Nahrungsmittelintoleranzen sind weit verbreitet und können die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen. Bis zu 20 % der Menschen in Industrieländern sind betroffen, wobei Nahrungsmittelintoleranzen den größten Anteil der Nahrungsmittelunverträglichkeiten ausmachen. Im Gegensatz zu Nahrungsmittelallergien beruhen die Symptome von Intoleranzen meist nicht auf einer immunologischen Reaktion, sondern auf einem Enzymmangel. Dieser Artikel beleuchtet die Bedeutung, Ursachen, Symptome, Diagnose und Behandlung der Histaminintoleranz (HIT).
Was ist Histaminintoleranz?
Die Histaminintoleranz (HIT) ist definiert als das Überschreiten der individuellen Histamin-Toleranzgrenze. Dies führt zu einem Ungleichgewicht zwischen der aufgenommenen bzw. gebildeten und abgebauten Menge an Histamin. Betroffen sind schätzungsweise ein bis sechs Prozent der Bevölkerung.
Histamin ist ein biogenes Amin, das ubiquitär im Körper vorhanden ist. Es wird in Mastzellen, basophilen Granulozyten, Thrombozyten und einigen Neuronen aus der Aminosäure Histidin synthetisiert, intrazellulär in Vesikeln gespeichert und bei Stimulation freigesetzt. Histamin spielt eine zentrale Rolle bei allergischen Reaktionen und dient als Mediator bei Entzündungsprozessen.
Ursachen der Histaminintoleranz
Experten vermuten, dass eine erworbene oder (seltener) angeborene Störung des Histaminabbaus die Histaminintoleranz auslöst. Im Körper der Betroffenen fällt dann durch die körpereigene Produktion und/oder durch den Verzehr histaminreicher Nahrung mehr Histamin an, als vom Körper abgebaut werden kann. Sobald eine gewisse Schwelle überschritten wird, kommt es zu Beschwerden. Wie hoch dieser Histamin-Grenzwert liegt, ist individuell verschieden.
Es gibt zwei verschiedene Enzyme, die Histamin abbauen:
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- Diaminoxidase (DAO): Baut extrazelluläres (freies) Histamin ab. DAO wird hauptsächlich von den Darmschleimhautzellen produziert und ist maßgeblich für den Abbau von Histamin aus Lebensmitteln verantwortlich.
- Histamin-N-Methyltransferase (HNMT): Baut intrazelluläres Histamin ab. HNMT ist vor allem in Leber, Niere, Bronchialschleimhaut und im Zentralnervensystem lokalisiert.
Ein Mangel oder eine Funktionseinschränkung dieser Enzyme kann zu einer Histaminintoleranz führen.
Primärer und sekundärer DAO-Mangel
Bei nachgewiesenem DAO-Mangel kann eine genetische Untersuchung zwischen primär und sekundär verursachtem Mangel differenzieren.
- Primärer DAO-Mangel: Genetische Varianten (Polymorphismen) führen zu einer reduzierten Aktivität des DAO-Enzyms.
- Sekundärer DAO-Mangel: Entzündliche oder degenerative Darmerkrankungen, Medikamente, Alkohol oder Toxine hemmen die Aktivität der DAO. Auch ein Kupfermangel kann die DAO-Aktivität beeinträchtigen, da Kupfer als Zentralatom der DAO essentiell für dessen Funktion ist.
HNMT-Mangel
Eine Aktivitätsminderung des zweiten Histamin-abbauenden Enzyms Histamin-N-Methyltransferase (HNMT) kann die Symptomatik verstärken. Eine Aktivitätsmessung dieses intrazellulären Enzyms ist nicht möglich. Die Diagnostik erfolgt durch Nachweis einer genetischen Variante (C314T), die die HNMT-Aktivität um 30-50% senkt. Diese genetische Variante ist mit Histamin-assoziierten Erkrankungen wie Asthma und atopischer Dermatitis eng assoziiert. Zusätzlich sind Medikamente als HNMT-Blocker bekannt.
Weitere Faktoren
Zusätzlich zum endogen freigesetzten Histamin gelangt Histamin über die Nahrung in den Körper. Die Histaminbildung ist bakteriell bedingt, daher findet man große Mengen an Histamin vor allem in mikrobiell hergestellten bzw. fermentierten Lebensmitteln (Käse, Sauerkraut, Wein) sowie in proteinreicher Nahrung (Fisch, Fleisch) in Abhängigkeit von der Lagerungsdauer.
Auch allergische Erkrankungen wie z.B. Heuschnupfen oder Schimmelpilzallergien sowie eine gesteigerte Aktivität der Mastzellen sind Ursachen für zusätzliches Histaminvorkommen die sich mit dem aus der Nahrung aufgenommenen Histamin addieren.
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Symptome der Histaminintoleranz
Die Symptome der HIT sind sehr heterogen, da sich Histaminrezeptoren in nahezu allen Organsystemen befinden. Die Symptome sind unspezifisch und geben ein buntes Bild ab. Durch einen Histaminüberschuss gerät unser Körper regelrecht in Alarmbereitschaft.
