bei bestehender Polyneuropathie ist eine sorgfältige Fußpflege wichtig, um Verletzungen und Wunden vorzubeugen.

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