Häufige Symptome sind:
- Gastrointestinale Symptome: Bauchschmerzen, Blähungen, Diarrhoe, Übelkeit und Erbrechen
- Hautsymptome: Hautrötungen (Flush), Juckreiz, Urtikaria (Nesselsucht), Ekzeme
- Kopfschmerzen und Migräne: Spannungs- oder Migränekopfschmerzen
- Herz-Kreislauf-Symptome: Herzrasen (Tachykardie), Hypotonie, Schwindel
- Atemwegssymptome: Nasenverstopfung oder -laufen, Asthmaanfälle
- Neurologische Symptome: Müdigkeit, Schlafstörungen, Reizbarkeit
- Weitere Symptome: Flush, Übelkeit, Kopfschmerzen, Hitzegefühl, Atemnot, Ekzeme der Haut, Rhinitis, Urtikariaschübe, Hypertonie, Colitis und Asthma.
Es ist wichtig zu beachten, dass die Symptome individuell variieren können und nicht alle Betroffenen die gleichen Beschwerden haben.
Diagnose der Histaminintoleranz
Die Diagnose der Histaminintoleranz kann eine Herausforderung darstellen, da die Symptome unspezifisch sind und es keinen einzelnen, eindeutigen Test gibt. Verschiedene aufeinander aufbauende Diagnoseschritte helfen jedoch, eine Histaminintoleranz als Ursache zu identifizieren.
Anamnese
Zuerst wird sich der Arzt oder die Ärztin mit Ihrer Krankengeschichte (Anamnese) beschäftigen. Dazu gehören zum Beispiel Fragen zu Ihren aktuellen Beschwerden und eventuellen Vorerkrankungen. Mögliche Fragen sind:
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- Leiden Sie unter allergischen Erkrankungen oder Nahrungsmittelunverträglichkeiten?
- Haben Sie einen Zusammenhang zwischen Ihren Symptomen und dem Verzehr bestimmter Nahrungsmittel entdeckt oder führen Sie ein Ernährungstagebuch?
- Bessern sich die Symptome, wenn Sie auf diese Nahrungsmittel verzichten?
- Nehmen Sie regelmäßig oder bedarfsweise Medikamente ein?
- Bei Frauen: Stehen Ihre Beschwerden mit Ihrem Zyklus in Zusammenhang?
Ausschluss anderer Ursachen
Die Symptome, die bei einer Histaminintoleranz auftreten, können auch andere Ursachen (Differenzialdiagnosen) haben. Wer beispielsweise nach dem Essen oft Bauchschmerzen und vielleicht auch Durchfall hat, leidet möglicherweise an einer anderen Nahrungsmittelunverträglichkeit (etwa Laktoseintoleranz, Fruktoseintoleranz) oder einer Autoimmunerkrankung (wie Zöliakie). Auch eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung wie Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa äußert sich mit ähnlichen Symptomen wie die Histaminintoleranz.
Bei Verdacht auf eine Histaminintoleranz schließt der Arzt solche Differenzialdiagnosen aus. Welche Untersuchungen dazu nötig sind, hängt von den Beschwerden ab.
Ernährungsumstellung
Mithilfe eines Ernährungs- und Symptomtagebuchs können Betroffene beobachten, welche Lebensmittel und/oder Medikamente bei ihnen Beschwerden hervorrufen. So lassen sich außerdem Umstände erkennen, die eine Unverträglichkeitsreaktion begünstigen, beispielsweise ein zeitlicher Zusammenhang mit dem weiblichen Zyklus.
Eine testweise Ernährungsumstellung kann den Verdacht auf Histaminintoleranz bestätigen oder entkräften. Gleichzeitig können Arzt oder Ärztin dadurch die individuell verträgliche Histamindosis für jeden Betroffenen abschätzen.
Eine Ernährungsumstellung zur Ermittlung der persönlichen Toleranzschwelle für Histamin besteht aus drei Phasen:
- Karenzphase (Eliminationsphase): Über zehn bis 14 Tage möglichst kein Histamin mit der Nahrung aufnehmen.
- Testphase (Provokationsphase): Gezielt „verdächtige“ Lebensmittel langsam wieder in den Speiseplan einbauen und in einem Ernährungstagebuch notieren, welche Nahrungsmittel an den einzelnen Tagen gegessen wurden und ob Beschwerden aufgetreten sind.
- Dauerphase: Aus den Erkenntnissen des Provokationstests individuelle Ernährungsempfehlungen ableiten.
Weitere Tests
Es gibt weitere Histaminintoleranz-Tests, die eine Unverträglichkeit von Histamin nachweisen sollen. Allerdings ist die Aussagekraft solcher Untersuchungen begrenzt. Dazu zählen:
- Messung der DAO-Aktivität im Blutserum: Eine verminderte Aktivität des Histamin-abbauenden Enzyms Diaminoxidase (DAO) kann gemessen werden.
- Messung der Histamin-Menge im Blutplasma: Ein erhöhter Histaminspiegel im Plasma zum Zeitpunkt der Beschwerden kann auf eine Histaminunverträglichkeit hinweisen.
- Messung der Histamin-Menge im Stuhl: Die Messwerte im Stuhl sind wenig aussagekräftig, da verschiedene Darmbakterien zum Teil große Mengen an Histamin ausscheiden.
- Messung der Methylhistamin-Menge im Urin: Die Bestimmung von Methylhistamin als diagnostischer Test ist umstritten, da dieser Messwert generell vom Eiweißgehalt der Nahrung abhängt.
- Histamin-50-Pricktest: Die Aussagekraft dieses Tests ist begrenzt, da diese Hautreaktion nicht bedeutet, dass der Körper auch über die Nahrung aufgenommenes Histamin nicht richtig abbaut.
- Messung von Enzymaktivitäten im Darm: Die Methode ist derzeit nicht ausreichend standardisiert und validiert, um eine sichere Diagnose zu ermöglichen.
Behandlung der Histaminintoleranz
Die Behandlung der Histaminintoleranz zielt darauf ab, die Symptome zu lindern und die Lebensqualität zu verbessern.
Ernährungstherapie
Im Zentrum der Ernährungstherapie steht die Symptomverhinderung und -linderung nach dem Verzehr histaminhaltiger bzw. histaminfreisetzender Speisen und Getränke. Das Führen eines Symptomtagebuchs und eine Ernährungsberatung haben sich bei vielen Patienten als sinnvoll erwiesen.
Bei einer Histaminintoleranz kann durch Einhalten einer histaminarmen Diät eine deutliche Reduktion von Symptomen bis hin zur Symptomfreiheit erreicht werden.
Lebensmittel, die bei einer Histaminintoleranz gemieden werden sollten:
- Alkohol (insbesondere Rotwein)
- Gereifter Käse
- Fermentierte Lebensmittel (z.B. Sauerkraut, Sojasauce)
- Geräuchertes Fleisch und Wurstwaren
- Fischkonserven
- Essig
- Hefe
- Bestimmte Obst- und Gemüsesorten (z.B. Tomaten, Spinat, Erdbeeren, Zitrusfrüchte)
Histaminliberatoren:
- Alkohol
- Zitrusfrüchte
- Tomaten
- Schokolade
- Meeresfrüchte
Medikamente
In einigen Fällen können Medikamente zur Linderung der Symptome eingesetzt werden. Dazu gehören:
- Antihistaminika: Blockieren die Wirkung von Histamin und können bei akuten Beschwerden helfen.
- DAO-Präparate: Können vor dem Verzehr histaminhaltiger Speisen eingenommen werden, um den Histaminabbau zu unterstützen.
- Mastzellstabilisatoren: Können die Freisetzung von Histamin aus Mastzellen reduzieren.
Weitere Maßnahmen
- Stressreduktion: Stress kann die Symptome der Histaminintoleranz verstärken. Entspannungstechniken wie Yoga oder Meditation können helfen, Stress abzubauen.
- Nahrungsergänzungsmittel: In einigen Fällen kann die Einnahme von Vitamin B6 und Vitamin C sinnvoll sein, da diese Vitamine für die Funktion der DAO benötigt werden.
- Behandlung von Begleiterkrankungen: Entzündliche Darmerkrankungen oder andere Erkrankungen, die die DAO-Aktivität beeinträchtigen, sollten behandelt werden.
Wichtige Begriffe bei einer Histaminintoleranz
- Biogene Amine: Abbauprodukte aus Aminosäuren und Proteinen. Einige dieser Amine brauchen dieselben Enzyme, die zum Abbau des Histamins dienen.
- Diaminoxidase (DAO): Ein Enzym, das Histamin und andere biogene Amine im Körper abbaut.
- DAO-Abbaustörung: Der Abbau von Histamin durch das Enzym DAO ist vermindert.
- DAO-Hemmer: Stoffe, die die Wirksamkeit des DAOs mindern.
- Eliminationsdiät: Eine Ernährungsweise, die auf bestimmte Lebensmittel verzichtet.
- Histaminose: Befindet sich im Körper zu viel Histamin, so dass das körperliche Wohlbefinden beeinträchtigt ist. Histaminose = Histaminintoleranz.
- Histaminliberatoren: Lebensmittel, die selbst kein Histamin enthalten, aber dazu führen können, dass Histamin aus den Mastzellen freigesetzt wird.
- Histamin-N-Methyltransferase (HNMT): Eines von zwei Enzymen, die Histamin abbauen können.
- Mastzellen: Teil des Immunsystems, die Histamin freisetzen.
Fazit
Die Histaminintoleranz ist eine komplexe Erkrankung, die mit vielfältigen Symptomen einhergehen kann. Eine sorgfältige Diagnose und eine individuelle Behandlung sind wichtig, um die Beschwerden zu lindern und die Lebensqualität zu verbessern. Die Ernährungstherapie spielt eine zentrale Rolle bei der Behandlung der Histaminintoleranz. Durch das Meiden histaminhaltiger Lebensmittel und Histaminliberatoren können die Symptome deutlich reduziert werden.